Sachsens Landtag sonderbar sorbisch

Es ist vollbracht: Der Sächsische Landtag hat seine sorbische Benennung – „Sakski krajny sejm“. Fast fünf Jahre später als das brandenburgische Parlament. Aber immerhin auch ebenso in gleicher Größe wie das Deutsche. Die Umstände der Erst-Begutachtung waren allerdings sonderbar bescheiden: Da wurden wenige Stunden zuvor sorbische Abgeordnete vom Landtagspräsidenten herbeitelefoniert, die sich für die Beschriftung in Sorbisch eingesetzt hatten. So traf sich der Landtagspräsident mit zwei Fraktionskollegen von der CDU und einem Abgeordneten der LINKEN im über Winter trockengelegten Bassin links unterhalb des Landtags-Neubaus. Fast schon verschwörerisch mutete der Smalltalk des Quartetts an.

Im Neubau herrscht allerdings nur an zwei Tagen des Monats Hochbetrieb, wenn Landtags-Plenarsitzungen sind. Und wie viele Leute den Schriftzug unterhalb der Terrasse vor dem Eingang, in gewisser Entfernung zur Treppe, überhaupt wahrnehmen, sei dahingestellt. Ich, allerdings zugegebenermaßen nicht räumlich sehen Könnender, war mir der Existenz des bisher einsamen deutschen Schriftzuges gar nicht bewusst.

Am Altbau, wo die Flaggen hängen und alltags praktisch der ganze Besuchsverkehr abläuft, dazu Zu- und Abgang der Mitarbeiterschaft des Hauses sowie der Abgeordneten, die nicht über die Tiefgarage kommen, ist der „Sächsische Landtag“ weiter mit sich allein. Die „Veranstaltung“, die man als braver Pressesprecher natürlich mit Handykamera festhält, erweckte so den zwiespältigen Eindruck, es gehe darum, einerseits ein uraltes Versprechen endlich einzulösen und andererseits keine Deutschnationalen zu verstören. Im nächsten Jahr ist Landtagswahl in Sachsen. Der CDU-Landtagspräsident Rößler schloss als Kultusminister die sorbische Mittelschule Crostwitz und war mal „Patriotismus-Beauftragter“ der sächsischen Union.

Foto: SLT

Wegen AfD-Gefahr Domowina zerstören?

Mit dem „Nebelschützer Appell“ rufen jetzt Anhänger eines „sorbischen Parlaments“ mit dem Argument zur Wahlbeteiligung auf, man schaffe damit eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und mache sich unabhängig von einem künftigen, für Sorben möglicherweise ungünstigen Ausgang der Wahlen.

Eine „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ (K.d.ö.R.) https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperschaft_des_%C3%B6ffentlichen_Rechts_(Deutschland)

wird vom Staat verliehen. Sie muss also ausgehandelt werden, was mit Sicherheit in weniger als zehn Monaten zwischen der Wahl des von seinen Protagonisten als „serbski sejm“ genannten Gremiums und den Landtagswahlen NICHT geschehen wird.

Es gibt auch in der Domowina Diskussionen, ob es sinnvoll wäre, wieder den Status einer K. d. ö. R. einzunehmen, den der Dachverband der sorbischen Vereine und Verbände schon mal innehatte. Damals setzte sich die Auffassung durch, dass eine staatsferne, unabhängige NGO besser als von staatlichen Hoheitsakten unabhängiger Verein existiert. Macht ist ja nicht von der Rechtsform abhängig, was man am Einfluss des ADAC, eines Vereins (!), sieht.

Zum „Erhalt des sorbischen Volkes“ tragen vor allem das Sorbischsprechen in der Familie und die Weitergabe der Sprache an die Kinder bei – da haben manche Unterzeichner des Appells Nachholbedarf. „Für eine gemeinsame Stimme aller Sorben“ trägt der Aufbau einer politischen Parallelstruktur objektiv nicht bei; dass sowas die Interessenvertretung schwächt, lässt sich bei anderen autochthonen Bevölkerungen in Europa besichtigen. Für eine Zusammenarbeit „ohne Streit“ haben die Unterzeichner Benedikt Dyrlich als Ex-Chefredakteur der „Sorbischen Zeitung“, und Marko Suchy, Ex-Stiftungsdirektor, ein jahrelanges praktisches Gegenbeispiel geliefert (Stichwort: Vorwurf der Gefährdung der Pressefreiheit durch die Stiftung bzw. falscher Berichterstattung). Soviel – mehr anekdotisch und ohne Vollständigkeitsanspruch – Anmerkungen zu den im Appell beschworenen Zielen.

Nun hat die Domowina sogar die Nazi-Zeit im Untergrund überlebt und als erste offiziell zugelassene gesellschaftliche Organisation nach dem Zweiten Weltkrieg wieder das Licht der Welt erblickt. Sie wird also auch die AfD überstehen, zu der das Präsidium der Domowina schon vor Jahr und Tag Unvereinbarkeit festgestellt hat.

