Kohlekommission gibt dem Sorbischen Rückenwind

Zu den Auswirkungen des Endberichts der Kohlekommission auf das Leben der Sorben im Lausitzer Revier erklärt der Vorsitzende des Regionalverbandes Hoyerswerda der Domowina, Marcel Braumann:

„Die Kohlekommission gibt der sorbischen Sprache und Kultur Rückenwind. Sie hat erkannt und festgeschrieben, dass die sorbische Tradition auch ein starkes Potenzial für die Zukunft einer attraktiven Region ist.

Mit der dem Endbericht beigefügten Maßnahmen-Liste erhöhen sich die Chancen für eine beschleunigte Realisierung der vom Domowina-Regionalverband Hoyerswerda vorgeschlagenen Institutionen: Ein Gesamtlausitzer Sorbisch-Zentrum für Kinder in der Krabatmühle Schwarzkollm und eine sorbische Sprachschule für Erwachsene in Hoyerswerda.

Das Schicksal von Proschim / Prožym, das sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft befindet, berührt uns weiterhin sehr. Die Domowina war nie für einen überstürzten Kohleausstieg; dass aber jetzt noch ein Dorf wegen der Kohle abgebaggert werden könnte, ist eine schwer erträgliche Vorstellung.“

Zur Information: Der sorbische Dachverband Domowina hatte zusammen mit der Zukunftswerkstatt Lausitz im September letzten Jahres eine eigene Strukturkonferenz veranstaltet und der Kohlekommission im Rahmen der sogenannten Revierfahrt am 11. Oktober 2018 seine Vorschläge unterbreitet. Sie finden sich jetzt auch in einer Projekteliste, die dem Endbericht der Kohlekommission beigefügt ist. Dazu gehören z.B. eine Schule für obersorbische Sprache und Kultur nach dem Beispiel der Niederlausitzer Sprachschule in Cottbus für die Erwachsenenbildung. Ebenso ein Netzwerk für regionales Identitäts- und Sprachmanagement. Der Endbericht selbst stellt fest, dass „im Lausitzer Revier die Förderung von Sprache, Kultur und Identität des Volkes der Sorben und Wenden“ mit einzubeziehen ist. Dabei gehe es insbesondere um „die kulturellen Traditionen sowie die Lebensqualität“ einer attraktiven Region. Die Empfehlungen der Kommission sollen noch 2019 in einem Maßnahmengesetz verankert werden, das die Grundlage der Finanzierung schafft. (Auszüge aus der Mitteilung des Domowina-Vorsitzenden David Statnik vom 26.1.2019).

Zur abweichenden Stimme in der Kohlekommission wegen des weiterhin ungewissen Schicksals des Ortes Proschim / Prožym:

https://www.lr-online.de/lausitz/spremberg/hannelore-wodtke-aus-welzow-lehnt-beschluss-der-kohle-kommission-ab_aid-35893347

Dem Regionalverband „Handrij Zejler“ Hoyerswerda des sorbischen Dachverbandes Domowina gehören zurzeit ca. 800 Mitglieder in 20 Vereinen und Gruppen an.

Domowina-Regionalverband Hoyerswerda (župa “Handrij Zejler” Wojerecy)

Marcel Braumann, Vorsitzender (župan)

Dresdner Straße 18

02977 Hoyerswerda

marcel(at)piwarc-hamburgski.de

DOMOWINA – Bund Lausitzer Sorben

www.domowina.de

Sorbisch-Zentrum in Krabat-Mühle!

Lausitzer Rundschau aktuell über den Vorschlag des Hoyerswerdschen Župan (Regionalvorsitzender) des sorbischen Dachverbandes Domowina, also vom Autor dieses Blogs 😊, ein neues Gesamtlausitzer sorbisches Zentrum in der legendären Krabat-Mühle Schwarzkollm anzusiedeln, der natürlich mit dem Geschäftsführer vor Ort abgestimmt ist:

https://m.lr-online.de/lausitz/hoyerswerda/sorbisch-zentrum-an-der-muehle_aid-35504949

Kein Bautzener Zentralismus auf Kosten von Hoywoy!

