Der innersorbische Machtkampf um die Frage „Serbski sejmik oder Domowina?“ ist von der Initiativgruppe für ein Sorbenparlament längst in die deutschen Medien getragen worden, um den angegriffenen Dachverband unter Druck zu setzen. Doch die Reaktion der mit Offenen Briefen und Gesprächen umworbenen sächsischen Landespolitiker ist fast ausnahmslos immer dieselbe: Mögen die Sorben sich erstmal untereinander einigen. Nun sagt die Initiativgruppe: Genau dafür brauchen wir aber als Plattform ein eigenes Parlament.

Ich habe mich ein paar Jahre lang als Wahlsorbe mit Migrationshintergrund vor allem für zwei Sachen stark gemacht, die auch im aktuellen Streit die Hauptrolle spielen.

Erstens für einen Kurswechsel in der Sprachpolitik für die Schulen im Sorbenland. Nachdem mit dem „Crostwitzer Aufstand“ von 2001 der Kampf um Zulassung kleiner Klassen gescheitert war, bastelten die sorbischen Verantwortlichen für Bildungspolitik mit dem Staat das Modell „2 plus“, in dessen Konsequenz Kinder mit sorbischer Muttersprache nicht selten in Klassen sitzen, wo die Mehrheit fast kein oder wenig Sorbisch kann. Also wird deutsch geredet und der Sprachschatz aus dem Elternhaus auf staatlichen (eigentlich sorbischen!) Schulen ruiniert.

Das wollte ich in den letzten Jahren mit meiner Mitarbeit in Domowina-Bundesvorstand und dann auch im Präsidium ändern. Es ist gescheitert, weil im Räderwerk zwischen sorbischer und sächsischer Bürokratie jeder Versuch eines Aufbruchs zermalmt wird. Da sitzt man wiederholt bis in die Nacht in Hoyerswerda auf Präsidiumssitzungen herum, wo es auch um das großartige Projekt von Eltern aus Göda geht, an ihrer Schule vor Ort ordentlichen Sorbischunterricht zu bekommen. Und es passiert substanziell nichts. Weil die Spitze des von der Domowina getragenen Witaj-Sprachzentrums und der sorbische Zuständige in der regionalen Bildungsagentur gemeinsam auf der Bremse stehen. Dass nun einer der betroffenen Väter bei den „Sejmik“-Leuten mitmacht, ist kein Wunder.

Zweitens für einen offenen Dialog über die möglichst optimale, demokratisch legitimierte Vertretung des sorbischen Volkes. Ich halte ja das Domowina Modell – wer sich fürs Sorbische engagiert, macht in den entsprechenden Vereinen mit bzw. gründet eigene, und die wählen Delegierte für die Hauptversammlung der Domowina, die wiederum entsprechend Mitgliederzahlen Repräsentanten der Vereine in den Bundesvorstand wählt und auch den Vorsitzenden – im Prinzip für plausibel und entwicklungsfähig. Allerdings bin ich als Vorsitzender des Ausschusses für politische Lobby-Arbeit des Dachverbandes der Meinung gewesen, dass es möglich sein muss, mit Kritikern vorbehaltlos in einen Austausch einzutreten. Ich war auch zwei Mal bei den „Sejmik“-Leuten in Nebelschütz.

Wie mein Bildungs- ist auch dieses Dialog-Projekt gescheitert, am Unwillen auf beiden Seiten, ohne Vorbedingungen und Vorbehalte einfach mal in gewisser Regelmäßigkeit und maßvoll institutionisierter Form miteinander zu reden. Am Vorsitzenden der Domowina lag es nicht, aber an jenen Faktoren von Hass und Verachtung, die sich manchmal gerade in überschaubaren Communities mit langfristig geringer Personalfluktuation konzentrieren (Deshalb habe ich ja auch meinen sorbischen Blog nach acht Jahren erstmal auf Eis gelegt; die zu beschreibende Realität erschöpft sich irgendwann in den ewig gleichen Konflikten, die Varianten sind zu gering für dauerhafte Inspiration). Das ist kein speziell sorbisches Phänomen.

Es wird nie eine innersorbische Einigung geben, das sieht man schon jetzt am halböffentlichen Gezerre um den sorbischen Standpunkt zum Schulgesetz. Es ist wie immer das Gleiche: Der Schulverein, wiewohl Teil des Dachverbandes und im Bundesvorstand mit am Tisch, macht in Separatismus, der sorbische CDU-Abgeordnete Schiemann zieht im Hintergrund seine Strippen. Gern zu Lasten der Domowina, nicht zugunsten des „Sejmik“, sondern im Namen eines unpolitischen Klein-Klein, das die Ordnung der Welt so lässt, wie sie ist.

Die Samen haben ein Parlament, aber bei ihnen ist der Souverän klar; wer wählt, muss eine samische Oma haben. Sorbe ist, wer es sein will. Ein radikal emanzipatorisches Volks-Verständnis. Damit wäre aber vor jedem Wahlaufruf für ein Parlament unklar, wie viele Wahlberechtigte es überhaupt gibt. Hätte das Gremien nur beratende Kompetenz wie der so gewählte Sorbenrat in Brandenburg, ginge das. Aber ein „Parlament“ ist nur eines, wenn es – und sei es in einem noch so kleinen Bereich – die Macht zur eigenen Entscheidung hat.

Der Schlüssel zur Lösung liegt in einer einfachen Wahrheit: Das Sorbische ist in kleinsten Einheiten lebendig, es besitzt – und das ist gut so und vorbildlich für andere zahlenmäßig viel größere Ethnien – keinen realen Begriff von einheitlicher Nation. Es ist ja selbst strittig, ob Ober- und Niedersorben nur verschiedene Sprachen haben und nicht vielleicht gar zwei verschiedene Völker sind. Das sorbisch-katholische Leben in Crostwitz hat mit dem sorbisch-evangelischen in Neschwitz oder anderswo äußerlich kaum etwas gemein. Doch für jeden wahren Sorben ist unstrittig, dass all diese höchst verschieden lebenden Menschen mit gleichem und vollem Recht auch Sorben sind.  Aber sich irgendwie gesellschaftspolitisch einig sein müssen sie dafür nicht.

Gleichwohl kann doch die Initiativgruppe vier Mal im Jahr – Sitzungsrhythmus des Kreistags (sorbisch: sejmik) – in eine Mehrzweckhalle zum sorbischen Parlamentsklub einladen, wo alle Interessenten auf Sorbisch miteinander über alle fürs Sorbische wichtige Themen diskutieren und am Ende abstimmen. Wenn genug Leute kommen, kann das fürs sorbische Volk den Stellenwert der Landsgemeinde des Schweizer Kantons Appenzell-Innerrhoden erreichen, wo sich alle Bürger einmal im Jahr versammeln und über alles Maßgebliche abstimmen. Wenn das dann der abgestimmte sorbische Standpunkt zu was auch sein immer würde, soll’s mir recht sein.

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