Dass die „Sejm“-Bewegung aber ausgerechnet jetzt die Domowina ungeachtet ihrer antifaschistischen Vergangenheit zum reinen „Kulturverein“ herabstufen will, finde ich befremdlich.

Apel za Serbski sejm_181006.pdf

Petra Köpping – was will sie eigentlich?

Seit der „vielbeachteten Rede“, die Sachsens Gleichstellungs- und Integrationsministerin Petra Köpping laut ihrer Pressestelle vor zwei Jahren in Leipzig gehalten hat, frage ich mich: Was will sie eigentlich? In der Hoffnung auf Antwort las ich jetzt ihr Buch „Integriert doch erst mal uns!“. Der Titel zitiert die Aussage eines „asylkritischen“ Ostdeutschen, der sich im Vergleich zu Geflüchteten vom Staat vernachlässigt sieht.

Ihr roter Faden ist der Kampf gegen „Kränkungen“, zum Beispiel durch Benachteiligung gegenüber vergleichbaren Berufsgruppen bei der Rente. Materiell ist der Effekt ihrer zweijährigen Kampagne gleich null, denn die Kann-Regelung der „Großen“ Koalition heißt eventuell Härtefallregelung für Menschen, die in Altersgrundsicherung gelandet sind – doch hier geht es nicht um absolute Armut, sondern relative Ungerechtigkeit. Das erstere wird erst zukünftig in Massen kommen, wenn das Drittel ostdeutscher Beschäftigter in Rente geht, das so wenig bekommen wird, als hätten sie nie gearbeitet.

Die Basis des Buches ist der Mythos, „niemand“ habe denen zugehört, die durch Treuhand-Entscheidungen Anfang der neunziger Jahre ihrer Arbeitsexistenz beraubt wurden bzw. gemessen an ihrer Qualifikation degradiert worden sind. Dass die PDS allein in Sachsen zwischen 1990 und 2004 von zehn auf 24 Prozent stieg, während die SPD chronisch niederging, legt auch Zeugnis von Zuhörerqualitäten ab. Ich selbst habe als Reporter des „Neuen Deutschland“ vor allem zwischen 1992 und 1994 ständig Menschen zugehört, deren Betrieb ins Aus geschickt wurde, ob Frauen in der Textilproduktion oder in der Weißenfelser Schuhfabrik „Banner des Friedens“. Oder den trotz wissenschaftlicher Reputation abgewickelten Professoren oder dem als „Satan in Weiß“ öffentlich beschimpften und später rehabilitiertem früheren Arzt des damaligen sächsischen Innenministers. Das ND hatte noch eine Viertelmillion Leser, Erwähnung bescherte Anteilnahme.

Frau Köpping, die beschreibt, warum sie im Frühsommer 1989 aus der SED ausgetreten ist (weil die nicht auf ihre Frage geantwortet habe, was jetzt in der Kita ihres Kindes passiert, nachdem einige Erzieherinnen gen Westen geflüchtet waren), ohne uns zu verraten, warum sie mal eingetreten war, zollt der Linkspartei zwar Respekt für ihr Eintreten gegen Unrecht im Osten. Aber zu politisch möchte sie es nicht haben – keine Enquete-Kommission Treuhand-Unrecht, das würde nur polarisieren. Keine Schuldzuweisungen, aber „Wahrheitskommissionen“. Die funktionierten in Südafrika, weil sie als Alternative zu gerichtlicher Aufarbeitung das öffentliche Bekenntnis anboten. Warum sollten dazu Ex-Manager bereit sein, die ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben und nicht belangt werden können?

Die Menschen, denen ich jahrelang zuhörte, waren im Durchschnitt Mitte vierzig. Sie sind jetzt die Generation 70+. Ihr Leben lässt sich nicht mehr rückwirkend integrieren. Im Übrigen muss Frau Köpping mal klären, ob die Differenzierung in Ost und West nun schlecht oder ob es gut ist, wenn jemand bewusst Ossi sein will. Denn beide Sichtweisen bedient sie in ihrem Buch, in dem ohnehin offenbar recht großzügig mit Textbausteinen und dabei auch mal mit widersprüchlichen Jahreszahlen gearbeitet wird. Man merkt, es musste schnell gehen. Das hat zumindest den Vorteil, dass sich das Buch schnell liest …

Das ganze garniert mit fast zweihundert Fußnoten, wobei zwei, drei passende Wissenschaftler so häufig zitiert werden, als seien sie fast schon Koautoren. Mit geradezu kindlicher Freude berichtet die Autorin, wie nun dank ihrer Vortragstätigkeit auch eine Gruppe bayerischer Rentner Kenntnis von vergangenen Vorgängen im fernen Osten genommen haben, die sich bisher – was kaum verwundert – außerhalb ihres Wahrnehmungsradius befunden haben.

