Kein Bautzener Zentralismus auf Kosten von Hoywoy!

Auf Antrag des Domowina-Präsidiumsmitglieds Marcel Braumann, der auch Vorsitzender (župan) des Regionalverbandes (župa) Hoyerswerda der sorbischen Dachorganisation ist, befasst sich deren Bundesvorstand am Freitagabend auf seiner regulären Sitzung in Crostwitz mit einer umstrittenen Entscheidung des Stiftungsrats der „Stiftung für das sorbische Volk“ (Załožba za serbski lud). Er hatte neulich beschlossen, das Areal der Alten Posthalterei in Bautzen für die Umsiedlung des Sorbischen Instituts und gegebenenfalls weiterer sorbischer Institutionen übernehmen zu wollen.

Dazu erklärt Marcel Braumann, Vorsitzender des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda:

Es geht nicht vorrangig um die Frage, ob Ankauf und Sanierung denkmalgeschützter Ruinen, die niemand haben wollte, eine Schnapsidee ist – dies zu beurteilen ist Sache der Bau- und Fördermittelexperten. Sondern es geht darum, wofür Millionen Euro „sorbischer Gelder“ aus Steuermitteln ausgegeben werden.

Gerade erst hat der Sächsische Landtag die Staatsregierung beauftragt, mit dem Bund und Brandenburg über die künftige Stiftungsfinanzierung zu verhandeln. Bei den bisherigen gemeinsamen Beratungen der Vertreter führender sorbischer Gremien haben wir dafür klare Prioritäten formuliert: die Förderung sorbischer Sprachräume in den unterschiedlichen Regionen der Lausitz. Damit ist die mit diesem Beschluss beabsichtigte Fortsetzung des „Bautzener Zentralismus“ unvereinbar.

Hoyerswerda ist Gründungsstadt des sorbischen Dachverbandes, geographisches Zentrum der Lausitz und Sieger in der Kategorie „Städte“ beim Wettbewerb „Sprachenfreundliche Kommune – die sorbische Sprache lebt“, an dem sich Bautzen nicht einmal beteiligt hat. Es ist daher aus Sicht der Sorben in unserer Region klar: Wir wollen als Unterstützung der sorbischen Community in und um Hoywoy im Ergebnis der notwendigen Neuausrichtung des Stiftungs-Fördersystems den Standort einer sorbischen Institution bekommen. Bisher ist die Region Hoyerswerda ein weißer Fleck auf der Karte der sorbischen Institutionen.

Deshalb dürfen jetzt keine Fakten auf Kosten der künftigen Entwicklung des sorbischen Lebens in der Region Hoyerswerda geschaffen werden. Es ist mir wichtig, dass wir über diese strittige Frage am Freitag unmittelbar vor der Neuwahl der sorbischen Stiftungsräte aus Sachsen offen mit interessierten Gästen aus der sorbischen Community diskutieren. So haben auch die Kandidatinnen und Kandidaten Gelegenheit, in dieser Sache Farbe zu bekennen. Denn der umstrittene Beschluss darf nicht das letzte Wort sein!

Hoyerswerda ist zentrales sorbisches Gebiet der Lausitz

Auf seiner konstituierenden Sitzung nach der jüngsten Haupt- und Wahlversammlung hat sich der Vorstand des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda (sorbisch: „župa ,Handrij Zejler‘ Wojerecy“) unter Leitung des neuen Vorsitzenden Marcel Braumann mit den Vorhaben für das kommende Jahr befasst, die der Verband selbst durchführen bzw. unterstützen möchte. Geplant sind u.a. ein Schüler-Projekt am seinerzeitigen Wohnort des Schriftstellers Jurij Brězan (1916-2006), ein „sorbischer Heimattag“, ein Ausflug nach Tschechien und eine „Trachten-Werkstatt“.

Als ständigen Berater in kulturellen Fragen berief der Vorstand Jurij Wuschansky, den Vorsitzenden der wissenschaftlichen Gesellschaft der Sorben, der Maćica Serbska. Im Mittelpunkt der Arbeit des Domowina-Regionalverbandes steht, so der Vorsitzende (župan), die „verstärkte Verbreitung lebendiger sorbischer Sprache in den zentralen sorbischen Gebieten der Lausitz“, schließlich ist Hoyerswerda Gründungsort des sorbischen Dachverbandes und Zentrum der Lausitz.

