Winter-Reste zwischen Luga und Loga

Vorfrühlings-Sonntagsspazierung zwischen Luga (sorbisch Łuh, gesprochen ein angehauchtes „u“ und damit der kürzeste Ortsname Europas, weshalb ich Aphorismen-Fan und Anhänger sprachlicher Kürze mich für dieses Fleckchen Erde entschied 😉) und Loga (Łahow) ist das noch nicht ganz.

Es soll zwar in offiziellen Temperatur-Graden heute wärmer als gestern sein. Aber die Sonne ist weg und der Wind kräftiger. Deshalb ist es gefühlt kälter. Aber damit ideal für so ungefähr zehntausend schnelle Schritte (ich zähle nicht mehr mit, den Schrittzähler habe ich Freiheitsliebender wieder vergraben).

Schönen Sonntag aus der Lausitz (Łužica) in alle Welt! 😊

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Die Begründung eines bedingungslosen Grundeinkommens hat sich innerhalb von Jahrzehnten radikal geändert. Zunächst war die Idee vorherrschend, der Menschheit gehe durch Automatisierung, Rationalisierung und Roboterisierung die Arbeit aus. Die „überflüssig“ gewordenen Arbeirskräfte müssten versorgt werden. Davon kann heute keine Rede mehr sein.

Es sind viele neue Jobs im Dienstleistungsbereich entstanden. Aber sie sind oft schlecht bezahlt und prekär, also ungesichert. Deshalb müsse den Menschen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen mehr Souveränität gegeben werden. Dabei lassen sich diese beiden Probleme viel naheliegender so lösen: durch einen ausreichend hohen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn und die Rücknahme der gesetzgeberischen Ausweitung von Leiharbeit und Minijobs.

Natürlich ist es eine charmante Idee, auch Menschen ohne Vermögen ein Leben als Privatier zu ermöglichen, also auch auf Wunsch frei von Erwerbsarbeit existieren zu können. Vielleicht sollte jeder leistungslose Vermögende, der infolge unzureichender Besteuerung noch nicht entreichert wurde, die Auflage bekommen, einigen gestressten Werktätigen ebenfalls eine solche Existenz zu bezahlen. Als ausgleichende Gerechtigkeit.

Dass aber freiwillig Arbeitende freiwillig Nichtarbeitenden abseits von Kindheit/Jugend, Alter, Ausbildung, Krankheit oder sonstiger Bedürftigkeit den Alltag finanzieren müssten, würde wahrscheinlich die soziale Unruhe hervorrufen, die der SZ-Autor mit dem bedingungslosen Grundeinkommen gerade verhindern will. Also geht es stattdessen um Aufwertung der Arbeit, von der man zur Zeit nur schlecht oder gar nicht leben kann.

Auch Industriearbeiter wurden einst miserabel bezahlt. Dass heute in der Metallindustrie selbst in der Lausitz ein Ungelernter deutlich über Mindestlohn verdienen kann, ist das Ergebnis langer Kämpfe. Der IG Metall sei Dank! Es ist also kein Naturgesetz, dass beispielsweise Menschen in Pflegediensten zu Hungerlöhnen arbeiten müssen.

Das Faszinierende am bedingungslosen Grundeinkommen ist, dass es Anhänger und Gegner von rechts bis links hat. Der letzte Schrei ist, dass es allen zuteil und dann wieder bei denen wegbesteuert werden soll, die es nicht brauchen. Damit aber würde es zum fiskalischen Monstrum. Das ändert nichts daran, dass die monströse Bürokratie im Jobcenter-Wesen beseitigt gehört, die zwar kaum echte Jobs bietet, dafür aber ihre unfreiwilligen „Kunden“ mit Paragraphen ohne Ende traktiert.

News ohne Wert, Geschichte(n) ohne Gültigkeit

Alte weise Männer riefen junge Orientierungswillige auf: „Empört euch!“ Jahre später stellt dann das Feuilleton fest, das sei denn doch kaum geschehen. Die Barrikaden wurden nicht gebaut – das macht man im (globalen) Dorf nicht (mehr).

Man sagte mal, das Fernsehen sei das wirkungsvollste Mittel zur Revolutions-Prävention: Die Leute verlieren ihre rebellischen Gedanken bei der alltäglich-stundenlangen Berieselung durch die Flimmerkiste.

Als ich als jugendlicher Stadtmagazin- und Verlagsmitgründer mit wichtigen Informanten per Faxgerät die auf Zettel geschriebenen Texte in Sekundenschnelle austauschen konnte, war dies der faszinierende vierte reguläre Kommunikationsweg – neben Telefonieren, Briefeschreiben und Face-to-face-Terminen. Heute bin ich an mehr als ein Dutzend Kommunikationskanäle angeschlossen, die damit einhergehende Big-Data-Beregnung des Lebens erfolgt kontrolliert über ein Smartphone.

