Sorbische Lieder wider Nazi-Terror

Schüler-Projekt „Spurensuche“ in der Kulturfabrik Hoyerswerda. Im Café des Gründungshauses der Domowina zunächst mit Berufsschülern den Amok-Alarm an ihrer Schule vom Vortag ausgewertet und dann über die Sprach-Verfolgung in der Nazi-Zeit gesprochen. Ich habe mich mit vier Büchern auf die Video-Aufzeichnung vorbereitet. Während der Aufzeichnung kommt noch eine Journalistin der Lokalpresse dazu.

Dass Mädchen vom Lehrer geschlagen werden, weil sie auf der Toilette heimlich miteinander sorbisch gesprochen haben, was prompt verpetzt wurde, ist schockierend genug. Die Ausweisung sorbischer Pfarrer und Lehrer ist ein historisches Faktum, das ebenso wenig dem Vergessen überlassen werden darf wie die acht „Maßnahmen zur Stärkung des Deutschtums“ von 1937, die auf die Ausrottung allen Sorbischen angelegt sind. Besonders das Buch „Die Sorben“ – Wissenswertes aus Vergangenheit und Gegenwart der sorbischen nationalen Minderheit“ von 1970 enthält viel Wissenswertes, ungeachtet der aus heutiger Sicht stellenweise befremdlichen Diktion aus realsozialistischen Zeiten.

Es ist wie die anderen Bücher aber zugleich ein ebenso erschütterndes wie ermutigendes Dokument der selbst in dunkelster Epoche unbeugsamen Selbstbehauptung der Sorben. So wurde der Lehrer Jan Měškank verhaftet und vor Gericht gestellt, weil er trotz totalen Sprachverbots durch den Staat, „vertreten durch seinen Führer Adolf Hitler“, in der Familie (!) weiter sorbisch gesprochen hat. Diese extreme Verfolgung hing auch damit zusammen, dass man „nach der Ausweisung der sorbischen Geistlichen mindestens in allen katholischen Kirchen von neuem sorbisch zu singen (begann).“

Natürlich werde ich auch nach der Rolle des sorbischen Dachverbandes Domowina in der NS-Zeit gefragt. Die Domowina war durch rege kulturelle Tätigkeit ein Bollwerk gegen die brutale Germanisierungspolitik. „Sorbische Volkstreffen wie am 15. Juli 1934 in Radibor und am 18. August 1935 in Hoyerswerda wurden zu Manifestationen des Lebenswillens des sorbischen Volkes.“ Die Domowina beugte sich dem Staatsterror nicht, blieb ihren Grundsätzen treu, wurde verboten und wirkte ohne Unterbrechung im Untergrund weiter. Deshalb konnte sie bereits unmittelbar nach Kriegsende als erste gesellschaftliche Organisation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus offiziell anerkannt werden.

Historische Vergleiche hinken immer, aber man darf schon darauf hinweisen, dass es zwischen den „Maßnahmen“ von 1937 und den kulturpolitischen Zielen einer zurzeit in unserer Gegend zunehmend erfolgreichen Partei gewisse Schnittmengen in der Fixierung auf „deutsches Brauchtum“ gibt. Und wer mit der Ansage in den Landtagswahlkampf zieht, dass „Sachsen deutsch bleiben“ soll, zeigt damit zumindest Unsensibilität gegenüber den historischen Wurzeln unserer Gesellschaft und den Verbrechen, die im Namen dieser Fokussierung begangen wurden.

Deshalb gilt gerade in Zeiten wie diesen: Wir müssen reden. Über Fakten. Zu denen gehört dann auch, dass der Rückgang des Sorbischen auch im familiären Bereich in der Hoyerswerdaer Region nach 1945 im großen Umfang stattgefunden hat. Das hat auch mit der Traumatisierung von Menschen in der Nazi-Zeit zu tun, die nach dem Motto „Man weiß ja nicht, was mal wieder kommt“ auch viel später sozusagen sicherheitshalber auf die Weitergabe der sorbischen Muttersprache an ihre Kinder verzichtet haben. Aber auch mit anderen Faktoren, vor allem mit dem zeitgeistigen Image dessen, was für modern gehalten wird und was nicht.

