Dankbarkeit durch Abnabelung

Man habe keine große Dankbarkeit erwartet, aber etwas mehr spürbaren Respekt für all das, was man ihnen an Lebenszeit, Mühe und Aufwand geschenkt hat. So ist es immer wieder zu hören. Undank ist der Welten Lohn und nicht nur Grund zum Kummer unzähliger Eltern aller Menschheitsgenerationen.

Menschen wollen Kinder „haben“ (!) und müssen lernen, dass die anfänglichen Nesthocker ihnen schließlich entfliehen. Sie wurden nicht gefragt, bevor sie in die Welt gesetzt wurden, und sie fragen auch nicht, wann und wie sie aus der unmittelbaren Lebensumwelt der Eltern wieder verschwinden und nur noch auf Besuch auftauchen. Wenn alles gut bleibt in der Familie.

Das Muster gilt überall. Flüchtlingshelfer sind traurig, dass die Geflüchteten, nachdem man sie doch mit nervenzehrenden Anstrengungen an Ort und Stelle integriert hat, auf Nimmerwiedersehen weiterziehen – vielleicht von WhatsApp-Grüßen ein Mal im Jahr abgesehen. Warum sollte ein Mensch, der Heimat, Familie und Freunde zurückließ, nun an irgendwelchen zufälligen Gehilfen am ebenso zufälligen einstweiligen Asylort längerfristig klebenbleiben?

Also bitte keine seelische Unzucht mit Abhängigen! Wir reden von einem undankbaren Job, wenn dabei nichts herauskommt. Wenn der, dem wir auf seinem Lebensweg weitergeholfen haben, ohne uns weitergehen kann, ist das doch der schönste Dank.

Dass einem manchmal der, dem man nur zwei Mal Zukunftsweisendes vermitteln konnte, mehr Dankbarkeit zeigt als die, denen man zahllose Abende für Nachhilfe aller Art opferte, ist auch normal. Schließlich erweckt man durch eine solche freiwillig gewählte Freizeitgestaltung den Eindruck, man habe sowieso nichts Besseres zu tun und sei ihnen für ihre schlichte Anwesenheit dankbar. 😉

Unser kluger junger syrischer #refugee -Arzt sagt es so: Das Gute, das man tut, bekommt man von anderen (!) wieder zurück. – Es ist kein Tauschgeschäft. Das hängt schon mit zeitverzögerter Wahrnehmung von Hilfseffekten ab, von denen man selbst profitiert.

Ich bin zum Beispiel von Haus aus etwas schwer von Begriff, meine erste Grundschul-Note war ein Mond, nur die drittbeste von vier Bewertungen. Trotzdem war ich in den darauffolgenden Jahren ein Spitzenschüler. Ohne die – geschätzt – zweitausend Stunden Schulbegleitung, die meine Mutter in mich investierte, hätte ich das nie geschafft. Damals hielt ich das für normal und mich einfach für einen guten Schüler. 😊

Freundschafts-Maschine Internet

Mit dem Internet hat die Ewigkeit Einzug in die Informationskultur gehalten. Es gibt kein verbindliches Vorher und Nachher mehr. Das sieht man nicht nur an den vielen versehentlichen Verlinkungen nebst Kommentaren zu Inhalten, die als aktuell erscheinen und entsprechend kommentiert werden, obwohl sie schon seit Jahr und Tag im Netz stehen.

Das Internet hat zugleich die früher relatv eindeutige autobiographische Phasen-Struktur aufgelöst. Man kann sich jederzeit an Fragmenten aus einem früheren Lebensabschnitt bedienen und sie für die Gegenwart updaten. Alle Epochen der Menschheit sind zeitgleich präsent und als Gedanken -Steinbruch abrufbar. Damit kann der Einzelne leichter Unabhängigkeit vom sogenannten Zeitgeist gewinnen.

