„Jein“ macht’s zu kompliziert

Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Aber für „Ja“ oder „Nein“ möge man sich in jedem Fall schon entscheiden. Sonst wirst du mitschuldig an einer Kompliziertheit der Welt, die uns jeden Tag weiter über den Kopf wächst. Nichts ist schlimmer als der inflationäre Gebrauch des „Jein“. Weil man sich um Gottes willen nicht festlegen will. Teuflische Unentschlossenheit.

Aktuelles Beispiel: Das Elternrecht und die „Bildungsempfehlung“ für die weiterführende Schule in Sachsen. Ein Gericht hatte klagenden Eltern recht gegeben, dass nicht allein der Notendurchschnitt in bestimmten Fächern darüber entscheiden kann, ob das Kind nach Klasse 4 aufs Gymnasium oder in die Mittelschule (Oberschule heißt sie seit einiger Zeit) gehen darf. Denn laut Verfassung gilt ja auch ein Elternrecht.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man sagt wie in meiner alten Heimat Hamburg Ja zur alleinigen Entscheidungsmacht der Eltern. Die Hälfte der Mitschüler, die ihre Eltern mit mir aufs Gymnasium geschickt hatten, wurden in den Klassen 5 und 6 wieder „aussortiert“ (das war tatsächlich die Sprachregelung, mit der ich später als Schülersprecher ganz offiziell konfrontiert wurde). Das war für die betroffenen Kinder psychisch gewiss oft belastend, zugleich brauchte sich niemand zu grämen, von einer bürokratischen Regel am ersehnten Übertritt ins Gymnasium gehindert worden zu sein.

Oder man rüstet das Elternrecht im Verfassungsrang ab und sagt: Man geht ja auch bei anderen existenziellen Dingen wie beispielsweise medizinischer Versorgung nicht davon aus, dass Eltern immer alles am besten wissen, wenn es um ihr Kind geht. Also sollen letztlich die professionellen Bildungsexperten an den Schulen entscheiden. Was allerdings auch Härten produziert, weil das Unterschreiten der 2,0 in wenigen zu „Kernfächern“ erkorenen Unterrichtsteilen als entscheidendes Kriterium für die weitere Schullaufbahn mehr als gewagt ist.

Zu diesem „Ja“ oder „Nein“ gibt es eigentlich nur eine vernünftige Alternative: Dafür zu sorgen, dass erst zu einem späteren Zeitpunkt entschieden wird, z.B. nach Klasse 8. Dann sind die Jugendlichen schon religionsmündig und könnten eigentlich nach Empfehlung von Schule und Eltern auch selbst entscheiden, an welcher Schule sie die Vollendung ihres schulischen Werdeganges versuchen wollen.

Gefunden worden ist von der Regierungskoalition ein zeittypisches „Jein“. Die Grundschullehrerinnen müssen zusätzliche Arbeits- und Leistungsbeurteilungen schreiben, es wird bei Abweichen des Elternwillens von der Bildungsempfehlung ein zusätzlicher Test – ohne formelle Benotung – zur Orientierung abverlangt. Hinzu kommt ein weiteres Gespräch mit den Eltern, ehe die dann souverän entscheiden. Ergebnis: Alle haben mehr Arbeit und verbrauchte Lebenszeit auf ihrem Konto, und das nur, damit die Anhänger von „Bildungsempfehlung“ und „Elternrecht“ ihr Gesicht wahren.

Das ist leider kein skurriler Einzelfall, sondern der Regelfall. Deshalb wird unsere Welt jeden Tag sprunghaft komplizierter, und die folgenden immer komplizierteren Verordnungen zur Auslegung der immer komplizierteren Beschlüsse lassen den Grad der Kompliziertheit exponentiell ansteigen. Das geht im schlimmsten Fall so lange weiter, bis die Zahl der Verwaltungs- und Rechtsexperten in allen Lebensbereichen die Zahl der Anwender übersteigt bzw. die Anwender vor lauter Berichteschreiben nicht mehr zu Anwendung kommen und das ganze System an seiner ultimativen Ineffektivität kollabiert. Soweit müssen wir es nicht kommen lassen: Üben wir den Mut, uns für „Ja“ oder „Nein“ zu entscheiden.

