Quo vadis? Sorbisch klarmachen!

Am Freitagabend in der Crostwitzer Mehrzweckhalle „Jednota“. Die letzte – wie alle zuvor schon mehr als ausverkaufte – Vorstellung des grandiosen Schüler-Musicals „Quo vadis – dokal dźeš“ (wohin gehst du?) von 80 Schülern der sorbischen Oberschule „Michał Hórnik” Worklecy / Räckelwitz ist beendet. Begeisterter, nicht enden wollender Beifall ist verklungen, das euphorisierte Publikum steht noch grüppchenweise beeinander. Ein bezauberndes Beispiel dafür, wie drei Menschen, die von einer Idee beseelt sind, in diesem Fall die Lehrer Diana Šołćina, Beno Hojer und Syman Bjarš, eine Masse von Leuten, hier die halbe Schülerschaft, zu einer schöpferischen Spitzenleistung mitreißen.

Hamburger Jungs beim Bier in Crostwitz

Beim Bier in der Vorhalle spricht mich ein junger Journalist aus Hamburg an, also meiner Geburtsstadt. Er hat zum ersten Mal das sorbische Volk live erlebt. Zurzeit beschäftigt er sich in einem Projekt mit Miłoraz / Mühlrose. Es ist das letzte Dorf in der sächsischen Lausitz, das wegen der Braunkohle umgesiedelt werden soll. Ein Gutteil der Einwohnerschaft will weg, aber viele möchten bleiben. Was ich denn von diesem „Serbski sejm”, dem unlängst gewählten sorbische Parlament halte, möchte mein Gesprächspartner wissen.

„Nichts.“ Verblüffter Blick. Aber es müsse doch etwas getan werden, damit der Bergbau nicht weiter das Sorbische verdränge. „Das Thema Braunkohlebergbau Lausitz ist faktisch Geschichte.“ So, nun kommt die Langfassung, rauchen können wir später noch zusammen draußen in der Spätsommernacht. Also:

Mal klarmachen: Wer vertritt wen?

Gewählt haben das Gremium „Serbski sejm“ schätzungsweise zwei Prozent der Sorben. Sie mögen sich selbstverständlich davon repräsentiert fühlen. So wie ich mich auch durch die Vereine vertreten sehe, denen ich angehöre und die allesamt Mitglied im sorbischen Dachverband Domowina sind. Das ist alles völlig o.k., von einer „Repräsentanz des sorbischen Volkes“ kann jedoch objektiv keine Rede sein.

Die Domowina versteht sich seit 107 Jahren als Sprecherin sorbischer Interessen und kooperiert natürlich auch mit Gruppen, die sich fürs Sorbische engagieren, aber aus welchen Gründen auch immer dem Dachverband (noch) nicht beitreten wollen. Deshalb bin ich als „Župan”, Vorsitzender des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda, auch der Einladung des „Serbski sejm“ zu einer Veranstaltung auf „unserem“ Territorium gefolgt und habe der Alterspräsidentin Edit Pjenkowa die Hand gegeben. Denn wir fühlen uns als Domowina verantwortlich für alle Sorben.

Wegen der Kohle in die Kohle

Damit bin ich bei der Kohle. Der erste Tagebau wurde vor 121 Jahren eröffnet, in 19 Jahren soll nach dem Willen der Politik Schluss sein. Also heißt unser Thema nicht mehr Kohle, sondern Strukturwandel. Die Sorben sind „First Nation“ bzw. die autochthone Urbevölkerung. Wir verstehen uns aber nicht als indigene Opposition gegenüber einer Besatzungsmacht. Die sorbischen Bauern haben sich oft schon Jahrzehnte vor der Umsiedlung ihrer Orte selbst freiwillig in die Kohle begeben, weil die Arbeit dort viel mehr Ertrag brachte als die wenig fruchtbaren Sandböden.