Nachrichten, an meinem Berufsstart die kostbarste Ressource des Journalismus, sind inzwischen total entwertet, sie taugen nur noch als Füllmaterial zur Aufmerksamkeitskanalisierung Richtung Werbung. Niemand ist bereit, für die pure Nachricht auch nur einen Cent zu bezahlen. Sie ist unendlich und im absoluten Überfluss im Netz frei zugänglich.

Also setzt man auf Wert und besondere Wirkung durchs Storytelling, das Geschichtenerzählen. Dafür lässt sich (noch oder wieder?) eine Bezahlschranke im Online-Auftritt von Print-Medien errichten. Und damit sind wir selbst bereits im postfaktischen Zeitalter, denn eine Geschichte ist eben keine Dokumentation.

Kulturelle Differenz: Große Konzerne kaufen sich „Influencer“, also Blogger, die ihr Publikum mit dem plakativen eigenen Leben erfreuen und in dieses gegen Bezahlung den Tanz um eine goldene Marke einfließen lassen. Selbstverständlich voll authentisch. Unvoreingenommenheit gilt nicht mehr, Hauptsache die Geschichte ist mit schönen bewegten Bildern kompatibel. Unsereiner bleibt auf Fossil-Kurs und schiebt WordPress per Kreditkarte Kohle rüber, damit die Leser seiner Blogs ja von Werbung verschont werden (obwohl mein sorbischer Blog mit einer Reichweite in der Community, die in etwa der „Bild“-Zeitung im deutschsprachigen Raum entspricht, vielleicht ökonomisches Potenzial hätte ).

Wer ständig in der Timeline lebt, in dieser permanenten Gleichzeitigkeit des Banalen und des Katastrophalen, wo die Bomben auf Aleppo neben der Freude über ein Hotel, in das man seinen Hund mitnehmen darf, beklagt werden, verfügt kaum mehr über die Muße zur inneren Sammlung, die Voraussetzung des umstürzlerischen Furors ist. Ich hatte vor dreißig Jahren in Würzburg Kontakt zu einem sympathischen Schriftsteller, der eigentlich gut schrieb, er hatte nur eine Macke: Alles fing irgendwie an mit „Ich und mein…“ Diese Form des Realitätsfilters durch Selbstbezug – direkt gesagt: Narzissmus – ist heute Standard des „sozialen“ Netzes, der sich bei Instagram am unverhülltesten auslebt.

Zu große und vielfältige Aufregung macht krank. So erging es mir im letzten Frühjahr. Bei den autogenen Atemübungen, die ein kluger Dresdner Arzt selbst erfunden hat, werden die im Kopf aufzusagenden Sprüche eröffnet mit: „Es ist alles gleich gültig.“ Der Gebrauchsanweisung ist zu entnehmen, dass keinesfalls „gleichgültig“ gemeint ist, sondern eben schlicht, dass nichts das Lebens-Gleichgewicht durcheinanderbringe dürfe, weil darunter auch anderes, ebenfalls Wichtiges, leide. Sind wir aber ehrlich, merken wir, dass die Übergänge zwischen „gleich gültig“ und „gleichgültig“ gefühlt fließend sind. Und die heute allseits angeprangerte vermeintliche oder tatsächliche Gleichgültigkeit erscheint so fast wie eine gemeinsame Überlebensstrategie zur Abwehr von Ängsten inmitten der Infotainment-Blasen auf allen Kanälen.

Gregor Gysi sagte einmal: „Der letzte Zweck von Politik muss ein Mehr an (Lebens-)Kultur sein. Und Nietzsche: Ich will ein für alle Mal vieles nicht wissen. Vielleicht ist das die Voraussetzung für die Wiederherstellung rebellischen Geistes: sich Auszeiten von News und Storys zu gönnen – und mit Freunden spazieren zu gehen.

Die AfD-Festspiele

Die AfD wirft einen Journalisten aus ihrem Parteitag raus, weil er „Hetzartikel“ produziert habe. Die betroffene Zeitung revanchiert sich nun nicht etwa mit reduzierter Berichterstattung über das Ereignis – bekanntlich für Parteien die Höchststrafe –, sondern schreibt mit besonderer Ausführlichkeit, illustriert von besonders großen Fotos, unter solidarischer Nutzung der Recherchen von Vertretern anderer Redaktionen.

Auch die allenthalben erfolgte Verurteilung des Rauswurfs des Journalisten, über die selbstverständlich ebenfalls breit berichtet wird, erhöht das Aufmerksamkeitskapital der AfD. Damit diese Nummer nicht zu schnell endet und es ihr am Nachhall nicht fehle, entschuldigt sich die AfD. Die „Sächsische Zeitung“ nimmt die Entschuldung natürlich an. Und das Ganze ist wieder auf der Titelseite.

Reumütig räumt die AfD ein, es fehle ihren Leuten noch am professionellen, gelassenen Umgang mit den Medien. Im Übrigen sei es natürlich ein Fehler gewesen, den Vorwurf der „Hetzartikel“ nicht geprüft zu haben, bevor über den Rauswurf abgestimmt worden sei. Da fragt man sich denn, welche Ad-hoc-Untersuchungskommission künftig objektiv zu urteilen habe, wer denn nun ein Hetzer ist und wer doch nicht.