Kleine Refugee-Demografie

Von der vierköpfigen Gruppe von Syrern, mit denen ich seit Ende 2014 das Vergnügen habe, sind drei nach ihrer Anerkennung als Flüchtlinge im Sommer 2015 in (Ost-)Sachsen geblieben. Der vierte wäre auch noch da, wenn ihm nicht die Agentur für (?) Arbeit den bereits unterschriebenen Arbeitsvertrag mit der europaweiten „Vorrangprüfung“ zunichte gemacht hätte. Das nur nebenbei, aber dieses Versagen verzeihe ich weder der Behörde noch dem eingeschalteten Landesministerium, weil nun der mutmaßlich beste Pizzabäcker der Welt nicht an der Frauenkirche in Dresden, sondern irgendwo in Düsseldorf arbeitet.

Weil die drei hier geblieben sind (alle im Landkreis Bautzen, einer zieht nun in den Landkreis Görlitz), haben sich inzwischen insgesamt fünf Familienangehörige in Sachsen eingefunden. So hat sich also die Ausgangszahl der Ankommenden verdoppelt – auf acht. Ihr Altersdurchschnitt befindet sich um rund zwei Jahrzehnte unter dem der sächsischen Bevölkerung. Beruflich haben sie vom Arzt bis zum Autolackierer, vom Apotheker bis zum Sportlehrer ein schwer zu toppendes Spektrum zu bieten.

Meinen Beitrag zur Verjüngung der Mitgliedschaft der AOK plus darf ich ebenfalls hervorheben, selbstverständlich melde ich als Fan von „Einheitskrankenkasse“ bzw. „Bürgerversicherung“ alle Geflüchtete, derer ich habhaft werden kann, dort an. Und Leuten in der Nachbarschaft, die in Rente gehen, überbringe ich die frohe Botschaft, dass allein aus meinem Haushalt in diesem Jahr schon zwei sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigte syrischer Herkunft hervorgegangen sind, die die Rente der betagten Deutschen mitfinanzieren. Hinzu kommt seit Anfang November der in Niesky arbeitende Arzt.

Und die Moral von der Geschichte: Wir können auch das ländliche Sachsen wieder jünger und noch dynamischer machen – zusammen mit Geflüchteten. Ich erhebe keinerlei Anspruch auf einen repräsentativen Ausschnitt der Refugee-Realität in Deutschland. Wenn aber nun vermehrt und verschärft zu hören ist, man schaffe das alles eben doch nicht, dann erlaube ich mir den dezenten Einwurf: Wo ein gemeinsamer Wille ist, da ist auch ein Weg. Allein schafft keiner was auf der Welt.

Unter einer Bedingung: Radikaler Praxisbezug. Es zählt nur die Tat. Es hat uns auch eine Reihe von Menschen bei der Integration ganz praktisch weitergeholfen, die – im Gegensatz zu mir – Frau Merkels Asylpolitik des Jahres 2015 für verrückt halten. Sie mögen das Wort „Willkommenskultur“ nicht, ich brauche es nicht. Denn meine Vision sind keine betreuten Gäste, sondern selbstverständliche Gleiche unter Gleichen. Ich persönlich habe gegenüber Jobcenter und Berufsschule den Begriff „Pate“ immer von mir gewiesen, dafür bin ich zu radikal linkslibertär gestrickt, ich bin brüderlicher Begleiter. Sonst nichts.

Fluchtziel Lausitzer Platz

In dem Moment überlegte ich, ob ich fassungslos bleiben oder stolz werden sollte. 1991 stand ich auf dem Lausitzer Platz, an meinem zweiten oder dritten Arbeitstag als Polizeireporter einer ostdeutschen Boulevardzeitung aus Berlin herbeigeeilt, um wie die ganze journalistische Welt von der Frontlinie eines Pogroms zu berichten, der die Vertreibung von Ausländern aus der Stadt bedeutete. Heute nun endet meine zweijährige Zeitraffer-„Elternschaft“ für einen jungen syrischen Geflüchteten damit, dass er einen Mietvertrag für eine Wohnung ebendort unterschreibt.

Fünfundzwanzig Jahre danach nimmt also jemand, den die Flucht zielgerichtet nach Deutschland führte und dann zufällig nach Sachsen, in die Lausitz und somit für längere Zeit in unser Haus, seinen ersten frei gewählten Wohnsitz in der Neustadt von – Hoyerswerda. Übrigens aus radikal pragmatischen Gründen: Die Werkstatt, in der er vierzig Stunden die Woche arbeitet und eine unbefristete Beschäftigungsperspektive hat, befindet sich von der Behausung fußläufig nur zehn Minuten entfernt.