Der „Tagesspiegel“ kürt die Ministerin in der Buchrezension zur „Seelsorgerin“. Gemessen an der Politik-Definition eines früheren sächsischen Spitzenpolitikers – Gesetze machen und Geld verteilen – handelt es sich um eher therapeutische Aufgaben. Will sie das? Sie will, dass die Leute mehr Geschichts-Werkstätten gründen. Sie zitiert wiederholt Martin Dulig, weil der gerade SPD-Ostbeauftragter ist. Sie könnte auch Rico Gebhardt zitieren, der schon ein paar Jahre zuvor im Erzgebirge feststellte, dass Menschen, die sich selbst in ihrer Heimat entwurzelt sehen, damit schwerer tun, andere mit offenen Armen aufzunehmen.

Das Buch soll, dazu bekennt sich die Autorin unverhohlen, ein Rezept anbieten, damit künftig nicht mehr 42 Prozent der Menschen in einem Ort AfD wählen, weil dort vor einem Vierteljahrhundert ein Großbetrieb unter dubiosen Umständen zerlegt wurde und viele Menschen um ihr berufliches Lebenswerk gebracht wurden. In meinem Wohnumfeld sind es 49 Prozent – ohne einen vergleichbaren „Grund“. Was ist, wenn diese Form des „Verstehens“ den vermeintlichen Grund zur Legitimation verfestigt?

Die praktische Beseitigung einiger Unrechtstatbestände wäre unabhängig von solch therapeutischen Bemühungen möglich – wenn auch die SPD im Bundestag aufhören würde, entsprechende Anträge der LINKEN abzulehnen, siehe Rente der Bergleute in der Braunkohleveredelung.

Parlament ohne Volk

Beim Infoabend der Initiative für ein sorbisches Parlament am Montagabend in der heimlichen Hauptstadt des Obersorbischen, in Crostwitz, konnte man laut Aussage im sorbischen Rundfunk des MDR die Interessenten aus der ortsansässigen Bevölkerung an fünf Fingern abzählen.

In der Region, wo alle Generationen im Alltag sorbisch miteinander reden und über 90 Prozent aller in Sachsen sorbisch sprechenden Menschen zu Hause sind, hat man mit Befremden zur Kenntnis genommen, dass an vorderster Front Leute mit dem „serbski sejm“ das Sorbische retten wollen, die mit ihren Kindern lieber deutsch gesprochen haben. So berichtet es auch die Sorbische Zeitung über besagte Veranstaltung.

Sieben Jahre hat die Initiativgruppe vergeblich versucht, das sorbische Volk zu einem eigenen Parlament zu überreden. Nachdem sie damit gescheitert ist, sucht sie sich nun ein anderes Volk aus denen, die sich irgendwo auf der Welt irgendwie mit den Sorben verbunden fühlen, egal ob sie sorbisch können oder verstehen. Diese Menschen sollen künftig das politische Schicksal des sorbischen Volkes bestimmen, egal ob es will oder nicht.

Denn das eigentliche sorbische Volk sei leider nicht auf der Höhe der Zeit. Stimmt 😉, es hat nur halb so oft AfD gewählt wie die deutschen Nachbarn, hat doppelt so viele Kinder – und spricht mit denen auch noch ohne staatliche Anleitung in der Muttersprache. Und auf der Straße grüßt man nicht „Hallo“, sondern „Budź chwaleny Jězus Chryst“ (Gelobt sei Jesus Christus).

Die sorbische Zivilgesellschaft, deren freiwillig und basisdemokratisch gebildeter, überparteilicher und überkonfessioneller Dachverband seit 106 Jahren die Domowina ist, hat schon zahlreiche politische Systeme überlebt. Das sorbische Volk gibt es seit anderthalbtausend Jahren. Deshalb muss auch die Domowina nicht das letzte Wort in der Geschichte sorbischer Selbstorganisation und Selbstvertretung sein.

Aber dieser „sejm“, der ohne jede Rechts- und Finanzgrundlage als Phantasiegebilde in die Welt gesetzt werden soll, kann nur einen Effekt haben: bestehende Vertretung sorbischer Interessen schwächen, ohne etwas funktionierendes Neues zu schaffen. Deshalb ist jede Stimme für den Sejm eine Stimme gegen die souveräne Selbstbestimmung der großen Mehrheit der Menschen, die zurzeit das Sorbische tragen.

Natürlich steht es jedem frei, vom großen Knall der Revolution durch einen „Sejm“ zu träumen, der schlagartig alle Fragen beantworten wird, auf die die Initiative keine Antwort zu geben vermag. Und das sind fast alle Fragen. Zudem beweist dies nur, dass es ein Parlament ohne Volk ist – denn in den sorbischen Dörfern pflegt man Prozessionen, aber nicht Revolutionen 😎.

