Ausgeblendete Ausbeutung

Sind die Linken „schuld“ am Vormarsch der Rechten? Ja, sagen immer öfter Interviewpartner und Autoren der sozialistischen Tageszeitung „Neues Deutschland“, deren Redaktion ich von Anfang 1992 bis Ende 1999 angehörte.

Ich denke, das Ding ist ganz einfach. Die Wahrnehmung von Unrecht wird heutzutage vorrangig über den Begriff „Diskriminierung“ vermittelt. Diskriminiert ist beispielsweise ein Mensch, der mit einem Partner gleichen Geschlechts händchenhaltend durch die Stadt läuft und deswegen angepöbelt wird. Diskriminiert ist die muslimische Kopftuch-Trägerin, die wegen ihrer Verhüllung beschimpft wird.

Solche Diskriminierungen werden medial skandalisiert und spielen daher eine öffentliche Rolle. Und diejenigen, die diese Skandalisierung unterstützen, um damit die gesellschaftliche Ächtung solcher Diskriminierungen voranzutreiben, sind im Regelfall wir politische Menschen des linken Spektrums.

Die alleinerziehende Verkäuferin, die während der Arbeit nicht auf die Toilette gehen darf, im Discounter zwischen Kassendienst und Regaleinräumen hin- und herhetzt und inzwischen nicht selten an sechs Tagen die Woche von 7 bis zu tageweise 22 Uhr flexibel einsetzbar ist, um am Ende bestenfalls nur geringfügig mehr finanzielle Mittel monatlich zur Verfügung zu haben, als wenn sie arbeitslose Jobcenter-„Kundin“ wäre – ihr Schicksal gilt weder als Diskriminierung noch wird es zum Skandal gemacht.

Selbstverständlich gibt es einfühlsame Sozialreportagen, die sich solchen sozialen Alltagsdramen zuwenden. Es gibt Parlamentsreden und Pressemitteilungen, die sich wortreich dem massenhaften Problem „prekärer“ Beschäftigung widmen und über mögliche gesetzgeberische Maßnahmen diskutieren. Doch eine Fokussierung der Aufmerksamkeit wie bei den mittlerweile klassischen medialen Diskriminierungsthemen findet nicht statt.

Die linken Traditionalisten graben dann als vermeintliche Lösung den alten Sprech vom Haupt- und Nebenwiderspruch aus: Man müsse erstmal den Kapitalismus besiegen und dann die Emanzipationsfragen in den Blick nehmen. So funktioniert das nicht.

Der Hauptwiderspruch entsteht stets durch den Umsturz des Gleichgewichts des eigenen Lebens durch die äußeren Verhältnisse. Das ist immer konkret, individuell. Und zugleich gemeinsame Erfahrung vieler Menschen.

Gebraucht: Arbeitsklima-Index

Täglich belästigt uns die Börse auf allen Kanälen. Jede Zuckung der ANLEGER wird wortreich ausgedeutet. Ab und an gibt’s noch den KONSUM-Klima-Index. Wie Geld gescheffelt und ausgegeben wird, bewegt die Medien-Welt.

Uninteressant ist scheinbar die Stimmung am Arbeitsplatz. Sowas kommt nur alle Jubeljahre einmal vor, und dann gleich in Verbindung mit der Auflistung pathologischer Phänomene, Burnout und so. Das, was die Welt zusammenhält, durch Produktion, Handel und Dienstleistung, der arbeitende Mensch, führt in der Öffentlichkeit ein kümmerliches Schattendasein.

Bei beachtlichen Großbaustellen darf mal ein Arbeiter fotografiert werden (in der Regel ohne Bitte um ein Statement), aber die aktuelle Stimmungslage der Produktionshelfer an den Fließbändern in unseren Regionen ist kein Thema.

Mich interessiert weder die Börse noch der Konsumklimaindex. Beide sind eine postmoderne Form des Götzendienstes am goldenen Kalb. Die Zukunft der Aufmerksamkeit gehöre den arbeitenden Leistungsträgern des Alltags.

Syrischer Geld-Untergrund in D?