Sorbischer Antifaschismus: Das waren zuvörderst unerschrocken gesungene sorbische Lieder. Sorbisches Selbstbewusstsein heute in Zeiten höchst widersprüchlicher gesellschaftlicher Tendenzen zwischen Aufgeschlossenheit und Abschottung: Das ist unser sorbisches Sprechen und Schreiben im öffentlichen Raum. Wer unser Partner sein will, akzeptiert das. Man kann auch sagen, das ist unsere Geschäftsgrundlage. Keine neue übrigens, so macht das der sorbische Dachverband Domowina seit 1912, und das ist ein nicht unmaßgeblicher Grund dafür, dass es bis heute sorbisch sprechende Menschen gibt und ihre Zahl in jüngster Vergangenheit sogar in der sprachlich besonders gebeutelten Niederlausitz wieder zunimmt.

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„Indigen“ sind wir Sorben – bitte! – nicht

Ich pflege als „Župan” der Domowina in der Region Hoyerswerda schon einige Zeit Dialog und praktische Kooperation mit den Leuten vom „Serbski sejm“. Wir sind als Dachverband schon von unserem satzungsmäßigen Selbstverständnis auf der Welt, um die Interessen des sorbischen Volkes und aller Sorben zu vertreten, die das möchten. Das ist, nebenbei bemerkt, der Vorteil basisdemokratischer Freiwilligkeit eines Vereins. Auf dieser verlässlichen Vertrauensbasis bin ich zugleich Anhänger des offenen Wortes. Auch gegenüber dem „Serbski sejm“.

Nun hat dieses Gremium, das sich als „sorbische Volksvertretung“, also so etwas wie ein Parlament, sieht, ausweislich der von seiner Pressesprecherin Jadwiga Piatza verschickten Mitteilung, bei Bundeskanzlerin Merkel, Innenminister Horst Seehofer, den Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen und dem Bundesratspräsidenten Daniel Günther die Anerkennung der Sorben als „indigenes Volk“ nach der ILO-Konvention 169, „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“, wie es heißt, „beantragt“.

Ich lasse jetzt mal protokollarische Merkwürdigkeiten der Adressatenliste beiseite, so fehlt mit dem Bundestagspräsidenten ausgerechnet der höchste Repräsentant der Gesetzgebung. Es ist mir auch nicht bekannt, dass wir Sorben „in Stämmen“ leben. Ungeachtet dessen lohnt aber ein Blick in ILO-Konvention 169:

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbereinkommen_%C3%BCber_eingeborene_und_in_St%C3%A4mmen_lebende_V%C3%B6lker_in_unabh%C3%A4ngigen_L%C3%A4ndern

Da erfahren wir auf Wikipedia unter „Absicht und Bedeutung“ der Konvention als maßgebliches Merkmal solcher indigenen Völker: „Ihre oftmals jahrtausendealten Kulturen unterscheiden sich zumeist durch ihre besondere Beziehung zur Natur von der herrschenden westlichen Kultur.“ Ich kenne bisher keinen einzigen Sorben, der diesen Satz bezogen auf das sorbische Volk unterschreiben würde.

Schauen wir nun in die einzelnen Artikel rein, erfahren wir als Sinn der Klassifizierung als „indigenes“ Volk, „Maßnahmen zu ergreifen, um das Recht der betreffenden Völker zur Nutzung von Land zu schützen, das nicht ausschließlich von ihnen besiedelt ist, zu dem sie aber im Hinblick auf ihre der Eigenversorgung dienenden und ihre traditionellen Tätigkeiten von alters her Zugang haben.“ Da fallen uns natürlich spontan die Indianerstämme des Amazonas-Regenwaldes ein, dem die Kleinbauern aus der Nachbarschaft mit Brandrodungen zu Leibe rücken. Eine auch nur entfernt vergleichbare Konstellation in der Lausitz existiert nicht.

Man könnte allenfalls versucht sein, mit Blick auf die – gerade zu Ende gehende – Epoche des Braunkohletagebaus Parallelen zu ziehen. Aber auch dies ist historisch unzutreffend, wie ich mich erst neulich bei der Zusammenkunft der früheren Einwohner und ihrer Nachkommen des abgebaggerten Ortes Groß Partwitz / Parcow im heutigen Seenland überzeugen konnte: Die große Mehrheit der sorbischen Bauern arbeitete völlig freiwillig und sehr bewusst selbst in der Kohle, weit bevor die zur Umsiedlung der Dörfer führte. Weil in den Kohle-Gruben viel mehr Einkommen für die Familien zu erzielen war als in der Landwirtschaft auf den sandigen Böden.