Verfolgt man die sonnabendlichen Leserbriefseiten der „Sächsischen Zeitung“ und die auf ihnen dokumentierten Wogen der Klage über die „einseitige“ Berichterstattung zu AfD und Pegida, kann man nur ahnen, wie viele Leser der SZ für die AfD-Ordnungsmaßnahme durchaus Sympathie gehabt haben und auf jeden Fall Verständnis dafür zeigen, dass die politisch Blauen nicht so gelassen mit den Schreiberlingen umgehen.

Die AfD-Festspiele werden unterdessen mit Petry gegen Höcke munter weitergehen, wodurch gleichzeitig die nationalen und bürgerlichen Sympathisanten-Reservoirs maximal erschlossen werden – dank des zu erwartenden medialen Dauerspektakels um dieses Duell. Nach dem Trump-Triumph herrschte das innermediale Sich-Asche-aufs-Haupt-Streuen vor: Irgendwas müssen wir künftig anders machen. Das ist vorbei. Business as usual.

Nicht ganz. Denn schon vorher hatte die „Sächsische Zeitung“ den Pressekodex für sich punktuell außer Kraft gesetzt und nennt nun im Prinzip die Nationalitäten von Tatverdächtigen auch ohne Bezug derselben zur Tat. Das hat natürlich rein gar damit zu tun, dass sich beinahe in Hör- und Sichtweite des Sitzes der Hauptredaktion allmontäglich Pegida zusammenfindet.

Das Leben ist nicht einfach. Auch nicht die Sache mit den klassischen Nachrichtenfaktoren, die darüber entscheiden, ob etwas zur Meldung wird oder nicht. Wird womöglich in den komplizierten Verhältnissen der postglobalen Postmoderne auch derjenige „postfaktisch“, der an der Fakten-Konstruktion nach Lehrbuch festhält? Ich weiß es nicht. Fakt aber ist: Die gewohnten Rituale der „vierten Gewalt“ führen ebenso in die Irre wie die unreflektierte Perpetuierung der überkommenen politischen Inszenierungen.

Domowina denkt neu – Sorben-Politik nimmt sich Kultur zum Vorbild

Kulturell sind die Sorben gut drauf wie seit Menschengedenken nicht – nur ein Beispiel: So viele Bands junger Leute, die auf geradezu professionellem Niveau in ihrer Freizeit sorbische Musik machen, gab es wahrscheinlich noch nie. Sie bereichern damit unzählige kleinere und größere Events in der sorbischen Lausitz, wo Menschen unterschiedlichster Herkunft miteinander Spaß und gute Unterhaltung im doppelten Wortsinn haben.

Politisch nach außen präsentiert sich das sorbische Volk wie immer (man lese nach in der Gesellschaft von Weimarer Republik, Nachkriegs- und Wendezeit) mehrstimmig. In der aktuellen sächsischen Schulgesetz-Novellierungsdebatte mit drei von einander abweichen Voten: Die Initiative für ein sorbisches Parlament (deren Köpfe häufig hervorheben, auch Mitglied der Domowina zu sein), der Sorbische Schulverein (Bestandteil der Domowina und in ihrem Bundesvorstand mit Sitz und Stimme präsent) und der Sorben-Dachverband Domowina selbst.

Im Zeitalter der beiden großen globalen Sehnsüchte nach Identität und Autonomie bewegt natürlich auch die sorbischen Leute die Frage, wie sie bei diesen großen Themen Frieden mit sich selbst finden. Dass die Sorben kulturelle Autonomie haben und diese auch über die Stiftung für das sorbische Volk ordentlich gefördert bekommen, ohne sich unterwerfen zu müssen (wenn die sorbischen Vertreter im Stiftungsrat einig abstimmen, ist es guter Brauch, dass sie von den kommunalen und staatlichen Repräsentanten nicht überstimmt werden), ist bei vernünftiger Betrachtung unstrittig.

Die im Crostwitzer Schulstreik von 2001 anlässlich der vom damaligen Kultusminister Matthias Rößler betriebenen Schließung der dortigen – gemessen an der Sprachsubstanz „sorbischsten“ – Mittelschule geforderte Bildungsautonomie haben wir bisher nicht erreicht. Das liegt aber nicht an der vermeintlich fehlenden Volksvertretung, sondern an der Mehrheitsmeinung quer durch Sejm-Initiativgruppe und Domowina-Vereine, dass der „Staat nicht aus der Verantwortung für die sorbischen Schulen entlassen werden darf.“

Der in Deutschland für Bildungsautonomie verfassungsrechtlich vorgesehene Weg ist die staatlich anerkannte Schule in freier Trägerschaft, die der Staat fast komplett finanziert. Eine solche sorbische „Musterschule“ wäre auch ein Anreiz für den Staat, sich um das Sorbische an den Schulen in seiner Verantwortung besser zu kümmern. Mit dieser Dialektik arbeiten die Kirchen mit ihren konfessionellen Schulen, die ja den Staat auch nicht aus der Verantwortung für religiöse Menschen entlassen.