Dem Regionalvorstand gehört auch eine Vertreterin des „sorbischen Parlamentes“ („serbski sejm“) an, die über den aktuellen Stand dieses Gremiums berichtet hat. Im Vorstand des Domowina-Regionalverbandes herrscht Einigkeit darüber, dass die Domowina als Dachverband aller Sorben auch die im „sejm“ engagierten Menschen auf der Basis praktischer Arbeit zu integrieren hat. Der Vorsitzende wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich im sorbischen Kerngebiet nur schätzungsweise zwei Prozent der sorbischen Bevölkerung an den Wahlen des „sejm“ beteiligt haben.

Sachsen wird nicht mehr regiert

Es ist eine etwas kindische Vorstellung, auch wenn sie zurzeit in der Politologie- und Kommunikations-Branche Hochkonjunktur hat: dass die Missstimmung in Sachsen vor allem das Ergebnis vernachlässigter Infrastruktur und mangelnder Gesprächsbereitschaft ist. In der Wochenend-SZ rief eine Politologin dann in diesem Zusammenhang die deutsche „Armutshauptstadt Leipzig“ ins Bewusstsein. Das klingt plausibel, ist es aber nicht, weil der viel erörterte „Rechtsruck“ in unserem Bundesland in eben jener Stadt bisher jedoch am wenigsten stattgefunden hat.

Viel wird über den Niedergang des Journalismus räsoniert, zu Unrecht unbeachtet ist die schon viel weiter fortgeschrittene substanzielle Selbstzerstörung der PR-Branche. Sie fällt bisher weniger auf, weil im Unterschied zu rasant fallenden Auflagen der Zeitungen aus Unverstand und schlechter Gewohnheit immer noch Unsummen in PR gebuttert werden. Je wirkungsloser, je mehr – plus Evaluierung der mangelnden Wirksamkeit. Eine der Blasen von Bullshit-Produktivität.

Dabei hat ja gerade die Bundestagswahl im Görlitzer Raum gezeigt, dass ein medien- und PR-mäßig Tag für Tag glänzend präsentierter Michael Kretschmer womöglich gerade deshalb gegen einen No Name den Wahlkreis verloren hat. Da sich Medien und PR-Spezis in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis bei der Erzeugung von „Aufregern“ befinden, fehlt der veröffentlichten Meinung weitgehend der kritische Blick auf die PR, im Gegenteil: der „Erfolg“ von Politikern wird von ihr vor allem daran gemessen, ob sie sich wie auf dem Laufsteg in einem Werbefilm bewegen, obwohl genau das Normalsterbliche peinlich finden.

Unlängst fragte ich einen in der Landwirtschaft tätigen Lausitzer, was er von den tollen Projekten in seiner Region und der Gesprächsoffensive des Ministerpräsidenten hält. Antwort I: Die tollen bunten Prospekte interessieren ihn nicht, solange er Probleme hat, den täglichen Kontakt zum Betrieb aufrechtzuerhalten, weil das Handy-Netz nicht funktioniert. Im Übrigen werde er mal kaum mehr Rente haben, als wenn er nie gearbeitet hätte. Das könne ja wohl nicht sein. Antwort II: „Ach, der ist doch Pumuckl.“ Also ein nettes, freundliches Kerlchen, aber nicht wirklich ernst zu nehmen.

Die Welt ist kein Videoclip, und Regieren ist nicht die Moderation einer Selbsthilfegruppe. Man fragt sich ja inzwischen, ob in Sachsen überhaupt noch jemand regiert. Der Ministerpräsident ist von frühmorgens bis nachts damit beschäftigt, seine „Politik zu erklären“, was im Umkehrschluss bedeutet, dass er gar keine Zeit hat, noch welche zu machen. Sein sozialdemokratischer Stellvertreter präsentiert sich in den „sozialen Netzen“ als Arbeits- und Verkehrsminister, der tageweise Kollege in Betrieben spielt, während uns auf den Autobahnen die anschwellende LKW-Lawine dem absoluten Kollaps näherbringt und man sich als Lausitzer jeden Morgen fragt, auf welchen stundenlangen Umwegen man wohl heute wieder seinen Arbeitsplatz in der Landeshauptstadt erreicht. Wer am Schreibtisch nichts erreicht, braucht auch nichts zu „verkaufen“. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen.

Seit Biedenkopf war die „Schau des Regierens“ nirgendwo so glamourös und in medialer Untertänigkeit mitzelebriert wie in Sachsen. Der Bedarf an Politik als Dauerwerbesendung hat sich nun erschöpft.

Unsere Jugend

Ein scheinbar unauflösbarer Teufelskreis: Gerade hat sich die neue Generation mit dem Markenzeichen „Jugend“ in Organisation XY wundervoll eingearbeitet, da verschwindet sie wieder – Richtung Großstadt. Rückkehr ungewiss. Das war allerdings schon immer so. Neschwitz hat keine Universität. Es gibt eine Jugend, die bleibt, das sind die Handwerker und Händler: Sie machen sich ihre Jobs im kleinsten Dorf.