Dem Internet verdanken wir die Wiederherstellung von Freundschaft. Die Moderne hatte mit der Entwurzelung aus traditionellen Lebenskreisen und der wachsenden Mobilität die Freundschaften fürs Leben verunmöglicht. Die meisten Menschen sind ihren Schul- und Jugendfreunden entfremdet. Das Internet aber kann selbst immobile 90- Jährige noch zu einer romantischen Lebensabschnitt-Freundschaft zusammenbringen. Es ist nie zu spät. Und der Draht zu ehemaligen Kollegen reißt dank Netz niemals ab.

Nach der Zeit ist dem Internet auch der Raum zum Opfer gefallen. Ein Facebook-Partner in Erbil ist mir nicht ferner als einer in Görlitz. Mir entgeht im abgelegenen Dorf keine Information. Ich werde die angesagte Party in der Metropole nicht verpassen, sondern mich rechtzeitig auf den Weg machen.

Es gibt keine Langeweile mehr. Ob nervtötende Sitzung oder ausweglose Kommunikationssitution zwischen Menschen, deren Sprache du nicht verstehst – das Smartphone bringt rasche Erlösung. Hier ein lustiges Video, da ein cooler Sinnspruch und Gelegenheit, einen guten Text zu lesen, für den man bisher keine Zeit hatte.

Die Verheißung des papierlosen Büros jedoch erfüllt das Internet nicht. Denn bei langen Texten ermüden die Augen überm Bildschirm schneller, Papier-Lektüre ist entspannender. Aber das Papier muss nicht mehr aufwändig geordnet, abgelegt und dem Verstauben preisgegeben werden. Denn der Text ist ja auf der Wolke leichter zugänglich als all die Regalmeter im Büro.

Last but not least: Mit Ausnahme guter Literatur für Auszeit-Tage zur Burnout- Prävention (die dann auch fünfhundert Seiten umfassen darf) sterben die langen Texte aus. Schon jetzt wird von Online-Zeitungen mit Lesezeit-Minuten geworben. Prägnante Formulierungen, auf den Punkt gebracht, statt des sich im Kreis drehenden Geschwafels. Ein wahrer Segen und ein wunderbarer Fortschritt. In der Politik gewinnt der Aphorismus gegenüber dem Strategiepapier an Bedeutung.

Das spart Zeit – für neue Freunde. 😊

Schubert in Love – schrecklich

Anderthalb Stunden Schubert ist zu viel. Fünf Minuten Olaf Schubert als Einlage in den Satire-Formaten der TV-Republik sind für mich immer ein Genuss. Aber für einen ganzen Film reicht es nicht, wenn man nicht wie Til Schweiger aussieht und wirkt. So zieht es sich mit endlosen Wiederholungen in die Länge, und der Schauburg-Kinosaal wird zum Schlafsaal.

Mehrere Leute haben mich in den letzten Jahren aufgefordert, mal endlich ein Buch zu schreiben. Entweder sorbisch oder deutsch. Ich werde weder das eine noch das andere tun, niemals. Ich kann keine Bücher schreiben. Meine mutmaßlichen Höhepunkte beim Schreiben erreiche ich auf einem Blatt Papier bzw. auf einer Bildschirm-Oberfläche plus ein kleines bisschen Scrollen. Aber nicht zu lange… Man muss seine Grenzen respektieren. Das hat Olaf Schubert leider nicht getan.

Apropos Höhepunkt: Die Idee, das jemand den Geschlechtsverkehr eigentlich nur wegen des Zeugungsaktes vollziehen will, ist ja schon naja. Das dann in Kinofilmlänge auszuwalzen ist megaabtörnend. So kann man sich als Dresdner Humor-Marke auch final selbst zerstören. Denn wenn das nächste Mal Schubert in der „heute-show“ auftaucht, schalte ich ab.

AfD war nie ausgegrenzt

Die #ZEIT , das Zentralorgan des liberalen Bürgertums, widmet sich der Ausgrenzung der AfD. In Wahrheit wurde die AfD keine Sekunde ausgegrenzt: Über ihre Schlüsselthemen wurde von Anfang an medial umfassend berichtet. Zunächst zwar mit mehr oder weniger durchgehend negativer Kommentierung. Aber das hilft.

