Macht des Wortes

Wort des Jahres, international, Jugendwort des Jahres, deutschsprachig – Anlass genug, in Zeiten scheinbarer Bild-Fixiertheit bei der Wahrheitsfindung die Schöpferkraft des Wortes ins Bewusstsein zu rufen.

In diesem Blog gibt’s keine Bilder – außer dem Begrüßungsfoto mit dem Blogger, das gehört einfach zum Gesicht zeigen dazu. Aber mehr brauchen wir nicht. Ich halte auch nichts von Power-Point-Vorträgen und Referaten, bei denen alle Leitsätze an die Wand projiziert werden und der Redner sich dann an ihnen entlang hangelt. Eine gute Rede überzeugt aus sich heraus – durch die Kraft des Wortes.

Im Anfang war das Wort, sagt die Bibel. Und nicht das Bild. Die Aufklärungsmacht des Fotos ist längst in der Bilderflut ertrunken. Die Flucht ins Bewegtbild hat das nur unterstrichen – sie ist eine Verzweiflungstat. Ergebnis: Beim Kampf um die Deutungshoheit über einzelne Ereignisse bombardieren wir uns gegenseitig mit Video-Sequenzen, deren Ausschnitte dann gegeneinander ausgespielt werden.

Der schreckliche Trump hat seine Wahl nicht mit Bildern gewonnen, sondern mit Worten. Mit aphoristischem Wahnsinn. Ästhetisch ist der Mann eine Zumutung. Und in Europa? Abend für Abend erreichte das Massenpublikum viele Monate das filmisch und fotografisch dokumentierte Flüchtlingselend rund ums Mittelmeer, die Antwort war erst Entsetzen, dann Gleichgültigkeit, bis die ersten gänzlich Schamlosen zu rufen begannen: „Wir lassen uns von Kinderaugen nicht erpressen.“

Als ich erstmals meinen Geburtstag in migrationsbedingter Zusammensetzung feierte – also mit Nachbarn und syrischen Geflüchteten an einem Tisch –, überzeugten nicht irgendwelche Kriegsvideos. Sondern die schlichte Erzählung über den monatelangen Fluchtweg und die Vorgeschichte. Das bewog spontan und seither unwiderruflich jemanden, der auch mal um des sozialen Protestes willen abwegig gewählt hatte, zur Antwort der freundlichen Aufnahme: Wer so etwas auf sich genommen hat, muss einen ganz starken Grund haben.

Ein Bild kann Erkenntnisse auslösen. Ich habe als Chef vom Dienst beim „Neuen Deutschland“ 1999 auch mal ein redaktionsintern heftig umstrittenes Foto mit Opfern im Kosovo-Krieg auf die Titelseite gebracht, um die Folgen der NATO- und Joschka-Fischer-Strategie anschaulich zu dokumentieren. Die am Kiosk verkaufte Auflage ging sprunghaft nach oben. Wiederholt habe ich die Methode in der darauffolgenden Zeit trotzdem nicht. Das wäre obszön und sinnlos gewesen. Denn Wirkung von Bildern steigert man nicht durch ständige Wiederholung. Das klappt nur mit Worten.

Recht auf Schönheit

Meine Abendlektüre am sächsischen arbeitsfreien Buß- und Bettag – Danke, Kurt Biedenkopf! – war ein kleines Büchlein mit Gedanken des 104-jährigen weltberühmten kommunistischen Architekten Oscar Niemeyer kurz vor seinem Tod.

Das Recht auf Schönheit für alle ist vielleicht der Kern des revolutionären Denkens eines Mannes, der eng mit Fidel Castro befreundet war.  Arm und Reich sollten schon im Städtebau zusammengeführt werden. In schönen Häusern und schöner Umgebung zu wohnen soll kein Privileg der Wohlhabenden mehr sein.

Gerade jetzt inmitten einer grauen und dunklen Jahreszeit, in der die Natur ihre Farben einbüßt, ist nach dialektischem Prinzip die ideale Gelegenheit, sich vom schnöden – und meist hässlichen – reinen Funktionalismus zu verabschieden.

Sorben-Parlament?

