Wort des Jahres, international, Jugendwort des Jahres, deutschsprachig – Anlass genug, in Zeiten scheinbarer Bild-Fixiertheit bei der Wahrheitsfindung die Schöpferkraft des Wortes ins Bewusstsein zu rufen.

In diesem Blog gibt’s keine Bilder – außer dem Begrüßungsfoto mit dem Blogger, das gehört einfach zum Gesicht zeigen dazu. Aber mehr brauchen wir nicht. Ich halte auch nichts von Power-Point-Vorträgen und Referaten, bei denen alle Leitsätze an die Wand projiziert werden und der Redner sich dann an ihnen entlang hangelt. Eine gute Rede überzeugt aus sich heraus – durch die Kraft des Wortes.

Im Anfang war das Wort, sagt die Bibel. Und nicht das Bild. Die Aufklärungsmacht des Fotos ist längst in der Bilderflut ertrunken. Die Flucht ins Bewegtbild hat das nur unterstrichen – sie ist eine Verzweiflungstat. Ergebnis: Beim Kampf um die Deutungshoheit über einzelne Ereignisse bombardieren wir uns gegenseitig mit Video-Sequenzen, deren Ausschnitte dann gegeneinander ausgespielt werden.

Der schreckliche Trump hat seine Wahl nicht mit Bildern gewonnen, sondern mit Worten. Mit aphoristischem Wahnsinn. Ästhetisch ist der Mann eine Zumutung. Und in Europa? Abend für Abend erreichte das Massenpublikum viele Monate das filmisch und fotografisch dokumentierte Flüchtlingselend rund ums Mittelmeer, die Antwort war erst Entsetzen, dann Gleichgültigkeit, bis die ersten gänzlich Schamlosen zu rufen begannen: „Wir lassen uns von Kinderaugen nicht erpressen.“

Als ich erstmals meinen Geburtstag in migrationsbedingter Zusammensetzung feierte – also mit Nachbarn und syrischen Geflüchteten an einem Tisch –, überzeugten nicht irgendwelche Kriegsvideos. Sondern die schlichte Erzählung über den monatelangen Fluchtweg und die Vorgeschichte. Das bewog spontan und seither unwiderruflich jemanden, der auch mal um des sozialen Protestes willen abwegig gewählt hatte, zur Antwort der freundlichen Aufnahme: Wer so etwas auf sich genommen hat, muss einen ganz starken Grund haben.

Ein Bild kann Erkenntnisse auslösen. Ich habe als Chef vom Dienst beim „Neuen Deutschland“ 1999 auch mal ein redaktionsintern heftig umstrittenes Foto mit Opfern im Kosovo-Krieg auf die Titelseite gebracht, um die Folgen der NATO- und Joschka-Fischer-Strategie anschaulich zu dokumentieren. Die am Kiosk verkaufte Auflage ging sprunghaft nach oben. Wiederholt habe ich die Methode in der darauffolgenden Zeit trotzdem nicht. Das wäre obszön und sinnlos gewesen. Denn Wirkung von Bildern steigert man nicht durch ständige Wiederholung. Das klappt nur mit Worten.

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