Es ist so, als würde über die linke Idee der Bürgerversicherung ständig mit der begleitenden Warnung vor „kommunistischer Gleichschaltung“ informiert. Dann würden heute fast alle wissen, warum das eine gute Sache ist, egal ob nun irgendwelche Journalisten davon nichts halten. Das wichtigste politische Kapital unserer Zeit ist Aufmerksamkeit; Ausgrenzung heißt Nicht-zur-Kenntnis-nehmen, verschweigen.

Die PDS wurde mehr als ein Jahrzehnt lang in diesem Sinne, sagen wir mal so, deutlich hintangesetzt. Die Geschichte dieser Ausgrenzung wird nie geschrieben werden, weil sie vom neuen Establishment als Gottesgesetz wegen „SED-Nachfolge“ verkündet wurde. So findet die ZEIT noch heute nichts dabei, bei Themen aus dem Sächsischen Landtag im Regelfall die Grünen als Stimme der Opposition zu zitieren und die größere linke Oppositionsfraktion wegzulassen.

Das Gleiche ist mit der Geschichte und Gegenwart der Ausgegrenzten. Ob ein evangelischer Theologe mit AfD-Zuneigung Pfarrer sein kann oder nicht (ZEIT-Thema diese Woche), kann ich nicht beurteilen, ich bin nicht evangelisch. Aber ich weiß: Ein AfD-affiner katholischer Priester wäre ein Widerspruch in sich, denn katholisch heißt „allumfassend“. Die Millionen, die nach der Wende aus dem Arbeitsleben ausgegrenzt wurden, weil sie im öffentlichen Dienst der DDR keinen offenen Widerstand gegen ihren Dienstherrn geleistet hatten oder in einem als nunmehr uneffektiv deklarierten Betrieb arbeiteten, warfen keine Brandsätze auf die Deutsche Bank, sondern gingen häufig in die Selbstständigkeit – mit höchst bescheidenen Einkünften. Sie waren tatsächlich Ausgegrenzte, denn ihr Schicksal wurde massenmedial keineswegs skandalisiert.

Die genannte Hauptzielgruppe der #ZEIT hat zur AfD überwiegend ein schizophrenes Verhältnis: Einerseits wird sie als feindlich wahrgenommen, weil sie Werte wie „Weltoffenheit“ und „bunte Gesellschaft“ bedroht (und das sind, horribile dictu, für diese Schicht auch preiswerte Putzhilfen, Kindermädchen und Pflegekräfte mit Migrationshintergrund – und natürlich das multikulturelle Wohlfühlflair angesagter Stadtviertel). Andererseits: Die AfD stellt nicht die ökonomischen Verhältnisse in Frage, die dazu führen, dass der eine in dauerhaft gesicherter Beschäftigung mit ererbtem und stets wachsenden Vermögen in der Villa wohnt, die andere in höchst prekären Verhältnissen im sogenannten sozialen Brennpunkt.

Die Linken sind zwar auch für die bunte Gesellschaft, woraus sich Gemeinsamkeiten ergeben. Aber in Kombination mit dem Solidarprinzip als Basis. Damit die Menschen unterschiedlicher Herkunft der Unterschied nicht in einen ruinösen Konkurrenzkampf untereinander um Arbeit und Wohnen gejagt werden, muss die gehobene Mittel- und Oberschicht etwas abgeben. In dem genialen Buch „Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche! Unser neues Leben im Problemkiez“ über das Leben einer aus dem Prenzlauer Berg verdrängten (deutschen) Mittelschichts-Familie in Neukölln kann man schön anschaulich nachlesen, wie der Lebenswandel einer bestimmten gehobenen bürgerlichen einheimischen Schicht als Nebeneffekt die „Parallelgesellschaften“ produziert. Stichwort Gentrifizierung. Deshalb: Herzlichen Glückwunsch, Andrej Holm, dem wegen seiner wissenschaftlichen Kritik daran vor einem Jahrzehnt zu Unrecht als Terrorverdächtigem in Untersuchungshaft Genommenen, zu seinem neuen Job (auf Vorschlag der Berliner Linkspartei) als Staatssekretär für Wohnen in der Hauptstadt!

