Das Gebot der „Aufarbeitung“ ist das stärkste zeitgenössische Dogma. Sachsens Integrationsministerin will nun das Schicksal der Millionen „abgewickelten“ Ostdeutschen der neunziger Jahre aufarbeiten. Das sind zum Beispiel die Arbeiterinnen der Schuhfabrik „Banner des Friedens“ in Weißenfels, die ich vor 24 Jahren besuchte und deren berufliches Schicksal besiegelt war. Oder die Textilarbeiterinnen im Vogtland, deren Chef mit Niedrigstlöhnen zu retten versuchte, was schon bald vom „Markt“ verschwand. Nicht zu vergessen all die Wissenschaftler, die wegen vergangener „Staatsnähe“ doch recht pauschal für unbrauchbar befunden wurden.

Was ich seinerzeit für immerhin noch eine knappe Viertelmillion Leser des „Neuen Deutschland“ journalistisch bearbeiten durfte, war dem medialen Mainstream keine Skandalisierung wert. Zu sehr war man mit der Aufarbeitung der DDR-Staatssicherheit befasst, die in jenem Jahr mit Aktenöffnung fulminant startete. Im Vorjahr war die Aufarbeitung des DDR-Grenzregimes in boulevardesker Polarisierung angerollt: Die „Super!“-Zeitung (in der ich 1991 vier Monate als Polizeireporter arbeitete) berichtete nahezu täglich über die „Mauermörder“, während die „Super-Illu“ (im selben Haus an der Mollstraße in Berlin untergebracht, wo auch die Nachrichtenagentur ADN ihr Domizil hatte) einen angeklagten DDR-Grenzsoldaten anwaltlich unterstützte. So war der Aufarbeitungs-Markt unter den neuen westdeutschen Leitmedien klar aufgeteilt.

Heute wird gerade anlässlich des Reformations-Jubiläums der brachiale Antisemitismus des Herrn Luther aufgearbeitet. MDR Aktuell breitet das Thema auf meinem Nachhausweg aus, es reicht für die Strecke zwischen zwei Autobahnabfahrten. In den letzten Jahren haben wir den massenhaften sexuellen Missbrauch von Kindern in (nicht nur) kirchlichen Bildungseinrichtungen und die „schwarze Pädagogik“ in (nicht nur DDR-)Kinderheimen aufgearbeitet. Da die Traumata in der Gegenwart nicht weniger zu werden scheinen, und sei es durch aus Afghanistan heimkehrende Soldaten, geht die Aufarbeitung mit ständig neuen Themen weiter.

Wehe dem, der sich lieber ablenken oder verdrängen möchte. Das ist verboten. Jeder Schrecken will aufgearbeitet werden; je länger er zurückliegt, desto unbefangener, ja hemmungsloser. Das muss sein, wir müssen schließlich aus den Schattenseiten der Geschichte lernen. Was sollten wir gleich aus der Stasiaufarbeitung lernen? Zivilcourage, sagte Herr Gauck, stellvertretend für viele. Nun stellt Sachsens Integrationsministerin fest, gerade daran fehle es, weil jene (im Stasiaufarbeitungszeitalter) „übersehenen“ sozialen Demütigungen nie aufgearbeitet worden seien.

So kann man natürlich immer und ewig weitermachen. Wird die Welt dadurch besser, gerechter, oder werden nicht vielmehr Symptome hingebungsvoll beredt therapiert, um deren Ursachen für immer verschweigen zu können? Als mein früherer Chef Peter Porsch mal historische Ursachen des DDR-Grenzregimes in den Fokus nahm, wurde er fast gesteinigt. Das Lernen aus der Geschichte darf nämlich nicht zu zeitig erfolgen, die Zigtausenden Toten vor der EU-Grenze dürfen wohl erst in einigen Jahrzehnten „aufgearbeitet“ werden. Die aktuelle Politik darf dadurch nicht gestört werden.

Die politisch gewollte schlagartige Entgrenzung der Märkte, die vor einem Vierteljahrhundert unter Regie der „Treuhand“ einem Großteil der in der ostdeutschen Produktion beschäftigten Facharbeiter dauerhaft die Chance auf qualifizierte Beschäftigung nahm, beschleunigt sich zurzeit im Namen des „Turbokapitalismus“. Damals sprach Treuhand-Chefin Birgit Breuel, dass „Privatisieren die beste Form der Sanierung“ sei. „Privat“ (vom lateinischen privare) heißt wörtlich: beraubt. Die Beraubung soll jetzt weitergehen – nun mit TTIP, CETA usw. Das haben wir aus der Geschichte gelernt.

Deshalb gibt es eine Alternative zur „Aufarbeitung“: Das Spiel des legalisierten Raubens und Beraubens, der Spirale von Angst und Aggression vom Tisch nehmen. Die neuen Stichwörter heißen Gemeinwohl und Gleichberechtigung. Daraus sollten wir ein neues Spiel erfinden können.

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