Was hat meine syrischen Mitbewohner an Angela Merkels Selfie mit einem Flüchtling aus Syrien seinerzeit so fasziniert? Nicht, dass das eine Einladung an die ganze Welt sei, wie es hierzulande von vielen gesehen wurde. Sondern dass es in Deutschland möglich ist, als einfacher Mensch in direkten Kontakt mit einer so mächtigen Person zu treten. Das würde Assad nie machen, die Machthaber in jener Weltregion pflegen sich von der Bevölkerung abzuschirmen.

Bei uns dagegen sitzt eine Ministerin im Erzgebirge mit zufällig erschienenen Leuten bei einer Veranstaltung an einem Tisch – und reagiert sogar noch persönlich auf dem Nachhausseweg über Facebook auf deren Kritik an dem Abend. Nach den jüngsten demoskopischen Höhenflügen der Rechtspopulisten wurde wieder einmal allenthalben beschworen: Wir müssen mehr mit den Bürgern reden! Tatsächlich ist die Politik – nur scheinbar? – kommunikativ zugänglich wie niemals zuvor.

Die Abgeordneten werben fleißig für Bürgersprechstunden,  man kann jedem Abgeordneten Mails schicken, in den sozialen Netzen Verantwortungsträger aller Ebene direkt angehen. Wir haben sogar einen Ministerpräsidenten in Thüringen, der sich mit Kritikern der Kreisgebietsreform auf Twitter in maximaler Transparenz Dispute liefert. Selbst Stadtrats- und Kreistagssitzungen im Livestream sind keine Seltenheit mehr. Beschlussvorlagen werden ins Netz gestellt.

Das Herrschaftswissen ist faktisch abgeschafft. Zigtausende Kleine Anfragen von Landtagsabgeordneten nehmen praktisch jede Verwaltungsungereimtheit irgendwo im Lande, an der irgendjemand Anstoß genommen hat, auseinander. Und gegen unvollständige Antworten der Regierenden wird erfolgreich vorm Verfassungsgericht geklagt. Dennoch nimmt der Argwohn in der Bevölkerung zu, man werde ständig hintergangen, über den Tisch gezogen, ja geradezu „verraten“.

Trotz dieser tagtäglich rasant zunehmenden Transparenz, also tendenziell totalen Offenlegung, ergießt sich eine wachsende Flut von „Enthüllungen“ über uns. So las ich unlängst in einem neurechten Blog über den vermeintlich großen Skandal rund um die Veröffentlichung des Hartz-IV-Bescheids einer afghanischen Familie. Tatsächlich kann sich jeder mit ein paar Klicks zusammenrecherchieren, was wer in welcher Lebenskonstellation unter Umständen an Leistungen regelmäßig oder einmal beziehen kann. Und je nach eigener Einstellung wird man das als gerecht, zu wenig oder zu viel empfinden und kann dann darüber mit Gott und der Welt in eine Diskussion eintreten.

Mein liebster Kollege, der mir gegenüber sitzt und mit Engelsgeduld regelmäßig am Telefon politisch aufgewühlten Herzen zu Diensten ist, die zumeist gar keine konkrete Hilfe vermittelt haben, sondern ihrem Unbehagen über die Zeitläufte Ausdruck verleihen wollen, führt eine Liste von Wörtern, derer wir uns im Politik-Sprech enthalten sollten. Zum Beispiel „Gestalten“, ein rhetorischer Luftballon, der zur Vortäuschung von Wirkmächtigkeit ohne konkrete Begründung inzwischen fast an jede Proklamation drangehängt wird. Mir scheint, wir brauchen eine Revolution unserer politischen Sprache, damit unsere vielen angebotenen „Dialoge“ wirklich Gespräche sind.

Zu einem echten Gespräch gehört übrigens auch, dass man anders aus ihm herausgeht als man hineingegangen ist. Eine Erklärveranstaltung mit wohlwollendem Verständnis für die, die’ s noch nicht ganz begriffen haben, ist kein Dialog. Und an einem Punkt brauchen wir tatsächlich mehr Transparenz: über die Grenzen des Einflusses von Funktionsträgern und die Wechselwirkungen zwischen ihnen. Es wäre schon nett, wenn der durchschnittliche Zeitungsleser wüsste, wofür der Landtag überhaupt zuständig ist. Denn nur auf der Grundlage solchen Wissens weiß man im Zweifel, wer „schuld“ ist.

Und wenn wir unsere Sprache im „Blablameter“ abgerüstet und damit zu größerer Klarheit gefunden haben, stellen wir wahrscheinlich auch manche eigene systemische Ohnmacht fest, die wir dann mit den Bürgern teilen und mit ihnen gemeinsam überwinden sollten. Damit mein Lieblings-Philosoph Richard David Precht nicht Recht behält, dass Politik heutzutage sowieso nicht mehr gestaltet. Womit allerdings das Reden über sie sinnlos würde, egal wie wenig oder viel.

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