Ach so, ich bin ZEIT-Abonnent. Aus Überzeugung.

Lieber Macken statt Marke

Ich bin keine Marke. Und will auch keine sein. Der Glaube an die Pflege der eigenen Marke durch die Selbstinszenierung in sozialen Netzen ist das Vertrauen in Strohfeuer. Das ist, um ein nerviges Modewort auszuleihen, nicht nachhaltig. Bekannte Ein-Person-Marken Sachsens, die durch unentwegtes Posten rund um die Uhr ihre spezielle Marke pflegten, fanden bisher immer noch durch Krankheit oder Berufswechsel zum Ausstieg aus dieser Tretmühle. Fazit: Das Leben als Marke hält keiner lange durch, was im Einzelfall wegen des Unterhaltungswertes schade ist.

Die Sehnsucht nach Persönlichkeiten wächst ständig, gerade weil wir durch individuelle Marken-Kommunikation zugeschüttet werden. Was macht den Menschen aus? Hier eine Prise Verschrobenheit, da ein Hauch Irrationalität, hier ein Schlag Verwegenheit, dort ein wenig anrührende Schüchternheit. Wenig davon ist in den sozialen Netzen in erwähnenswertem Umfang zu finden.

Marken sind meistens langweilig. Es sei denn, sie sind Kult. Wie meinetwegen mal für viele Leute Apple, I-Phone und solche Sachen. Man sollte sich selbst, ein Siebenmilliardstel der Menschheit, nicht für zu wichtig nehmen, der Status des humanen Kultobjektes ist nur wenigen gegeben. Zur Legende werden noch weniger, denn der Übergang zwischen Verklärung und Vergessen ist fließend. Pflegen wir also beherzt unsere Eigentümlichkeiten, natürlich so, dass wir uns damit nicht zu sehr auf die Nerven gehen. 😉

Sorbischer trifft syrischen Refugee

Der Urgroßvater von Korla Wukaš (76) war sorbischer #refugee aus der Lausitz. Korla ist der letzte sorbisch sprechende Texas-Sorbe.

Mit einem selbstverfassten Lehrbuch will der mit einer Polin verheiratete Professor und Anhänger der US-Grünen, der einst auch in Damaskus lehrte, die sorbische Sprache in den USA wiederbeleben. Natürlich sprachen wir auch über die US-Präsidentschaftswahl und darüber, warum er weder Trump noch Clinton gewählt hat.

Wir treffen uns jedes Jahr ein oder zwei Mal. Diesmal konnte er bei uns zu Hause mit einem unserer syrisch-kurdischen #refugees über die Welt reden und praktisch vorführen, dass er neben englisch, deutsch, sorbisch, französisch, polnisch und russisch auch etwas kurdisch und arabisch kann.

Deutschland sei so schön liberal, schwärmt Korla. Vor Jahren war er mit seiner Frau an einem Leipziger See. Da haben ganze Familien nackt gebadet. „Dafür würde man in den USA verhaftet.“ Auch der kurdische Refugee stellte unlängst fest, das Besondere an Deutschland sei die „Freiheit, dass jeder so rumlaufen kann, wie er will.“

Das „Volk“ ist weg

Ist ein Volkstribun-Politiker, der in keinem der sogenannten sozialen Netze präsent ist, also weder bei Facebook oder Twitter noch Instagram, dem Volk zu fern, wie das sächsische Medien-Magazin „Funkturm“ meint? Nein, denn wir wissen nicht, wo das „Volk“ ist, weshalb man ja auch inzwischen üblicherweise überwiegend von „Bevölkerung“ spricht.

