In dem Moment überlegte ich, ob ich fassungslos bleiben oder stolz werden sollte. 1991 stand ich auf dem Lausitzer Platz, an meinem zweiten oder dritten Arbeitstag als Polizeireporter einer ostdeutschen Boulevardzeitung aus Berlin herbeigeeilt, um wie die ganze journalistische Welt von der Frontlinie eines Pogroms zu berichten, der die Vertreibung von Ausländern aus der Stadt bedeutete. Heute nun endet meine zweijährige Zeitraffer-„Elternschaft“ für einen jungen syrischen Geflüchteten damit, dass er einen Mietvertrag für eine Wohnung ebendort unterschreibt.

Fünfundzwanzig Jahre danach nimmt also jemand, den die Flucht zielgerichtet nach Deutschland führte und dann zufällig nach Sachsen, in die Lausitz und somit für längere Zeit in unser Haus, seinen ersten frei gewählten Wohnsitz in der Neustadt von – Hoyerswerda. Übrigens aus radikal pragmatischen Gründen: Die Werkstatt, in der er vierzig Stunden die Woche arbeitet und eine unbefristete Beschäftigungsperspektive hat, befindet sich von der Behausung fußläufig nur zehn Minuten entfernt.

Insofern eine völlig rationale, eine vernünftige Entscheidung. Zumal ihm sein Chef bei der Vermittlung der Wohnung geholfen hat. Nicht nur die Arbeit, auch alle Einkaufsmöglichkeiten sind in der Nähe. Man braucht das Auto nur am Wochenende, um zum Beispiel Freunde in Bautzen oder uns zu besuchen oder in die Disko nach Dresden zu fahren. Eigentlich ist mein erstes Erschrecken historisch überholt gewesen – wollten wir nicht, dass die zu uns Gekommenen aus den arabischen Ländern nicht alle nach Bochum, Dortmund oder Gelsenkirchen ziehen?

Also wjele zboža / viel Glück in Hoyerswerda! Da hast du Arbeit gefunden, erfolgreich die Fahrschule absolviert und wirst eine Zukunft haben. Das ist gut so, schließlich habe ich dir immer gesagt, dass die Leute da herb, aber herzlich sind. 🙂

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