Das Sorbische hat sich in jener Zeit auch in der Region um Bautzen als Alltagssprache verloren, wo es weder Kohle noch große Industrie gab. Einfach weil es als unmodern empfunden wurde. Heute ist hip, wer so eine coole schöne Sprache kann, die was ganz Besonderes ist. Das zeigt gerade das Musical, wo ja auch Jungs und Mädels aus nicht sorbischen Elternhäusern mitmachen. Und all die Kindergärten mit Sorbisch-Angebot auch im Braunkohlerevier, weil die Eltern diese „Heimatsprache“ für ihre Kinder wiederhaben wollen, die sie selbst teilweise noch von den Großeltern gehört haben, aber nicht von ihren Eltern vermittelt bekamen.

Spaß haben – und Sorbisch machen

Im Musical erklärt ein sympathischer Bursche mit der zeitgeistig üblichen Seitenrasur-Frisur auf Sorbisch, er brauche Zeit, um Mädchen klar zu machen. Eingebettet von sorbischer Pop- und Rock-Musik. Die Zukunft des Sorbischen klarzumachen ist eine genauso prickelnde Sache. Da geht es dann zum Beispiel darum, dass Leute, die Bock auf Sorbisch haben, ihre Kinder im Lausitzer Seenland kriegen, wo das Wohnen so schön billig ist – und das sogenannte sorbische Kerngebiet wie Ralbitz, Räckelwitz oder Crostwitz in Kaffeeausflug-Nähe.

So kehrt das Sorbische auch dorthin zurück, wo es auch ohne Kohle nicht mehr wäre. Dank der Kohle gibt’s aber nun diese futuristisch anmutenden Seen, wo man leben kann wie im Urlaub. Und mit den tschechischen Surfern und polnischen Familien slawisch plaudern – denn wir verstehen die Welt!

https://www.youtube.com/watch?v=AcXFaSNVR0Y

Trailer des Musicals

Hoyerswerda wird Leipzig der Lausitz – und Bautzen spielt Dresden-Rolle

Sachsen hat zurzeit die Wahl – und die Lausitz auch: das historisch verkorkste Verhältnis zwischen Bautzen und Hoyerswerda durch eine neue produktive Rollenverteilung von den Erblasten der Engstirnigkeit zu erlösen.

Das ist meine Sommer-2019-Botschaft im Župan-Blog DOM HOYWOY nebst aktuellem Stand unseres strategischen Projekt-Plans für das Leipzig der Lausitz (fürs Neue und Austausch darüber zuständig) bei allem gebotenen Respekt vor dem Dresden der Lausitz (wo das Altehrwürdige und die Verwaltung ist):

https://hoywoy.home.blog/2019/08/24/hoyerswerda-lost-bautzen-ab-leipzig-und-dresden-der-lausitz/

Region = rechts?

Ein von mir geschätzter gebürtiger Görlitzer Autor und bekannter Kolumnist der „Sächsischen Zeitung“ schrieb neulich, es gebe in Sachsen die „Religion Region“, und das gehöre zum derzeitigen gesellschaftlichen Hauptproblem dazu. Das sehe ich anders.

Historisch betrachtet sind die patriarchalisch strukturierten monotheistischen Religionen Kriegstreiber Nummer eins. Mit Vorliebe in der Neuzeit in Kombination mit der Religion Nation. Die über Region, Dialekt, Regionalsprache definierte „Heimat“ ist dagegen, wie ein früherer Chef von mir, von Beruf Dialektologe und Soziolinguist, auf der Basis der Empirie feststellte, nicht nur ungefährlich. Sie ist den Nationalisten verdächtig, weil kleinteilig.

So wurden die Regionalisten und Liebhaber der Dialekte von den Nazis verfolgt. Sie sind daher auch heute nicht das Einfallstor eines Rechtsrutsches. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Ignoranz gegenüber dem Regionalen, ja Lokalen kann zur falschen Identifikation mit dem aufgeblasenen Nationalen verführen.

Unser gesellschaftliches Schlüsselprojekt „sorbische regionale Identität der Hoyerswerdaer Gegend“ produziert zugleich Verwurzelung wie Offenheit. So heißt der Förderverein „Begegnungsstätte Zejler-Smoler-Haus“ Lohsa, ein Mitglieds-Verein der Domowina, mit einer fünfsprachigen Tafel deutsch-sorbisch-tschechisch-polnisch-englisch willkommen.