Das Volk ist weg. Es bestellt massenhaft die Regionalzeitungen ab, die überregionalen hat es auch früher kaum gelesen. Dem Fernsehen entschwindet es – je jünger, desto mehr – in die Spartenangebote jenseits aller Sendezeiten. Beim Hörfunk regiert außer in Nischen-Nachrichtenkanälen die Durchhörbarkeit per Ohrwürmer und Minimierung von Texten, die das Volk nicht zu binden scheinen.

Bleiben die sozialen Netze. Bei Facebook haben wir es mit Gleichgesinnten und Nachbarn (aus den verschiedenen Lebensbereichen wie Verein oder Beruf) und natürlich ein paar Trollen zu tun, die den Unterhaltungswert der eigenen Beiträge erhöhen. Twitter erspart manche Pressemitteilung, weil hier vor allem Medien-Multiplikatoren mitlesen, und Instagram dient ideal der Befriedigung des eigenen Narzissmus – mal versonnen nach schräg oben schauen, mal cool bei einer x-beliebigen Sitzung in die Kamera blicken.

Das Volk ist auf der Flucht. Es will nicht mehr erfasst werden. Die, derer die Demoskopen bei Befragungen zufällig habhaft werden können, tricksen die Wissenschaftler aus und wählen anders als scheinbar angekündigt. Bei Facebook hoffen Silver Surfers mit der Jugend gewissermaßen Face to Face in einen politischen Diskurs treten zu können, aber die Jungen haben sich längst zu Snapchat verkrümelt, wo sie unter sich ihre Ruhe haben, weil sich die Verstehbarkeit dieses Dienstes jedem geringfügig Älteren entzieht.

Plötzlich schafft es der massenhafte Einsatz des Uralt-Instruments Plakat, einen großen Saal mit den Interessenten an einer politischen Veranstaltung zu überfüllen. Doch das ist nicht die geringste Garantie fürs nächste Mal. Ich empfehle jedem Hardcore-Verweigerer des zeitgenössischen Hypes um die angeblich angesagten Kommunikationswege, ob „soziale Netze“ oder was auch immer, Standfestigkeit. Denn ohne die Ausnahmen und Abweichler hätten wir keine Vergleichsgrößen mehr. Doch ohne Vergleich gibt es keinen Erkenntnisfortschritt.

Deshalb darf auch die scheinbar klügste Lösung nie von allen gewählt werden. Sonst würde es nie zu einer irgendwann noch klügeren kommen. Die Antwort, wo das „Volk“ gerade ist, wird uns keine sozialwissenschaftliche Erhebung bescheren, denn die personalisierten Such-und-Find-Algorithmen von Google & Co., von dem sich die Bevölkerungs-Individuen durchs weltweite Netz der Angebote leiten lassen, sind auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen. Nur ein Beispiel: Wer Schulden macht, freut sich über Niedrigzinsen; wer sparen will, verflucht sie.

Am Ende ist der intuitiv handelnde „Volkstribun“ vermutlich am jeweiligen fiktiven Ort des irreal gewordenen „Volkes“ am nächstes dran: durch gelegentliche Gespräche mit sehr verschiedenen Menschen. Denn nichts anderes versuchen ja auch die Marktforscher mit sogenannten Fokusgruppen-Diskussionen mit viel Aufwand zu simulieren.

Das Verschwinden des „Volkes“ ist die logische Konsequenz des Zerfalls traditioneller sozialer Strukturen vor Ort und des Niedergangs der Bedeutung gesellschaftlicher Großorganisationen. Wenn sich alles Bisherige auflöst, kann auch das „Volk“ nicht weiter bestehen. Das beweist schon die allwöchentliche Pegida-Karikatur desselben. Vergleicht man die „Wir sind das Volk“-Rufe auf dem Leipziger Ring von 1989 mit entsprechenden verbalen Eruptionen der Gruppen an diversen sächsischen Plätzen ein gutes Vierteljahrhundert später, merkt man, dass vom „Volk“ nicht viel übrig geblieben ist. Wir sind „Bevölkerung“.