Auch aus tiefer historischer Weisheit: Alle slawischen Völker auf dem Gebiet des heutigen Ost- und Norddeutschland, die sich den Nachbarn entwinden wollten, sind leider schon vor tausend Jahren untergegangen. Die aktuellen Sejm-Anknüfungspunkte sind ebenso völlig unpassend für die Lausitz: Die Samen definieren sich genealogisch, deshalb kann man wissen, wie viele es sind, und haben die Rentiere als Identitätsstütze. Das Sorbische reproduziert sich durch Sprache und Kultur, die „sorbische Erde“ spielt nur eine mittelbare Rolle.

Als Vorsitzender des Bildungsausschusses und Mitglied des Präsidiums der Domowina habe ich auch meine strukturellen Unzufriedenheiten. Ich habe allerdings gelernt, dass die Stärkung der Einzelnen im Bauen sorbischer Sprachräume, gerade auch an den Schulen, uns weiter bringt als die x-te Strukturdebatte.

Der Sinn und Zweck der sorbischen Community ist ja nicht, dass wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen. Sondern das gemeinsame bessere Leben. Selbstverständlich bin ich bereit, weitere sieben mal sieben Jahre über den Sejm zu diskutieren. Ich habe mich dabei in der Vergangenheit auch persönlich eingebracht. Gleichwohl halte ich Vergeudung von Lebenszeit nicht für eine prickelnde Vision 😊.

#SachsenTrump und #SachsenOrbán : Gefährliche Kommunikation

Wir Pressesprecher stehen ja im Verruf, die Langeweile in die politische Berichterstattung zu bringen. Weil wir die Medien um die schärfsten Zitate bringen, die wir unseren Chefs ausgeredet haben. Die Wirklichkeit ist komplexer (weil die Beziehung Sprecher/Chef wechselseitig, wenn nicht gar symbiotisch ist), aber ein Körnchen Wahrheit liegt natürlich auch in dieser Legende.

Nun haben wir in Sachsen gleich zwei Spitzenpolitiker der stärksten Partei, denen auch die besten Pressesprecher der Welt nicht mehr helfen können. Denn die beiden haben sich für die Existenz als freies Radikal entschieden. Oder mit den Worten der Mythologie: Sie folgen den postmodernen Predigern der bedingungslosen angeblichen Authentizität. Und schreiben bzw. reden, was in ihnen ist.

Das scheint nicht falsch sein zu können, macht es nicht der vermeintlich mächtigste Mann der Welt auch so. Trump und Twitter – da passt keine Pressestelle dazwischen. Es steht ja sowieso kurz darauf in jeder Zeitung, was der Herr getweetet hat. Also macht es der neue #SachsenTrump Kreeetschmer auch. Und fakte die News, am #dd1608 seien die Einzigen, die sich „seriös“ verhalten, die Polizisten gewesen.

Damit hat er den Hype mit dem bitterbösen Hashtag #Pegizei selbst befeuert, denn wenn ein Minister(!)präsident(!!) die dreiviertelstündige Behinderung der Arbeit eines Fernsehteams bei einer Pegida-Demo vorm Landtag derart realitätsentrückt in die Tonne der Nichtbeachtung zu treten versucht, provoziert er logischerweise den polemischen Kampf um die Respektierung der Fakten. Der kann nicht mehr ausgewogen sein, nachdem Sachsens Freistaats-Chef jegliches Gleichgewicht zertrümmert hat.

Nun könnte man ja sagen: Herrgott, der arme Mann hat halt im Eifer des Gefechts mal daneben gegriffen. So wie womöglich diese gelernte Blockflöte Kupfer an der Spitze der CDU-Fraktion, die den plötzlichen schrillen Ton als Markenzeichen trägt. Dieser Kupfer sprach schon unter Tillich, als der sich zum vernachlässigten Kampf gegen Rechtsextremismus in Sachsen bekannt hatte, anschließend im Landtag lieber über Muslime und Schweinefleisch. Und jetzt, da das öffentlich-rechtliche Fernsehen über die polizeiliche Außerkraftsetzung der Pressefreiheit berichtete, stellte er bei Facebook das Gebührenzahlen in Frage. #SachsenOrbán eben, schließlich huldigte er dem Ungarn-Boss schon öffentlich.

Tatsache aber ist: Die beiden sind so. Der besagte Tweet ist typisch Kretschmer, so kommuniziert er bei jedem Bürgergespräch: Irgendwie das von sich geben, was eine gemutmaßte Mehrheit empfindet. Das ist übrigens der Kulturbruch gegenüber dem bisherigen System, dem die klassischen Pressesprecher dienen: Da geht es darum, für die eigenen Argumente eine Mehrheit zu gewinnen, also zu überzeugen.