Der innersorbische Machtkampf um die Frage „Serbski sejmik oder Domowina?“ ist von der Initiativgruppe für ein Sorbenparlament längst in die deutschen Medien getragen worden, um den angegriffenen Dachverband unter Druck zu setzen. Doch die Reaktion der mit Offenen Briefen und Gesprächen umworbenen sächsischen Landespolitiker ist fast ausnahmslos immer dieselbe: Mögen die Sorben sich erstmal untereinander einigen. Nun sagt die Initiativgruppe: Genau dafür brauchen wir aber als Plattform ein eigenes Parlament.

Ich habe mich ein paar Jahre lang als Wahlsorbe mit Migrationshintergrund vor allem für zwei Sachen stark gemacht, die auch im aktuellen Streit die Hauptrolle spielen.

Erstens für einen Kurswechsel in der Sprachpolitik für die Schulen im Sorbenland. Nachdem mit dem „Crostwitzer Aufstand“ von 2001 der Kampf um Zulassung kleiner Klassen gescheitert war, bastelten die sorbischen Verantwortlichen für Bildungspolitik mit dem Staat das Modell „2 plus“, in dessen Konsequenz Kinder mit sorbischer Muttersprache nicht selten in Klassen sitzen, wo die Mehrheit fast kein oder wenig Sorbisch kann. Also wird deutsch geredet und der Sprachschatz aus dem Elternhaus auf staatlichen (eigentlich sorbischen!) Schulen ruiniert.

Das wollte ich in den letzten Jahren mit meiner Mitarbeit in Domowina-Bundesvorstand und dann auch im Präsidium ändern. Es ist gescheitert, weil im Räderwerk zwischen sorbischer und sächsischer Bürokratie jeder Versuch eines Aufbruchs zermalmt wird. Da sitzt man wiederholt bis in die Nacht in Hoyerswerda auf Präsidiumssitzungen herum, wo es auch um das großartige Projekt von Eltern aus Göda geht, an ihrer Schule vor Ort ordentlichen Sorbischunterricht zu bekommen. Und es passiert substanziell nichts. Weil die Spitze des von der Domowina getragenen Witaj-Sprachzentrums und der sorbische Zuständige in der regionalen Bildungsagentur gemeinsam auf der Bremse stehen. Dass nun einer der betroffenen Väter bei den „Sejmik“-Leuten mitmacht, ist kein Wunder.

Zweitens für einen offenen Dialog über die möglichst optimale, demokratisch legitimierte Vertretung des sorbischen Volkes. Ich halte ja das Domowina Modell – wer sich fürs Sorbische engagiert, macht in den entsprechenden Vereinen mit bzw. gründet eigene, und die wählen Delegierte für die Hauptversammlung der Domowina, die wiederum entsprechend Mitgliederzahlen Repräsentanten der Vereine in den Bundesvorstand wählt und auch den Vorsitzenden – im Prinzip für plausibel und entwicklungsfähig. Allerdings bin ich als Vorsitzender des Ausschusses für politische Lobby-Arbeit des Dachverbandes der Meinung gewesen, dass es möglich sein muss, mit Kritikern vorbehaltlos in einen Austausch einzutreten. Ich war auch zwei Mal bei den „Sejmik“-Leuten in Nebelschütz.

Wie mein Bildungs- ist auch dieses Dialog-Projekt gescheitert, am Unwillen auf beiden Seiten, ohne Vorbedingungen und Vorbehalte einfach mal in gewisser Regelmäßigkeit und maßvoll institutionisierter Form miteinander zu reden. Am Vorsitzenden der Domowina lag es nicht, aber an jenen Faktoren von Hass und Verachtung, die sich manchmal gerade in überschaubaren Communities mit langfristig geringer Personalfluktuation konzentrieren (Deshalb habe ich ja auch meinen sorbischen Blog nach acht Jahren erstmal auf Eis gelegt; die zu beschreibende Realität erschöpft sich irgendwann in den ewig gleichen Konflikten, die Varianten sind zu gering für dauerhafte Inspiration). Das ist kein speziell sorbisches Phänomen.

Es wird nie eine innersorbische Einigung geben, das sieht man schon jetzt am halböffentlichen Gezerre um den sorbischen Standpunkt zum Schulgesetz. Es ist wie immer das Gleiche: Der Schulverein, wiewohl Teil des Dachverbandes und im Bundesvorstand mit am Tisch, macht in Separatismus, der sorbische CDU-Abgeordnete Schiemann zieht im Hintergrund seine Strippen. Gern zu Lasten der Domowina, nicht zugunsten des „Sejmik“, sondern im Namen eines unpolitischen Klein-Klein, das die Ordnung der Welt so lässt, wie sie ist.