Insofern eine völlig rationale, eine vernünftige Entscheidung. Zumal ihm sein Chef bei der Vermittlung der Wohnung geholfen hat. Nicht nur die Arbeit, auch alle Einkaufsmöglichkeiten sind in der Nähe. Man braucht das Auto nur am Wochenende, um zum Beispiel Freunde in Bautzen oder uns zu besuchen oder in die Disko nach Dresden zu fahren. Eigentlich ist mein erstes Erschrecken historisch überholt gewesen – wollten wir nicht, dass die zu uns Gekommenen aus den arabischen Ländern nicht alle nach Bochum, Dortmund oder Gelsenkirchen ziehen?

Also wjele zboža / viel Glück in Hoyerswerda! Da hast du Arbeit gefunden, erfolgreich die Fahrschule absolviert und wirst eine Zukunft haben. Das ist gut so, schließlich habe ich dir immer gesagt, dass die Leute da herb, aber herzlich sind. 🙂

Gaza – Sachsen

Unser palästinensischer Praktikant, der aus Gaza kommt, seit Juni in Deutschland lebt, zurzeit im Asylheim im Osterzgebirge wohnt und bis Weihnachten im Sächsischen Landtag im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Linksfraktion arbeitet, gibt in je drei Punkten Auskunft darüber, was aus seiner Sicht in Sachsen und Gaza jeweils besser ist.

a) Besser in Sachsen?

  1. Die wirtschaftliche Situation ist in Sachsen besser als in Gaza.
  2. In Sachsen gibt es Tourismus, in Gaza nicht.
  3. Der Verkehr funktioniert in Sachsen besser.

b) Besser in Gaza?

  1. In Gaza hat man Blick aufs Mittelmeer.
  2. Gaza liegt zwischen drei Kontinenten.
  3. Das Wetter ist in Gaza besser als in Sachsen.

Näher und doch fremder?

Was hat meine syrischen Mitbewohner an Angela Merkels Selfie mit einem Flüchtling aus Syrien seinerzeit so fasziniert? Nicht, dass das eine Einladung an die ganze Welt sei, wie es hierzulande von vielen gesehen wurde. Sondern dass es in Deutschland möglich ist, als einfacher Mensch in direkten Kontakt mit einer so mächtigen Person zu treten. Das würde Assad nie machen, die Machthaber in jener Weltregion pflegen sich von der Bevölkerung abzuschirmen.

Bei uns dagegen sitzt eine Ministerin im Erzgebirge mit zufällig erschienenen Leuten bei einer Veranstaltung an einem Tisch – und reagiert sogar noch persönlich auf dem Nachhausseweg über Facebook auf deren Kritik an dem Abend. Nach den jüngsten demoskopischen Höhenflügen der Rechtspopulisten wurde wieder einmal allenthalben beschworen: Wir müssen mehr mit den Bürgern reden! Tatsächlich ist die Politik – nur scheinbar? – kommunikativ zugänglich wie niemals zuvor.

Die Abgeordneten werben fleißig für Bürgersprechstunden,  man kann jedem Abgeordneten Mails schicken, in den sozialen Netzen Verantwortungsträger aller Ebene direkt angehen. Wir haben sogar einen Ministerpräsidenten in Thüringen, der sich mit Kritikern der Kreisgebietsreform auf Twitter in maximaler Transparenz Dispute liefert. Selbst Stadtrats- und Kreistagssitzungen im Livestream sind keine Seltenheit mehr. Beschlussvorlagen werden ins Netz gestellt.

Das Herrschaftswissen ist faktisch abgeschafft. Zigtausende Kleine Anfragen von Landtagsabgeordneten nehmen praktisch jede Verwaltungsungereimtheit irgendwo im Lande, an der irgendjemand Anstoß genommen hat, auseinander. Und gegen unvollständige Antworten der Regierenden wird erfolgreich vorm Verfassungsgericht geklagt. Dennoch nimmt der Argwohn in der Bevölkerung zu, man werde ständig hintergangen, über den Tisch gezogen, ja geradezu „verraten“.

