Das „postfaktische“ Zeitalter, das nun durch die Auswahl des internationalen Wortes des Jahres besiegelt wurde, ist kein Produkt penetranter Propaganda von Rechtspopulisten. Es ist die Folge des postmodernen Identitätszirkus, bei dem besonders Menschen des abendländischen Kulturkreises gerne mitspielen.

Im Unterschied zur zielorientierten Höher-Weiter-Schneller-Größer-Perfekter-Moderne sind wir Postmodernen berufen, in uns hineinzuhören, unser vermeintliches Selbst zu pflegen und mit Hilfe des Zusammenbasteln von Weltanschauungs- und Wahrnehmungs-Fragmenten Identität – also das Einssein mit sich selbst – auszubilden. Dummerweise ist Leben unaufhörliche Transformation, der Mensch bleibt keine Sekunde unverändert, und so befindet sich das statische Bei-sich-Sein der Identität in Wellen von Dauerkrisen.

Das medial-kollektive zeitgenössische Idealbild der Super-Identität ist der beruflich erfolgreiche, glücklich liierte, gefühlt 35-Jährige mit vorzeigbarem Kind. Doch dieser Zustand ist flüchtig; ehe man sich’s versieht, sind die leiblichen bzw. sozialen Kinder, in die man so viel eigener Energie investiert hat, flügge und verlassen einen unwiderruflich. Überhaupt ist das stete Werden des eigenen Daseins mit fortwährendem Vergehen verbunden.

Statt die Antwort in sich selbst zu suchen, wo man sich maximal selbst als Fragenden vorfinden kann, empfiehlt es sich, aus sich herauszugehen. Dafür gibt es als Instrumente u.a. die Phantasie, die Liebe, einen guten Wein, Filme und Bücher, das Gespräch unter Freunden, die primären Geschlechtsmerkmale und meinetwegen auch einen WhatsApp-Chat. Es gibt jedenfalls keinen vernünftigen Grund, ohne konkreten Anlass so lange in sich zu graben, bis man das vermeintliche Trauma erkannt zu haben glaubt, das an der eigenen scheinbaren Unvollendetheit schuld ist, weil es einen irgendwie untergründig gehemmt habe.

Fakten fallen nicht vom Himmel, sie sind das Ergebnis sozialer Vereinbarung. Also der Interaktion nicht mit sich selbst, sondern mit anderen (das klappt allerdings nicht in den Echokammern gewisser sogenannter Gruppen sozialer Netze, wo das „Ich“ nur die duldet, die der eigene Spiegel zu sein scheinen). Wo das „Ich“ das Primat hat, sterben die Fakten. Das „Wir“ gebiert natürlich auch kein konstantes Faktum, sondern einen Transformationsstrom des Faktischen.

Bundesrichter Thomas Fischer nannte dazu in seiner aktuellen ZEIT-Kolumne „Fischer im Recht“ ein zauberhaftes Beispiel: „Am Nachmittag des 4. August 2006 ereignete sich ein seltenes Wetterphänomen in Form eines lokalen Gewitters mit Hagel und Starkregen auf einem Gebiet von nur drei Kilometern Durchmesser“, sagt Zeuge A. „An einem Tag vor zehn Sommern, als die jungen Männer das verbotene Tier getötet hatten, verfinsterte sich der Himmel, und der Gott der weißen Hirschkuh warf Feuer und Eis auf die Erde, um die Frevler zu bestrafen“, sagt Zeuge B. Die beiden Prozesse, von denen ich hier rede, liegen nur ungefähr 4.000 Jahre auseinander – ein Augenblick im Lauf der Zeit…“

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