Der „Bildungs-Gipfel“ der Sorbenparlament-Befürworter neulich in Bautzen begab sich aber nicht auf diese Baustelle, sondern unternahm einen Ausflug in Luftschlösser. Darunter eine sorbische Universität in Bautzen und Cottbus. Jězusmarja, wer braucht das? Noch nie zuvor habe ich irgendwo von irgendjemandem eine andeutungsweise Äußerung dieses Wunsches vernommen. Und ich bin fest im Kreise der Hardcore-Sorben verwurzelt, die in ihren Familien jedes Eindringen von Deutschsprechen zielstrebig und zügig wegassimilieren 😊.

David Statnik, Vorsitzender der Domowina, hat mit seiner Anwesenheit beim „Bildungs-Gipfel“ der Sejm- Lobbyisten eine neue Ära der sorbischen politischen Kommunikation eingeläutet: Der abgeklärte Dachverband, gesegnet mit 105 Jahren politischer Lebenserfahrung in fünf gesellschaftlichen Systemen, im Bewusstsein eigener historischer Heldentaten und Peinlichkeiten, fühlt sich in seinen Kreisen nicht mehr durch schrille konkurrierende Stimmen gestört, sondern stellt sich ihnen. Mit dem Angebot, im Gespräch zu sein – innerhalb und außerhalb des Dachverbandes, so wie es den einzelnen Akteuren auf dem Feld des Sorbischen beliebt.

So hat die Politik der Domowina von ihrer eigenen Kultur gelernt. Wo gibt es eine zweite Vereinigung unter der Sonne, wo Menschen regelmäßig gleichzeitig in zwei bis drei Sprachen (Obersorbisch, Niedersorbisch, Schleifer Sorbisch) miteinander beraten wie im Domowina-Bundesvorstand, seinem Präsidium und den Ausschüssen? Wo Katholiken, Evangelische, Christen, Nichtchristen, Sozialisten, Konservative, Grüne, Handwerker, Wissenschaftler, Unternehmer, Sozialarbeiter, Studierende und Rentner im Dienste eines inklusiven Gemeinwohls konsensorientiert zusammenwirken?

Die Spaltung der Gesellschaft und der Welt sowie ihre zivilisierte Überwindung abseits von Trumpismus, Pegidismus, aber auch wohlstandselitärer Schönrednerei ist das Megathema unserer Zeit. Die Domowina braucht da ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Mit einer Stimme sprechen – das machen weder die EU noch der sächsische Landtag. Man sollte sich von der Erwartung verabschieden, ausgerechnet das kleine, hochgradig ausdifferenzierte sorbische Volk müsse das tun.

Wichtiger ist die berechtigte Hoffnung, dass letztendlich nicht die lauteste, sondern die vernünftigste Stimme größtmögliche Wirkungsmacht entfaltet. Wenn unsere syrischen Kurden, von denen es ja Millionen gibt, wieder mal sehen und merken, welchen Stellenwert bei uns eine Sprache hat, die gerade mal in einer Handvoll Dörfer Mehrheits-Kommunikationsmittel ist, sagen sie: So wie in Sorbistan wollen wir das in Kurdistan haben.

Der Autor dieser Zeilen Piwarc hamburgski alias Marcel Brauman(n) und insofern befangen, als er in Domowina-Bundesvorstand und Präsidium sowie als Vorsitzender des Ausschusses für Lobbyarbeit (und natürlich Mitglied in drei sorbischen Vereinen 😉) als Wahlsorbe mit Migrationshintergrund zu den selbstgewählten Schwerpunkten Sprache/Bildung, innersorbischer Dialog, Braunkohle-Schadensbegrenzung und sorbische Willkommenskultur arbeitetet, empfiehlt für den Diskurs über die sorbische Zukunft als idealen Ort das Café 😊. Der sorbische Direktor der Sorben-Stiftung hat das schon gemacht – und im letzten Herbst am Tag nach der unter Regie sorbischer Studierender stattfindenden Schadźowanka zum Thinktank-Brunch geladen.

Das Foto zeigt mich allerdings nicht in einem Lausitzer Café, sondern im polnischen Kraków. Da können wir uns als slawische Kosmopoliten selbstverständlich auch treffen 😊. Wir sind grenzenlos, deshalb habe ich ja auch seit neun Jahren einen sorbischen und seit einigen Monaten einen deutschsprachigen Blog auf Basis des Piwarc bei WordPress. Diese globale Plattform werde ich unabhängig von Weltpolitik weiter ohne Berührungsängste nutzen 😉.

Was ist wichtig für die Welt?

