Nächste Woche erwarten uns zwei Geburtstage. Am Wochenende der Sechzigste einer höchstaktiven Abgeordneten, die zehn bis zwanzig Jahre jünger aussieht. Ein Riesenfest in Leipzig. Zwei Tage zuvor hat Salam (Name ein bisschen geändert), der wie dreißig aussieht, seinen Vierundzwanzigsten. Bis vor zwei Jahren war sein Geburtstag für ihn inexistent, seit dem Eintreffen auf deutschem Staatsgebiet setzte die brutalstmögliche Integration ein: der Zwang, an seinen Geburtstag denken zu müssen.

Feiern will er ihn eigentlich nicht, sagt er, denn wenn man jedes Jahr Geburtstag hat, verlaufe das Leben immer schneller. Man merke im nächsten Jahr am Geburtstag, dass schon wieder ein Jahr vorbei sei, und dieses belastende Erlebnis verschlimmere sich spätestens ab dem Fünfunddreißigsten zur seelischen Qual. Deshalb gibt es im seligen Rojava und auch im Kurdistan jenseits der Grenze keine Geburtstage.

Erleichtert wird die Geburtstagsabstinenz durch die vorsätzliche Falschregistrierung des ersten Lebenstages des neuen Erdenbürgers. Gern wird der erste Januar genommen, den man dann natürlich nicht als Geburtstag feiern kann. Dieses Glück ist Salams mutmaßlich ungefähr zwei Jahre jüngerem Kumpel beschieden, mit dem er noch – seit tatsächlich ziemlich genau anderthalb Jahren – bei uns wohnt. Der Versuch der Gratulation am Neujahrstag wird mit dem Verweis auf die Aussage seiner Mutter abgeblockt, er sei im Sommer geboren. Übrigens inmitten einer modernen Großstadt; die kalendarische Unkorrektheit ist also hochkultureller Wille, nicht hinterwäldlerisches Unvermögen.

Wo Licht, ist auch Schatten. Leider begännen die Leute in Syrien, mit Vierzig alt zu werden, blickt eine junge Kurdin in Gelsenkirchen im Gespräch zurück. Und wenn die sechzig überschritten ist, naht dort auch in Friedenszeiten bei vielen der Tod, stellt Salam nüchtern fest. Für den vergleichsweise vorzeitigen Verbrauch der Lebensgeister präsentiert die junge Frau, die erst seit drei Monaten in Deutschland ist, eine verblüffend einfache, dreifache Erklärung: Die Leute haben zu viele Kinder, essen zu viel und machen keinen Sport. Sie jedenfalls plant jetzt erstmal exakt ein Kind – und ihren beruflichen Werdegang.

Da mir in diesen Wochen einerseits meine Lieblingskollegin in Dresden knapp jenseits der Sechzig ohne Krankheitsvorwarnung über Nacht entrissen wurde und ich andererseits anlässlich des hundertsten Geburtstages meiner Tante in Bochum mit einer Höchstbetagten Kommunikation pflegte, drängt sich die Frage nach dem Zusammenhang von Jahren und Leben geradezu auf. Mit Neunundachtzig versorgte Tante Käthe in der Bahnhofsmission hilflose Siebzigjährige, bis fünfundneunzig lebte sie allein und völlig selbstständig in ihrem Haus, und ihren achtundneunzigsten Geburtstag feierte sie noch bei angeregter Unterhaltung in größerem Freundeskreis.

Nebenbei: Solche leuchtenden Vorbilder langlebiger, sprudelnder Vitalität gibt es auch in Syrien. So erreichte dem Vernehmen nach eine Uroma Salams auch – bei allen statistischen Vorbehalten – die Hunderter-Marke. Sie hatte wahrscheinlich so viel Leben erlebt, für das man in Deutschland zwei Jahrhunderte bräuchte.

Hier gibt es nämlich einen weiteren Beschleuniger, den beide junge Herren nach einem halben Jahr Teilhabe am sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsleben (in Fabrik bzw. Handwerksbetrieb) übereinstimmend berichten: In Deutschland arbeiten die Leute wie eine Maschine, so rast die Zeit monoton dahin. Sie reden bei der Arbeit fast nichts Privates miteinander. Das tun sie dann geballt in einer Pause, die jeden Tag zur selben Zeit stattfindet und in ihrer steten Wiederholung ebenfalls als Zeitraffer fungiert.

Wofür brauchen wir eigentlich unsere Geburtstage? Um miteinander ins Gespräch zu kommen. Man kann auf Facebook mit netten Wünschen brachliegende Kontakte auffrischen, den Nachbarn nach längerer Zeit wieder einen Abend lang sehen, man hat einen Grund für Verwandtenbesuch. Denn im Alltag treffen wir uns ja wegen der vorprogrammierten gleichsam maschinellen Arbeitsabläufe und sich anschließenden vielen Terminen nicht wirklich. Und in den Ferien unterwerfen sich die Sklaven des Zeitbeschleunigungsräderwerks dann dem vollgepackten Event-Kalender des örtlichen Tourismus-Zweckverbandes.

Natürlich ist ein anderes Leben möglich, die rasende Alterung bei gleichzeitig verlängerter Jugend ist nicht alternativlos. „Was hast du in den zehn Tagen Ferien bei den Verwandten im Ruhrgebiet eigentlich so gemacht?“ wollte ich vor einem Jahr von Salams Kumpel wissen. Mich hatte gewundert, dass er nur von einem einzigen „Ausflug“ in unserem Sinne zu berichten wusste. Meine Frage erschien ihm unbegreiflich wie ein nahender Himmelskörper aus einer anderen Welt: „Was fragst du?“ Es seien immer irgendwelche Nachbarn und Freunde gekommen, manchmal sei man auch zu denen gegangen, und das dauere dann eben von nachmittags bis nachts.

Meine Recherche, was um Gottes willen man denn diese ganzen Stunden und Tage miteinander treibe, schließlich passiere ja gar nichts, worüber man reden könne (anders als beim Geburtstag, für den sich der Gesprächsstoff zuvor wie auf Vorrat angehäuft hat), versandet im Nirwana. Ich habe die Sorben erst wirklich verstanden, nachdem ich Sorbisch gelernt hatte. Ich werde also Kurdisch lernen müssen, um das Leben abseits der Zeit zu verstehen. Wenn ich dazu Zeit habe. Und dann vergesse ich meinen Geburtstag und streiche jeden von der Freundschaftsliste, der mich daran erinnert.

 (Dieser Beitrag ist meinem Vater gewidmet, der sich seit Menschengedenken weigert, seinen Geburtstag zu begehen, und allein schon deswegen beweglich bleiben muss, um rechtzeitig in ein fernes Hotel flüchten zu können, wo er allein und ungestört ausharrt, bis die Glückwunschwarnung vorbei ist. Er ist ein verzweifelter Held, denn natürlich führt die Fluchtbewegung rund um den schrecklich einprägsamen 12.12. nur zur verschärften Wahrnehmung des Jahrestages. Aber mit solchen selbstlosen Widerstandskämpfern, die die Früchte ihres Kampfes selbst nicht ernten können, fängt jeder Wandel an. Mögen Salams Kinder in Deutschland wieder befreit von ihrem Geburtstag leben können! Nieder mit der Geburtsurkunde, es lebe das zeitlose Glück!)

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