Trotz dieser tagtäglich rasant zunehmenden Transparenz, also tendenziell totalen Offenlegung, ergießt sich eine wachsende Flut von „Enthüllungen“ über uns. So las ich unlängst in einem neurechten Blog über den vermeintlich großen Skandal rund um die Veröffentlichung des Hartz-IV-Bescheids einer afghanischen Familie. Tatsächlich kann sich jeder mit ein paar Klicks zusammenrecherchieren, was wer in welcher Lebenskonstellation unter Umständen an Leistungen regelmäßig oder einmal beziehen kann. Und je nach eigener Einstellung wird man das als gerecht, zu wenig oder zu viel empfinden und kann dann darüber mit Gott und der Welt in eine Diskussion eintreten.

Mein liebster Kollege, der mir gegenüber sitzt und mit Engelsgeduld regelmäßig am Telefon politisch aufgewühlten Herzen zu Diensten ist, die zumeist gar keine konkrete Hilfe vermittelt haben, sondern ihrem Unbehagen über die Zeitläufte Ausdruck verleihen wollen, führt eine Liste von Wörtern, derer wir uns im Politik-Sprech enthalten sollten. Zum Beispiel „Gestalten“, ein rhetorischer Luftballon, der zur Vortäuschung von Wirkmächtigkeit ohne konkrete Begründung inzwischen fast an jede Proklamation drangehängt wird. Mir scheint, wir brauchen eine Revolution unserer politischen Sprache, damit unsere vielen angebotenen „Dialoge“ wirklich Gespräche sind.

Zu einem echten Gespräch gehört übrigens auch, dass man anders aus ihm herausgeht als man hineingegangen ist. Eine Erklärveranstaltung mit wohlwollendem Verständnis für die, die’ s noch nicht ganz begriffen haben, ist kein Dialog. Und an einem Punkt brauchen wir tatsächlich mehr Transparenz: über die Grenzen des Einflusses von Funktionsträgern und die Wechselwirkungen zwischen ihnen. Es wäre schon nett, wenn der durchschnittliche Zeitungsleser wüsste, wofür der Landtag überhaupt zuständig ist. Denn nur auf der Grundlage solchen Wissens weiß man im Zweifel, wer „schuld“ ist.

Und wenn wir unsere Sprache im „Blablameter“ abgerüstet und damit zu größerer Klarheit gefunden haben, stellen wir wahrscheinlich auch manche eigene systemische Ohnmacht fest, die wir dann mit den Bürgern teilen und mit ihnen gemeinsam überwinden sollten. Damit mein Lieblings-Philosoph Richard David Precht nicht Recht behält, dass Politik heutzutage sowieso nicht mehr gestaltet. Womit allerdings das Reden über sie sinnlos würde, egal wie wenig oder viel.

Sachsen aus Refugee-Sicht

Schreib bitte

  1. a) fünf Punkte auf, was GUT ist für Asylsuchende in Sachsen;
  2. b) fünf Punkte auf, was SCHLECHT ist für Asylsuchende in Sachsen.

Das war der erste inhaltliche Arbeitsauftrag an unseren palästinensischen Praktikanten. Und das ist der Inhalt seiner Antworten (hier grammatikalisch korrigiert):

a)

  1. Sachsen ist ein schönes Land in Deutschland.
  2. Sachsen hat eine große Zahl von Flüchtlingen aufgenommen.
  3. Es gibt in Sachsen besondere kulturelle Aktivitäten.
  4. Sachsens Hauptstadt Dresden hat viele Denkmäler und historische Bauwerke.
  5. Dresden ist eine günstig gelegene Stadt, nicht weit weg von der deutschen Hauptstadt Berlin und in der Nähe der Tschechischen Republik und von Polen.

b)

  1. In Sachsen gibt es viel PEGIDA und sie protestieren jeden Montag gegen Asylbewerber.
  2. Es gab eine Reihe von Angriffen auf Asylbewerber in Sachsen.
  3. Es gibt immer noch Schwierigkeiten bei der Verständigung zwischen Deutschen und Asylbewerbern.
  4. Es gibt nicht viele Programme der Integration von Asylbewerbern.
  5. Es dauert lange, bis die Asylanträge bearbeitet werden. Aber woanders (Köln z.B.) dauert es noch viel länger.

