Schon vor tausend Jahren gab es Vielfalt bei uns. Die „Waldslawen“, denen im historischen Roman „Sudička“ (2018) das Sorbenmädchen geraubt wurde, waren anders als die Slawen am Meer in Wolin, wohin die Hauptperson verschleppt wurde. Dort residierte sie vorübergehend als Königin, in einer Zeit, in der die westlichsten slawischen Stämme ihre politische Unabhängigkeit verloren – und damit die Möglichkeit, selbst Fürsten und Könige zu stellen. Nun gibt es in unseren Breiten überhaupt keine unbefristeten Oberhäupter mehr, und der Urwald wich einer Kulturlandschaft aus Wald und Feld. Daran wirkten die Sorbinnen und Sorben, die die Lausitz/Łužica urbar machten, in der Region federführend mit. So trat zum Beispiel die sorbische Heide (serbska hola) mit ihren Fichten- und Kieferrn-Nadelholz-Monokulturen an die Stelle der ursprünglichen Laubmischwälder, in denen Eichen und Buchen vorherrschten.

Die sorbische Heide wiederum ging in der, maßgeblich von der damaligen sorbischen Mehrheitsbevölkerung, vorangetriebenen Industrialisierung insbesondere durch Braunkohle-Tagebaue unter. Natürlich gab es im Kombinat Schwarze Pumpe, das ab den 50-er Jahren die Neustadt von Hoyerswerda zur kinderreichsten Stadt der DDR wachsen ließ, auch sorbische Brigaden. Doch auch in der Altstadt verlor sich das Sorbische bis auf Einzelpersonen – es schien beim gefühlten Neuanfang der Geschichte nicht mehr recht gebraucht zu werden. Deshalb war dieses Phänomen des Verschwindens auch in Gegenden der Lausitz zu beobachten, die weder Kohlebagger noch größere Industrie zu Gesicht bekamen.

Nun ist es wieder da. Hoyerswerda hat sich im Rahmen des Strukturwandels seit der Wende 1989/90 und des nun beschlosenen Kohleausstiegs bis 2038 neu zu erfinden – dieses Motto findet sich sogar im Stadtmuseum im Schloss. Und da ist das Sorbische wieder zur Stelle, mittlerweile von Leuten wie Planern überall in der Lausitz als „Alleinstellungsmerkmal“ der Region anerkannt. In ihrer Mitte erstreckt sich die größte Tagebaufolgelandschaft der Welt, das Lausitzer Seenland. Mitten drin: Hoyerswerda, einstiger Mittelpunkt der Braunkohleindustrie und nun nicht nur geographisches, sondern auch gefühltes Zentrum der sorbischen Lausitz. Hier steht das Gründungshaus der neuzeitlichen sorbischen Bewegung, der Domowina, die 1912 im heutigen Bürgerzentrum Braugasse 1 das Licht der Welt erblickte, wo jetzt u. a die „Kulturfabrik“ ansässig ist. Das Domowina-Haus wiederum beherbergt inzwischen eine neue sorbische Institution, das Servicebüro für die sorbische Sprache in kommunalen Angelegenheiten, und ist Schwerpunkt des neuen Dozenten aus dem WITAJ-Sprachzentrum beim Sorbischlernen für Erwachsene.

So nimmt es nicht wunder, dass die Stadtbuslinien mit deutsch-sorbischer Haltestellenansage in Hoyerswerda schon lange der Region voranfahren und jetzt der Oberbürgermeister im Gespräch mit der Domowina das Sorbische ganz offiziell zum integralen Bestandteil der Strukturwandel-Projekte der Stadt erklärt hat. Die sorbische Community legt bei jeder Gelegenheit – zuletzt gerade erst auf der Haupt- und Wahlversammlung ihres Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda in der „Kulturfabrik“ – Wert auf die Feststellung, dass bei ihr die Sprache im Mittelpunkt des Strebens Richtung Zukunft steht. Der nächste Transformationsprozess ist eröffnet: Wir erleben die Geburtsstunde der Seenland-Sorben. Sie sind auch sprachlich divers: Grit Lemke, Autorin des neuen Kultbuchs „Kinder von Hoy“, spricht und schreibt Niedersorbisch, das hier neben dem Obersorbischen traditionell Wurzeln hat.       

Bild: Geierswalder See / Lejnjanski jězor – diese neue Landschaft prägt Leben, Denken und Fühlen der Seenland-Sorben. Eine Freiheit, die man sonst am Meer verspürt.

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