Ja, das sorbische Volk ist „First Nation“, die Sorben sind die Ureinwohner der Lausitz. Aber wir haben keine spezifisch sorbische Wirtschaftsweise. Der Vorstoß des „Serbski sejm“ schickt die Sorben wieder auf die Bäume, pardon zurück in den Wald, wo die Slawen vor über tausend Jahren tatsächlich noch anders wirtschafteten als die von Westen heranrückenden Stämme der Germanen. Hier wird also jetzt politisch eine Schlacht geschlagen, die vor einem Jahrtausend bereits „verloren“ wurde. Das ist so „sinnvoll“, als wolle man nun den bekanntlich sehr gläubigen katholischen Sorben wieder das Christentum wegnehmen, weil es ja seinerzeit mit wenig friedlichen Mitteln durchgesetzt wurde.

Last but not least: Eine selbst ernannte „sorbische Volksvertretung“ sollte sich vielleicht mal vor Ort beim Volk umhören, ob es überhaupt „indigen“ sein will. In der Hoyerswerdaer Region gab es ja bisher relativ viele Anhänger des „Serbski sejm“, weil sich viele in den vergangenen Jahrzehnten von „Bautzen“ vernachlässigt fühlten. Dieser Vernachlässigung wird zurzeit Schritt für Schritt selbstbewusst abgeholfen, durch neue sorbisch sprachige Arbeitsplätze, neue sorbische Sprachräume und wachsende sorbische Präsenz in der Öffentlichkeit, sei es beim Altstadt-Boulevard in Hoyerswerda oder in den Dörfern.

„Indigen“ sind die Hoyerswerdaer Sorben aber noch weniger als alle anderen. Die große Mehrheit steht bis heute zur Kohle und ist stolz darauf, industrieller Vorreiter gewesen zu sein. Verbunden mit der Hoffnung, nun mit der Stadt, in der Konrad Zuse den Computer erfand, an die Spitze der Digitalisierung zu kommen – mit dem Projekt „Zuse-Campus“ der Informatik der Technischen Universität Dresden am Scheibe-See vor den Toren von Hoyerswerda. Wir haben ja auch viele junge sorbische Informatiker.

Selbstverständlich stellen unsere Vereine auch alte landwirtschaftliche Geräte aus und pflegen traditionelle Trachten. Aber Indianerstämme sind sie weiß Gott nicht und werden sie auch nie sein. Ja, wir haben Humor und nennen uns manchmal „die Indianer der Lausitz“. Schließlich ist unsere Lebensform schon rein äußerlich viel bunter als die der Nachfahren der deutschen Siedler. Aber Gott bewahre uns davor, in die Schublade „indigen“ gesteckt zu werden.

Wandernder Sprach-Leuchtturm

Die sorbische Community ist nicht im Klage-, sondern Machen-Modus: Das zeigt der weitere „Sprach-Leuchtturm“, der in Eigenregie gerade in der Region Hoyerswerda entstanden ist:

Beim Italiener in Hoywoy sorbisch über Spanien sprechen

So geht sorbisch! In der zentralen Lausitz wie auch in allen anderen Regionen. Und das Ganze ist völlig offen für kommunikationsfreudige Interessenten. In diesem Sinne: Herzlich willkommen – witajće k nam!

 

Quo vadis? Sorbisch klarmachen!

Am Freitagabend in der Crostwitzer Mehrzweckhalle „Jednota“. Die letzte – wie alle zuvor schon mehr als ausverkaufte – Vorstellung des grandiosen Schüler-Musicals „Quo vadis – dokal dźeš“ (wohin gehst du?) von 80 Schülern der sorbischen Oberschule „Michał Hórnik” Worklecy / Räckelwitz ist beendet. Begeisterter, nicht enden wollender Beifall ist verklungen, das euphorisierte Publikum steht noch grüppchenweise beeinander. Ein bezauberndes Beispiel dafür, wie drei Menschen, die von einer Idee beseelt sind, in diesem Fall die Lehrer Diana Šołćina, Beno Hojer und Syman Bjarš, eine Masse von Leuten, hier die halbe Schülerschaft, zu einer schöpferischen Spitzenleistung mitreißen.