Auf Antrag des Domowina-Präsidiumsmitglieds Marcel Braumann, der auch Vorsitzender (župan) des Regionalverbandes (župa) Hoyerswerda der sorbischen Dachorganisation ist, befasst sich deren Bundesvorstand am Freitagabend auf seiner regulären Sitzung in Crostwitz mit einer umstrittenen Entscheidung des Stiftungsrats der „Stiftung für das sorbische Volk“ (Załožba za serbski lud). Er hatte neulich beschlossen, das Areal der Alten Posthalterei in Bautzen für die Umsiedlung des Sorbischen Instituts und gegebenenfalls weiterer sorbischer Institutionen übernehmen zu wollen.

Dazu erklärt Marcel Braumann, Vorsitzender des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda:

Es geht nicht vorrangig um die Frage, ob Ankauf und Sanierung denkmalgeschützter Ruinen, die niemand haben wollte, eine Schnapsidee ist – dies zu beurteilen ist Sache der Bau- und Fördermittelexperten. Sondern es geht darum, wofür Millionen Euro „sorbischer Gelder“ aus Steuermitteln ausgegeben werden.

Gerade erst hat der Sächsische Landtag die Staatsregierung beauftragt, mit dem Bund und Brandenburg über die künftige Stiftungsfinanzierung zu verhandeln. Bei den bisherigen gemeinsamen Beratungen der Vertreter führender sorbischer Gremien haben wir dafür klare Prioritäten formuliert: die Förderung sorbischer Sprachräume in den unterschiedlichen Regionen der Lausitz. Damit ist die mit diesem Beschluss beabsichtigte Fortsetzung des „Bautzener Zentralismus“ unvereinbar.

Hoyerswerda ist Gründungsstadt des sorbischen Dachverbandes, geographisches Zentrum der Lausitz und Sieger in der Kategorie „Städte“ beim Wettbewerb „Sprachenfreundliche Kommune – die sorbische Sprache lebt“, an dem sich Bautzen nicht einmal beteiligt hat. Es ist daher aus Sicht der Sorben in unserer Region klar: Wir wollen als Unterstützung der sorbischen Community in und um Hoywoy im Ergebnis der notwendigen Neuausrichtung des Stiftungs-Fördersystems den Standort einer sorbischen Institution bekommen. Bisher ist die Region Hoyerswerda ein weißer Fleck auf der Karte der sorbischen Institutionen.

Deshalb dürfen jetzt keine Fakten auf Kosten der künftigen Entwicklung des sorbischen Lebens in der Region Hoyerswerda geschaffen werden. Es ist mir wichtig, dass wir über diese strittige Frage am Freitag unmittelbar vor der Neuwahl der sorbischen Stiftungsräte aus Sachsen offen mit interessierten Gästen aus der sorbischen Community diskutieren. So haben auch die Kandidatinnen und Kandidaten Gelegenheit, in dieser Sache Farbe zu bekennen. Denn der umstrittene Beschluss darf nicht das letzte Wort sein!

Hoyerswerda ist zentrales sorbisches Gebiet der Lausitz

Auf seiner konstituierenden Sitzung nach der jüngsten Haupt- und Wahlversammlung hat sich der Vorstand des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda (sorbisch: „župa ,Handrij Zejler‘ Wojerecy“) unter Leitung des neuen Vorsitzenden Marcel Braumann mit den Vorhaben für das kommende Jahr befasst, die der Verband selbst durchführen bzw. unterstützen möchte. Geplant sind u.a. ein Schüler-Projekt am seinerzeitigen Wohnort des Schriftstellers Jurij Brězan (1916-2006), ein „sorbischer Heimattag“, ein Ausflug nach Tschechien und eine „Trachten-Werkstatt“.

Als ständigen Berater in kulturellen Fragen berief der Vorstand Jurij Wuschansky, den Vorsitzenden der wissenschaftlichen Gesellschaft der Sorben, der Maćica Serbska. Im Mittelpunkt der Arbeit des Domowina-Regionalverbandes steht, so der Vorsitzende (župan), die „verstärkte Verbreitung lebendiger sorbischer Sprache in den zentralen sorbischen Gebieten der Lausitz“, schließlich ist Hoyerswerda Gründungsort des sorbischen Dachverbandes und Zentrum der Lausitz.