Auch der #SachsenOrbán tickt so wie #SachsenTrump und sagte schlicht, dass die Sachsen „skeptisch vor dem Fremden“ seien. „Das ist aber auch ihr gutes Recht.“ So sprach er im Parlament, und so steht es seit Herbst 2016 auch in einer Pressemitteilung der CDU-Fraktion in anderem Zusammenhang: https://www.cdu-fraktion-sachsen.de/aktuell/pressemitteilungen/meldung/kupfer-sachsen-sind-konservativ-das-ist-ihr-gutes-recht.html.

Mal davon abgesehen, dass „skeptisch vor“ grammatikalisch gewöhnungsbedürftig und die von Kupfer beschworene riskante „Flüchtlingswelle“ in der sächsischen Provinz schwer wahrnehmbar ist, bleibt festzustellen: #SachsenTrump und #SachsenOrbán eint mit den AfD-Stammtischen die Parole: „Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen.“ Das Ergebnis ist leider ein „gefährliches Klima“ (Süddeutsche Zeitung) https://www.sueddeutsche.de/medien/pressefreiheit-kretschmers-verhalten-foerdert-ein-gefaehrliches-klima-1.4100264: „Medienvertreter werden in Sachsen überdurchschnittlich oft Opfer politisch motivierter Attacken.“

Pressesprecher in der Politik, die im Regelfall vor ihrem derzeitigen Job als Journalisten gearbeitet haben, pflegen natürlich (meistens) kein Klima, das den Berichterstattern das Leben erschwert. Schließlich sehen sie sich in einer Art symbiotischer Beziehung mit den Medien. Die freien Radikale unter den Politikern, die sich vom Pressesprecherwesen befreit haben, sprengen den Rahmen der moderierten und daher moderateren Kommunikation, in der die kalkulierte Provokation ein Stilmittel, aber kein Holzhammer ist.

Das macht das Ganze scheinbar spannender. Aber eben auch gefährlich.

Kretschmers sinnfreier Sommer

Sommerfest der Dresdner Neuesten Nachrichten auf Schloss Albrechtsberg: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) darf nach dem Chefredakteur auch noch was sagen. Und so erfahren wir, dass die Staatsregierung ein 1,7 Milliarden Euro teures Bildungspaket geschnürt habe, damit die Menschen auch morgen noch Zeitung lesen können. Der Zusammenhang ist selbstverständlich völlig sinnfrei, denn die Krise des gedruckten Wortes hat mit vielem zu tun, aber definitiv nichts mit dem Problem der sächsischen CDU, durch ein aberwitzig teures Verbeamtungsprogramm den Personalnotstand zu lindern, der unmittelbare Folge der amtlichen Vertreibung junger Lehrkräfte aus Sachsen ist, die man nicht zu brauchen meinte.

Lesen und schreiben konnte meine Oma perfekt, die acht Jahre in eine Dorf-Volksschule ging, in der alle Jahrgänge unter Obhut eines Lehrers in einem Raum hockten. Zeitung gelesen hat sie bis ans Lebensende mit 93. Ihre handgeschriebenen Briefe hatten Hand und Fuß. Das unterscheidet sie von den Sommerfest-Reden und „Sachsen-Gesprächen“ von Herrn Kretschmer, die ihren Ausgang in ein paar Notizen auf einem zusammengefalteten Zettel nehmen und dann gesellig-nett dorthin fliegen, wo der Ministerpräsident als Redner und Gesprächspartner die Herzen der Leute um sich herum vermutet.

Da sich der mediale Mainstream mit der Staatskanzlei darin einig ist, dass Reden alles und Fakten nichts sind, kann Herr Kretschmer dann auf die Frage der „Sächsischen Zeitung“, ob er, der Seehofer-Unterstützer, wieder Schlagbäume wolle, etwas davon dahinreden, die Bundespolizisten wollten endlich wieder eingreifen. Dass sie das ständig tun und seit Jahresbeginn tausend Grenzübertritte unterbunden haben, wie in der „Leipziger Volkszeitung“ nachzulesen war, spielt im Interview ebenso keine Rolle wie der Umstand, dass das Grenzendichtmachen ja beantwortet würde (Tschechien hat das schon angekündigt, und Polen führte erst unlängst Grenzkontrollen mit nachhaltigem Stau-Effekt durch) und dann die LKW von Görlitz bis Bautzen stünden.

Deshalb verlangte Linksfraktionschef Rico Gebhardt – in der Grenzen-Frage einig mit dem nordrhein-westfälischen CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet – eine Erklärung Kretschmers vor dem Landtag über die Folgen seiner Position im „Grenzen-Streit“ für das ehemalige Grenzland Sachsen. Ob das Zeitungsleute wie den oben genannten Chefredakteur interessiert, der in seiner Vorrede vor dem Ministerpräsidenten als Folge der jüngsten Umfrage nach der nächsten Landtagswahl eine Alternative von AfD-tolerierter CDU und einem CDU-Bündnis mit SPD, FDP und GRÜNEN sah, aber die gerade demoskopisch bestärkte Oppositionsführerin DIE LINKE nicht zu erwähnen vermochte, sei dahingestellt. Und wird infolge gesunkener Auflagen immer weniger relevant.