Freitagabend durfte ich vor dem Haus die neue „sorbische Liebesbank“ aus Eichenholz des Künstlers Alojs Šołta aus Säuritz mit enthüllen. Zwei Bilder vom Ereignis habe ich in der Facebook-Gruppe „Alle Hoyerswerdschen Mädels und Jungs“ veröffentlicht. In der ersten Etage des Hauses gibt es eine Sonderausstellung „Phantasien in Holz“ des Künstlers, bei dessen Schaffen der menschliche Körper im Mittelpunkt steht.

Bei der offiziellen Veranstaltungseröffnung wurde in der Einführungsrede mehr sorbisch als deutsch gesprochen, obwohl das zurzeit hier kaum jemand versteht. Doch das ist in Lohsa gute Tradition des Vereins: aus Respekt vor der Region. Wutrobny dźak Wam a dale wjele wuspěcha.

In diesem Sinne: Viel Spaß mit sinnlichen Körpern in einer friedlichen Region der Kooperation voller Liebesbänke 😊. Vielleicht ist das tatsächlich die säkulare „Religion“ der meisten Hoyerswerdschen. Gemeinsam mit allen anderen aufgeklärt Religiösen.

Sorbische Institutionen für ganze Lausitz ins Seenland!

Zur Ideenwerkstatt „Lauen-Areal, Haus der Sorben und die Sorben in Bautzen“, zu der die „Stiftung für das sorbische Volk“ für Freitagabend vor Pfingsten nach Bautzen eingeladen hatte, erklärt Marcel Braumann, Vorsitzender des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda und Teilnehmer der Veranstaltung:

Die Sorben-Stiftung ist keine Stiftung für die Sorben in Bautzen, das am südlichen Rand des sorbischen Siedlungsgebietes liegt, sondern für die gesamte Lausitz. Steuergeldfinanzierte sorbische Institutionen, deren Zielgruppe in der Ober- und Niederlausitz lebt, müssen künftig auch einen Sitz im geographischen Zentrum der sorbischen Lausitz haben, im Lausitzer Seenland.

Da nun im Zusammenhang mit der anvisierten Millionen-Investition in denkmalgeschützte Ruinen auf dem Bautzener „Lauen-Areal“ über alle möglichen dort anzusiedelnden Institutionen spekuliert wird, eine klare Ansage mit zwei Beispielen aus der Realität: Die geplante neue obersorbische Sprachschule gehört dorthin, wo Sorbisch im Alltag auf der Straße erlebbar ist, zum Beispiel in die Sprach-Hochburg Crostwitz. Die vom sorbischen Museum gewünschte Galerie für zeitgenössische Kunst gehört ins moderne Hoyerswerda. Es sei erinnert: Von 1957 bis 1971 gab es in Hoyerswerda das Museum für Sorbische Volkskunst.

Ich habe daher begonnen, in Briefen und Gesprächen bei Verantwortlichen und Interessierten in Bautzen dafür zu werben, sofort in Verhandlungen z.B. mit der Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda über verfügbare Objekte in der Seenland-Stadt einzutreten. Zugleich habe ich der sorbischen Community ein Thesenpapier „aus Gesamtlausitzer sorbischer Perspektive“ zur Neuausrichtung der Standorte ans Herz gelegt. Im Mittelpunkt steht das offizielle Hauptziel der Stiftung: die Förderung regionaler sorbischer Sprachräume.

Das sorbische Siedlungsgebiet muss auch in seinen Institutionen für die allgemeine Öffentlichkeit in der ganzen Lausitz sichtbar sein. Niemand verlangt, dass das Sorbische Institut aufs Dorf zieht, und es können gerne auch weiter sorbische Einrichtungen einen Standort in Bautzen haben, aber die Konzentration sorbischer Institutionen auf Bautzen ist veraltet und überholt. Denn damit werden u.a. die Brandenburger Sorben und die mittlere Lausitz, wo der sorbische Dachverband gegründet wurde, an den Rand gedrückt, aber auch die Potenziale der Dörfer des sorbischen Kerngebietes nicht angemessen einbezogen.

