Heute vor 20 Jahren erreichte ich meinen damaligen Arbeitsplatz im Sächsischen Landtag nicht. Verwundert nahm ich die Meldung im Autoradio zur Kenntnis, dass in einem Sechstel des Dresdner Stadtgebiets der Strom ausgefallen sei. Dem Berufsverkehr auf meiner seinerzeitigen Strecke zwischen Striesen und Zentrum war keine Anormalität anzumerken. Doch als ich abbiegen wollte, sah ich, dass in der Nebenstraße die geparkten Autos bis knapp unters Dach im Wasser standen und ich folglich nicht weiterfahren konnte.

Also rechts ranfahren und den Fraktionsgeschäftsführer anrufen. Der forderte mich auf, den Heimweg anzutreten, es sei kein Durchkommen mehr. Die Fahrt zurück sollte Stunden in Anspruch nehmen, weil mit der Versuch-und-Irrtum-Methode wiederholt aufwändig zu ermitteln war, welche Straße hoch genug lag, um noch Weiterfahrt zu gewähren.

Das war also das, was später Jahrhundertflut genannt wurde. Sie war eine doppelte, auch in Dresden: Zunächst brach sich hier die Weißeritz, der die Zivilisation einen künstlichen Knick in den Flußlauf gemacht hatte, Bahn und strömte mit voller Wucht in ihr altes Bett, das inzwischen durch den Dresdner Hauptbahnhof führte. Während die Weißeritz schon alles gehörig durcheinanderwirbelte, nahm das Elbe-Hochwasser wenige Tage später auch den Landtag längerfristig vom Netz.

In den Tagen zwischen den großen Wellen herrschte bei Sommerhitze bis 30 Grad eine surrealistische Situation. Im Auftrag der Hausmeisterin unseres Mehrparteien-Mietshauses fuhr ich in den Baumarkt, um Pumpen für den Keller zu besorgen. Ich rechnete mit Ausverkauf, tatsächlich aber waren offenbar fast alle noch nicht verkauften Pumpen aus ganz Deutschland nach Sachsen geschickt worden – die Auswahl entsprechend atemberaubend, zu günstigen Preisen.

Das Haus war weit genug von der Elbe weg, doch die Flut kam von unten durch die Kanalisation, und die stinkende Brühe stieg trotz der Pumpen. Bis die Hausmeisterin den Strom abstellen musste. Der war dann 40 Stunden weg und damit die Tiefkühl-Nahrungsmittelbestände, die wir uns verzweifelt wechselseitig auf der Treppe zum kurzfristigen Verzehr anboten, leider dem Verderben preisgegeben. Auch mein privates Zeitschriften-Archiv im Keller war nur noch Müll.

Fürs abendlich Lesen am Schreibtisch behalf ich mir mit vier Petroleumlampen. Dank eines noch alten Telefons war die Verbindung zur Außenwelt aufrechtzuerhalten, nachdem das Handy-Akku leer war. Es folgte die erste Homeoffice-Phase meines Lebens, mit der Besonderheit, dass alle im Homeoffice waren, weshalb beispielsweise meine Reisekostenabrechnungen in der Privatwohnung der Buchhalterin stattfanden.

Im Herbst kehrten wir in die ungeheizten Büros zurück – die Heizungsanlage konnte erst später wieder instangesetzt werden. In dicken Pullover und Hausmantel gehüllt trotzte ich wie andere den niedrigen Temperaturen, die deutlich unter den aktuellen Sparempfehlungen für den Gasnotstand lagen. Die Fraktion traf sich erstmals außerhalb des Landtags – zur Klausur, ich glaube, in Freital. Gast war Ministerpräsident Georg Milbradt, der die größte Oppositionsfraktion bei der Krisenbewältigung als Partner sah. Er sprach ohne Mikrofon und so leise, dass alle mit voller Konzentration und ohne sonst übliche Nebengespräche folgten.

Wir, die wir weder Leben noch Hab und Gut verloren haben, konnten auch angenehme soziale Effekte erleben: So kam ich mit Leuten aus dem Nachbarhaus abends auf der Straße ins Gespräch, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Und die Lehren im Großen und Ganzen? Eine Elementarschadenversicherung für alle gibt es immer noch nicht, Sachsens amtierender Ministerpräsident Michael Kretschmer hat diese seit zwei Jahrzehnten erhobene Forderung gerade wieder bekräftigt.

2022 bedrängen uns keine Wasserfluten, sondern Feuersbrünste. Und wieder gilt es abzuwägen, wie viel technische Versorge ist machbar, wie viel „Anpassung an die Natur“, wie es so schön heißt, ist erforderlich. Beim Hochwasser heißt das: Auenwäldern Platz geben, bei Waldbränden: Umbau zu Mischwäldern, die dann aber noch das geänderte Klima aushalten müssen. Beides ist eine Generationenaufgabe.

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