Hamburger Jungs beim Bier in Crostwitz

Beim Bier in der Vorhalle spricht mich ein junger Journalist aus Hamburg an, also meiner Geburtsstadt. Er hat zum ersten Mal das sorbische Volk live erlebt. Zurzeit beschäftigt er sich in einem Projekt mit Miłoraz / Mühlrose. Es ist das letzte Dorf in der sächsischen Lausitz, das wegen der Braunkohle umgesiedelt werden soll. Ein Gutteil der Einwohnerschaft will weg, aber viele möchten bleiben. Was ich denn von diesem „Serbski sejm”, dem unlängst gewählten sorbische Parlament halte, möchte mein Gesprächspartner wissen.

„Nichts.“ Verblüffter Blick. Aber es müsse doch etwas getan werden, damit der Bergbau nicht weiter das Sorbische verdränge. „Das Thema Braunkohlebergbau Lausitz ist faktisch Geschichte.“ So, nun kommt die Langfassung, rauchen können wir später noch zusammen draußen in der Spätsommernacht. Also:

Mal klarmachen: Wer vertritt wen?

Gewählt haben das Gremium „Serbski sejm“ schätzungsweise zwei Prozent der Sorben. Sie mögen sich selbstverständlich davon repräsentiert fühlen. So wie ich mich auch durch die Vereine vertreten sehe, denen ich angehöre und die allesamt Mitglied im sorbischen Dachverband Domowina sind. Das ist alles völlig o.k., von einer „Repräsentanz des sorbischen Volkes“ kann jedoch objektiv keine Rede sein.

Die Domowina versteht sich seit 107 Jahren als Sprecherin sorbischer Interessen und kooperiert natürlich auch mit Gruppen, die sich fürs Sorbische engagieren, aber aus welchen Gründen auch immer dem Dachverband (noch) nicht beitreten wollen. Deshalb bin ich als „Župan”, Vorsitzender des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda, auch der Einladung des „Serbski sejm“ zu einer Veranstaltung auf „unserem“ Territorium gefolgt und habe der Alterspräsidentin Edit Pjenkowa die Hand gegeben. Denn wir fühlen uns als Domowina verantwortlich für alle Sorben.

Wegen der Kohle in die Kohle

Damit bin ich bei der Kohle. Der erste Tagebau wurde vor 121 Jahren eröffnet, in 19 Jahren soll nach dem Willen der Politik Schluss sein. Also heißt unser Thema nicht mehr Kohle, sondern Strukturwandel. Die Sorben sind „First Nation“ bzw. die autochthone Urbevölkerung. Wir verstehen uns aber nicht als indigene Opposition gegenüber einer Besatzungsmacht. Die sorbischen Bauern haben sich oft schon Jahrzehnte vor der Umsiedlung ihrer Orte selbst freiwillig in die Kohle begeben, weil die Arbeit dort viel mehr Ertrag brachte als die wenig fruchtbaren Sandböden.

Das Sorbische hat sich in jener Zeit auch in der Region um Bautzen als Alltagssprache verloren, wo es weder Kohle noch große Industrie gab. Einfach weil es als unmodern empfunden wurde. Heute ist hip, wer so eine coole schöne Sprache kann, die was ganz Besonderes ist. Das zeigt gerade das Musical, wo ja auch Jungs und Mädels aus nicht sorbischen Elternhäusern mitmachen. Und all die Kindergärten mit Sorbisch-Angebot auch im Braunkohlerevier, weil die Eltern diese „Heimatsprache“ für ihre Kinder wiederhaben wollen, die sie selbst teilweise noch von den Großeltern gehört haben, aber nicht von ihren Eltern vermittelt bekamen.