Die Samen haben ein Parlament, aber bei ihnen ist der Souverän klar; wer wählt, muss eine samische Oma haben. Sorbe ist, wer es sein will. Ein radikal emanzipatorisches Volks-Verständnis. Damit wäre aber vor jedem Wahlaufruf für ein Parlament unklar, wie viele Wahlberechtigte es überhaupt gibt. Hätte das Gremien nur beratende Kompetenz wie der so gewählte Sorbenrat in Brandenburg, ginge das. Aber ein „Parlament“ ist nur eines, wenn es – und sei es in einem noch so kleinen Bereich – die Macht zur eigenen Entscheidung hat.

Der Schlüssel zur Lösung liegt in einer einfachen Wahrheit: Das Sorbische ist in kleinsten Einheiten lebendig, es besitzt – und das ist gut so und vorbildlich für andere zahlenmäßig viel größere Ethnien – keinen realen Begriff von einheitlicher Nation. Es ist ja selbst strittig, ob Ober- und Niedersorben nur verschiedene Sprachen haben und nicht vielleicht gar zwei verschiedene Völker sind. Das sorbisch-katholische Leben in Crostwitz hat mit dem sorbisch-evangelischen in Neschwitz oder anderswo äußerlich kaum etwas gemein. Doch für jeden wahren Sorben ist unstrittig, dass all diese höchst verschieden lebenden Menschen mit gleichem und vollem Recht auch Sorben sind.  Aber sich irgendwie gesellschaftspolitisch einig sein müssen sie dafür nicht.

Gleichwohl kann doch die Initiativgruppe vier Mal im Jahr – Sitzungsrhythmus des Kreistags (sorbisch: sejmik) – in eine Mehrzweckhalle zum sorbischen Parlamentsklub einladen, wo alle Interessenten auf Sorbisch miteinander über alle fürs Sorbische wichtige Themen diskutieren und am Ende abstimmen. Wenn genug Leute kommen, kann das fürs sorbische Volk den Stellenwert der Landsgemeinde des Schweizer Kantons Appenzell-Innerrhoden erreichen, wo sich alle Bürger einmal im Jahr versammeln und über alles Maßgebliche abstimmen. Wenn das dann der abgestimmte sorbische Standpunkt zu was auch sein immer würde, soll’s mir recht sein.

Praktikant aus Palästina

Zwischen der Anfrage per Anruf und der Unterschrift in der Fraktionsgeschäftsstelle lagen gerade mal 24 Stunden. So hat der Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Linksfraktion im Sächsischen Landtag seit gestern und bis Weihnachten einen ausgebildeten palästinensischen Fernsehjournalisten als Praktikanten.

Der 27-Jährige ist erst seit Juni in Deutschland und wohnt in einem Asylheim im Osterzgebirge. Neben seinem Deutschkurs soll er planmäßig ein Praktikum machen, doch die vereinbarte Praktikumsstelle zerschlug sich im letzten Moment völlig unerwartet. Seine Bildungsbetreuerin ging daher kurzerhand in Dippoldiswalde ins Bürgerbüro unserer Abgeordneten Verena Meiwald, und so kam es zum Anruf in meinem Büro – und dem schon erwähnten Ergebnis.

Auch das sächsische Parlament gehört als Gesetzgeber zur politischen Bürokratie, muss doch alles, was in diesem Haus geschieht, rechtlich genau überprüfbar sein. Das ist im Alltag lästig, aber wahrscheinlich ein verlässlicher Regelmechanismus wider Willkür und Korruption. Doch wenn man wirklich will, dann kann man bisweilen erstaunlich schnell vieles möglich machen.

Mir gefällt es, dass ich fortan einen Kollegen habe, der in Wort und Schrift des Arabischen mächtig ist. Außerdem kann ein Vergleich der Methoden, mit denen in Gaza und Dresden politische Nachrichten gemacht werden, nur klüger machen. In diesem Sinne auf gute Zusammenarbeit und: السلام عليكم !