Dem Regionalvorstand gehört auch eine Vertreterin des „sorbischen Parlamentes“ („serbski sejm“) an, die über den aktuellen Stand dieses Gremiums berichtet hat. Im Vorstand des Domowina-Regionalverbandes herrscht Einigkeit darüber, dass die Domowina als Dachverband aller Sorben auch die im „sejm“ engagierten Menschen auf der Basis praktischer Arbeit zu integrieren hat. Der Vorsitzende wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich im sorbischen Kerngebiet nur schätzungsweise zwei Prozent der sorbischen Bevölkerung an den Wahlen des „sejm“ beteiligt haben.

Sachsen wird nicht mehr regiert

Es ist eine etwas kindische Vorstellung, auch wenn sie zurzeit in der Politologie- und Kommunikations-Branche Hochkonjunktur hat: dass die Missstimmung in Sachsen vor allem das Ergebnis vernachlässigter Infrastruktur und mangelnder Gesprächsbereitschaft ist. In der Wochenend-SZ rief eine Politologin dann in diesem Zusammenhang die deutsche „Armutshauptstadt Leipzig“ ins Bewusstsein. Das klingt plausibel, ist es aber nicht, weil der viel erörterte „Rechtsruck“ in unserem Bundesland in eben jener Stadt bisher jedoch am wenigsten stattgefunden hat.

Viel wird über den Niedergang des Journalismus räsoniert, zu Unrecht unbeachtet ist die schon viel weiter fortgeschrittene substanzielle Selbstzerstörung der PR-Branche. Sie fällt bisher weniger auf, weil im Unterschied zu rasant fallenden Auflagen der Zeitungen aus Unverstand und schlechter Gewohnheit immer noch Unsummen in PR gebuttert werden. Je wirkungsloser, je mehr – plus Evaluierung der mangelnden Wirksamkeit. Eine der Blasen von Bullshit-Produktivität.

Dabei hat ja gerade die Bundestagswahl im Görlitzer Raum gezeigt, dass ein medien- und PR-mäßig Tag für Tag glänzend präsentierter Michael Kretschmer womöglich gerade deshalb gegen einen No Name den Wahlkreis verloren hat. Da sich Medien und PR-Spezis in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis bei der Erzeugung von „Aufregern“ befinden, fehlt der veröffentlichten Meinung weitgehend der kritische Blick auf die PR, im Gegenteil: der „Erfolg“ von Politikern wird von ihr vor allem daran gemessen, ob sie sich wie auf dem Laufsteg in einem Werbefilm bewegen, obwohl genau das Normalsterbliche peinlich finden.

Unlängst fragte ich einen in der Landwirtschaft tätigen Lausitzer, was er von den tollen Projekten in seiner Region und der Gesprächsoffensive des Ministerpräsidenten hält. Antwort I: Die tollen bunten Prospekte interessieren ihn nicht, solange er Probleme hat, den täglichen Kontakt zum Betrieb aufrechtzuerhalten, weil das Handy-Netz nicht funktioniert. Im Übrigen werde er mal kaum mehr Rente haben, als wenn er nie gearbeitet hätte. Das könne ja wohl nicht sein. Antwort II: „Ach, der ist doch Pumuckl.“ Also ein nettes, freundliches Kerlchen, aber nicht wirklich ernst zu nehmen.

Die Welt ist kein Videoclip, und Regieren ist nicht die Moderation einer Selbsthilfegruppe. Man fragt sich ja inzwischen, ob in Sachsen überhaupt noch jemand regiert. Der Ministerpräsident ist von frühmorgens bis nachts damit beschäftigt, seine „Politik zu erklären“, was im Umkehrschluss bedeutet, dass er gar keine Zeit hat, noch welche zu machen. Sein sozialdemokratischer Stellvertreter präsentiert sich in den „sozialen Netzen“ als Arbeits- und Verkehrsminister, der tageweise Kollege in Betrieben spielt, während uns auf den Autobahnen die anschwellende LKW-Lawine dem absoluten Kollaps näherbringt und man sich als Lausitzer jeden Morgen fragt, auf welchen stundenlangen Umwegen man wohl heute wieder seinen Arbeitsplatz in der Landeshauptstadt erreicht. Wer am Schreibtisch nichts erreicht, braucht auch nichts zu „verkaufen“. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen.

Seit Biedenkopf war die „Schau des Regierens“ nirgendwo so glamourös und in medialer Untertänigkeit mitzelebriert wie in Sachsen. Der Bedarf an Politik als Dauerwerbesendung hat sich nun erschöpft.