Nur in der Zeit des großen Gesellschaftsumbruchs in den neunziger Jahren war es ausnahmsweise vorübergehend anders, als jeder zweite keine Lehre fand und gen Westen zog. Doch selbst von denen kommen nicht wenige in Zeiten des Fachkräftemangels gerade wieder zurück in die Lausitz. Da sie ihren Partner/ihre Partnerin in der Regel früher kennenlernen als die akademische Jugend, sind oft beide Lausitzer Herkunft und von gleichem Heimweh getrieben.

Für diese Jugend sind Wanderjahre oder Montage ein mögliches Abenteuer auf Zeit, aber nicht der erstrebte Dauerzustand. Man möchte gerne die Welt bereisen, aber die gewöhnliche Freizeit gehört der örtlichen Fußballmannschaft, Freiwilligen Feuerwehr, dem Dorfklub oder schlicht dem Bier mit den Kumpels in der Abendsonne vor der Garage. Es wird ja gerade auch von den Hippen, Urbanen in den anonymen, vereinzelten Sphären der Metropolen die Notwendigkeit der Solidarität beschworen – für ihre „provinziellen“ Altersgenossen ist Zusammenhalt Geschäftsgrundlage des Alltags.

Abseits der Lokalseiten der Zeitungen, wo auch mal die Macher der Dorffeste und die Arbeiter auf der aktuellen Straßenbaustelle vorgestellt werden, kommt diese Jugend nicht vor. Weil sie nicht das ganz abgefahrene Projekt oder die ultimative neue Theorie vorzuweisen hat. Sie ist die große Leerstelle. Demographisch sowieso durch den Geburtenknick, der vor knapp 25 Jahren sein absolutes Tief erreichte. Aber auch politisch, gilt doch die Oberschule (Mittelschule) in vielen wissenschaftlichen Bildungs-Diskursen fast nur noch als Problemzone, obwohl sie doch das Rückgrat der regionalen Wirtschaft rekrutieren soll.

Das hat auch was mit einem verkorksten Begriff von „Elite“ zu tun, der uns auch im Sorbischen längst kontaminiert hat. Bei aller Wertschätzung der Wissenschaft: Die Fortentwicklung der sorbischen Sprache und Kultur wie überhaupt der sozialen Werte in der Lausitz hängt nicht in erster Linie davon ab, ob die Sorabistik in Leipzig oder die Slawistik in Dresden funktioniert, sondern ob die Verkäuferin im Dorfkonsum sorbisch spricht, der Tischler im Ort ist und mal eben vorbeikommen kann, und Land- und Fortwirtschaft von Leuten betrieben wird, die sich als tragender Bestandteil der lokalen Community verstehen.

Wer diese Jugend für sich gewinnt, dem gehört das (sogenannte flache oder ländliche oder scheinbar provinzielle) Land, wo die (schweigende) Mehrheit der Einwohnerschaft Sachsens wohnt. Ihr Selbstbewusstsein wächst, denn sie ist heiß begehrt. Wenn sie nicht mitspielen, steht uns mittelalterlichen „Babyboomern“ ein prekäres Alter bevor. Denn sie haben es in der Hand, wie die Gesellschaft in zwanzig Jahren aussehen wird. Es ist höchste Zeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die zurzeit inflationären Foren werden von dieser Jugend aus gutem Grund gemieden. Weil sie sehr praktisch, ja pragmatisch orientiert ist.

(Natürlich sind die Übergänge im Zeitalter der Fachhochschulen, Berufsakademien usw. fließend, es gibt auch die Friseurin mit Abitur. Aber umso unerbittlicher ist die unausgesprochene Grenzziehung zwischen „Praktikern“ und „Theoretikern“. Ihre Aufhebung wäre die wahre Bildungsrevolution, siehe Gregor Gysi: Facharbeiter für Rinderzucht und Diplom-Jurist.)

Domowina in der Staatskanzlei: Sorbische Sprache und Kohlekommission

PRESSEINFORMATION

DOMOWINA in der Staatskanzlei – Strukturkommission veröffentlicht in wenigen Tagen Endbericht

Auf Einladung von Staatsminister Oliver Schenk beteiligte sich der Vorsitzende der DOMOWINA, David Statnik am Informationsaustausch zur Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ in der Staatskanzlei in Dresden, welcher am 20.11.2018 stattfand.
Statnik hierzu: „Laut uns vorliegenden Informationen kann bereits in der nächsten Woche mit dem Endbericht der Kommission gerechnet werden.“ Ob der Bericht auch ein konkretes Ausstiegsdatum vorschlagen wird, zeichnet sich aber noch nicht ab.