Wir stehen in den nächsten Monaten vor harten Verhandlungen. In diese müssen endlich auch die Regionalverbände der Domowina mit einbezogen werden – auf Augenhöhe und ohne Vorfestlegungen. Dass jetzt erstmals öffentlich eine Plattform gegeben war, die offenen Grundsatzfragen anzusprechen, ist immerhin schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

Nach den Wahlen in Hoyerswerda

Meine Erklärung als Domowina-Regionalvorsitzender zum Ausgang der Stadtratswahlen in Hoyerswerda (erstveröffentlicht in Facebook-Gruppe):

„Ich bin natürlich vor allem gespannt, mit welchen Menschen im Beirat für sorbische Angelegenheiten wir als Domowina-Regionalverband künftig zusammenarbeiten dürfen. Angesichts der offenkundig offenen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat setze ich mal darauf, dass letztlich das Gute in der Sache gewinnt. Oder wie neulich jemand sagte: In der Differenz entsteht Wahrheit.“

NEU: „Haus Hoyerswerda“

Neuer Domowina-Blog erzählt ab heute aktuell über sorbisches Leben in und um Hoyerswerda

Heute vor 74 Jahren, am 10. Mai 1945, wurde der sorbische Dachverband, den die Nazis verboten hatten, nach Kriegsende wiedergegründet. Aus diesem Anlass hat der Vorsitzende des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda, wo die Domowina 1912 gegründet worden war, einen Internet-Blog „DOM Hoywoy“ (Haus Hoyerswerda) ins Leben gerufen, in dem er einer breiten Öffentlichkeit über Alltägliches und Besonderes der sorbischen Community erzählt. Den Anfang macht ein Beitrag über das Symbol der Domowina, das in diesem Jahr 70. Geburtstag feiert.

Dazu erklärt Marcel Braumann, Regionalvorsitzender der Domowina Hoyerswerda:

„Drei Lindenblätter wachsen aus einem abgebrochenen, aber noch festverwurzeltem Baumstamm – was soll das denn? Nicht nur das Symbol des sorbischen Dachverbandes, das in diesem Jahr seit 70 Jahren besteht, löst Erklärungsbedarf aus. Ich habe in den vergangenen Monaten festgestellt, dass das Interesse am Sorbischen als Beitrag zur Identitätsstiftung der Region stark zunimmt, damit verbunden aber auch der Wunsch zu erfahren, was hinter den äußeren Formen steckt.

Das sorbische Leben erscheint vielen Menschen wie ein Phantom, das sich zu bestimmten festlichen Anlässen materialisiert und dann wieder verschwindet. Zugleich wird immer wieder geäußert, die Sorben blieben zu sehr unter sich, weshalb ihr Leben vielen Leuten wie ein unlösbares Rätsel erscheine. Mit dem Blog wird in zeitgemäßer Weise Transparenz hergestellt. Die Leser haben natürlich die Möglichkeit, alle Beiträge ungefiltert zu kommentieren oder weitergehende Fragen dazu zu stellen. Zugleich können sie sich über das Kontakt-Formular jederzeit unabhängig von Bürozeiten direkt an mich wenden.“

Der Blog ist über https://hoywoy.home.blog erreichbar. Der erste Beitrag direkt so:

https://hoywoy.home.blog/2019/05/09/linde-als-symbol-sorbischen-lebens/

 

Neue sorbische Regional-Marke in der zentralen Lausitz

DOM Hoywoy = Haus Hoyerswerda. Im Mittelpunkt der Lausitz-Tower, von dem aus die ganze Region überblickt werden kann. Dazu das Emblem des sorbischen Dachverbandes und die Farben der Community und des ganzen Landes.

In diesem neuen Bild von uns steckt unser Programm. Es ist daher auch das Titelbild des neuen Blogs des Župans, des Regionalvorsitzenden der Domowina Hoyerswerda, zu deren Territorium Elsterheide, Hoyerswerda, Lohsa, Spreetal und Wittichenau gehören. Er startet am Tag nach dem Tag der Wiedergründung der Domowina (10. Mai), die schon zwei Tage nach Kriegsende wieder offiziell existierte.

Jetzt erfinden wir das Sorbische neu – gemeinsam mit den Menschen dieser Stadt und Region im Zentrum der Lausitz, die Hoywoy und Umgebung nun im zur Neige gehenden Kohle-Zeitalter auch neu erfinden.

https://hoywoy.home.blogHeader_DomHoywoyBlog