Verschweigen durch Aufarbeiten

Das Gebot der „Aufarbeitung“ ist das stärkste zeitgenössische Dogma. Sachsens Integrationsministerin will nun das Schicksal der Millionen „abgewickelten“ Ostdeutschen der neunziger Jahre aufarbeiten. Das sind zum Beispiel die Arbeiterinnen der Schuhfabrik „Banner des Friedens“ in Weißenfels, die ich vor 24 Jahren besuchte und deren berufliches Schicksal besiegelt war. Oder die Textilarbeiterinnen im Vogtland, deren Chef mit Niedrigstlöhnen zu retten versuchte, was schon bald vom „Markt“ verschwand. Nicht zu vergessen all die Wissenschaftler, die wegen vergangener „Staatsnähe“ doch recht pauschal für unbrauchbar befunden wurden.

Was ich seinerzeit für immerhin noch eine knappe Viertelmillion Leser des „Neuen Deutschland“ journalistisch bearbeiten durfte, war dem medialen Mainstream keine Skandalisierung wert. Zu sehr war man mit der Aufarbeitung der DDR-Staatssicherheit befasst, die in jenem Jahr mit Aktenöffnung fulminant startete. Im Vorjahr war die Aufarbeitung des DDR-Grenzregimes in boulevardesker Polarisierung angerollt: Die „Super!“-Zeitung (in der ich 1991 vier Monate als Polizeireporter arbeitete) berichtete nahezu täglich über die „Mauermörder“, während die „Super-Illu“ (im selben Haus an der Mollstraße in Berlin untergebracht, wo auch die Nachrichtenagentur ADN ihr Domizil hatte) einen angeklagten DDR-Grenzsoldaten anwaltlich unterstützte. So war der Aufarbeitungs-Markt unter den neuen westdeutschen Leitmedien klar aufgeteilt.

Heute wird gerade anlässlich des Reformations-Jubiläums der brachiale Antisemitismus des Herrn Luther aufgearbeitet. MDR Aktuell breitet das Thema auf meinem Nachhausweg aus, es reicht für die Strecke zwischen zwei Autobahnabfahrten. In den letzten Jahren haben wir den massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern in (nicht nur) kirchlichen Bildungseinrichtungen und die „schwarze Pädagogik“ in (nicht nur DDR-)Kinderheimen aufgearbeitet. Da die Traumata in der Gegenwart nicht weniger zu werden scheinen, und sei es durch aus Afghanistan heimkehrende Soldaten, geht die Aufarbeitung mit ständig neuen Themen weiter.

Wehe dem, der sich lieber ablenken oder verdrängen möchte. Das ist verboten. Jeder Schrecken will aufgearbeitet werden; je länger er zurückliegt, desto unbefangener, ja hemmungsloser. Das muss sein, wir müssen schließlich aus den Schattenseiten der Geschichte lernen. Was sollten wir gleich aus der Stasiaufarbeitung lernen? Zivilcourage, sagte Herr Gauck, stellvertretend für viele. Nun stellt Sachsens Integrationsministerin fest, gerade daran fehle es, weil jene (im Stasiaufarbeitungszeitalter) „übersehenen“ sozialen Demütigungen nie aufgearbeitet worden seien.

So kann man natürlich immer und ewig weitermachen. Wird die Welt dadurch besser, gerechter, oder werden nicht vielmehr Symptome hingebungsvoll beredt therapiert, um deren Ursachen für immer verschweigen zu können? Als mein früherer Chef Peter Porsch mal historische Ursachen des DDR-Grenzregimes in den Fokus nahm, wurde er fast gesteinigt. Das Lernen aus der Geschichte darf nämlich nicht zu zeitig erfolgen, die Zigtausenden Toten vor der EU-Grenze dürfen wohl erst in einigen Jahrzehnten „aufgearbeitet“ werden. Die aktuelle Politik darf dadurch nicht gestört werden.

Die politisch gewollte schlagartige Entgrenzung der Märkte, die vor einem Vierteljahrhundert unter Regie der „Treuhand“ einem Großteil der in der ostdeutschen Produktion beschäftigten Facharbeiter dauerhaft die Chance auf qualifizierte Beschäftigung nahm, beschleunigt sich zurzeit im Namen des „Turbokapitalismus“. Damals sprach Treuhand-Chefin Birgit Breuel, dass „Privatisieren die beste Form der Sanierung“ sei. „Privat“ (vom lateinischen privare) heißt wörtlich: beraubt. Die Beraubung soll jetzt weitergehen – nun mit TTIP, CETA usw. Das haben wir aus der Geschichte gelernt.