Das Populismus-Phantom

Die #bpw Österreich sei ein Sieg über den Populismus in Europa, sprach Demokratie-Künstler Schulz, der sich schon als Spitzenplatz-Inhaber auf der nordrheinwestfälischen SPD-Landesliste zur Bundestagswahl ausrief, bevor er dafür überhaupt offiziell kandidiert, geschweige denn von den Delegierten gewählt ist. Ich halte den Populismus-Begriff beim Verdikt über die Rechte für falsch, weil er eine Überhöhung unseres bisher gewohnten politischen Wettbewerbs beinhaltet.

Sind Wahlkämpfe um Slogans wie „Der Sachse“ und „Aus Liebe zu…“ etwa nicht, nun ja, populistisch intoniert gewesen? Mit mehr oder weniger Erfolg. Und ist nicht der Vorwurf des „Populismus“ nur das neiderfüllte Eingeständnis, dass die bisher parteiübergreifend hochgelobten PR-Instrumente nicht mehr funktionieren? Oder aber will uns Schulz sagen, dass die Volksaufklärer noch gerade mal so eben gegen die Volksverführer obsiegt haben? Das aber wäre nun wirklich zu plump und eine Selbstverklärung des eigenen politischen Betriebs.

Die Frontlinie ist nicht die zwischen Populisten und „ordentlicher“ Politik-PR, sondern zwischen den Prinzipien Gleichheit und Ungleichheit. Bisher gilt jenseits der Frage der politischen Couleur die prinzipielle Gleichheit aller Menschen – bei den Konservativen zumindest vor dem Gesetz und in den gesellschaftlichen Umgangsformen, bei den Linken auch generell in sozialer Hinsicht. „Political correctness“ im guten Sinne ist nichts anderes als die sprachliche Berücksichtigung dieses Grundsatzes, also die Vermeidung prinzipieller Herabwürdigung.

Die rechte Bewegung dagegen sagt ihren Zielgruppen: Ihr seid mehr wert als andere, und das werden wir durchsetzen. Egal zu welchem Preis auf Kosten derer, die weniger wert sind. Das Problem ist nur, dass es immer mehr Menschen gibt, die die bisherige Gleichheitszusage als Schall und Rauch empfinden und sich daher nach dem Motto „Rette sich, wer kann“ in die Arme der Rechten begeben. Weil die Ungleichheit zwischen Süd- und Nordeuropa zugenommen hat, weil Banken gerettet wurden, aber nicht Arbeitsplätze, weil die einen absahnen, und die anderen nicht mal mehr eine funktionierende Lebensversicherung haben.

Das ist die Wurzel des Übels, nicht vermeintlicher „Populismus“, der allenfalls dieses Übel ausschlachten kann. Solange diese rasant zunehmende Ungleichheit und Spaltung der Gesellschaften nicht Thema Nummer eins wird, ist gegen den sogenannten Populismus kein Kraut gewachsen. Da helfen auch keine Dialoge. Denn Reden kann nie Handeln ersetzen.

Lebenskundig gebildet?

Ich bin funktionaler Analphabet auf dem Feld der MINT-Fächer. Die Sprache der Mathematik und der Naturwissenschaften beherrsche ich nicht. Das einschlägige Schulwissen akkumulierte ich prüfungsorientiert, um es dann dem seligen Vergessen anheimfallen zu lassen.

Wir lernen eben fürs Leben, und was zu unserem Leben nicht zu passen scheint, lässt der Kopf zwecks Entlastung wieder entweichen. Wobei der Gebrauchswert großzügig ausgelegt wird: Wenn jemand das Rezitieren mittelhochdeutscher Gedichte als Persönlichkeitsprofil bildende Maßnahme empfindet, wird er sich die Verse des Walther von der Vogelweide zu merken vermögen.

Beim Umgang mit erwachsenen Migranten aus buchlosen Herkunftshaushalten, die ihre Muttersprache nur mündlich und in einfacher Weise können, dazu noch ein paar hundert Worte aus der früheren Landes-Schriftsprache, kann man dieses Phänomen praktisch beobachten: Bei entsprechender Begleitung nehmen sie ein Jahr oder etwas länger täglich neue Worte auf, und dann ist irgendwann gefühlt Schluss. Es geht kaum noch weiter.