Unser 27-jähriger Praktikant ist seit Juni in Deutschland, wohnt im Asylheim im Osterzgebirge und macht bis Weihnachten ein Praktikum im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Landtags-Linksfraktion in Dresden.

 

Wo sich alle grüßen

Wenn in unserer Zeit über Vorzüge des Landlebens gesprochen wird, dann kommt meistens nach einer langen Aufzählung infrastruktureller Nachteile gegenüber dem Wohnen in der Stadt gewissermaßen als Trostpreis: Frische Luft und Ruhe. Immerhin. Wer auf dem Dorf zu Hause ist, weiß natürlich, dass selbst das so nicht stimmt.

Im Sommer gibt es unzählige Feste, ob der Jugend, des Dorfes nebst Nachbarorten, Hochzeiten, Maibaumwerfen usw. usf. Hinzu kommen private Grillabende und regelmäßige Unterhaltung unter freiem Himmel in kleineren oder größeren Gruppen. Es kommt auf dem Dorf keiner auf die Idee, nun etwa nach der Polizei wegen Ruhestörung zu rufen, weil irgendwelche menschlichen Geräuschimmissionen die 22-Uhr-Grenze überschritten haben.

Den Sonnabend kann man in punkto Ruhe komplett abhaken, weil dann nahezu ganzjährig unter Einsatz des schier unerschöpflichen Arsenals an lärmenden Gerätschaften aus dem Baumarkt immer irgendjemand irgendwo in der näheren oder noch hörbaren Umgebung irgendetwas dringend an Haus und Garten vollbringen muss. Und 365 Tage im Jahr gibt es Hunde, von denen wiederum ein Teil so programmiert ist, dass er jeden am Grundstück Vorbeigehenden ausgiebig anbellt.

Das ist keine Anklageschrift. Man ist selbst Teil vom Ganzen. Ein paar Mal hatten wir Nachbarn ein Gassenfest organisiert, die Straße mit Stühlen und Tischen blockiert – natürlich ohne eine amtliche Genehmigung einzuholen – und bis zum Morgengrauen gefeiert. Ich bekenne mich dazu, dass ich in Gemeinschaft mit anderen morgens um halb zwei Uhr mehr schreiend als singend den Holzmichel habe hochleben lassen. Unsere infernalische Beschallung dürfte die sechshundert Meter Luftlinie entfernte Bundesstraße erreicht haben. Beschwert hat sich niemand. Es hat auch keiner daran Anstoß genommen, dass auf der Wiese neben dem Weg angebrochene Weinflaschen und andere Feier-Hinterlassenschaften herumstanden, die wir erst am nächsten Tag nach dem Ausschlafen beim Frühschoppen beräumt haben.

(Der Städter wird sich nun wundern, warum ich die spielenden Kinder außer Acht lasse. Weil ich erstens die Geräusche ihrer Aktivitäten im Regelfall nicht als Lärm interpretiere, und weil Kinder, die sich relativ frei draußen bewegen können, entspannter und daher harmonischer in der Geräuschproduktion sind als die Eingesperrten und Überbetreuten. Mich stören auch nicht die nachts oder sonn- und feiertags stundenlang über die Felder rotierenden gigantischen Landwirtschaftsmaschinen; an ihr gleichmäßiges Rauschen gewöhnt man sich wie an den Wind, es gehört quasi zur Natur.)

Die Luft wiederum dürfte in den von Fernwärme versorgten Städten abseits der Hauptverkehrsstraßen oftmals ebenfalls sauberer sein. Auf dem Dorf heizt jeder selbst und wie er will, ob mit Holz oder Kohlebriketts. Hinzu kommt der Kamin, der nicht selten nicht nur der Romantik, sondern auch der thermischen Resteverwertung dient. Im Sommer haben wir unsere Feuerschalen, die auf der großstädtischen Terrasse niemand nutzen würde. Ganz zu schweigen von Hexenfeuern, die einmal im Jahr tagelang die Landschaft verräuchern, sowie Weihnachtsbaum- und anderen kollektiven Verbrennaktionen. Nicht zu vergessen die wachsende Zahl von Betroffenen der gigantischen Mastanlagen, die ihre stinkenden Ausdünstungen kilometerweit übers Land verbreiten.