Deshalb gibt es eine Alternative zur „Aufarbeitung“: Das Spiel des legalisierten Raubens und Beraubens, der Spirale von Angst und Aggression vom Tisch nehmen. Die neuen Stichwörter heißen Gemeinwohl und Gleichberechtigung. Daraus sollten wir ein neues Spiel erfinden können.

Gottlose Religion

DER Kirchenlehrer der Moderne und theologische Vater des II. Vatikanischen Konzils, Karl Rahner, nannte GOTT den UNBEGREIFLICHEN. Das ewige Geheimnis, das mit Staunen am besten anzubeten sei.

Die real existierenden Religionen verbreiten jedoch allesamt vorrangig nicht demütiges Stauen gegenüber „Gott“, sondern Kataloge von Gewissheiten. Statt der Hingabe ans absolute Geheimnis werden Regeln eingepaukt. Diese seien dankenswerterweise „offenbart“ worden, sodass man begriffen habe. Das aber ist kein Dienst am Unbegreiflichen, sondern dessen Abschaffung im Denken und Fühlen. Ein solches Verständnis von „Offenbarung“ kann nur ein abgrundtiefes Missverständnis sein.

Die hässlichste Frucht dieses religiösen Vergehens am Göttlichen ist die Angewohnheit, fremde Menschen erstmal und überwiegend nach tatsächlicher oder vermeintlicher Unterschiedlichkeit ihrer Lebensregeln im Vergleich zu „unseren“ einzuschätzen und zu bewerten. So wird aus dem Verzehr von Schweinefleisch eine scheinbar existenzielle Grundsatzfrage, während wir uns mit christlichen Veganern so lange nicht beschäftigen, wie sie nicht als geladene Gäste unser Abendessen durcheinander bringen.

Wenn jemand, der seit vielen Jahren keine Moschee von innen gesehen hat und Belehrungen durch Imame meidet, kein Schweinefleisch essen mag, weil ihm das irgendwie zuwider ist, mag dies eine kulturelle Gewohnheit sein, bei dessen Ausprägung die Religion mitgerührt hat. Mehr nicht. Insofern lohnt der ganze vergleichende Regel-Diskurs nichts. Er ist für den Alltag – das sage ich aus zwei Jahren praktischer tagtäglicher Erfahrung mit jungen sunnitischen Muslimen – schlicht sinnlos.

Leider neigen „religiöse“ Eltern dem Anschein nach besonders dazu, ihre Kinder mit festen Regeln und klaren Plänen für deren Leben zu traktieren. Wir aber wissen doch eigentlich alle: Die jungen Menschen, die uns anvertraut sind, ob in Form biologischer oder sozialer Elternschaft, gehören nicht uns, sondern sie sind – Kinder des unbegreiflichen „Gottes“. Und Liebe heißt, sie der Freiheit dieses Geheimnisses zu überlassen und ihr zu dienen.

 

Gestern? Vergiss es!

Wozu brauche er eine tolle Uhr, für ihn bleibe die Zeit stehen. So heißt sinngemäß sein hübscher philosophischer Slogan unter der eigenen Telefonnummer in einem bekannten Internet-Kommunikationsdienst. Fragst Du seinen Kumpel, was er gestern gemacht hat, beginnt er stets mit erinnerungstechnischen Ausgrabungsleistungen, als widme er sich ferner Vergangenheit.

EIGENTLICH lebt unser Gehirn immer in einem Drei-Sekunden-Abschnitt, der den Augenblick der Präsenz umgreift. Wir in einer Kultur der Dialektik von Hektik und Plan Aufgewachsenen werden aber abwechselnd von Vergangenheit und Zukunft besetzt. Menschen, die vor allem im Hier und Jetzt verankert sind, erscheinen uns komischerweise realitätsfremd, obwohl dieses Etikett eher unserer Identifizierung mit Fiktionen anzuheften ist, die sich geistig wahlweise an Erinnerungs-Konstrukte einerseits und phantasierte Vorhaben andererseits hängt.

So werden bei uns die Jungen von einem Zuviel und die Alten von einem Zuwenig an Zukunft belastet. Die Jungen fühlen sich oft überfordert angesichts der auf sie einstürzenden Masse von auszuwählenden künftigen Optionen; und die Alten haben das Gefühl, ihnen entfliehe die dahinschwindende Zukunft, während die  sich auftürmende Vergangenheit mit all dem Unvollendeten auf sie drückt.

