Der formal Ungebildete und Ungelernte ist scheinbar der Schrecken von Behörden und Wirtschaft, vor allem wenn er ein Geflüchteter ist. Nur Fachkräfte wollte man, auch Analphabeten kamen, dabei muss das kein Gegensatz sein. Im Gegenteil.

Die Führerscheinstelle Bautzen gab ihren Widerstand nach gutem Zureden auf und erfand für diesen vermeintlichen „Einzelfall“ handschriftlich eine neue Kategorie „Analphabetismus“, die dann angekreuzt wurde, um so zu begründen, warum der junge Mann aus dem Norden Syriens bei der theoretischen Führerscheinprüfung Kopfhörer benutzen darf. Ein gutes halbes Jahr später wirbt sein Chef einer Oberlausitzer Autolackierwerkstatt mit ihm im lokalen kostenlosen Wochenblatt: Es sei ein großes Glück für die Qualitätssicherung im Unternehmen, dass man sich aus dem „Pool der ausländischen Fachkräfte“ bedienen konnte.

Mittlerweile 539 gemeinsame Tage unter einem Dach haben den bildungsfernen Migranten zwar nicht zur Zeitungslektüre abseits der Titel- und Fußball-Fotos verführen können. Die bewegten Bildchen auf Facebook ziehen ihn stärker in den Bann, was ihn mit vielen Einheimischen dieser Generation gemein macht. Er zeigt sich allerdings über alle für ihn wichtigen Ereignisse in Bautzen, Sachsen, Deutschland, Türkei, Syrien, Irak und dem Rest der Welt regelmäßig gut informiert. Gelegentlich sogar besser und schneller als ich, der ich von Berufs wegen mit politischen Informationen zu tun habe.

Der grammatikalisch und mathematisch Ungeformte, dem ein paar Brocken angewandter Schriftsprache und Zahlen für die eigenen Finger in der Vergangenheit reichten, ist wie eine frische Festplatte. Er nimmt schnell auf und verknüpft rasch. Sein Erkenntnisgewinn ist vorbehaltlos. (Anders als unsereiner, der erst durch Vergessen dazu gebracht werden muss, seine Erfahrungen wieder „aufzufrischen“, wie schon Platon im „Gastmahl“ vor zweieinhalbtausend Jahren wusste.)

1.040 Fragen/Antworten Fahrschulprüfungstheorie kopiert er geduldig mit seinem Gehirn und spult die zufällig ausgewählten dreißig fehlerfrei ab. Er fährt seither als U-25er besonnener und korrekter Auto als die meisten Fünfzigjährigen, auch wenn er dir nicht alle Verkehrsschilder erläutern kann. Das Gleiche gilt auf Arbeit: Er kann nicht erklären, was er tut, aber er macht es gut. Sagt sein Chef und erspart ihm die Berufsschule, die ihn nur in die Verzweiflung führen würde.

Natürlich könnte unsere hochproduktive Gesellschaft nicht nur mit Analphabeten funktionieren, allein mit Professoren aber erst recht nicht. Das allenthalben ausufernde Verlangen nach Vorlage von Bildungszertifikaten ist Ausdruck wachsender Ängstlichkeit vor dem Experiment mit dem Unbekannten im Praxistest. Und damit eine größere Gefahr für Deutschlands künftige Produktivität als der vermehrte Zulauf von Analphabeten.

By the way: In jener Vierergruppe aus Syrien, die mir vor Weihnachten 2014 zufiel, war auch ein Arzt – mit allen Zeugnissen. Auch ihm besorgte ich zunächst ein Praktikum. Auch er bewährte sich in der Praxis und ist nun Assistenzarzt für innere Medizin im Krankenhaus Niesky. Er hätte sogar in einem anderen Ort Sachsens eine Stelle in der Psychiatrie bekommen können. Ich musste ihm natürlich erzählen, dass mal ein gelernter Postbote Postel ohne medizinische Vorbildung anderthalb Jahre als Oberarzt in sächsischer Psychiatrie arbeiten konnte, ohne jemandem Schaden zuzufügen.

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