Nein, was das Land von der Stadt unterscheidet, ist der Gruß bzw. Nicht-Gruß. Man sagt bei uns „Guten Tag“. Jedem. Immer. Egal wo. Man grüßt. Ohne Ausnahme. Sitzt man im Auto und ist kein akustischer Kontakt möglich, wird beim Vorbeifahren die Hand zum Gruß erhoben, wenn in der Nachbarschaft ein Mensch zu sehen ist. Das geschieht gegebenenfalls auf den letzten Metern des Nachhauseweges fünf Mal und mehr. Die Dorfmenschen haben selbstverständlich die Freiheit, mit den einen Nachbarn intensivere Beziehungen zu pflegen als mit den anderen. Das ist normal, wer gerade kleine Kinder hat, orientiert sich eher an denen, die in der gleichen Lebenssituation sind. Aber das Grüßen ist ein Muss. Und wo es mal ausgelassen wird, vermutet man Unheil.

Mir ist das Grüßen so in Fleisch und Blut übergangen, dass ich selbst in wenig frequentierten großstädtischen Grünanlagen instinktiv Entgegenkommende grüße. Natürlich immer nur ein Mal. Denn die verstörten Blicke signalisieren mir, dass ich im Begriff bin, als potenziell Übergriffiger, also Gefährdung der kommunikativen Ordnung, wahrgenommen zu werden.

Dabei sehnen sich die Städter auch nach solchen Gruß-Zonen, in denen jeder Mensch von jedem anderen Menschen als zu achtendes Du angenommen wird. In den Hinterhöfen der Kieze leben auch Szenen, in denen man tendenziell jedem ein „Hallo“ zubilligt, der sich hier zeigt.

Der Gruß vermittelt im Vorbeigehen eine existenzielle Zusage: Du gehörst zu meinem Leben. Wenn du mal in Not bist, werde ich für dich da sein. – Das ist auf dem Dorf kein leeres Versprechen. Dafür steht die Sirene, die einen manchmal aus dem Schlaf reißt, ohne als Ruhestörung empfunden zu werden. Sie ruft die Freiwillige Feuerwehr zum Einsatz. Und dann pumpen die jungen Männer, die sich abends noch ihren Kindern gewidmet haben und morgen früh wieder auf Arbeit sein werden, vom Starkregen heimgesuchte Keller leer oder eilen zur Unfallstelle auf der nahen B 96.

Wer wirkungsvoll darüber nachdenken will, wie der zerbröselnde Zusammenhalt in der Gesellschaft wieder gestärkt werden kann, sollte einfach mal – aufs Dorf fahren. Das gilt im Übrigen auch fürs aktuelle große Integrationsthema. In der zehn Kilometer entfernten Kleinstadt entzündet sich daran ein Konflikt ohne Ende, bei uns ist das kein Problem: Geflüchtete werden einfach der Familie zugerechnet, wo sie sich aufhalten, bzw. dem Handwerker, wo sie arbeiten. Auch das gibt’s nämlich: einen arabischen jungen Mann, der aus der Stadt zu uns ins Dorf auf Arbeit fährt.

Ja, aber ist das Leben auf dem Dorf nicht ein bisschen langweilig? Selbst wenn das manchmal so ist – dann haben wir WLAN und holen uns die Welt aufs Sofa. Und was ist schöner als der sommerliche Samstagabendausflug ins Getümmel der herrlichen Dresdner Neustadt. Sie ist nur eine Auto-Dreiviertelstunde entfernt und gehört auch uns, ohne dass wir in ihr wohnen müssen.

Rechts und Links

Gibt es Schnittmengen zwischen Rechts und Links etwa bei der Kritik an Freihandelsabkommen? Eine solche Annahme wäre etwa so abwegig wie die Behauptung, ein linker Bürgermeister, der sich für den Bau eines Autobahn-Teilstücks einsetzt, bewege sich punktuell in der politischen Tradition Adolf Hitlers, weil der ja Autobahnen bauen ließ.

Was ist denn „links“ im Wesentlichen? Der Überzeugung sein, dass die materiellen und ideellen Werte allen Menschen überall zustehen. Daraus ergibt sich bei aller Unterschiedlichkeit der Personen eine prinzipielle soziale Gleichheit der Menschen. Immer und überall. Der „Rechte“ dagegen pflegt eine Ideologie der prinzipiellen Ungleichheit. Man muss nur lesen und zuhören, was aus den Reihen der AfD vergleichend über Einheimische und Geflüchtete ausgesagt wird. Und das gilt ebenso für die Rechte in anderen Ländern.