Gestattet, dass ich mich wundere, um mal einen Spruch meines früheren Chefs Prof. Porsch anzuwenden. Da rauscht es seit Tagen gewaltig im Blätterwald und in den gefunkten Medien, ganz zu schweigen von der Verbreitung der umfangreichen Nachricht der Deutschen Presseagentur auf zahlreichen wichtigen Online-Kanälen. „Sexueller Missbrauch im Leipziger Thomanerchor.“ Und was ist laut Meldungslage geschehen?

Zwei minderjährige Jungen sollen – laut ausgewerteten WhatsApp-Chatprotokollen – „engeren Kontakt“ miteinander gehabt haben. Dabei sei es, so der Sprecher der Stadt Leipzig, „möglicherweise“ zu „sexuellen Grenzverletzungen“ gekommen. Der Jüngere, unter 14 Jahre, sage nichts, es sei auch keine Anzeige erstattet worden. Der Ältere, unter 18 Jahre, sei des Internats verwiesen worden.

Ist das Stoff für bundesweite Berichterstattung? Wir erfahren über Schlafräume, in denen gezielt etwas Ältere mit untergebracht würden, um sich um etwas Jüngere zu kümmern. Dass dieses Betreuungsverhältnis ausgenutzt worden sei, gar Nötigung oder Gewalt eine Rolle gespielt habe, wird nicht behauptet. Bleibt die mögliche (!) Verletzung der Schutzaltersgrenze – allerdings durch einen ebenfalls noch Minderjährigen.

Ich werde jetzt die Öffentlichkeit mit Einzelheiten aus meinem Schulalltag in einer reinen Jungenklasse an einer zunächst reinen Jungenschule verschonen. Es verwundert aber wohl niemanden, wenn ich verrate: In den Pubertätsjahren waren spielerische sexuelle Grenzverletzungen nicht selten.

Natürlich gibt es Dinge, die gar nicht gehen – wenn zum Beispiel der Sportlehrer Schüler in ein sexuelles Verhältnis zieht. Ob aber das, was gewaltfrei und einvernehmlich zwischen den Jungen selbst abläuft, im Einzelfall tatsächlich problematisch ist, wird wohl kaum auf der Bühne der Weltpresse geklärt werden können. Dass eine Boulevardzeitung nicht widerstehen kann, geschenkt. Dass aber der übliche bürgerliche Nachrichtenjournalismus der Auffassung ist, das sei ein ganz großes Thema, befremdet mich.

Ich war nicht Zeuge der möglichen Grenzverletzung. Mein Ausgangspunkt ist die Meldungslage, die von den Medien für würdig befunden wurde, so verarbeitet zu werden. Die Sex-Story wurde dann noch damit verknüpft, dass drei von 60 Chorknaben Cannabis konsumiert hätten. Das dürfte eine in dieser Altersklasse unterdurchschnittliche Quote sein 😉. Ist aber egal – Sex-and-drugs-Story steht.

Tibis „Troublemakers“ – meine Freunde

Bassam Tibi sieht im aktuellen „Cicero“ eine Gefährdung der inneren Sicherheit durch jugendliche „Troublemakers“ aus Nahost und Afrika. Es handele sich um die Zugehörigen einer demografischen „Jugend-Blase“, die infolge des Staatenzerfalls ohne Platz in der dortigen Gesellschaft sei. Daher habe sie sich, gestützt auf ihre Smartphones, auf den Weg ins gelobte Europa und vor allem ins von Frau Merkel im Herbst 2015 willkommenskulturell profilierte Deutschland gemacht. Hier sorge sie nun in Jugendbanden für aufmerksamkeitsheischenden Lärm auf den Straßen unserer Städte – wie schon zuvor in ihrer Heimat. Deshalb müsse man diese Debatte enttabuisieren, und das könne sich er, Tibi, auch erlauben, ohne als Rassist beschimpft zu werden, schließlich sei er in Damaskus geboren.

Mir als Lausitzer Wahlsorben mit Hamburger Migrationshintergrund ist sowieso egal, wo jemand geboren ist, und ich werde mir auch nicht anmaßen, über die wissenschaftliche Kompetenz eines prominenten Islamologen und Sozialwissenschaftlers zu urteilen. Ich bin auch kein Historiker, aber selbst bei minimaler laienhafter Beschäftigung mit der Geschichte von Aus- und Einwanderungen – und sei es im 19. Jahrhundert von Europa und auch der Lausitz in die USA – kann man wissen, dass dies der Regelfall von Migration seit Menschengedenken ist: Wo mehr junge Menschen sind, als die entsprechende Gesellschaft unterbringen kann, und es vor Ort auch kein intaktes Gemeinwesen mehr gibt, da suchen Menschen den Weg dorthin, wo sie einen möglichen sicheren Platz für sich vermuten. Und sei es in Ländern mit relativ viel Wohlstand und vergleichsweise wenigen Kindern. So what?

