Alte weise Männer riefen junge Orientierungswillige auf: „Empört euch!“ Jahre später stellt dann das Feuilleton fest, das sei denn doch kaum geschehen. Die Barrikaden wurden nicht gebaut – das macht man im (globalen) Dorf nicht (mehr).

Man sagte mal, das Fernsehen sei das wirkungsvollste Mittel zur Revolutions-Prävention: Die Leute verlieren ihre rebellischen Gedanken bei der alltäglich-stundenlangen Berieselung durch die Flimmerkiste.

Als ich als jugendlicher Stadtmagazin- und Verlagsmitgründer mit wichtigen Informanten per Faxgerät die auf Zettel geschriebenen Texte in Sekundenschnelle austauschen konnte, war dies der faszinierende vierte reguläre Kommunikationsweg – neben Telefonieren, Briefeschreiben und Face-to-face-Terminen. Heute bin ich an mehr als ein Dutzend Kommunikationskanäle angeschlossen, die damit einhergehende Big-Data-Beregnung des Lebens erfolgt kontrolliert über ein Smartphone.

Nachrichten, an meinem Berufsstart die kostbarste Ressource des Journalismus, sind inzwischen total entwertet, sie taugen nur noch als Füllmaterial zur Aufmerksamkeitskanalisierung Richtung Werbung. Niemand ist bereit, für die pure Nachricht auch nur einen Cent zu bezahlen. Sie ist unendlich und im absoluten Überfluss im Netz frei zugänglich.

Also setzt man auf Wert und besondere Wirkung durchs Storytelling, das Geschichtenerzählen. Dafür lässt sich (noch oder wieder?) eine Bezahlschranke im Online-Auftritt von Print-Medien errichten. Und damit sind wir selbst bereits im postfaktischen Zeitalter, denn eine Geschichte ist eben keine Dokumentation.

Kulturelle Differenz: Große Konzerne kaufen sich „Influencer“, also Blogger, die ihr Publikum mit dem plakativen eigenen Leben erfreuen und in dieses gegen Bezahlung den Tanz um eine goldene Marke einfließen lassen. Selbstverständlich voll authentisch. Unvoreingenommenheit gilt nicht mehr, Hauptsache die Geschichte ist mit schönen bewegten Bildern kompatibel. Unsereiner bleibt auf Fossil-Kurs und schiebt WordPress per Kreditkarte Kohle rüber, damit die Leser seiner Blogs ja von Werbung verschont werden (obwohl mein sorbischer Blog mit einer Reichweite in der Community, die in etwa der „Bild“-Zeitung im deutschsprachigen Raum entspricht, vielleicht ökonomisches Potenzial hätte ).

Wer ständig in der Timeline lebt, in dieser permanenten Gleichzeitigkeit des Banalen und des Katastrophalen, wo die Bomben auf Aleppo neben der Freude über ein Hotel, in das man seinen Hund mitnehmen darf, beklagt werden, verfügt kaum mehr über die Muße zur inneren Sammlung, die Voraussetzung des umstürzlerischen Furors ist. Ich hatte vor dreißig Jahren in Würzburg Kontakt zu einem sympathischen Schriftsteller, der eigentlich gut schrieb, er hatte nur eine Macke: Alles fing irgendwie an mit „Ich und mein…“ Diese Form des Realitätsfilters durch Selbstbezug – direkt gesagt: Narzissmus – ist heute Standard des „sozialen“ Netzes, der sich bei Instagram am unverhülltesten auslebt.

Zu große und vielfältige Aufregung macht krank. So erging es mir im letzten Frühjahr. Bei den autogenen Atemübungen, die ein kluger Dresdner Arzt selbst erfunden hat, werden die im Kopf aufzusagenden Sprüche eröffnet mit: „Es ist alles gleich gültig.“ Der Gebrauchsanweisung ist zu entnehmen, dass keinesfalls „gleichgültig“ gemeint ist, sondern eben schlicht, dass nichts das Lebens-Gleichgewicht durcheinanderbringe dürfe, weil darunter auch anderes, ebenfalls Wichtiges, leide. Sind wir aber ehrlich, merken wir, dass die Übergänge zwischen „gleich gültig“ und „gleichgültig“ gefühlt fließend sind. Und die heute allseits angeprangerte vermeintliche oder tatsächliche Gleichgültigkeit erscheint so fast wie eine gemeinsame Überlebensstrategie zur Abwehr von Ängsten inmitten der Infotainment-Blasen auf allen Kanälen.

Gregor Gysi sagte einmal: „Der letzte Zweck von Politik muss ein Mehr an (Lebens-)Kultur sein. Und Nietzsche: Ich will ein für alle Mal vieles nicht wissen. Vielleicht ist das die Voraussetzung für die Wiederherstellung rebellischen Geistes: sich Auszeiten von News und Storys zu gönnen – und mit Freunden spazieren zu gehen.

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