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Al-Bakr findet nun auch „Hawala“ Erwähnung, „ein geheimes Transfersystem, das viele Syrer nutzen – an Zoll, Banken und Behörden vorbei“ („Freie Presse“ Chemnitz). Es sei ein System aus informellen Geldboten und per WhatsApp übermittelten Codes, durch das man zum Beispiel Familienangehörige in der alten Heimat finanziell unterstützen kann.

Natürlich ist das verboten – wo kommen wir hin, wenn Menschen die Banken nicht mehr brauchen, um sich wechselseitig finanziell unter die Arme zu greifen. Terroristen sind die letzten, die auf sowas angewiesen sind. Aber egal.

Einer meiner kurdischen Freunde unternahm vor Wochen den Versuch, ganz legal und ordentlich per Sparkasse neun (!) Euro an eine Terminvermittlungsagentur zu überweisen, die im Auftrag des deutschen Generalkonsulates in Erbil (Irak) Termine vergibt – etwa zwecks Vorsprache wegen gewünschten Familiennachzugs. Die Überweisung ist Bedingung für den Anruf bei der Agentur in der Türkei, mit dem die Prozedur eingeleitet wird, an deren Ende Monate später hoffentlich ein Termin für den Familienangehörigen vor Ort steht. Die Bankverbindung war vorgegeben, wurde aber ihrem Namen nicht gerecht. Der in der Lausitz lebende Kurde hatte zwar brav 20 (!) Euro Gebühr bezahlt, um die neun Euro zu entrichten, doch das Empfänger-Geldinstitut verweigerte die Annahme, man müsse erst beglaubigt bekommen, dass die Transaktion nichts mit Syrien zu tun habe.

Das ist nicht ganz einfach, geht es doch um einen syrischen Staatsbürger, der sich Assads Militär durch Weggang in den Irak entzogen hat. Also schrieben wir – wie von der Sparkasse empfohlen – ganz viel Erklärendes auf. Natürlich auch die genaue Anschrift des Betroffenen im Irak. Doch der Bank gefiel die Adresse nicht, wohl weil es sich nicht um ein Wohnhaus handelt, sondern das Gebäude einer gastronomischen Einrichtung (wo der Junge gelegentlich arbeitet und ein Zimmer hat). Also wichen wir auf die in diesem Fall bestehende Bezahlalternative aus: meine Kreditkarte, mit der man während des Telefonats bezahlen kann. Er selbst aber hätte die Bezahlung per Bank nicht durchführen können.

Will sagen: Der „Untergrund“ ist relativ. Es dürfte eine Menge Menschen geben, an die man – ganz abgesehen von abenteuerlichen Gebühren – als Freund oder Familienmitglied im Ausland das Geld auf den offiziell vorgesehen Wegen gar nicht herankriegt. Während dubiosen „Hedge-Fonds“ und anderen Finanzakrobaten jenseits des Gemeinwohls von Geldinstituten immer ein Weg gewiesen wird. Wer kein Bein auf die Erde bekommt, geht in den Untergrund. Nicht in Betrugsabsicht, sondern aus Fürsorge – nicht zuletzt für die Menschen, die einem persönlich lieb und teuer sind.

Diktatur der Bürokratie

Die Bürokratie unserer Zeit hat eine neue Qualität erreicht: Sie ist nicht mehr das Lästige, das zusätzlich nebenbei zu erledigen ist. Sie ist inzwischen an die Stelle dessen getreten, was die Leute eigentlich machen wollen.

Der Landwirt in unserer Familie hat selbst keine Zeit mehr, auf dem Feld zu arbeiten. Er sitzt den ganzen Tag im Büro und arbeitet die Papierberge ab, die ihm die verschiedensten Behörden unablässig zum obligatorischen Ausfüllen zuschicken. Damit schafft er die Voraussetzung dafür, dass seine Angestellten die Felder bestellen können.

Der hauptamtliche Flüchtlingshelfer will eigentlich Sozialberatung machen. Dazu kommt er aber faktisch nicht. Denn er ist fast ausschließlich darin eingespannt, seinen Schützlingen die immer neuen bürokratischen Hürden des Jobcenters und der Ausländerbehörde aus dem Weg zu räumen.