Dass die Masse der Migrierenden nicht aus Spitzenforschern besteht, ist auch nichts Neues. Denn die absolute Bildungselite war schon vor Jahrhunderten kosmopolitisch orientiert, landesungebunden, sie geht bei Bedarf mal hier, mal dahin, ohne dass man von Ein- oder Auswanderung reden würde. Siehe Herrn Goethe. Aber wir können nicht alle wie Goethe sein, egal ob autochthone, allochthone Minderheit oder sesshafte Mehrheitsbevölkerung, deren globale Mobilität sich im Wesentlichen auf die Urlaubszeit beschränkt. Normalerweise sucht der Migrant – wie auch der dauerhaft Ortsansässige – den Aufstieg, auch zu mehr Wissen. Auswanderung ist gewöhnlich die Flucht vor Rückständigkeit, und sei es der so empfundenen eigenen Lebensumstände.

Deshalb ist auch der erwachsene Analphabet üblicherweise willig, Deutsch zu lernen, wobei er selbstredend kein höheres Sprachniveau erreichen kann, als es dem Horizont des Begreifens in der Muttersprache entspricht. (Dass nicht alle Mitglieder jeder Großfamilie diesen Weg gehen, hat etwas mit den Binnenverhältnissen solcher Familien zu tun, ist aber in Tibis Polemik insofern deplatziert, da er sich ja in dem Beitrag ansonsten mit Warnungen vor einer Gruppe hervortut, die gern als „allein reisende junge Männer“ beschrieben wird.) Er ist auch zumeist arbeitswillig und –fähig, wenn ihm nicht ein ihm fremder, schier endloser formaler Bildungskanon aufgedrängt wird, dem er sich dann aus berechtigter Furcht vorm Scheitern entzieht. Aber das Thema hatten wir hier schon.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Vermarktung von Politikwissenschaft heutzutage häufig so abläuft, dass ein kursierendes Vorurteil wissenschaftlich „untersetzt“ wird. Die einen phantasieren dann romantisch von „neuen Deutschen“, die anderen von einem personifizierten Sicherheitsrisiko. Vielleicht gewöhnen wir uns mal daran, Menschen einfach als Leute wie du und ich zu betrachten, die bei realistischer anthropologischer Betrachtung so ticken wie wir selbst. Statt sie als Projektionsfläche unserer Ängste oder Sehnsüchte zu missbrauchen.

Ich habe seit zwei Jahren mit mehreren dieser angeblich potenziellen „Troublemakers“ zu tun, die bisher weniger Trouble gemacht haben als ein durchschnittlicher einheimischer Jugendlicher. Wir wohnen und wohnten mit ihnen zusammen, schätzen ihre ausgeglichen-beruhigende Anwesenheit in Wohnzimmer und Küche 😊. Nebenbei: Ich könnte mir übrigens gut vorstellen, unter welchen Umständen ich vielleicht selbst mal zum „Troublemaker“ geworden wäre. Die hergeflogene „Jugend-Blase“ könnte uns einigen gesellschaftlichen Aufwind bringen. Wenn wir sie nicht wahlweise beargwöhnen, sozialtechnisch verwalten oder idealistisch beschmusen, sondern die mit diesem merkwürdigen Wissenschaftler-Wort eingefangenen jungen Leute einfach in die Mitte unseres Alltagslebens hineinnehmen. Was wir täglich von ihnen lernen können, ist Neugier im positiven Sinne. Und dann heben wir gemeinsam ab.

Sorbisches Leben ist ein Fest

Das Feiern unterscheidet Sorben und Deutsche – neben der Sprache – mehr als alles andere. Beispiel: Die Goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern fand damals im engsten Familienkreis statt – mit 86 Menschen. Der große Saal der Gaststätte in Crostwitz war gut gefüllt. Selbstverständlich gibt es auch Feste, bei denen liebe Nachbarn oder „Wahlverwandte“ mit dabei sind.

Ganz davon abgesehen, dass die (in unserer Zeit überwiegend katholischen) sorbisch sprechenden Menschen durchschnittlich mehr Kinder haben und ihren Familien-Bezugskreis großzügiger definieren als ihre deutschen Nachbarn, gibt es eine weitere wesentliche Besonderheit: Es sind im Regelfall vier Generationen anwesend, die Zusammensetzung der Gäste ist altersmäßig stark gemischt.

Das hat mit zunehmendem Alter wachsende Vorteile: Sitzen betagte Deutsche bei der Geburtstagsfeier vor allem im Kreise gleich und ähnlich Altriger, mit denen man sich über aktuelle Krankheiten und die im Verlaufe des Jahres Gestorbenen austauscht, befinden sich die alten Sorben inmitten von Jugend. Letztere kümmert sich mit sorgfältig einstudierten Musik-Darbietungen und kunstvoll-launigen Gedichten um die Grundlage guter Stimmung.

Überhaupt sind sorbische Feste Mitmachveranstaltungen. Es wird viel gemeinsam gesungen. Man beherrscht zumeist zahllose Strophen bei fast jedem Lied. Und wenn den deutschen Gästen zuliebe auch deutsches Liedgut angestimmt wird, beherrschen es die Sorben besser 😊.

Wegen der viel größeren Familien, Bräuche wie Kirchweih mit wechselseitigen Besuchen, da das Ereignis in jeder Gemeinde an einem anderen Sonntag liegt, und der überdurchschnittlich häufigen Mitgliedschaft in Chören und anderen kulturellen Zirkeln feiert der Sorbe statistisch mindestens ein Mal jede Woche. Zieht man die feierarme Fasten- und Ferienzeit ab, ist die Feier-Frequenz in der übrigen Zeit entsprechend höher.

Gegessen wird immer gut, egal ob der Starter sorbische Hochzeitssuppe oder Antipasti ist. Der soziale Sinn der Feierei ist dabei eindeutig: Dass jeder mit jedem irgendwann mal beiläufig ins Gespräch kommt. Natürlich kann man nicht jedes Mal mit allen Gästen reden, aber man sieht sich ja jedes Jahr mehrmals.

Ergebnis ist eine atmosphärische Harmonie, die auch dem italienischen Wirt in Görlitz, in dessen Hände wir den Rahmen unserer rauschenden Familienfeier vom letzten Wochenende gelegt hatten, sofort aufgefallen ist. Zugleich gefiel ihm das aktive Mitmachen der Gäste, die sich nicht hinsetzen, um sich passiv bespaßen zu lassen.

Geld spielt natürlich generell keine Rolle, die Feier-Kultur rechtfertigt jede private Investition, insofern verhalten sich Sorben orientalisch. 😊 Sozialkapital ist hier wertvoller als Statuskapital. Man feiert, um sich gegenseitig eine Freude zu machen. Das klingt wie heile Welt und ist es auch.

Die verfolgte Ungebildetheit

Sachsens Integrationsministerin Köpping hat festgestellt, dass über 50 Prozent der Geflüchteten entweder Analphabeten sind oder so kurz bzw. ergebnislos die Schule besucht haben, dass sie nicht so einfach in unser Ausbildungssystem integrierbar sind.
http://www.mdr.de/nachrichten/politik/regional/berufsaufbildung-fluechtlinge-100.html

Ja und? Das wissen wir seit über zwei Jahren. 2014 begann jene Fluchtbewegung, die im Herbst 2015 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, auch in Sachsen verstärkt anzukommen. So wurde vor nunmehr 26 Monaten selbst unsere Gemeinde im Oberlausitzer Heide- und Teichland Asylheim-Standort (inzwischen wieder aufgelöst). Und seither wissen wir Bescheid, dass es so ist. Die Ministerin war übrigens seinerzeit schon im Amt.

Seither habe ich mir eine Gebetsmühle ins Hirn implementiert, die bei jeder Gelegenheit – zum Beispiel wenn so ein Arbeitsagentur-Apparatschik meinen kollektiven Arbeitgeber besucht und man Gelegenheit zum Fragenstellen hat – anmerkt, dass sich kein 22-jähriger erwachsener Analphabet, der seit seinem 14. Lebensjahr gearbeitet hat, in eine Ausbildungsschleife begeben wird, die ihn im günstigsten Fall mit etwa 30 wieder hergeben wird – dann so qualifiziert, wie das Frau Köpping und einige Standesfunktionäre gern hätten. Lassen wir mal solche Nebensächlichkeiten beiseite, dass jemand, der kaum rechnen kann, schwerlich die physikalisch-chemischen Belehrungen in punkto Material- und sonstiger Kunde an der Berufsschule mental überstehen wird.

Nachdem also der Lernprozess einer doch hochqualifizierten Ministerin und früheren Landrätin so erschütternd lang gedauert hat, teilt sie nun mit: Trotz allem kein Problem, Geld sei genug da, es gebe da so europäische Fonds.

Mal ganz davon abgesehen, dass das unfreiwillig wieder Wasser auf die Mühlen derer ist, die sich beschweren, dass für die Schulen der Einheimischen auf dem Land kein Geld da war, weshalb sie geschlossen worden seien, nun aber bei den Bildungsanstrengungen für Flüchtlinge Geld ohne Grenzen zur Verfügung stehe, bezeugt diese Äußerung unverbesserliches Verharren im bildungsbürokratischen Denken: Wenn die bestehenden Instrumente nichts fruchten, dann muss man eben mit noch mehr Bildungsträgern noch mehr Bildung natürlich „passgenau“, „maßgeschneidert“ oder wie es üblicherweise bei solchem Anlass dahingeredet wird, über den Klienten nieder regnen lassen.

In einer Welt, in der wir bald unsere alltäglichen Gebrauchsgegenstände ausdrucken werden und wo uns schon jetzt technische Assistenten im Handy durchs Leben führen, gibt es weiß Gott innovativere Ansätze, die unbelastete Gedächtnis-Festplatte junger erwachsener Analphabeten in den gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktions-Kreislauf zu integrieren, als sie mit immer größerem Aufwand in einen Bildungs-Kanon hineinzupressen, für den sie nicht geschaffen ist.

Ich hasse Wiederholungen und werde deshalb hier nicht zum x-ten Mal kommunizieren, wie „unser“ bildungsfernes nahöstliches Subproletariat funktionaler und tatsächlicher Analphabeten binnen anderthalb Jahren in sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung gefunden hat. Auch weil ich, der ich weder Pate, Flüchtlingshelfer, Gutmensch oder ähnlich genannt zu werden wünsche, das Jobcenter zu raschem Einvernehmen darüber veranlasste, dass wir sie mit Ausbildung zu verschonen beabsichtigen, wenn sie sowieso sofort zu arbeiten begehrten.

Bevor nun die Sirene losgeht und die elende Langfrist-Perspektive Ungelernter bejammert wird und ich versucht wäre, auf all die Lausitzer Mindestlohn-Hochqualifizierten zu verweisen, lege ich den Schluss dieses Beitrages in den Schoß der Zukunft. Wir werden ja in zwanzig Jahren hoffentlich noch gemeinsam sehen können, wer Recht hat. Womöglich haben Schulen und Hochschulen bzw. das ganze „System“ von Bildung bis dahin infolge ihrer Unangepasstheit an die Realität längst eine geradezu revolutionäre Wandlung hinter sich, und die hyperpragmatischen Analphabeten sind dann ebenso Avantgarde wie einst die Software-Pioniere, die statt an der Uni in der Garage die Welt voranbrachten.

Die Mischung macht’s

„Mischvölker“ sind für einen sächsischen AfD-Richter „einfach nicht zu ertragen“, weshalb er gegen ihre derzeitige „Herstellung“ in Europa polemisiert. Früher drehten des Öfteren Eltern durch, wenn ihre erwachsenen Kinder „Mischehen“ eingingen, womit allerdings kein ethnischer, sondern konfessioneller Unterschied gemeint war.

Unstrittig gut ist zumindest gefühlt eine Mischung, die aus einem 1989/1990 untergegangenen Gemeinwesen überliefert ist: der Professor neben der Putzfrau in der Platte. Unsere zeitgenössischen Sehnsuchtsorte sind St. Pauli in Hamburg oder Connewitz in Leipzig, die den Eindruck vermitteln, dass hier bis heute Menschen sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft miteinander auskommen.

Interessanterweise gibt es dort, wo keine soziale Entmischung stattgefunden hat, auch kaum Probleme mit konfessioneller oder ethnischer Mischung. Man könnte auch sagen: Auf die dumme Idee der anheimelnden harmonischen „Volksgemeinschaft“ mit aggressiver Abstoßung aller, die als Außenstehende wahrgenommen werden, kommen Menschen erst, wenn sie sozial vereinzelt und in soziale Schichten getrennt worden sind.

Die wirkungsvollste antifaschistische Strategie ist die gezielte soziale Mischung. Statt langfristig immer mehr Sozialarbeiter in soziale Brennpunkte zu schicken, sollten diese Viertel sozial aufgemischt werden – ebenso wie die sogenannten „besseren“ Viertel. Wenn diese Bewegung keine Einbahnstraße ist, kommt es auch nicht zur Verdrängung (Gentrifizierung).

In der ZEIT gab es vor einiger Zeit eine Reportage über Freiburg im Breisgau. Der wohlwollend geschriebene Text zeichnete beobachtungsscharf Multikulti-Geneigtheit bei gleichzeitiger sozialer Abschottung nach. Was mich an der Syrer-Gruppe, mit der ich vor gut zwei Jahren in freundschaftliche Verbundenheit eintrat, am meisten faszinierte, war das selbstverständliche Miteinander von Akademiker und Analphabet. Nicht reibungslos, aber solidarisch.

Als Lobbyist des kleinen Lausitzer Ureinwohner-Völkchens der Sorben bin ich ja regelmäßig mit der Frage konfrontiert, ob ich nicht selbst für künstliche Abgrenzung und gegen natürliche Vermischung kämpfe, damit das Sorbische nicht verschwinde. Tatsächlich bin ich für einen kosmopolitischen Garten, in dem alle Blumen blühen können. Sprachen sollte man zum Beispiel miteinander spielen lassen, aber sie nicht in einem Topf zusammenrühren – Denglisch ist ebenso grauenvoll wie verdeutschtes Sorbisch.

Das Bewusstsein des Eigenen setzt die Wahrnehmung des anderen voraus. „Es gibt viel“, sagt einer meiner syrischen Lieblingskurden immer so herrlich leichthin, wenn das Gespräch auf die Varietät der Gesellschaften etwa in religiöser oder sexueller Hinsicht kommt. Und das, was es in Frieden gibt, ist gut möglich. Man muss es nicht für sich auswählen, aber es ist doch schön, dass diese Möglichkeiten existieren. Wie sehr wir uns dabei mischen, ist eine offene Geschichte.