Die AfD wirft einen Journalisten aus ihrem Parteitag raus, weil er „Hetzartikel“ produziert habe. Die betroffene Zeitung revanchiert sich nun nicht etwa mit reduzierter Berichterstattung über das Ereignis – bekanntlich für Parteien die Höchststrafe –, sondern schreibt mit besonderer Ausführlichkeit, illustriert von besonders großen Fotos, unter solidarischer Nutzung der Recherchen von Vertretern anderer Redaktionen.

Auch die allenthalben erfolgte Verurteilung des Rauswurfs des Journalisten, über die selbstverständlich ebenfalls breit berichtet wird, erhöht das Aufmerksamkeitskapital der AfD. Damit diese Nummer nicht zu schnell endet und es ihr am Nachhall nicht fehle, entschuldigt sich die AfD. Die „Sächsische Zeitung“ nimmt die Entschuldung natürlich an. Und das Ganze ist wieder auf der Titelseite.

Reumütig räumt die AfD ein, es fehle ihren Leuten noch am professionellen, gelassenen Umgang mit den Medien. Im Übrigen sei es natürlich ein Fehler gewesen, den Vorwurf der „Hetzartikel“ nicht geprüft zu haben, bevor über den Rauswurf abgestimmt worden sei. Da fragt man sich denn, welche Ad-hoc-Untersuchungskommission künftig objektiv zu urteilen habe, wer denn nun ein Hetzer ist und wer doch nicht.

Verfolgt man die sonnabendlichen Leserbriefseiten der „Sächsischen Zeitung“ und die auf ihnen dokumentierten Wogen der Klage über die „einseitige“ Berichterstattung zu AfD und Pegida, kann man nur ahnen, wie viele Leser der SZ für die AfD-Ordnungsmaßnahme durchaus Sympathie gehabt haben und auf jeden Fall Verständnis dafür zeigen, dass die politisch Blauen nicht so gelassen mit den Schreiberlingen umgehen.

Die AfD-Festspiele werden unterdessen mit Petry gegen Höcke munter weitergehen, wodurch gleichzeitig die nationalen und bürgerlichen Sympathisanten-Reservoirs maximal erschlossen werden – dank des zu erwartenden medialen Dauerspektakels um dieses Duell. Nach dem Trump-Triumph herrschte das innermediale Sich-Asche-aufs-Haupt-Streuen vor: Irgendwas müssen wir künftig anders machen. Das ist vorbei. Business as usual.

Nicht ganz. Denn schon vorher hatte die „Sächsische Zeitung“ den Pressekodex für sich punktuell außer Kraft gesetzt und nennt nun im Prinzip die Nationalitäten von Tatverdächtigen auch ohne Bezug derselben zur Tat. Das hat natürlich rein gar damit zu tun, dass sich beinahe in Hör- und Sichtweite des Sitzes der Hauptredaktion allmontäglich Pegida zusammenfindet.

Das Leben ist nicht einfach. Auch nicht die Sache mit den klassischen Nachrichtenfaktoren, die darüber entscheiden, ob etwas zur Meldung wird oder nicht. Wird womöglich in den komplizierten Verhältnissen der postglobalen Postmoderne auch derjenige „postfaktisch“, der an der Fakten-Konstruktion nach Lehrbuch festhält? Ich weiß es nicht. Fakt aber ist: Die gewohnten Rituale der „vierten Gewalt“ führen ebenso in die Irre wie die unreflektierte Perpetuierung der überkommenen politischen Inszenierungen.

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