Der Hochschullehrer, der sich mit inneruniversitärer Bürokratie, Drittmittelanträgen und wasweißich zeitraubend herumschlagen muss, klagt ebenso: Nicht genug Zeit für die Projekte in Forschung und Lehre, für die eigentlich sein Herz schlägt.

Eigentlich sollte uns die Digitalisierung vom Papierkram befreien – siehe elektronische Steuererklärung. Tatsächlich nutzt die Bürokratie den rasanten Fortschritt der Informationstechnologie, ihre eigenen Ansprüche ins Unermessliche zu steigern. Sie kann nicht mal mehr an ihren eigenen Akten ersticken, da unendliche Gigabyte-Lagerstätten zur Verfügung stehen.

Parallel zur Bürokratie vermehren sich exponentiell die Mittel des Umgangs mit ihr. Einschließlich der von diesen angerichteten Kollateralschäden. Die Diktatur der Rechtsabteilungen in den Betrieben gehört dazu, der man sich um so williger unterwirft, je mehr die Angst wächst, sich in den juristischen Fallstricken des Alltags zu verfangen.

Wohl dem, der über einen antibürokratischen Schutzwall in Gestalt lieber Menschen verfügt, die ihm den Wahnsinn vom Hals halten. Die Buchhalterin und Finanzerin kann ein hilfreicher Engel sein (wie in meinem Umfeld) oder dir das Leben zur Hölle machen (auch solches kenne ich vom Hörensagen).

Die Bürokratie ist in der Demokratie radikal egalitär – ihr entkommt niemand. Auch eine Bundeskanzlerin kann am privaten Bauantrag für eine Terrasse scheitern. Natürlich gibt es bürokratiefreie Räume: die Ehe ohne Ehevertrag, die Freundschaft, die gute Nachbarschaft, wo berechnungsfrei nach Bedarf in Naturalien und Gefälligkeiten getauscht wird.

Das sind die gegenwärtigen revolutionären Zellen der künftigen postbürokratischen Gesellschaft. In ihr wird nicht mehr eifersüchtig darüber gewacht, was einem „zusteht“, sondern was jede/r braucht. Das Misstrauen der Bürokratie gegenüber Missbrauch weicht dem Vertrauen in den humanen Gebrauch.

Nachdem die Jahre seit 1989 den Nachweis erbracht haben, dass der Kapitalismus viel bürokratischer ist als der Kommunismus, wächst eine neue Verheißung: die klassenlose Gesellschaft der Befreiung von der Diktatur der Bürokratie. Denn die Bürokratie ist nichts anderes als die vermeintlich gerechte Regulierung von Statusunterschieden.

Im Schnee zur Nachtschicht

„Ich glaube, ich kann nicht zur Arbeit fahren.“ „Warum denn das?“ „Es ist Schnee und glatt, das Auto rutscht.“ Und der Weg zur Nachtschicht ist an die dreißig Kilometer lang.

Okay, verglichen mit Damaskus, wo wegen ein paar Schneeflocken die Schule ausfiel, befinden wir uns gerade im absoluten Ausnahmezustand. Aber wir sind nicht in Syrien, sondern in der Oberlausitz.

„Ich habe die 65 Kilometer von Dresden hierher auch geschafft. Ohne zu bremsen. Vorsichtig Gas geben, zügig hochschalten, großen Abstand zu anderen Autos halten. Und dann nur mit der Gangschaltung abbremsen – durch Runterschalten vom fünften in den vierten usw.“

Eine Stunde später. „Soll ich dich zur Arbeit fahren?“ Verständnisloser Blick: „Wieso denn das? Ich habe doch auch einen Führerschein.“

Es sind Helden. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mit dem Auto kreuz und quer durch Damaskus fahren. Auch ganz ohne Schnee eine Horrorvorstellung für mich.

