Die Bürokratie unserer Zeit hat eine neue Qualität erreicht: Sie ist nicht mehr das Lästige, das zusätzlich nebenbei zu erledigen ist. Sie ist inzwischen an die Stelle dessen getreten, was die Leute eigentlich machen wollen.

Der Landwirt in unserer Familie hat selbst keine Zeit mehr, auf dem Feld zu arbeiten. Er sitzt den ganzen Tag im Büro und arbeitet die Papierberge ab, die ihm die verschiedensten Behörden unablässig zum obligatorischen Ausfüllen zuschicken. Damit schafft er die Voraussetzung dafür, dass seine Angestellten die Felder bestellen können.

Der hauptamtliche Flüchtlingshelfer will eigentlich Sozialberatung machen. Dazu kommt er aber faktisch nicht. Denn er ist fast ausschließlich darin eingespannt, seinen Schützlingen die immer neuen bürokratischen Hürden des Jobcenters und der Ausländerbehörde aus dem Weg zu räumen.

Der Hochschullehrer, der sich mit inneruniversitärer Bürokratie, Drittmittelanträgen und wasweißich zeitraubend herumschlagen muss, klagt ebenso: Nicht genug Zeit für die Projekte in Forschung und Lehre, für die eigentlich sein Herz schlägt.

Eigentlich sollte uns die Digitalisierung vom Papierkram befreien – siehe elektronische Steuererklärung. Tatsächlich nutzt die Bürokratie den rasanten Fortschritt der Informationstechnologie, ihre eigenen Ansprüche ins Unermessliche zu steigern. Sie kann nicht mal mehr an ihren eigenen Akten ersticken, da unendliche Gigabyte-Lagerstätten zur Verfügung stehen.

Parallel zur Bürokratie vermehren sich exponentiell die Mittel des Umgangs mit ihr. Einschließlich der von diesen angerichteten Kollateralschäden. Die Diktatur der Rechtsabteilungen in den Betrieben gehört dazu, der man sich um so williger unterwirft, je mehr die Angst wächst, sich in den juristischen Fallstricken des Alltags zu verfangen.

Wohl dem, der über einen antibürokratischen Schutzwall in Gestalt lieber Menschen verfügt, die ihm den Wahnsinn vom Hals halten. Die Buchhalterin und Finanzerin kann ein hilfreicher Engel sein (wie in meinem Umfeld) oder dir das Leben zur Hölle machen (auch solches kenne ich vom Hörensagen).

Die Bürokratie ist in der Demokratie radikal egalitär – ihr entkommt niemand. Auch eine Bundeskanzlerin kann am privaten Bauantrag für eine Terrasse scheitern. Natürlich gibt es bürokratiefreie Räume: die Ehe ohne Ehevertrag, die Freundschaft, die gute Nachbarschaft, wo berechnungsfrei nach Bedarf in Naturalien und Gefälligkeiten getauscht wird.

Das sind die gegenwärtigen revolutionären Zellen der künftigen postbürokratischen Gesellschaft. In ihr wird nicht mehr eifersüchtig darüber gewacht, was einem „zusteht“, sondern was jede/r braucht. Das Misstrauen der Bürokratie gegenüber Missbrauch weicht dem Vertrauen in den humanen Gebrauch.

Nachdem die Jahre seit 1989 den Nachweis erbracht haben, dass der Kapitalismus viel bürokratischer ist als der Kommunismus, wächst eine neue Verheißung: die klassenlose Gesellschaft der Befreiung von der Diktatur der Bürokratie. Denn die Bürokratie ist nichts anderes als die vermeintlich gerechte Regulierung von Statusunterschieden.

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