Ich bin ein großer Fan der griechischen Antike. Platons „Gastmahl“, 416 v.u.Z. entstanden, ist bis heute ein unübertroffenes Konzentrat diskursiver Weisheit. Dennoch fehlte den damals diskutierten Werten der Resonanzboden: Der Kreis der Freien, die über die Liebe disputierten, war von Sklaven umgeben. Dieses „Innen“ und „Außen“ hat das linke Denken hinter sich gelassen.

Steinmeier = Tillich

Was ich gut finde: Steinmeier hat für seine Frau eine Niere gespendet. Tillich spricht mit seiner Frau Sorbisch.

Ansonsten sind beide „nett“. Damit fängt das Problem an. „Seid nett zueinander!“ war 1948 die legendäre Aktion des westdeutschen konservativen Verlegers Axel Springer, der in der Zeit der Auferstehung aus Ruinen etwas gegen Ellbogenmentalität beim Wiederaufbau nach dem Krieg tun wollte. Es folgten Wirtschaftswunder, Vollbeschäftigung, Wohlstand und die breiteste gesellschaftliche Mittelschicht aller Zeiten – übrigens in BRD wie DDR. Das erleichterte das Nettsein ungemein.

Heute prägen Wohnpaläste und Konsumtempel das Land. Der Professor wohnt aber nirgendwo mehr neben der Putzfrau. Das Proletariat ist weg, dafür haben wir ein wachsendes Prekariat. Das heimliche Regime führen Finanzoligarchen, die nach Tageslaune Fabriken oder Zeitungen kaufen. Das jeweilige Fachpersonal wird zum Kollateralschaden und zumindest vorübergehend überflüssig, während das Geld der Aktionäre infolge solcher „Freisetzungen“ von Beschäftigten im Regelfall besonders unbelastet und ertragreich „arbeitet“. Gute Rahmenbedingungen fürs allgemeine Nettsein sehen anders aus.

Deshalb sagen die „netten“ Politiker auch nichts mehr. Sie sind strukturell sprachlos. Die Qualität von Steinmeier und Tillich besteht in dem, was sie nicht sagen, um bloß niemanden zu beunruhigen. Beide sind mit keiner einzigen markanten politischen Botschaft erinnerungsmächtig in Erscheinung getreten. Steinmeier rechnen wir positiv an, dass er (anders als andere) keine Bösartigkeiten über Russland von sich gibt, und Tillich, dass er (anders als andere) keinen Blödsinn über Ausländer redet. Beide sind eigentlich gar keine Politiker, sondern eine Mischung aus Diplomat und Abteilungsleiter.

Sie verfügen beide über relativ hohe Beliebtheitswerte. Wer eher unpolitisch tickt, kann sie nur mögen, weil sie nicht beunruhigen. Sie stören unser Leben nicht. Sie sind Rädchen in einem Getriebe, das als (regionale bzw. nationale) bürokratische Seite des (globalen) Turbokapitalismus funktioniert: Steinmeier gilt als Architekt der Agenda-2010-Gesetze (Hartz IV u. a.), mit der ein Teil der Bevölkerung per Gesetz in Armut und Abhängigkeit von Sozialbürokratie geschickt wurde. Tillich war das letzte Bollwerk gegen den Mindestlohn und ist damit als neoliberaler Vertreter von Dumpinglohnpolitik ausgewiesen, die es Menschen verunmöglicht, mit ihrer Arbeit eine sichere Existenz – auch fürs Alter – aufbauen zu können.

Ein öffentliches Bewusstsein dieser Mittäterschaft existiert allerdings kaum, weil sich weder Massenmedien noch soziale Netze in nennenswertem Umfang damit befassen. Salopp gesagt, fokussiert sich von rechts bis links der Streit auf die Frage, was man heutzutage sagen darf, ohne „Pack“ zu sein. Die in der Trumpismus-Epoche für den Fortbestand der Zivilisation entscheidende Frage aber ist: Was ist zu tun, damit die Leute nicht aus Panik in den Rache-Modus schalten und als „Pack“ gelten wollen? Wie setzt die Politik Rahmenbedingungen fürs Nettsein? (Das Wort trifft’ s tatsächlich gut, „freundlich und angenehm im Verhalten“, mehr kann man zwischen persönlich Unbekannten nicht erwarten.)