PS.: Er kommt nach der Arbeit erstmals nicht pünktlich zurück. Siehst du, jetzt hast du ein schlechtes Gewissen: Mit deinem Hardcore-Integrationsstil bringst du die Leute in Lebensgefahr. Besorgter Anruf: „Ist was passiert?“ „Ich musste auf schmaler Straße Bus ausweichen. Kriege Auto nicht zurück auf die Straße.“ „Ist was kaputt?“ „Nein.“ „Soll ich zu Dir kommen?“ „Nein, warum? Ich habe den ADAC gerufen und warte jetzt, bis er da ist.“

Abschied vom Asyl in Holscha

Auf den ersten Blick war es das Schlimmste, was Asylsuchenden passieren konnte: ein heruntergekommenes Motel, früher mal ein Schweinestall, am Rande eines kleines Dorfes. Bushaltestelle? Gehe auf der nahen Bundesstraße 96 – jener längsten Straße der DDR, die von der tschechischen Grenze bis Rügen führt – nach links und dann wieder rechts rein auf der Straße nach Neschwitz. Immerhin fährt der Bus tagsüber fast stündlich nach Bautzen.

Heute ist Schluss in Holscha – nach zwei Jahren. CDU-Landrat Harig hatte brieflich ausgerufen: Tausend sind genug! Keinen einzigen Asylbewerber könne der Landkreis noch aufnehmen. Aber das BAMF in Chemnitz schickte noch mal rund dreißig Menschen – und die kamen dann eben nach Holscha. Heimlich. In der Zeitung stand nichts, erst mit vier Wochen Verspätung gab es eine beiläufige Pressenotiz. Aber Menschen aus der Nachbarschaft, vor allem Frauen, kümmerten sich von Anfang an. Andere wie wir aus umliegenden Dörfern kamen nach der E-Mail einer Sozialarbeiterin aus dem „Steinhaus“ Bautzen. Mitte Dezember 2014. Als erstes gespendete Kleider verteilt, die allerdings großenteils unbrauchbar, weil viele Nummern zu groß waren.

Der Landkreis etikettierte das eigentlich unerwünschte Heim zur „dezentralen“ Unterbringung. Der Neschwitzer Bürgermeister schrieb im Gemeindeblatt, die Bevölkerung möge das Asyl in Holscha bitte unaufgeregt zur Kenntnis nehmen, die Gemeinde könne nichts dafür. Die Angst vor Anschlägen war allgegenwärtig. Freundliche Polizisten besuchten die Geflüchteten und gaben ihnen zu verstehen, bitte sofort Meldung zu machen, wenn sich jemand in feindlicher Absicht nähere.

Noch viele Monate später, als ich nach der Präsidiumssitzung der Domowina in Hoyerswerda noch kurz vor Mitternacht in Holscha vorbeischaute, um mit Freunden Tischfußball zu spielen und ein bisschen zu plaudern, wurde ich hinterher auf dem weiteren Heimweg von der offenbar nahe dem Heim versteckt postierten Polizei kontrolliert und gefragt, ob ich in dem Heim arbeite. Passiert ist nie etwa – vielleicht auch dank der Polizei.

Zugleich passierte unheimlich viel. Wahrscheinlich hat Holscha zu den bestbetreuten Asyl-Unterkünften in Sachsen gehört. Während der Chef vom Bautzener „Spreehotel“ mal im Zeitungsinterview sagte, unter den Hunderten Flüchtlingen im Hause seien auch völlig Vergessene, hatte in Holscha jeder Mensch, der es wollte, eine unmittelbare persönliche Betreuung beim Deutschlernen, in der Freizeitgestaltung, beim Kennenlernen der Gegend und natürlich bei den schrecklichen Behördengängen.

Nun macht Holscha dicht. Einer meiner beiden syrisch-kurdischen Mitbewohner, die ohne Holscha nie bei uns gelandet wären, hat gestern mit seinem Auto zwei der letzten Geflüchteten im Motel zum „Spreehotel“ gefahren. Asyl in Holscha ist Geschichte. Unvergessen das Auftreten einer größeren Gruppe Refugees beim volkstümlichen „Hexenbrennen“ in Neschwitz, oder wenige Tage später beim Nachtbaumwerfen bei uns im Dorf mit viel Volk aus den Orten zwischen Bautzen und Hoyerswerda. Die atmosphärische Polarisierung zwischen Freundlichkeit und Hass in den Gesichtern bis hin zur direkten Ansprache: „Warum bist du hier?“ Aber auch hier ging alles gut, und es war für alle Beteiligten ein schönes Fest, wohl auch dank einer Security, die sich den Abend und die halbe Nacht nur wenige Meter neben dem Teil der Tanzfläche postierte, wo die Männer aus den arabischen Ländern tanzten.

