Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Aber für „Ja“ oder „Nein“ möge man sich in jedem Fall schon entscheiden. Sonst wirst du mitschuldig an einer Kompliziertheit der Welt, die uns jeden Tag weiter über den Kopf wächst. Nichts ist schlimmer als der inflationäre Gebrauch des „Jein“. Weil man sich um Gottes willen nicht festlegen will. Teuflische Unentschlossenheit.

Aktuelles Beispiel: Das Elternrecht und die „Bildungsempfehlung“ für die weiterführende Schule in Sachsen. Ein Gericht hatte klagenden Eltern recht gegeben, dass nicht allein der Notendurchschnitt in bestimmten Fächern darüber entscheiden kann, ob das Kind nach Klasse 4 aufs Gymnasium oder in die Mittelschule (Oberschule heißt sie seit einiger Zeit) gehen darf. Denn laut Verfassung gilt ja auch ein Elternrecht.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man sagt wie in meiner alten Heimat Hamburg Ja zur alleinigen Entscheidungsmacht der Eltern. Die Hälfte der Mitschüler, die ihre Eltern mit mir aufs Gymnasium geschickt hatten, wurden in den Klassen 5 und 6 wieder „aussortiert“ (das war tatsächlich die Sprachregelung, mit der ich später als Schülersprecher ganz offiziell konfrontiert wurde). Das war für die betroffenen Kinder psychisch gewiss oft belastend, zugleich brauchte sich niemand zu grämen, von einer bürokratischen Regel am ersehnten Übertritt ins Gymnasium gehindert worden zu sein.

Oder man rüstet das Elternrecht im Verfassungsrang ab und sagt: Man geht ja auch bei anderen existenziellen Dingen wie beispielsweise medizinischer Versorgung nicht davon aus, dass Eltern immer alles am besten wissen, wenn es um ihr Kind geht. Also sollen letztlich die professionellen Bildungsexperten an den Schulen entscheiden. Was allerdings auch Härten produziert, weil das Unterschreiten der 2,0 in wenigen zu „Kernfächern“ erkorenen Unterrichtsteilen als entscheidendes Kriterium für die weitere Schullaufbahn mehr als gewagt ist.

Zu diesem „Ja“ oder „Nein“ gibt es eigentlich nur eine vernünftige Alternative: Dafür zu sorgen, dass erst zu einem späteren Zeitpunkt entschieden wird, z.B. nach Klasse 8. Dann sind die Jugendlichen schon religionsmündig und könnten eigentlich nach Empfehlung von Schule und Eltern auch selbst entscheiden, an welcher Schule sie die Vollendung ihres schulischen Werdeganges versuchen wollen.

Gefunden worden ist von der Regierungskoalition ein zeittypisches „Jein“. Die Grundschullehrerinnen müssen zusätzliche Arbeits- und Leistungsbeurteilungen schreiben, es wird bei Abweichen des Elternwillens von der Bildungsempfehlung ein zusätzlicher Test – ohne formelle Benotung – zur Orientierung abverlangt. Hinzu kommt ein weiteres Gespräch mit den Eltern, ehe die dann souverän entscheiden. Ergebnis: Alle haben mehr Arbeit und verbrauchte Lebenszeit auf ihrem Konto, und das nur, damit die Anhänger von „Bildungsempfehlung“ und „Elternrecht“ ihr Gesicht wahren.

Das ist leider kein skurriler Einzelfall, sondern der Regelfall. Deshalb wird unsere Welt jeden Tag sprunghaft komplizierter, und die folgenden immer komplizierteren Verordnungen zur Auslegung der immer komplizierteren Beschlüsse lassen den Grad der Kompliziertheit exponentiell ansteigen. Das geht im schlimmsten Fall so lange weiter, bis die Zahl der Verwaltungs- und Rechtsexperten in allen Lebensbereichen die Zahl der Anwender übersteigt bzw. die Anwender vor lauter Berichteschreiben nicht mehr zu Anwendung kommen und das ganze System an seiner ultimativen Ineffektivität kollabiert. Soweit müssen wir es nicht kommen lassen: Üben wir den Mut, uns für „Ja“ oder „Nein“ zu entscheiden.

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