Das größte orakelpolitische Kunststück vollbrachte aber DIE ZEIT in ihrer Sachsen-Filiale: Zunächst jubelte sie die ostdeutsche Sozialdemokratie nebst dem sächsischen Vize-Ministerpräsidenten Martin Dulig als etwas unglaublich Innovatives hoch. Dann huldigte sie Kretschmer und verdrosch DIE LINKE, ohne mit deren Spitzenpersonal hier je die Kommunikation gesucht zu haben, weil sie Kretschmer (der auf einer CDU-Funktionärs-Konferenz im letzten Herbst bekanntlich das „Original der AfD“ zu sein wünschte) des Rechtskurses bezichtigte. Und nun, diese Woche, ist laut ZEIT, die SPD bei uns nur eine „Randpartei“ und das Vernünftigste wäre eine Koalition von CDU und LINKE. Was sich umso leichter schreibt, wenn man vorherige Nachfragen dazu bei den Verantwortlichen dieser Parteien vermeidet.

Noch Fragen? Eine Woche zuvor verkündete ein anderer ZEIT-Autor auf einer Doppelseite die Implosion der politischen „Mitte“, weil ihre opportunistischen Antworten von der Radikalität der Probleme – von der sozialen Spaltung bis zum Insektensterben – verschlungen würden. – Dafür steht beispielhaft Kretschmer. Das Spezielle der vermeintlichen „Mitte“ in Sachsen aber ist, dass sie sich danach sehnt, wenn sie denn schon untergehen muss, bitteschön von rechts beerbt zu werden, aber auf keinen Fall von links.

Am Ende aber siegt im Regelfall das Paradoxe. Der erste Außenminister einer ursprünglich pazifistischen Partei führte Deutschland vor knapp zwei Jahrzehnten auf dem Balkan in die erste Kriegsbeteiligung nach Ende des zweiten Weltkriegs – und am Ende werden es die laut aktueller ZEIT-Schreibtisch-Diagnose „politisch krawalliger denn je“ ausgerichteten Sachsen ganz anders kommen lassen, als sich das die rechts blinkenden Mittigen gerade fantasieren.

Das Beste ist und bleibt souveräne (Selbst-)Ironie: Als ein Wolkenbruch die Gäste des Sommerfestes vom Garten ins Schloss trieb, ließ Chefredakteur Dirk Birgel launig das Wetter von der „Sächsischen Zeitung“ präsentieren, während er den Sonnenschein am Ende des offiziellen Teils den „DNN“ zurechnete. Danke für den Abend! Ich traf gute Kollegen anderer Parteien und „unsere“ Katja Kipping. Und mein Schüler-Praktikant aus der sorbischen Lausitz hatte so eine schöne Abschiedsfete zum Abschluss seines zweiwöchigen Praktikums. Ihm gebührt die letzte Frage hier, die er beim Verlassen des Schlosses mit Blick auf Limousinen und Chauffeure stellte: „Und die armen Fahrer, müssen die immer stundenlang rum sitzen und warten?“

BAMF Bremen? Chemnitz!

Als die Enthüllungen zu BAMF Bremen noch ein kleines bisschen solche waren und nicht nur das massenhafte mediale Wiederkäuen einer Empörungslawine, erfuhren wir: Eine leitende Mitarbeiterin habe kurdischen Jesiden aus Syrien, deren Asyl-Anerkennungsquote sowieso allgemein in Deutschland bei 92 Prozent liege, auf eine zu unbürokratische Art und Weise zu ihren Bescheiden verholfen. Inzwischen wird nur noch darüber berichtet, es sei zu Tausenden „widerrechtlicher“ Anerkennungen gekommen, wobei sich niemand für die Frage zu interessieren scheint, wie viele der betroffenen Flüchtlinge auch auf rechtlich exakt beschrittenem Wege ihre Anerkennung erhalten hätten.

Ich bin natürlich durch das BAMF Chemnitz vorbelastet, wo man – so meine Wahrnehmung in zahlreichen „Fällen“ und durch Berichte anderer aus weiteren „Fällen“ – das Gegenstück zur Bremer mutmaßlichen „asylfreundlichen“ Gewährung praktiziert. Niemand der Mitarbeiter hier, die Verfahren mit nervtötender, im Regelfall unfreundlicher und zugleich informationsabwehrender Langsamkeit betrieben haben, hat vermutlich je jemals Schwierigkeiten bekommen. Die hatten nur Geflüchtete und wir Begleiter, wegen verpasster Sprachkurse und so. Wenn schon Bundestags-Untersuchungsausschuss, dann will ich die Praxis in allen BAMF-Außenstellen, auch in den „asylfeindlichen“, untersucht haben.