Dass in Deutschland unmittelbar nach der Trump-Wahl der Name Butterwegge wieder auf die öffentliche Bühne tritt, ist eine bemerkenswerte Pointe. Der Mann hat das Potenzial, das öffentliche Bewusstsein für die Gründe des Auseinanderdriftens der Gesellschaft zu schärfen. Er ist damit eine Alternative zu denen, die glauben, man könne an der Oberfläche gesellschaftlichen Frieden herbeireden, ohne den wirtschaftlichen und sozialen Krieg im Hintergrund zu beenden.

Wir „Postfaktischen“

Das „postfaktische“ Zeitalter, das nun durch die Auswahl des internationalen Wortes des Jahres besiegelt wurde, ist kein Produkt penetranter Propaganda von Rechtspopulisten. Es ist die Folge des postmodernen Identitätszirkus, bei dem besonders Menschen des abendländischen Kulturkreises gerne mitspielen.

Im Unterschied zur zielorientierten Höher-Weiter-Schneller-Größer-Perfekter-Moderne sind wir Postmodernen berufen, in uns hineinzuhören, unser vermeintliches Selbst zu pflegen und mit Hilfe des Zusammenbasteln von Weltanschauungs- und Wahrnehmungs-Fragmenten Identität – also das Einssein mit sich selbst – auszubilden. Dummerweise ist Leben unaufhörliche Transformation, der Mensch bleibt keine Sekunde unverändert, und so befindet sich das statische Bei-sich-Sein der Identität in Wellen von Dauerkrisen.

Das medial-kollektive zeitgenössische Idealbild der Super-Identität ist der beruflich erfolgreiche, glücklich liierte, gefühlt 35-Jährige mit vorzeigbarem Kind. Doch dieser Zustand ist flüchtig; ehe man sich’s versieht, sind die leiblichen bzw. sozialen Kinder, in die man so viel eigener Energie investiert hat, flügge und verlassen einen unwiderruflich. Überhaupt ist das stete Werden des eigenen Daseins mit fortwährendem Vergehen verbunden.

Statt die Antwort in sich selbst zu suchen, wo man sich maximal selbst als Fragenden vorfinden kann, empfiehlt es sich, aus sich herauszugehen. Dafür gibt es als Instrumente u.a. die Phantasie, die Liebe, einen guten Wein, Filme und Bücher, das Gespräch unter Freunden, die primären Geschlechtsmerkmale und meinetwegen auch einen WhatsApp-Chat. Es gibt jedenfalls keinen vernünftigen Grund, ohne konkreten Anlass so lange in sich zu graben, bis man das vermeintliche Trauma erkannt zu haben glaubt, das an der eigenen scheinbaren Unvollendetheit schuld ist, weil es einen irgendwie untergründig gehemmt habe.

Fakten fallen nicht vom Himmel, sie sind das Ergebnis sozialer Vereinbarung. Also der Interaktion nicht mit sich selbst, sondern mit anderen (das klappt allerdings nicht in den Echokammern gewisser sogenannter Gruppen sozialer Netze, wo das „Ich“ nur die duldet, die der eigene Spiegel zu sein scheinen). Wo das „Ich“ das Primat hat, sterben die Fakten. Das „Wir“ gebiert natürlich auch kein konstantes Faktum, sondern einen Transformationsstrom des Faktischen.

Bundesrichter Thomas Fischer nannte dazu in seiner aktuellen ZEIT-Kolumne „Fischer im Recht“ ein zauberhaftes Beispiel: „Am Nachmittag des 4. August 2006 ereignete sich ein seltenes Wetterphänomen in Form eines lokalen Gewitters mit Hagel und Starkregen auf einem Gebiet von nur drei Kilometern Durchmesser“, sagt Zeuge A. „An einem Tag vor zehn Sommern, als die jungen Männer das verbotene Tier getötet hatten, verfinsterte sich der Himmel, und der Gott der weißen Hirschkuh warf Feuer und Eis auf die Erde, um die Frevler zu bestrafen“, sagt Zeuge B. Die beiden Prozesse, von denen ich hier rede, liegen nur ungefähr 4.000 Jahre auseinander – ein Augenblick im Lauf der Zeit…“