Einzug in den Zwischenbericht hat indes die Nennung des sorbischen/wendischen Volkes gehalten. So wird ab Zeile 501 vermerkt, dass im Lausitzer Revier mehr als 25.000 Menschen umgesiedelt wurden. Dies belastet insbesondere die Minderheit der Sorben und Wenden im Lausitzer Revier in ihrem Bestreben, ihre Kultur und Identität zu erhalten.
Ebenso wird ab Zeile 1447 darauf verwiesen, dass die Notwendigkeit von Förderprogrammen im Lausitzer Revier auch die Förderung von Kultur und Identität der Minderheit der Sorben/Wenden einschließt. Damit soll das bürgerschaftliche und zivilgesellschaftliche Engagement in der Region aktiviert werden.

Statnik dazu: „Wir begrüßen den Zwischenstand ausdrücklich, sehen aber noch die Notwendigkeit der Nachbesserung. Insbesondere wünschen wir die Nennung der Sorben/Wenden als Volk, so wie es die Verfassungen des Landes Brandenburg und des Freistaates Sachsen definieren. Ferner ist bei der Aufzählung auch die Sprache zu nennen, da dies das wichtigste Identifikationsmerkmal ist. Nur wenn auch die Sprache mit genannt wird, wird es möglich sein, entsprechende Programme zu entwickeln.“

Link zum Zwischenbericht der Kommission: https://www.kommission-wsb.de

Z přećelnym postrowom

Z pśijaznym póstrowom

Mit freundlichen Grüßen

Dawid Statnik

předsyda | pśedsedaŕ | Vorsitzender

Sachsens Landtag sonderbar sorbisch

Es ist vollbracht: Der Sächsische Landtag hat seine sorbische Benennung – „Sakski krajny sejm“. Fast fünf Jahre später als das brandenburgische Parlament. Aber immerhin auch ebenso in gleicher Größe wie das Deutsche. Die Umstände der Erst-Begutachtung waren allerdings sonderbar bescheiden: Da wurden wenige Stunden zuvor sorbische Abgeordnete vom Landtagspräsidenten herbeitelefoniert, die sich für die Beschriftung in Sorbisch eingesetzt hatten. So traf sich der Landtagspräsident mit zwei Fraktionskollegen von der CDU und einem Abgeordneten der LINKEN im über Winter trockengelegten Bassin links unterhalb des Landtags-Neubaus. Fast schon verschwörerisch mutete der Smalltalk des Quartetts an.

Im Neubau herrscht allerdings nur an zwei Tagen des Monats Hochbetrieb, wenn Landtags-Plenarsitzungen sind. Und wie viele Leute den Schriftzug unterhalb der Terrasse vor dem Eingang, in gewisser Entfernung zur Treppe, überhaupt wahrnehmen, sei dahingestellt. Ich, allerdings zugegebenermaßen nicht räumlich sehen Könnender, war mir der Existenz des bisher einsamen deutschen Schriftzuges gar nicht bewusst.

Am Altbau, wo die Flaggen hängen und alltags praktisch der ganze Besuchsverkehr abläuft, dazu Zu- und Abgang der Mitarbeiterschaft des Hauses sowie der Abgeordneten, die nicht über die Tiefgarage kommen, ist der „Sächsische Landtag“ weiter mit sich allein. Die „Veranstaltung“, die man als braver Pressesprecher natürlich mit Handykamera festhält, erweckte so den zwiespältigen Eindruck, es gehe darum, einerseits ein uraltes Versprechen endlich einzulösen und andererseits keine Deutschnationalen zu verstören. Im nächsten Jahr ist Landtagswahl in Sachsen. Der CDU-Landtagspräsident Rößler schloss als Kultusminister die sorbische Mittelschule Crostwitz und war mal „Patriotismus-Beauftragter“ der sächsischen Union.

Foto: SLT

Wegen AfD-Gefahr Domowina zerstören?

Mit dem „Nebelschützer Appell“ rufen jetzt Anhänger eines „sorbischen Parlaments“ mit dem Argument zur Wahlbeteiligung auf, man schaffe damit eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und mache sich unabhängig von einem künftigen, für Sorben möglicherweise ungünstigen Ausgang der Wahlen.