Den gegenwärtigen Moment auskosten zu können ist die Eintrittskarte für den ewigen Augenblick, in dem sich Vergangenheit und Zukunft aufheben. Die Zeitläufte verlieren ihre angstmachende Wirkung. Der Mensch darf einfach sein – und ab und zu entspannt nach vorn und zurück schauen.

Trump zum Frühstück

Zum Einschlafen wurde Frau Clinton von Medien und Meinungsforschern als mutmaßliche Siegerin gehandelt, zum Frühstück ist Herr Trump „weit vorn“ und kurz darauf US-Präsident. Der 9. November hat ein weiteres historisches Ereignis.

Der Rückkehrer von der Nachtschicht nimmt meine Mitteilung regungslos zur Kenntnis. Er kenne den Mann nicht. Also versuche ich ihn, mit Herrn Trump und vor allem einigen seiner unsäglichen Sprüche bekannt zu machen. Die Antwort ist gelangweiltes Achselzucken.

Während ich meine Haferflocken auslöffele, sucht er nach der Packung mit den Eiern, nebenbei entfährt es ihm: Warum interessiert man sich in Deutschland so für die USA? O.k., wenn es um Kaufen und Verkaufen geht, also Handel, versteht er das, aber wegen der Politiker da, warum?

Proletarischer Pragmatismus, egal ob christlich-abendländisch oder wie hier muslimisch-morgenländisch? Ich war für Bernie Sanders, der hätte auch für das Alltagsleben der Menschen in und aus Rojava Relevanz, weshalb es sich für sie gelohnt hätte, ihn kennen zu wollen.

Diesem Anspruch hat offenbar auch Frau Clinton nicht genügt.

Sorbisch-kurdisch-deutsch

Dass man in Deutschland zu Hause Deutsch reden muss, um ordentlich integriert zu sein, ist klassischer (vermeintlich) konservativer Schwachsinn. Wir reden ausschließlich sorbisch miteinander, und die beiden jungen Herren, mit denen wir Wohnzimmer und Küche zusammen besiedeln, kommunizieren untereinander kurdisch. Die gemeinsame Sprache beim Abendessen wiederum ist Deutsch. Wobei sich der deutsche Dialog zwischendurch auch in kurdische und sorbische Nebengespräche verlaufen und dann wieder in ein deutsches Gespräch zurückfließen kann. Der Haushalt ist also dreisprachig.

Die Zweisprachigkeit in der Lausitz, heißt es, leide vor allem unter dem Misstrauen von Deutschen, die Sorben würden in ihrer Gegenwart etwas Böses über sie erzählen. Mir als gebürtigem Hamburger hat dieses Argument noch nie eingeleuchtet, war ich doch in der U-Bahn auf dem Weg zur Schule ständig von Menschen umgeben, die in mir unverständlichen Sprachen redeten, ohne dass ich Veranlassung zur Mutmaßung hatte, dieses Sprachverhalten sei gegen mich gerichtet. Ganz davon abgesehen, dass man ja zum Zwecke der üblen Nachrede auch außer Hörweite treten oder ins Nebenzimmer gehen kann.

Mehrsprachigkeit ist wie alles Niveauvolle im Leben Vertrauenssache. Nichtverstehen hat im Übrigen große Vorteile. Ein langes, leidenschaftliches Handy-Telefonat in unmittelbarer Nähe ist in fremder Sprache wie Musik, zu der man ein gutes Buch lesen kann. Wird dasselbe Telefongespräch stundenlang in uns bekannten Worten geführt, ist der geruhsame Feierabend gelaufen. Zudem nimmt man gezwungenermaßen sinnlos an Problemen Anteil, von denen die meisten auch ohne mich schon bald wieder gelöst sein werden.

Eine vor Jahr und Tag kontrovers diskutierte Frage war: Kann man Geflüchtete, die ja sowieso schon deutsch lernen müssen, parallel zusätzlich in die sorbische Community integrieren?

Im Prinzip ja: Mit einem Dutzend Worten und Redewendungen für den Fußballplatz ausgestattet ging es los, und ein Trainer lobte im sorbischen MDR-TV-Magazin, dass die beiden nach seinem Eindruck besser sorbisch statt deutsch verstanden haben. Da waren wir alle vier redlich stolz. Das kurdische Fußball-Duo im sorbischen Kerngebiet währte ein Jahr. Dann setzten berufliche Verpflichtungen der Trainings-Beteiligung zu enge Grenzen. Was wiederum ein klassisches Problem auch im einheimischen jugendlichen Kreisklassenleben ist.