Hanseaten und Waldslawen

Was verbindet Hamburgs Abriss und Aufbau des „Deutschlandhauses“, aus Sicht des Denkmalschutzes ein saloppes Sakrileg

https://www.zeit.de/2018/20/deutschlandhaus-gaensemarkt-neubauplaene-denkmalschutz-hamburg,

mit der „heiligen Gegenwart“ im Lebensgefühl des vor über tausend Jahren geraubten Sorbenmädchens Sudička, https://www.salomo-publishing.de/dieter-kalka-sudicka/, über die der Autor so anrührend schreibt, als wäre es gerade passiert?

So wie die Waldslawen kein Interesse an Vergangenheit und Zukunft hatten – die eine war zu mythischen Erzählungen geronnen, die andere wurde den Orakeln überlassen –, baut der Hanseat Neues, statt Altes zu konservieren. Auch die Waldslawen ersetzen verlotterte Hütten durch neue. Vergangene Generationen leben nicht in starren Holzplanken oder kalten Steinen fort, sondern in den lebendigen Regungen der Heutigen, die nicht wären, ohne die Existenz der Früheren.

99 Prozent der Menschheitsgeschichte sind geschichtsloses Sammler- und Jägerwesen, ein paar Zeichen und Spuren alles, was uns die überwältigende Mehrheit der Menschheits-Generationen hinterlassen hat. Vor zehntausend Jahren schlugen die ersten Menschen einen anderen Entwicklungspfad ein, die Slawen bewahrten sich ihre Wald-Seligkeit länger als die Franken, „der Westen“. Heute sind noch ein paar Buschleute und andere abgelegene Häuflein in den warmen Gefilden der Erde in der wirklich „guten alten Zeit“ verblieben, inzwischen streng geschützt, damit ihre archaische Kultur vielleicht noch in einigen Generationen den Milliarden Gefangenen der Geschichte präsent ist.

Wir machen einen Riesenaufwand um die zehn Prozent sorbischer Geschichte, die reich dokumentiert sind, und erklären jeden zum Verräter, der die Helden des 19. Jahrhunderts nicht im Schlaf einschließlich ihrer wichtigsten Werke herunterbeten kann. Zugleich schütten wir die Archive mit zeitgenössischem Material zu, das bitte auch jeder wissen möge, der auf der Höhe der Zeit zu sein vorgibt.

Entspannt euch! Bevor das slawische Leben durch Waffen, Kriege, Könige, christliches Dogma und das Diktat der Pfarrer und Lehrer seiner herrschaftsfreien Lust am Dasein entrissen wurde, war die Lausitz auch schon lange menschlich. Ohne die Anmaßung eines Kalenders voller Jubiläen, Ehrungen und sonstiger kollektiver Zwangsveranstaltungen, die sich im Vakuum breitmachen, das die Verdrängung und Verflüchtigung des wohl wahren Lebens hinterlassen hat. Das von Bären bedroht war und am Ende des Winters auf der Kippe stand.

Selig sind meine Syrer, die selbst ihre Geburtstage nicht wahrhaben, weil ihr Leben keine vorprogrammierten Termine braucht. Sie erinnern uns daran, dass auch die Wald- und Wasserslawen aus Sudičkas Zeit von der Tretmühle, wie wir sie kennen, weit entfernt waren. Dass in jenem Buch Ahmad, ein Araber, eine wichtige Brückenfunktion spielt, lässt damaliges und heutiges spielerisch vermischen.

Gewidmet sei dieser Post unzähligen unbekannten Sorbinnen und Sorben, deren literarisch unverarbeiteter Beischlaf ungeschriebene Genealogien hinterließ, ehe die kurze „Geschichte“-Epoche hereinbrach, von der wir uns gerade im Dschungel des globalen Wechselwirkungs-Dickichts mit unerfassbaren Datenfluten (die größten Archive der Welt haben gerade vor Twitter kapituliert) Schritt für Schritt verabschieden. Ins hanseatisch-slawische Hier und Jetzt. Und mit mehr Komfort als vor tausend Jahren. Sudička – freue dich!

#Marx200 #Jesus2000

Würde man erforschen, wie viel diejenigen, die Marx gerade besonders viel Verehrung oder Verachtung zollen, eigentlich von ihm gelesen haben, käme man vermutlich zu lustigen, wenig überraschenden Ergebnissen. Schließlich ist auch die Zahl derer, die das Neue Testament durchgelesen haben, überschaubar, während fast jeder zu sagen vermag, wer dieser Jesus war.

Der Prophet der Nächsten- und Feindesliebe auf der einen und der Prophet der sozialen Gleichheit auf der anderen Seite passen bestens zusammen: Sie sind direkt benachbarte Projektionsflächen existenzieller Menschheitshoffnungen. Deshalb arbeiten die meisten derer, die auch nur einen Zipfel der Macht des gegenwärtigen Establishments in Händen halten, daran zu behaupten, dass die beiden unvereinbar seien oder gar der eine nach zwei Jahrtausenden noch sehr lebendig und der andere zweihundert Jahre nach seiner Geburt mausetot sei. So gerade erst wieder ein provinzieller CDU-Landtagsabgeordneter, der bisher mehr als Anpassungskünstler denn als Leistungsträger aufgefallen ist.