Eine „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ (K.d.ö.R.) https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperschaft_des_%C3%B6ffentlichen_Rechts_(Deutschland)

wird vom Staat verliehen. Sie muss also ausgehandelt werden, was mit Sicherheit in weniger als zehn Monaten zwischen der Wahl des von seinen Protagonisten als „serbski sejm“ genannten Gremiums und den Landtagswahlen NICHT geschehen wird.

Es gibt auch in der Domowina Diskussionen, ob es sinnvoll wäre, wieder den Status einer K. d. ö. R. einzunehmen, den der Dachverband der sorbischen Vereine und Verbände schon mal innehatte. Damals setzte sich die Auffassung durch, dass eine staatsferne, unabhängige NGO besser als von staatlichen Hoheitsakten unabhängiger Verein existiert. Macht ist ja nicht von der Rechtsform abhängig, was man am Einfluss des ADAC, eines Vereins (!), sieht.

Zum „Erhalt des sorbischen Volkes“ tragen vor allem das Sorbischsprechen in der Familie und die Weitergabe der Sprache an die Kinder bei – da haben manche Unterzeichner des Appells Nachholbedarf. „Für eine gemeinsame Stimme aller Sorben“ trägt der Aufbau einer politischen Parallelstruktur objektiv nicht bei; dass sowas die Interessenvertretung schwächt, lässt sich bei anderen autochthonen Bevölkerungen in Europa besichtigen. Für eine Zusammenarbeit „ohne Streit“ haben die Unterzeichner Benedikt Dyrlich als Ex-Chefredakteur der „Sorbischen Zeitung“, und Marko Suchy, Ex-Stiftungsdirektor, ein jahrelanges praktisches Gegenbeispiel geliefert (Stichwort: Vorwurf der Gefährdung der Pressefreiheit durch die Stiftung bzw. falscher Berichterstattung). Soviel – mehr anekdotisch und ohne Vollständigkeitsanspruch – Anmerkungen zu den im Appell beschworenen Zielen.

Nun hat die Domowina sogar die Nazi-Zeit im Untergrund überlebt und als erste offiziell zugelassene gesellschaftliche Organisation nach dem Zweiten Weltkrieg wieder das Licht der Welt erblickt. Sie wird also auch die AfD überstehen, zu der das Präsidium der Domowina schon vor Jahr und Tag Unvereinbarkeit festgestellt hat.

Dass die „Sejm“-Bewegung aber ausgerechnet jetzt die Domowina ungeachtet ihrer antifaschistischen Vergangenheit zum reinen „Kulturverein“ herabstufen will, finde ich befremdlich.

Apel za Serbski sejm_181006.pdf

Petra Köpping – was will sie eigentlich?

Seit der „vielbeachteten Rede“, die Sachsens Gleichstellungs- und Integrationsministerin Petra Köpping laut ihrer Pressestelle vor zwei Jahren in Leipzig gehalten hat, frage ich mich: Was will sie eigentlich? In der Hoffnung auf Antwort las ich jetzt ihr Buch „Integriert doch erst mal uns!“. Der Titel zitiert die Aussage eines „asylkritischen“ Ostdeutschen, der sich im Vergleich zu Geflüchteten vom Staat vernachlässigt sieht.

Ihr roter Faden ist der Kampf gegen „Kränkungen“, zum Beispiel durch Benachteiligung gegenüber vergleichbaren Berufsgruppen bei der Rente. Materiell ist der Effekt ihrer zweijährigen Kampagne gleich null, denn die Kann-Regelung der „Großen“ Koalition heißt eventuell Härtefallregelung für Menschen, die in Altersgrundsicherung gelandet sind – doch hier geht es nicht um absolute Armut, sondern relative Ungerechtigkeit. Das erstere wird erst zukünftig in Massen kommen, wenn das Drittel ostdeutscher Beschäftigter in Rente geht, das so wenig bekommen wird, als hätten sie nie gearbeitet.

Die Basis des Buches ist der Mythos, „niemand“ habe denen zugehört, die durch Treuhand-Entscheidungen Anfang der neunziger Jahre ihrer Arbeitsexistenz beraubt wurden bzw. gemessen an ihrer Qualifikation degradiert worden sind. Dass die PDS allein in Sachsen zwischen 1990 und 2004 von zehn auf 24 Prozent stieg, während die SPD chronisch niederging, legt auch Zeugnis von Zuhörerqualitäten ab. Ich selbst habe als Reporter des „Neuen Deutschland“ vor allem zwischen 1992 und 1994 ständig Menschen zugehört, deren Betrieb ins Aus geschickt wurde, ob Frauen in der Textilproduktion oder in der Weißenfelser Schuhfabrik „Banner des Friedens“. Oder den trotz wissenschaftlicher Reputation abgewickelten Professoren oder dem als „Satan in Weiß“ öffentlich beschimpften und später rehabilitiertem früheren Arzt des damaligen sächsischen Innenministers. Das ND hatte noch eine Viertelmillion Leser, Erwähnung bescherte Anteilnahme.