Bilanz nach zwei Jahren Asyl in Holscha: Die Freundlichkeit hat gesiegt. Es wohnen in ganz Deutschland Menschen, die sich gerne an die Leute hier erinnern werden. Und es sind letztlich doch ein paar mehr in Holscha einquartierte Geflüchtete als erwartet in unserer Region geblieben, die hier jetzt wohnen und arbeiten.

Verklärung früherer Harmonie

Ich hab’s nicht so mit der Harmonie. Liegt vielleicht am Erbe des Vaters, des verhinderten Fremdenlegionärs und langjährigen Kriegsreporters, in mir. Gleichgewicht – ja, aber das ist nur möglich, wenn es erst mal Spannungen, Unterschiede gibt.

Das Nachdenken übers „gute Leben“ jenseits der Wirtschaftswohlstandszahlen hat Konjunktur. Dabei taucht gern das Wort „Harmonie“ als maßgebliches Kriterium auf. Das Instrument zu deren Erzeugung sei die Schaffung wechselseitiger „sozialer Abhängigkeit“ – zum Beispiel durch Austausch selbst produzierter Lebensmittel von Nachbarn, erläuterte uns neulich ein sympathischer Dorfbürgermeister bei einem universitären Forum. Schon haben wir höchst harmonische Bilder von Stammtisch und Garten-Idylle im Kopf, und alle sind ergriffen.

Nun ist das mit Harmonie in sozialer Abhängigkeit so eine Sache. Da ich selbst manchmal mit Nachbarn Gebrauchsgegenstände und Unterstützungstätigkeiten tausche, habe ich durchaus ein Faible für solche Storys. Aber bei „sozialen Abhängigkeiten“ leuchten bei mir die Warnleuchten auf, waren sie doch noch vor einigen Generationen hierzulande Basis vieler Zwangsehen, die um der effektiven oder notwendigen Abrundung der Besitzungen vorgenommen wurden.

Der Transformationsprozess sollte nicht zur Regression führen. Die Leute gucken mit Vorliebe spannende Filme, wo die Harmonie eben zunächst massiv gestört ist, um dann wieder glücklich hergestellt zu werden. Und nach Ende des Films wieder zu zerfallen, bis sie erneut zusammengebastelt wird – in neuer, verbesserter Form. Wenn die Filmgeschichte endlos weiterginge.

Die ganze Industriegeschichte, angefangen mit dem sächsischen Silberbergbau vor achthundert Jahren, ist eine Geschichte der Dissonanzen. Weiterführende Gedanken, ja Erfindungen, entstehen nur dort, wo irgendein Konflikt existiert. Ist alles in Butter, haben wir keine Veranlassung zum Durchdenken des derzeitigen Zustandes.

Die vielgeschmähten „Echo-Kammern“ bei Facebook, wo sich Menschen gruppenweise nur noch in der eigenen Meinung radikalisieren und alles andere aus ihrer Gruppe und Weltsicht rausdrängen, ist ja letztlich nur die Rückkehr der alten, in sich strikt getrennten Ständegesellschaft in neuem Gewand. Dem entkommt man nicht durch die Flucht in „Harmonie“, sondern durch die Bereitschaft zum streitbaren Austausch mit denen, die aus anderen Gruppen kommen. Dafür gibt’s ein schönes politisches Modewort: Inklusion.

Es unterscheidet ja gerade die Inklusion von der Integration, dass am Ende nicht gesellschaftliche Gruppen nebeneinander stehen, die unter einem Dach leidlich zusammenhalten. Sondern dass sich die souveränen Individuen selbstbewusst vermengen. Das ist dann das wahrhaft gute, nämlich auch interessante Leben.