Nun wissen wir ja aus Jesu Zeit, dass die Schriftgelehrten das größte Problem waren, und so ist es auch bei Marx. Selig sind die geistlich Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich; glücklich werden nur die ideologischen Analphabeten, denn sie wissen, wie echtes Miteinander machbar ist. Also bitte weder „bibelfest“ noch „Marxist“ .

Ich mag keine Grenzen

Zu einer aktuellen innerlinken Debatte

http://blog.wawzyniak.de/diskursverschiebung-nach-rechts/

https://www.die-linke.de/fileadmin/download/debatte/einwanderungsgesetz/thesenpapier_linke_einwanderungspolitik.pdf

erlaube ich mir, meinen Lausitzer Senf dazuzugeben.

Das von Halina kritisierte Papier ist mir arg etatistisch – es gibt eben keine fixe Zahl x von Arbeitsplätzen, um die y Einheimische konkurrieren, und dann kommen z Leute aus der weiten Welt und drücken den Tarif. Wäre das so, müsste unser Ostsachsen mit Fachkräftemangel auf der einen und wenig Migrations-„Konkurrenz“ deutschlandweiter Hochlohn-Spitzenreiter sein. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich finde nicht, dass „Grenze“ ein positiver linker Gestaltungsansatz ist. Wir wären hier in der Lausitz der Arsch der Welt, lägen wir noch an der „Ostgrenze“. So fahren wir in der Wahlheimat meiner Eltern in Görlitz über die Neiße, sind unbehelligt in Polen und unterwegs plötzlich in Tschechien, ohne es zu merken, weil wir die unscheinbare Markierung zwischen den Staaten nicht mitbekommen haben. Wenn wir das Europa der Regionen als Gesellschaft nach dem Nationalismus wollen, dann sollte diese erreichte Grenzenlosigkeit nicht in Frage gestellt werden.

Ehrlich gesagt habe ich mich noch nie lange damit aufgehalten durchzuanalysieren, wer von den Menschen aus Syrien / Irak, mit denen ich seit dreieinhalb Jahren persönlich befreundet bin, mit wie viel Prozentsatz „Kriegsflüchtling“ oder „Arbeitsmigrant“ ist. Das BAMF macht das und macht aus dem einen den „anerkannten“ und aus dem anderen einen „subsidiären“. Für mich sind das „Perspektivflüchtlinge“, die uns als Land der Hoffnung sehen. Wie im Übrigen auch viele junge Leute aus EU-Staaten Südeuropas, die das Gros der „Arbeitsmigranten“ stellen.

Die These, dass es gerade die Unterprivilegierten sind, die sich am meisten von Migration bedroht sehen, deckt sich in unserer Region nicht mit meinen Erfahrungen. Schaut euch an, wo die AfD hier ihre absoluten Hochburgen hat, das ist nicht da, wo der ungelernte Produktionshelfer in der unsanierten Platte wohnt.

Ich selbst würde das Papier nicht unter dem Aspekt „Rechtsverschiebung“ diskutieren. Es geht aus meiner Sicht eher um die Frage: Wie libertär und wie regulatorisch ist eine Linke, die nicht nur eine ein bisschen mehr linksgedrehte Sozialdemokratie, sondern etwas Eigenes sein will. Trauen wir der Gesellschaft selbst sozialen Mut zu und fördern diesen? Oder wollen wir die Ängste einhegen? Darüber lohnt es sich zu streiten.

Als „Hardcore-Realo“, dem jegliche Sozialromantik abgeht, möchte ich aus meiner kleinen unmaßgeblichen Realität zwei Beispiele beisteuern: Da gibt es den jungen Mann, der als erwachsener Analphabet gekommen ist, längst einen unbefristeten Arbeitsvertrag hat und – ohne einen Tag formalisierte Ausbildung – vom Chef seines Handwerksbetriebs öffentlich als „Fachkraft“ gehandelt wird. Und in der Belegschaft als eine der Stützen des Unternehmens mit positivem Effekt für alle Arbeitsplätze ebendort akzeptiert ist. Der zweite, ebenfalls sogenannter Ungelernter, arbeitet wie er sozialversicherungspflichtig Vollzeit, allerdings in einem Großbetrieb, und zieht auch zusammen mit einem deutschen Kumpel, der mal Förderschüler war und mit ihm am Band steht, in der Freizeit um die Häuser und in die Shisha-Bar.

Es mag ja sein, dass so was nicht überall die Regel ist. Aber sollte unsere Leidenschaft nicht darauf gerichtet sein, dass dies die Regel wird?