Frau Köpping, die beschreibt, warum sie im Frühsommer 1989 aus der SED ausgetreten ist (weil die nicht auf ihre Frage geantwortet habe, was jetzt in der Kita ihres Kindes passiert, nachdem einige Erzieherinnen gen Westen geflüchtet waren), ohne uns zu verraten, warum sie mal eingetreten war, zollt der Linkspartei zwar Respekt für ihr Eintreten gegen Unrecht im Osten. Aber zu politisch möchte sie es nicht haben – keine Enquete-Kommission Treuhand-Unrecht, das würde nur polarisieren. Keine Schuldzuweisungen, aber „Wahrheitskommissionen“. Die funktionierten in Südafrika, weil sie als Alternative zu gerichtlicher Aufarbeitung das öffentliche Bekenntnis anboten. Warum sollten dazu Ex-Manager bereit sein, die ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben und nicht belangt werden können?

Die Menschen, denen ich jahrelang zuhörte, waren im Durchschnitt Mitte vierzig. Sie sind jetzt die Generation 70+. Ihr Leben lässt sich nicht mehr rückwirkend integrieren. Im Übrigen muss Frau Köpping mal klären, ob die Differenzierung in Ost und West nun schlecht oder ob es gut ist, wenn jemand bewusst Ossi sein will. Denn beide Sichtweisen bedient sie in ihrem Buch, in dem ohnehin offenbar recht großzügig mit Textbausteinen und dabei auch mal mit widersprüchlichen Jahreszahlen gearbeitet wird. Man merkt, es musste schnell gehen. Das hat zumindest den Vorteil, dass sich das Buch schnell liest …

Das ganze garniert mit fast zweihundert Fußnoten, wobei zwei, drei passende Wissenschaftler so häufig zitiert werden, als seien sie fast schon Koautoren. Mit geradezu kindlicher Freude berichtet die Autorin, wie nun dank ihrer Vortragstätigkeit auch eine Gruppe bayerischer Rentner Kenntnis von vergangenen Vorgängen im fernen Osten genommen haben, die sich bisher – was kaum verwundert – außerhalb ihres Wahrnehmungsradius befunden haben.

Der „Tagesspiegel“ kürt die Ministerin in der Buchrezension zur „Seelsorgerin“. Gemessen an der Politik-Definition eines früheren sächsischen Spitzenpolitikers – Gesetze machen und Geld verteilen – handelt es sich um eher therapeutische Aufgaben. Will sie das? Sie will, dass die Leute mehr Geschichts-Werkstätten gründen. Sie zitiert wiederholt Martin Dulig, weil der gerade SPD-Ostbeauftragter ist. Sie könnte auch Rico Gebhardt zitieren, der schon ein paar Jahre zuvor im Erzgebirge feststellte, dass Menschen, die sich selbst in ihrer Heimat entwurzelt sehen, damit schwerer tun, andere mit offenen Armen aufzunehmen.

Das Buch soll, dazu bekennt sich die Autorin unverhohlen, ein Rezept anbieten, damit künftig nicht mehr 42 Prozent der Menschen in einem Ort AfD wählen, weil dort vor einem Vierteljahrhundert ein Großbetrieb unter dubiosen Umständen zerlegt wurde und viele Menschen um ihr berufliches Lebenswerk gebracht wurden. In meinem Wohnumfeld sind es 49 Prozent – ohne einen vergleichbaren „Grund“. Was ist, wenn diese Form des „Verstehens“ den vermeintlichen Grund zur Legitimation verfestigt?

Die praktische Beseitigung einiger Unrechtstatbestände wäre unabhängig von solch therapeutischen Bemühungen möglich – wenn auch die SPD im Bundestag aufhören würde, entsprechende Anträge der LINKEN abzulehnen, siehe Rente der Bergleute in der Braunkohleveredelung.

Parlament ohne Volk

Beim Infoabend der Initiative für ein sorbisches Parlament am Montagabend in der heimlichen Hauptstadt des Obersorbischen, in Crostwitz, konnte man laut Aussage im sorbischen Rundfunk des MDR die Interessenten aus der ortsansässigen Bevölkerung an fünf Fingern abzählen.

