Wenn in unserer Zeit über Vorzüge des Landlebens gesprochen wird, dann kommt meistens nach einer langen Aufzählung infrastruktureller Nachteile gegenüber dem Wohnen in der Stadt gewissermaßen als Trostpreis: Frische Luft und Ruhe. Immerhin. Wer auf dem Dorf zu Hause ist, weiß natürlich, dass selbst das so nicht stimmt.

Im Sommer gibt es unzählige Feste, ob der Jugend, des Dorfes nebst Nachbarorten, Hochzeiten, Maibaumwerfen usw. usf. Hinzu kommen private Grillabende und regelmäßige Unterhaltung unter freiem Himmel in kleineren oder größeren Gruppen. Es kommt auf dem Dorf keiner auf die Idee, nun etwa nach der Polizei wegen Ruhestörung zu rufen, weil irgendwelche menschlichen Geräuschimmissionen die 22-Uhr-Grenze überschritten haben.

Den Sonnabend kann man in punkto Ruhe komplett abhaken, weil dann nahezu ganzjährig unter Einsatz des schier unerschöpflichen Arsenals an lärmenden Gerätschaften aus dem Baumarkt immer irgendjemand irgendwo in der näheren oder noch hörbaren Umgebung irgendetwas dringend an Haus und Garten vollbringen muss. Und 365 Tage im Jahr gibt es Hunde, von denen wiederum ein Teil so programmiert ist, dass er jeden am Grundstück Vorbeigehenden ausgiebig anbellt.

Das ist keine Anklageschrift. Man ist selbst Teil vom Ganzen. Ein paar Mal hatten wir Nachbarn ein Gassenfest organisiert, die Straße mit Stühlen und Tischen blockiert – natürlich ohne eine amtliche Genehmigung einzuholen – und bis zum Morgengrauen gefeiert. Ich bekenne mich dazu, dass ich in Gemeinschaft mit anderen morgens um halb zwei Uhr mehr schreiend als singend den Holzmichel habe hochleben lassen. Unsere infernalische Beschallung dürfte die sechshundert Meter Luftlinie entfernte Bundesstraße erreicht haben. Beschwert hat sich niemand. Es hat auch keiner daran Anstoß genommen, dass auf der Wiese neben dem Weg angebrochene Weinflaschen und andere Feier-Hinterlassenschaften herumstanden, die wir erst am nächsten Tag nach dem Ausschlafen beim Frühschoppen beräumt haben.

(Der Städter wird sich nun wundern, warum ich die spielenden Kinder außer Acht lasse. Weil ich erstens die Geräusche ihrer Aktivitäten im Regelfall nicht als Lärm interpretiere, und weil Kinder, die sich relativ frei draußen bewegen können, entspannter und daher harmonischer in der Geräuschproduktion sind als die Eingesperrten und Überbetreuten. Mich stören auch nicht die nachts oder sonn- und feiertags stundenlang über die Felder rotierenden gigantischen Landwirtschaftsmaschinen; an ihr gleichmäßiges Rauschen gewöhnt man sich wie an den Wind, es gehört quasi zur Natur.)

Die Luft wiederum dürfte in den von Fernwärme versorgten Städten abseits der Hauptverkehrsstraßen oftmals ebenfalls sauberer sein. Auf dem Dorf heizt jeder selbst und wie er will, ob mit Holz oder Kohlebriketts. Hinzu kommt der Kamin, der nicht selten nicht nur der Romantik, sondern auch der thermischen Resteverwertung dient. Im Sommer haben wir unsere Feuerschalen, die auf der großstädtischen Terrasse niemand nutzen würde. Ganz zu schweigen von Hexenfeuern, die einmal im Jahr tagelang die Landschaft verräuchern, sowie Weihnachtsbaum- und anderen kollektiven Verbrennaktionen. Nicht zu vergessen die wachsende Zahl von Betroffenen der gigantischen Mastanlagen, die ihre stinkenden Ausdünstungen kilometerweit übers Land verbreiten.

Nein, was das Land von der Stadt unterscheidet, ist der Gruß bzw. Nicht-Gruß. Man sagt bei uns „Guten Tag“. Jedem. Immer. Egal wo. Man grüßt. Ohne Ausnahme. Sitzt man im Auto und ist kein akustischer Kontakt möglich, wird beim Vorbeifahren die Hand zum Gruß erhoben, wenn in der Nachbarschaft ein Mensch zu sehen ist. Das geschieht gegebenenfalls auf den letzten Metern des Nachhauseweges fünf Mal und mehr. Die Dorfmenschen haben selbstverständlich die Freiheit, mit den einen Nachbarn intensivere Beziehungen zu pflegen als mit den anderen. Das ist normal, wer gerade kleine Kinder hat, orientiert sich eher an denen, die in der gleichen Lebenssituation sind. Aber das Grüßen ist ein Muss. Und wo es mal ausgelassen wird, vermutet man Unheil.

Mir ist das Grüßen so in Fleisch und Blut übergangen, dass ich selbst in wenig frequentierten großstädtischen Grünanlagen instinktiv Entgegenkommende grüße. Natürlich immer nur ein Mal. Denn die verstörten Blicke signalisieren mir, dass ich im Begriff bin, als potenziell Übergriffiger, also Gefährdung der kommunikativen Ordnung, wahrgenommen zu werden.

Dabei sehnen sich die Städter auch nach solchen Gruß-Zonen, in denen jeder Mensch von jedem anderen Menschen als zu achtendes Du angenommen wird. In den Hinterhöfen der Kieze leben auch Szenen, in denen man tendenziell jedem ein „Hallo“ zubilligt, der sich hier zeigt.

Der Gruß vermittelt im Vorbeigehen eine existenzielle Zusage: Du gehörst zu meinem Leben. Wenn du mal in Not bist, werde ich für dich da sein. – Das ist auf dem Dorf kein leeres Versprechen. Dafür steht die Sirene, die einen manchmal aus dem Schlaf reißt, ohne als Ruhestörung empfunden zu werden. Sie ruft die Freiwillige Feuerwehr zum Einsatz. Und dann pumpen die jungen Männer, die sich abends noch ihren Kindern gewidmet haben und morgen früh wieder auf Arbeit sein werden, vom Starkregen heimgesuchte Keller leer oder eilen zur Unfallstelle auf der nahen B 96.

Wer wirkungsvoll darüber nachdenken will, wie der zerbröselnde Zusammenhalt in der Gesellschaft wieder gestärkt werden kann, sollte einfach mal – aufs Dorf fahren. Das gilt im Übrigen auch fürs aktuelle große Integrationsthema. In der zehn Kilometer entfernten Kleinstadt entzündet sich daran ein Konflikt ohne Ende, bei uns ist das kein Problem: Geflüchtete werden einfach der Familie zugerechnet, wo sie sich aufhalten, bzw. dem Handwerker, wo sie arbeiten. Auch das gibt’s nämlich: einen arabischen jungen Mann, der aus der Stadt zu uns ins Dorf auf Arbeit fährt.

Ja, aber ist das Leben auf dem Dorf nicht ein bisschen langweilig? Selbst wenn das manchmal so ist – dann haben wir WLAN und holen uns die Welt aufs Sofa. Und was ist schöner als der sommerliche Samstagabendausflug ins Getümmel der herrlichen Dresdner Neustadt. Sie ist nur eine Auto-Dreiviertelstunde entfernt und gehört auch uns, ohne dass wir in ihr wohnen müssen.

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