Unsere Jugend

Ein scheinbar unauflösbarer Teufelskreis: Gerade hat sich die neue Generation mit dem Markenzeichen „Jugend“ in Organisation XY wundervoll eingearbeitet, da verschwindet sie wieder – Richtung Großstadt. Rückkehr ungewiss. Das war allerdings schon immer so. Neschwitz hat keine Universität. Es gibt eine Jugend, die bleibt, das sind die Handwerker und Händler: Sie machen sich ihre Jobs im kleinsten Dorf.

Nur in der Zeit des großen Gesellschaftsumbruchs in den neunziger Jahren war es ausnahmsweise vorübergehend anders, als jeder zweite keine Lehre fand und gen Westen zog. Doch selbst von denen kommen nicht wenige in Zeiten des Fachkräftemangels gerade wieder zurück in die Lausitz. Da sie ihren Partner/ihre Partnerin in der Regel früher kennenlernen als die akademische Jugend, sind oft beide Lausitzer Herkunft und von gleichem Heimweh getrieben.

Für diese Jugend sind Wanderjahre oder Montage ein mögliches Abenteuer auf Zeit, aber nicht der erstrebte Dauerzustand. Man möchte gerne die Welt bereisen, aber die gewöhnliche Freizeit gehört der örtlichen Fußballmannschaft, Freiwilligen Feuerwehr, dem Dorfklub oder schlicht dem Bier mit den Kumpels in der Abendsonne vor der Garage. Es wird ja gerade auch von den Hippen, Urbanen in den anonymen, vereinzelten Sphären der Metropolen die Notwendigkeit der Solidarität beschworen – für ihre „provinziellen“ Altersgenossen ist Zusammenhalt Geschäftsgrundlage des Alltags.

Abseits der Lokalseiten der Zeitungen, wo auch mal die Macher der Dorffeste und die Arbeiter auf der aktuellen Straßenbaustelle vorgestellt werden, kommt diese Jugend nicht vor. Weil sie nicht das ganz abgefahrene Projekt oder die ultimative neue Theorie vorzuweisen hat. Sie ist die große Leerstelle. Demographisch sowieso durch den Geburtenknick, der vor knapp 25 Jahren sein absolutes Tief erreichte. Aber auch politisch, gilt doch die Oberschule (Mittelschule) in vielen wissenschaftlichen Bildungs-Diskursen fast nur noch als Problemzone, obwohl sie doch das Rückgrat der regionalen Wirtschaft rekrutieren soll.

Das hat auch was mit einem verkorksten Begriff von „Elite“ zu tun, der uns auch im Sorbischen längst kontaminiert hat. Bei aller Wertschätzung der Wissenschaft: Die Fortentwicklung der sorbischen Sprache und Kultur wie überhaupt der sozialen Werte in der Lausitz hängt nicht in erster Linie davon ab, ob die Sorabistik in Leipzig oder die Slawistik in Dresden funktioniert, sondern ob die Verkäuferin im Dorfkonsum sorbisch spricht, der Tischler im Ort ist und mal eben vorbeikommen kann, und Land- und Fortwirtschaft von Leuten betrieben wird, die sich als tragender Bestandteil der lokalen Community verstehen.

Wer diese Jugend für sich gewinnt, dem gehört das (sogenannte flache oder ländliche oder scheinbar provinzielle) Land, wo die (schweigende) Mehrheit der Einwohnerschaft Sachsens wohnt. Ihr Selbstbewusstsein wächst, denn sie ist heiß begehrt. Wenn sie nicht mitspielen, steht uns mittelalterlichen „Babyboomern“ ein prekäres Alter bevor. Denn sie haben es in der Hand, wie die Gesellschaft in zwanzig Jahren aussehen wird. Es ist höchste Zeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die zurzeit inflationären Foren werden von dieser Jugend aus gutem Grund gemieden. Weil sie sehr praktisch, ja pragmatisch orientiert ist.

(Natürlich sind die Übergänge im Zeitalter der Fachhochschulen, Berufsakademien usw. fließend, es gibt auch die Friseurin mit Abitur. Aber umso unerbittlicher ist die unausgesprochene Grenzziehung zwischen „Praktikern“ und „Theoretikern“. Ihre Aufhebung wäre die wahre Bildungsrevolution, siehe Gregor Gysi: Facharbeiter für Rinderzucht und Diplom-Jurist.)