Sie haben vermutlich im Deutschen das Differenzierungsvermögen erreicht, das ihnen fürs kommunikative Alltags-Überleben ausreichend erscheint. So wie ich aus der Perspektive des gebildeten idealtypischen MINT-Sachsen auf Analphabeten-Niveau verharre, werden sie meinem Abstraktionsanspruch nicht gerecht, der aus jahrzehntelanger Koexistenz mit Büchern und Zeitungen erwachsen ist.

Wer also wie offensichtlich gebildet oder scheinbar bildungsfern ist, wird somit Ansichtssache. Manche meiner vermeintlich tiefsinnigen Anmerkungen werden mitfühlend beantwortet: „Ist noch alles gut bei dir?“ Spätestens dann sinne ich darüber nach, ob der Faktor individueller Lebenstüchtigkeit bei unserer recht kritiklosen, pauschalen Verehrung „hoher Bildungsstandars“ immer angemessen Berücksichtigung findet.

Es können nicht alle die gleichen Geigen spielen. Gott sei Dank, was wäre das für ein langweiliges Orchester.

„Wärst du auch zu Fuß von Syrien nach Deutschland gekommen?“ – mitsamt einer Woche im Herbst ausschließlich im Wald plus Übernachtungen ohne Schlafsack und Isomatte? Also ich habe immerhin schon Bergtouren in der Schweiz geschafft mit zweitausend Höhenmetern hin und zurück an einem Tag – Start und Zielpunkt war allerdings ein Hotelbett…

Ohne Hoffnung nur Hysterie

Was ist 2016 ganz anders als 1994? Damals wurde in einer Zeit schwerster sozialer Verwerfungen – Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit – mit Horst-Dieter Brähmig in Hoyerswerda der erste PDS-Oberbürgermeister gewählt. Heute liegen die Rechtspopulisten in Sachsen in Umfragen bei 25 Prozent – und das bei einem Bruchteil damaliger Arbeitslosigkeit.

Der Gegenkandidat von Brähmig hatte alle demokratischen Parteien außer der PDS hinter sich – und Kurt Biedenkopf sowie diverse Bundesprominenz. Bei der Wahlparty des SPD-Mannes, der bereits kommissarisch die Stadt führte, war ein Menschenschlag prägend, den ich ganz ohne boshaften Unterton als Schickeria bezeichnen würde.

Also laut Definition „die (relativ) wohlhabende, sich (übertrieben) modewusst kleidende Gesellschaftsschicht, die sich für wichtig hält .“ Ihnen stand an diesem Abend die maskenhafte Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, dass eine Plattform ihrer Reputation gerade unter ihnen zerbrach.

Bei der PDS-Wahlparty gab es einen ausnehmend gut gekleideten, bürgerlich wirkenden Herrn. Das war Brähmig selbst. Ansonsten überwogen optisch nicht mehr ganz junge Männer, die von der Entwurzelung aus einst geordnet realsozialistisch-proletarischen Verhältnissen gezeichnet waren. Wichtig nahm sich hier niemand, und die Mode war egal.

Es war eine Zeit, in der Kohls „blühende Landschaften“ längst grassierendem Spott ausgesetzt waren. Aber die Städte wurden tatsächlich immer schöner. Und irgendwie wollten alle an diese Vision glauben. Und ihren Anteil daran in Anspruch nehmen dürfen – für diese Ansage stand das Votum für Brähmig.

Nach einem knappen Dutzend Jahren pragmatischen Merkelismus und einem guten halben Dutzend Jahren nur auf Sicht fahrenden EU -Finanzkrisenmanagements ist das gesellschaftliche Visionspotenzial heruntergewirtschaftet. Das herrschende Dogma heißt „Alternativlosigkeit“, es ist, wie es ist, und danach kommt nichts mehr.

Ohne Hoffnung auf Zukunft versinkt die Gegenwart in Hyersterie. Aus ihr steigt der Hass empor, der uns zurzeit verstört. