Gestattet, dass ich mich wundere, um mal einen Spruch meines früheren Chefs Prof. Porsch anzuwenden. Da rauscht es seit Tagen gewaltig im Blätterwald und in den gefunkten Medien, ganz zu schweigen von der Verbreitung der umfangreichen Nachricht der Deutschen Presseagentur auf zahlreichen wichtigen Online-Kanälen. „Sexueller Missbrauch im Leipziger Thomanerchor.“ Und was ist laut Meldungslage geschehen?

Zwei minderjährige Jungen sollen – laut ausgewerteten WhatsApp-Chatprotokollen – „engeren Kontakt“ miteinander gehabt haben. Dabei sei es, so der Sprecher der Stadt Leipzig, „möglicherweise“ zu „sexuellen Grenzverletzungen“ gekommen. Der Jüngere, unter 14 Jahre, sage nichts, es sei auch keine Anzeige erstattet worden. Der Ältere, unter 18 Jahre, sei des Internats verwiesen worden.

Ist das Stoff für bundesweite Berichterstattung? Wir erfahren über Schlafräume, in denen gezielt etwas Ältere mit untergebracht würden, um sich um etwas Jüngere zu kümmern. Dass dieses Betreuungsverhältnis ausgenutzt worden sei, gar Nötigung oder Gewalt eine Rolle gespielt habe, wird nicht behauptet. Bleibt die mögliche (!) Verletzung der Schutzaltersgrenze – allerdings durch einen ebenfalls noch Minderjährigen.

Ich werde jetzt die Öffentlichkeit mit Einzelheiten aus meinem Schulalltag in einer reinen Jungenklasse an einer zunächst reinen Jungenschule verschonen. Es verwundert aber wohl niemanden, wenn ich verrate: In den Pubertätsjahren waren spielerische sexuelle Grenzverletzungen nicht selten.

Natürlich gibt es Dinge, die gar nicht gehen – wenn zum Beispiel der Sportlehrer Schüler in ein sexuelles Verhältnis zieht. Ob aber das, was gewaltfrei und einvernehmlich zwischen den Jungen selbst abläuft, im Einzelfall tatsächlich problematisch ist, wird wohl kaum auf der Bühne der Weltpresse geklärt werden können. Dass eine Boulevardzeitung nicht widerstehen kann, geschenkt. Dass aber der übliche bürgerliche Nachrichtenjournalismus der Auffassung ist, das sei ein ganz großes Thema, befremdet mich.

Ich war nicht Zeuge der möglichen Grenzverletzung. Mein Ausgangspunkt ist die Meldungslage, die von den Medien für würdig befunden wurde, so verarbeitet zu werden. Die Sex-Story wurde dann noch damit verknüpft, dass drei von 60 Chorknaben Cannabis konsumiert hätten. Das dürfte eine in dieser Altersklasse unterdurchschnittliche Quote sein 😉. Ist aber egal – Sex-and-drugs-Story steht.

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