In der Region, wo alle Generationen im Alltag sorbisch miteinander reden und über 90 Prozent aller in Sachsen sorbisch sprechenden Menschen zu Hause sind, hat man mit Befremden zur Kenntnis genommen, dass an vorderster Front Leute mit dem „serbski sejm“ das Sorbische retten wollen, die mit ihren Kindern lieber deutsch gesprochen haben. So berichtet es auch die Sorbische Zeitung über besagte Veranstaltung.

Sieben Jahre hat die Initiativgruppe vergeblich versucht, das sorbische Volk zu einem eigenen Parlament zu überreden. Nachdem sie damit gescheitert ist, sucht sie sich nun ein anderes Volk aus denen, die sich irgendwo auf der Welt irgendwie mit den Sorben verbunden fühlen, egal ob sie sorbisch können oder verstehen. Diese Menschen sollen künftig das politische Schicksal des sorbischen Volkes bestimmen, egal ob es will oder nicht.

Denn das eigentliche sorbische Volk sei leider nicht auf der Höhe der Zeit. Stimmt 😉, es hat nur halb so oft AfD gewählt wie die deutschen Nachbarn, hat doppelt so viele Kinder – und spricht mit denen auch noch ohne staatliche Anleitung in der Muttersprache. Und auf der Straße grüßt man nicht „Hallo“, sondern „Budź chwaleny Jězus Chryst“ (Gelobt sei Jesus Christus).

Die sorbische Zivilgesellschaft, deren freiwillig und basisdemokratisch gebildeter, überparteilicher und überkonfessioneller Dachverband seit 106 Jahren die Domowina ist, hat schon zahlreiche politische Systeme überlebt. Das sorbische Volk gibt es seit anderthalbtausend Jahren. Deshalb muss auch die Domowina nicht das letzte Wort in der Geschichte sorbischer Selbstorganisation und Selbstvertretung sein.

Aber dieser „sejm“, der ohne jede Rechts- und Finanzgrundlage als Phantasiegebilde in die Welt gesetzt werden soll, kann nur einen Effekt haben: bestehende Vertretung sorbischer Interessen schwächen, ohne etwas funktionierendes Neues zu schaffen. Deshalb ist jede Stimme für den Sejm eine Stimme gegen die souveräne Selbstbestimmung der großen Mehrheit der Menschen, die zurzeit das Sorbische tragen.

Natürlich steht es jedem frei, vom großen Knall der Revolution durch einen „Sejm“ zu träumen, der schlagartig alle Fragen beantworten wird, auf die die Initiative keine Antwort zu geben vermag. Und das sind fast alle Fragen. Zudem beweist dies nur, dass es ein Parlament ohne Volk ist – denn in den sorbischen Dörfern pflegt man Prozessionen, aber nicht Revolutionen 😎.

Auch aus tiefer historischer Weisheit: Alle slawischen Völker auf dem Gebiet des heutigen Ost- und Norddeutschland, die sich den Nachbarn entwinden wollten, sind leider schon vor tausend Jahren untergegangen. Die aktuellen Sejm-Anknüfungspunkte sind ebenso völlig unpassend für die Lausitz: Die Samen definieren sich genealogisch, deshalb kann man wissen, wie viele es sind, und haben die Rentiere als Identitätsstütze. Das Sorbische reproduziert sich durch Sprache und Kultur, die „sorbische Erde“ spielt nur eine mittelbare Rolle.

Als Vorsitzender des Bildungsausschusses und Mitglied des Präsidiums der Domowina habe ich auch meine strukturellen Unzufriedenheiten. Ich habe allerdings gelernt, dass die Stärkung der Einzelnen im Bauen sorbischer Sprachräume, gerade auch an den Schulen, uns weiter bringt als die x-te Strukturdebatte.

Der Sinn und Zweck der sorbischen Community ist ja nicht, dass wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen. Sondern das gemeinsame bessere Leben. Selbstverständlich bin ich bereit, weitere sieben mal sieben Jahre über den Sejm zu diskutieren. Ich habe mich dabei in der Vergangenheit auch persönlich eingebracht. Gleichwohl halte ich Vergeudung von Lebenszeit nicht für eine prickelnde Vision 😊.

#SachsenTrump und #SachsenOrbán : Gefährliche Kommunikation

Wir Pressesprecher stehen ja im Verruf, die Langeweile in die politische Berichterstattung zu bringen. Weil wir die Medien um die schärfsten Zitate bringen, die wir unseren Chefs ausgeredet haben. Die Wirklichkeit ist komplexer (weil die Beziehung Sprecher/Chef wechselseitig, wenn nicht gar symbiotisch ist), aber ein Körnchen Wahrheit liegt natürlich auch in dieser Legende.