Sächsische Adventswünsche

„Einen schönen ersten Advent!“ wünscht man mir seit Freitag überall. Ob im Landtag oder beim Bäcker. Ein erstaunlicher Brauch im weltlichen Sachsen, das ist mir selbst in Bayern nie passiert. Nächste Woche werden mir die Leute allenthalben einen ebenso schönen zweiten Advent wünschen. Ich ihnen natürlich auch. Und so geht es weiter bis Weihnachten.

Gut, in Sachsen befindet sich das „Weihnachtsland“ schlechthin, das Erzgebirge, und das strahlt eben auf den gesamten Freistaat aus. Eigentlich will ganz Sachsen Weihnachtsland sein. Die Adventszeit ist da Hochsaison. Seit Adam Ries, der nach Sachsen zog, hier mehr als sein halbes Leben verbrachte und eine Rechenschule gründete, ist Sachsen das Land des Rechnens und der Zahlen. Das passt aufs Schönste zur naturwissenschaftlichen Prägung dieses frühzeitig hochentwickelten Landes. Die wiederum liegt an der achthundertjährigen Bergbau-Tradition, und Ries arbeitete nicht zufällig in der Bergverwaltung.

So haben wir das Phänomen, dass die Menschen in diesen im weltweiten Maßstab maximal säkularisierten Landstrichen die Etappen des Advents mit so großer Gewissenhaftigkeit kultivierten, dass das Fest der Geburt Christi niemanden unvorbereitet treffen kann. Wer dann noch erst am Heiligabend nach Geschenken sucht, ist wirklich selber schuld.

Gutes Gespräch

Wir haben Besprechungen, Unterredungen, Chats, Smalltalks, kurze und längere Unterhaltungen, nicht zu vergessen die unvermeidlichen Sitzungen und Meetings. Und ab und an auch ein Gespräch.

In einem Gespräch kann prinzipiell über ALLES gesprochen werden. All das, was auf der Smalltalk-Tabuliste steht – Religion, Sex, ernsthaft Politik usw. –, ist hier zulässig und jederzeit möglich. Wer sich näher kennenlernen will, muss ein Gespräch miteinander führen.

Wohlgemerkt, es geht um das reine Gespräch ohne Zusatz wie „Personal-“, „Team-“ oder so. Der Reiz des Gesprächs liegt gerade in seiner grundsätzlichen Zweckfreiheit. Wenn die Beteiligten hinterher beglückt resümieren, es sei ein „schönes“ oder „gutes“ Gespräch gewesen, wollen sie ja damit zum Ausdruck bringen, dass es zu einem so (in dieser Intensität oder auch thematischen Breite) unerwarteten Austausch gekommen ist.

Ein hochverdienter Landtagsabgeordneter, der leider dem Parlament nicht mehr angehört und ein ebenso kompetenter wie unterhaltsamer Redner gewesen ist, sagte gelegentlich spaßeshalber: „Man weiß ja nie, wo es einen hinredet.“ Bezogen auf ein Gespräch ist das der Normalzustand. Deshalb wurzelt es direkt im großen Geheimnis des Daseins, das unseren kleinteiligen Alltag umgibt. Menschen, die ein gutes Gespräch geführt haben, gewinnen den Eindruck, dass sie sich nun richtig kennen. Die gesammelte Erkenntnis kann natürlich im nächsten guten Gespräch schon wieder relativiert und weiterentwickelt werden, so ist das Leben.

Ein solches Gespräch ist oft eine Sache von zwei Menschen, es können aber auch mehr sein. Eine Massenveranstaltung ist es jedoch nie. Das liegt an einer Grundbedingung des guten Gesprächs: Das Gesprochene darf niemals gegen einen der Gesprächsbeteiligten verwendet werden. In diesem Sinne kommt es dem „Beichtgespräch“ gleich, nur dass im weltlichen Gespräch nicht einer der Priester ist, sondern beide bzw. alle. Sie können sich daher auch wechselseitig vergeben.