Sprachpolitisch ist die sorbische Gegend für junge Kurden faszinierend: Diese zweisprachigen Schilder – das wäre doch auch was für Kurdistan in den verschiedenen Staaten!

Klugheit des Analphabeten

Der formal Ungebildete und Ungelernte ist scheinbar der Schrecken von Behörden und Wirtschaft, vor allem wenn er ein Geflüchteter ist. Nur Fachkräfte wollte man, auch Analphabeten kamen, dabei muss das kein Gegensatz sein. Im Gegenteil.

Die Führerscheinstelle Bautzen gab ihren Widerstand nach gutem Zureden auf und erfand für diesen vermeintlichen „Einzelfall“ handschriftlich eine neue Kategorie „Analphabetismus“, die dann angekreuzt wurde, um so zu begründen, warum der junge Mann aus dem Norden Syriens bei der theoretischen Führerscheinprüfung Kopfhörer benutzen darf. Ein gutes halbes Jahr später wirbt sein Chef einer Oberlausitzer Autolackierwerkstatt mit ihm im lokalen kostenlosen Wochenblatt: Es sei ein großes Glück für die Qualitätssicherung im Unternehmen, dass man sich aus dem „Pool der ausländischen Fachkräfte“ bedienen konnte.

Mittlerweile 539 gemeinsame Tage unter einem Dach haben den bildungsfernen Migranten zwar nicht zur Zeitungslektüre abseits der Titel- und Fußball-Fotos verführen können. Die bewegten Bildchen auf Facebook ziehen ihn stärker in den Bann, was ihn mit vielen Einheimischen dieser Generation gemein macht. Er zeigt sich allerdings über alle für ihn wichtigen Ereignisse in Bautzen, Sachsen, Deutschland, Türkei, Syrien, Irak und dem Rest der Welt regelmäßig gut informiert. Gelegentlich sogar besser und schneller als ich, der ich von Berufs wegen mit politischen Informationen zu tun habe.

Der grammatikalisch und mathematisch Ungeformte, dem ein paar Brocken angewandter Schriftsprache und Zahlen für die eigenen Finger in der Vergangenheit reichten, ist wie eine frische Festplatte. Er nimmt schnell auf und verknüpft rasch. Sein Erkenntnisgewinn ist vorbehaltlos. (Anders als unsereiner, der erst durch Vergessen dazu gebracht werden muss, seine Erfahrungen wieder „aufzufrischen“, wie schon Platon im „Gastmahl“ vor zweieinhalbtausend Jahren wusste.)

1.040 Fragen/Antworten Fahrschulprüfungstheorie kopiert er geduldig mit seinem Gehirn und spult die zufällig ausgewählten dreißig fehlerfrei ab. Er fährt seither als U-25er besonnener und korrekter Auto als die meisten Fünfzigjährigen, auch wenn er dir nicht alle Verkehrsschilder erläutern kann. Das Gleiche gilt auf Arbeit: Er kann nicht erklären, was er tut, aber er macht es gut. Sagt sein Chef und erspart ihm die Berufsschule, die ihn nur in die Verzweiflung führen würde.

Natürlich könnte unsere hochproduktive Gesellschaft nicht nur mit Analphabeten funktionieren, allein mit Professoren aber erst recht nicht. Das allenthalben ausufernde Verlangen nach Vorlage von Bildungszertifikaten ist Ausdruck wachsender Ängstlichkeit vor dem Experiment mit dem Unbekannten im Praxistest. Und damit eine größere Gefahr für Deutschlands künftige Produktivität als der vermehrte Zulauf von Analphabeten.

By the way: In jener Vierergruppe aus Syrien, die mir vor Weihnachten 2014 zufiel, war auch ein Arzt – mit allen Zeugnissen. Auch ihm besorgte ich zunächst ein Praktikum. Auch er bewährte sich in der Praxis und ist nun Assistenzarzt für innere Medizin im Krankenhaus Niesky. Er hätte sogar in einem anderen Ort Sachsens eine Stelle in der Psychiatrie bekommen können. Ich musste ihm natürlich erzählen, dass mal ein gelernter Postbote Postel ohne medizinische Vorbildung anderthalb Jahre als Oberarzt in sächsischer Psychiatrie arbeiten konnte, ohne jemandem Schaden zuzufügen.