Spaß haben – und Sorbisch machen

Im Musical erklärt ein sympathischer Bursche mit der zeitgeistig üblichen Seitenrasur-Frisur auf Sorbisch, er brauche Zeit, um Mädchen klar zu machen. Eingebettet von sorbischer Pop- und Rock-Musik. Die Zukunft des Sorbischen klarzumachen ist eine genauso prickelnde Sache. Da geht es dann zum Beispiel darum, dass Leute, die Bock auf Sorbisch haben, ihre Kinder im Lausitzer Seenland kriegen, wo das Wohnen so schön billig ist – und das sogenannte sorbische Kerngebiet wie Ralbitz, Räckelwitz oder Crostwitz in Kaffeeausflug-Nähe.

So kehrt das Sorbische auch dorthin zurück, wo es auch ohne Kohle nicht mehr wäre. Dank der Kohle gibt’s aber nun diese futuristisch anmutenden Seen, wo man leben kann wie im Urlaub. Und mit den tschechischen Surfern und polnischen Familien slawisch plaudern – denn wir verstehen die Welt!

https://www.youtube.com/watch?v=AcXFaSNVR0Y

Trailer des Musicals

Hoyerswerda wird Leipzig der Lausitz – und Bautzen spielt Dresden-Rolle

Sachsen hat zurzeit die Wahl – und die Lausitz auch: das historisch verkorkste Verhältnis zwischen Bautzen und Hoyerswerda durch eine neue produktive Rollenverteilung von den Erblasten der Engstirnigkeit zu erlösen.

Das ist meine Sommer-2019-Botschaft im Župan-Blog DOM HOYWOY nebst aktuellem Stand unseres strategischen Projekt-Plans für das Leipzig der Lausitz (fürs Neue und Austausch darüber zuständig) bei allem gebotenen Respekt vor dem Dresden der Lausitz (wo das Altehrwürdige und die Verwaltung ist):

https://hoywoy.home.blog/2019/08/24/hoyerswerda-lost-bautzen-ab-leipzig-und-dresden-der-lausitz/

Region = rechts?

Ein von mir geschätzter gebürtiger Görlitzer Autor und bekannter Kolumnist der „Sächsischen Zeitung“ schrieb neulich, es gebe in Sachsen die „Religion Region“, und das gehöre zum derzeitigen gesellschaftlichen Hauptproblem dazu. Das sehe ich anders.

Historisch betrachtet sind die patriarchalisch strukturierten monotheistischen Religionen Kriegstreiber Nummer eins. Mit Vorliebe in der Neuzeit in Kombination mit der Religion Nation. Die über Region, Dialekt, Regionalsprache definierte „Heimat“ ist dagegen, wie ein früherer Chef von mir, von Beruf Dialektologe und Soziolinguist, auf der Basis der Empirie feststellte, nicht nur ungefährlich. Sie ist den Nationalisten verdächtig, weil kleinteilig.

So wurden die Regionalisten und Liebhaber der Dialekte von den Nazis verfolgt. Sie sind daher auch heute nicht das Einfallstor eines Rechtsrutsches. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Ignoranz gegenüber dem Regionalen, ja Lokalen kann zur falschen Identifikation mit dem aufgeblasenen Nationalen verführen.

Unser gesellschaftliches Schlüsselprojekt „sorbische regionale Identität der Hoyerswerdaer Gegend“ produziert zugleich Verwurzelung wie Offenheit. So heißt der Förderverein „Begegnungsstätte Zejler-Smoler-Haus“ Lohsa, ein Mitglieds-Verein der Domowina, mit einer fünfsprachigen Tafel deutsch-sorbisch-tschechisch-polnisch-englisch willkommen.

Freitagabend durfte ich vor dem Haus die neue „sorbische Liebesbank“ aus Eichenholz des Künstlers Alojs Šołta aus Säuritz mit enthüllen. Zwei Bilder vom Ereignis habe ich in der Facebook-Gruppe „Alle Hoyerswerdschen Mädels und Jungs“ veröffentlicht. In der ersten Etage des Hauses gibt es eine Sonderausstellung „Phantasien in Holz“ des Künstlers, bei dessen Schaffen der menschliche Körper im Mittelpunkt steht.

Bei der offiziellen Veranstaltungseröffnung wurde in der Einführungsrede mehr sorbisch als deutsch gesprochen, obwohl das zurzeit hier kaum jemand versteht. Doch das ist in Lohsa gute Tradition des Vereins: aus Respekt vor der Region. Wutrobny dźak Wam a dale wjele wuspěcha.