Ich wage mal die These: Wer mit gewisser Regelmäßigkeit die Gelegenheit zu guten Gesprächen finden, hat weniger oder keinen Therapiebedarf. Ein Mensch kann im Extremfall ohne fast alles auskommen, er kann enthaltsam in vielerlei Hinsicht bleiben und muss dabei nicht zugrunde gehen. Aber was langjährige Einzelinhaftierte am schmerzlichsten vermissen, ist die Möglichkeit des Gesprächs. Mancher hat das nur durch den Übergang in ein Netz fiktionaler Gespräche überlebt, an denen er täglich im Kopf weitergebastelt hat.

Also mein Vorsatz für die Adventszeit: Mehr Zeit für Gespräche.

„Böse“ UMAs, Liebe und Verwaltung

Der unbegleitete minderjährige Asylsuchende ist der neue Schreckensritter, jedenfalls wenn ich öffentliche und private Wortmeldungen der letzten Zeit aus unserer Region Revue passieren lasse: Anmaßend, frech, kurzum eine Zumutung.

Nun ist das aus Erwachsenensicht chronisch abweichende Fehlverhalten Jugendlicher seit der antiken Komödie ein Dauerbrenner, also seit ungefähr achtzig Generationen. Gern wird dabei seither weltweit zwischen in- und ausländischen Unreifen differenziert, wobei das Befremden ob der zweiten Gruppe traditionell führend ist.

Da es auch im globalen Maßstab ziemlich aus der Mode gekommen ist, Zwölfjährige zur Arbeit und in die Ehe zu schicken und somit die Kindheit bruchlos ins Erwachsenensein zu überführen, treibt das Phänomen „Jugend“ im durchschnittlichen Erdenleben des 21. Jahrhunderts ein bis anderthalb Jahrzehnte sein Unwesen. Besonders bei der männlichen Hälfte der Menschen, deren Reifung etwas zeitraubender zu sein scheint als bei Menschen ohne Y-Chromosom.

Natürlich sind ausländische Jugendliche scheinbar provokativer als inländische, weil sie noch nicht über das Arsenal von Tricks verfügen, ihre Abweichung vom Erwachsenenverhalten in landestypischer Weise so zu tarnen, dass man von den Älteren außer gelegentlicher Nörgelei weitgehend in Ruhe gelassen wird. Generell gilt für diese Altersgruppe der Wankelmut als Krisenkriterium, nicht selten gepaart mit Phasen kultivierter Langeweile, also des Ab- bzw. gemeinsamen Rumhängens.

Im Unterschied zu uns „Best Agers“, die ob des gefühlten Zerrinnens der Zeit bereits im Morgengrauen Aktivitäten kumulieren, um „noch“ alles zu schaffen, hat der Adoleszente endlos Zeit. Man kann also komplette Wochenenden in Shisha-Rauchen und Diskos versenken, ohne Gewissensbisse zu verspüren, sein Leben zu vertun. Das unmittelbare Zusammenwohnen dieser beiden Alterskohorten ist daher tendenziell spannungsgeladen und sollte zeitlich begrenzt werden.

In der griechischen Antike haben die jungen Männer aus den besseren Kreisen ab und an bei den älteren Herren gelegen, ihren geistigen Förderern. Wobei uns schon Sokrates in Platons „Gastmahl“ lehrt, dass die von heute in Rückschau unterstellte sexuelle Komponente in diesen Beziehungen von den wahren Meistern verschmäht wurde. Sie liebten den Jungen, aber eben „platonisch“. Und hofften auf eine Freundschaft fürs Leben, die das Verwelken des Fleisches überdauert.

Zurück zu den UMAs, dieser personifizierten ungefilterten männlichen Jugendlichkeit, die nach ihrer Ankunft in Deutschland ebenso wie die „allein reisenden“ jungen Volljährigen kaum geliebt, sondern zum verwaltungstechnischen Betreuungsfall der Jugendhilfe gemacht wird. Eigentlich wollen sie nur – wie wir alle auch – geliebt werden. Liebe außerhalb klassischer Beziehungskisten und Eltern-Kind-Konstellation gilt jedoch in unserer durchregulierten Gesellschaft als etwas Unordentliches, Verdächtiges. Aber Integration mit Herz und Verstand gibt es nur in solcherart „unordentlichen“ Verhältnissen.