Schüler-Projekt „Spurensuche“ in der Kulturfabrik Hoyerswerda. Im Café des Gründungshauses der Domowina zunächst mit Berufsschülern den Amok-Alarm an ihrer Schule vom Vortag ausgewertet und dann über die Sprach-Verfolgung in der Nazi-Zeit gesprochen. Ich habe mich mit vier Büchern auf die Video-Aufzeichnung vorbereitet. Während der Aufzeichnung kommt noch eine Journalistin der Lokalpresse dazu.

Dass Mädchen vom Lehrer geschlagen werden, weil sie auf der Toilette heimlich miteinander sorbisch gesprochen haben, was prompt verpetzt wurde, ist schockierend genug. Die Ausweisung sorbischer Pfarrer und Lehrer ist ein historisches Faktum, das ebenso wenig dem Vergessen überlassen werden darf wie die acht „Maßnahmen zur Stärkung des Deutschtums“ von 1937, die auf die Ausrottung allen Sorbischen angelegt sind. Besonders das Buch „Die Sorben“ – Wissenswertes aus Vergangenheit und Gegenwart der sorbischen nationalen Minderheit“ von 1970 enthält viel Wissenswertes, ungeachtet der aus heutiger Sicht stellenweise befremdlichen Diktion aus realsozialistischen Zeiten.

Es ist wie die anderen Bücher aber zugleich ein ebenso erschütterndes wie ermutigendes Dokument der selbst in dunkelster Epoche unbeugsamen Selbstbehauptung der Sorben. So wurde der Lehrer Jan Měškank verhaftet und vor Gericht gestellt, weil er trotz totalen Sprachverbots durch den Staat, „vertreten durch seinen Führer Adolf Hitler“, in der Familie (!) weiter sorbisch gesprochen hat. Diese extreme Verfolgung hing auch damit zusammen, dass man „nach der Ausweisung der sorbischen Geistlichen mindestens in allen katholischen Kirchen von neuem sorbisch zu singen (begann).“

Natürlich werde ich auch nach der Rolle des sorbischen Dachverbandes Domowina in der NS-Zeit gefragt. Die Domowina war durch rege kulturelle Tätigkeit ein Bollwerk gegen die brutale Germanisierungspolitik. „Sorbische Volkstreffen wie am 15. Juli 1934 in Radibor und am 18. August 1935 in Hoyerswerda wurden zu Manifestationen des Lebenswillens des sorbischen Volkes.“ Die Domowina beugte sich dem Staatsterror nicht, blieb ihren Grundsätzen treu, wurde verboten und wirkte ohne Unterbrechung im Untergrund weiter. Deshalb konnte sie bereits unmittelbar nach Kriegsende als erste gesellschaftliche Organisation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus offiziell anerkannt werden.

Historische Vergleiche hinken immer, aber man darf schon darauf hinweisen, dass es zwischen den „Maßnahmen“ von 1937 und den kulturpolitischen Zielen einer zurzeit in unserer Gegend zunehmend erfolgreichen Partei gewisse Schnittmengen in der Fixierung auf „deutsches Brauchtum“ gibt. Und wer mit der Ansage in den Landtagswahlkampf zieht, dass „Sachsen deutsch bleiben“ soll, zeigt damit zumindest Unsensibilität gegenüber den historischen Wurzeln unserer Gesellschaft und den Verbrechen, die im Namen dieser Fokussierung begangen wurden.

Deshalb gilt gerade in Zeiten wie diesen: Wir müssen reden. Über Fakten. Zu denen gehört dann auch, dass der Rückgang des Sorbischen auch im familiären Bereich in der Hoyerswerdaer Region nach 1945 im großen Umfang stattgefunden hat. Das hat auch mit der Traumatisierung von Menschen in der Nazi-Zeit zu tun, die nach dem Motto „Man weiß ja nicht, was mal wieder kommt“ auch viel später sozusagen sicherheitshalber auf die Weitergabe der sorbischen Muttersprache an ihre Kinder verzichtet haben. Aber auch mit anderen Faktoren, vor allem mit dem zeitgeistigen Image dessen, was für modern gehalten wird und was nicht.

Sorbischer Antifaschismus: Das waren zuvörderst unerschrocken gesungene sorbische Lieder. Sorbisches Selbstbewusstsein heute in Zeiten höchst widersprüchlicher gesellschaftlicher Tendenzen zwischen Aufgeschlossenheit und Abschottung: Das ist unser sorbisches Sprechen und Schreiben im öffentlichen Raum. Wer unser Partner sein will, akzeptiert das. Man kann auch sagen, das ist unsere Geschäftsgrundlage. Keine neue übrigens, so macht das der sorbische Dachverband Domowina seit 1912, und das ist ein nicht unmaßgeblicher Grund dafür, dass es bis heute sorbisch sprechende Menschen gibt und ihre Zahl in jüngster Vergangenheit sogar in der sprachlich besonders gebeutelten Niederlausitz wieder zunimmt.

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