In diesem Sinne: Viel Spaß mit sinnlichen Körpern in einer friedlichen Region der Kooperation voller Liebesbänke 😊. Vielleicht ist das tatsächlich die säkulare „Religion“ der meisten Hoyerswerdschen. Gemeinsam mit allen anderen aufgeklärt Religiösen.

Sorbische Institutionen für ganze Lausitz ins Seenland!

Zur Ideenwerkstatt „Lauen-Areal, Haus der Sorben und die Sorben in Bautzen“, zu der die „Stiftung für das sorbische Volk“ für Freitagabend vor Pfingsten nach Bautzen eingeladen hatte, erklärt Marcel Braumann, Vorsitzender des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda und Teilnehmer der Veranstaltung:

Die Sorben-Stiftung ist keine Stiftung für die Sorben in Bautzen, das am südlichen Rand des sorbischen Siedlungsgebietes liegt, sondern für die gesamte Lausitz. Steuergeldfinanzierte sorbische Institutionen, deren Zielgruppe in der Ober- und Niederlausitz lebt, müssen künftig auch einen Sitz im geographischen Zentrum der sorbischen Lausitz haben, im Lausitzer Seenland.

Da nun im Zusammenhang mit der anvisierten Millionen-Investition in denkmalgeschützte Ruinen auf dem Bautzener „Lauen-Areal“ über alle möglichen dort anzusiedelnden Institutionen spekuliert wird, eine klare Ansage mit zwei Beispielen aus der Realität: Die geplante neue obersorbische Sprachschule gehört dorthin, wo Sorbisch im Alltag auf der Straße erlebbar ist, zum Beispiel in die Sprach-Hochburg Crostwitz. Die vom sorbischen Museum gewünschte Galerie für zeitgenössische Kunst gehört ins moderne Hoyerswerda. Es sei erinnert: Von 1957 bis 1971 gab es in Hoyerswerda das Museum für Sorbische Volkskunst.

Ich habe daher begonnen, in Briefen und Gesprächen bei Verantwortlichen und Interessierten in Bautzen dafür zu werben, sofort in Verhandlungen z.B. mit der Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda über verfügbare Objekte in der Seenland-Stadt einzutreten. Zugleich habe ich der sorbischen Community ein Thesenpapier „aus Gesamtlausitzer sorbischer Perspektive“ zur Neuausrichtung der Standorte ans Herz gelegt. Im Mittelpunkt steht das offizielle Hauptziel der Stiftung: die Förderung regionaler sorbischer Sprachräume.

Das sorbische Siedlungsgebiet muss auch in seinen Institutionen für die allgemeine Öffentlichkeit in der ganzen Lausitz sichtbar sein. Niemand verlangt, dass das Sorbische Institut aufs Dorf zieht, und es können gerne auch weiter sorbische Einrichtungen einen Standort in Bautzen haben, aber die Konzentration sorbischer Institutionen auf Bautzen ist veraltet und überholt. Denn damit werden u.a. die Brandenburger Sorben und die mittlere Lausitz, wo der sorbische Dachverband gegründet wurde, an den Rand gedrückt, aber auch die Potenziale der Dörfer des sorbischen Kerngebietes nicht angemessen einbezogen.

Wir stehen in den nächsten Monaten vor harten Verhandlungen. In diese müssen endlich auch die Regionalverbände der Domowina mit einbezogen werden – auf Augenhöhe und ohne Vorfestlegungen. Dass jetzt erstmals öffentlich eine Plattform gegeben war, die offenen Grundsatzfragen anzusprechen, ist immerhin schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

Nach den Wahlen in Hoyerswerda

Meine Erklärung als Domowina-Regionalvorsitzender zum Ausgang der Stadtratswahlen in Hoyerswerda (erstveröffentlicht in Facebook-Gruppe):

„Ich bin natürlich vor allem gespannt, mit welchen Menschen im Beirat für sorbische Angelegenheiten wir als Domowina-Regionalverband künftig zusammenarbeiten dürfen. Angesichts der offenkundig offenen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat setze ich mal darauf, dass letztlich das Gute in der Sache gewinnt. Oder wie neulich jemand sagte: In der Differenz entsteht Wahrheit.“