Nun haben wir in Sachsen gleich zwei Spitzenpolitiker der stärksten Partei, denen auch die besten Pressesprecher der Welt nicht mehr helfen können. Denn die beiden haben sich für die Existenz als freies Radikal entschieden. Oder mit den Worten der Mythologie: Sie folgen den postmodernen Predigern der bedingungslosen angeblichen Authentizität. Und schreiben bzw. reden, was in ihnen ist.

Das scheint nicht falsch sein zu können, macht es nicht der vermeintlich mächtigste Mann der Welt auch so. Trump und Twitter – da passt keine Pressestelle dazwischen. Es steht ja sowieso kurz darauf in jeder Zeitung, was der Herr getweetet hat. Also macht es der neue #SachsenTrump Kreeetschmer auch. Und fakte die News, am #dd1608 seien die Einzigen, die sich „seriös“ verhalten, die Polizisten gewesen.

Damit hat er den Hype mit dem bitterbösen Hashtag #Pegizei selbst befeuert, denn wenn ein Minister(!)präsident(!!) die dreiviertelstündige Behinderung der Arbeit eines Fernsehteams bei einer Pegida-Demo vorm Landtag derart realitätsentrückt in die Tonne der Nichtbeachtung zu treten versucht, provoziert er logischerweise den polemischen Kampf um die Respektierung der Fakten. Der kann nicht mehr ausgewogen sein, nachdem Sachsens Freistaats-Chef jegliches Gleichgewicht zertrümmert hat.

Nun könnte man ja sagen: Herrgott, der arme Mann hat halt im Eifer des Gefechts mal daneben gegriffen. So wie womöglich diese gelernte Blockflöte Kupfer an der Spitze der CDU-Fraktion, die den plötzlichen schrillen Ton als Markenzeichen trägt. Dieser Kupfer sprach schon unter Tillich, als der sich zum vernachlässigten Kampf gegen Rechtsextremismus in Sachsen bekannt hatte, anschließend im Landtag lieber über Muslime und Schweinefleisch. Und jetzt, da das öffentlich-rechtliche Fernsehen über die polizeiliche Außerkraftsetzung der Pressefreiheit berichtete, stellte er bei Facebook das Gebührenzahlen in Frage. #SachsenOrbán eben, schließlich huldigte er dem Ungarn-Boss schon öffentlich.

Tatsache aber ist: Die beiden sind so. Der besagte Tweet ist typisch Kretschmer, so kommuniziert er bei jedem Bürgergespräch: Irgendwie das von sich geben, was eine gemutmaßte Mehrheit empfindet. Das ist übrigens der Kulturbruch gegenüber dem bisherigen System, dem die klassischen Pressesprecher dienen: Da geht es darum, für die eigenen Argumente eine Mehrheit zu gewinnen, also zu überzeugen.

Auch der #SachsenOrbán tickt so wie #SachsenTrump und sagte schlicht, dass die Sachsen „skeptisch vor dem Fremden“ seien. „Das ist aber auch ihr gutes Recht.“ So sprach er im Parlament, und so steht es seit Herbst 2016 auch in einer Pressemitteilung der CDU-Fraktion in anderem Zusammenhang: https://www.cdu-fraktion-sachsen.de/aktuell/pressemitteilungen/meldung/kupfer-sachsen-sind-konservativ-das-ist-ihr-gutes-recht.html.

Mal davon abgesehen, dass „skeptisch vor“ grammatikalisch gewöhnungsbedürftig und die von Kupfer beschworene riskante „Flüchtlingswelle“ in der sächsischen Provinz schwer wahrnehmbar ist, bleibt festzustellen: #SachsenTrump und #SachsenOrbán eint mit den AfD-Stammtischen die Parole: „Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen.“ Das Ergebnis ist leider ein „gefährliches Klima“ (Süddeutsche Zeitung) https://www.sueddeutsche.de/medien/pressefreiheit-kretschmers-verhalten-foerdert-ein-gefaehrliches-klima-1.4100264: „Medienvertreter werden in Sachsen überdurchschnittlich oft Opfer politisch motivierter Attacken.“

Pressesprecher in der Politik, die im Regelfall vor ihrem derzeitigen Job als Journalisten gearbeitet haben, pflegen natürlich (meistens) kein Klima, das den Berichterstattern das Leben erschwert. Schließlich sehen sie sich in einer Art symbiotischer Beziehung mit den Medien. Die freien Radikale unter den Politikern, die sich vom Pressesprecherwesen befreit haben, sprengen den Rahmen der moderierten und daher moderateren Kommunikation, in der die kalkulierte Provokation ein Stilmittel, aber kein Holzhammer ist.

Das macht das Ganze scheinbar spannender. Aber eben auch gefährlich.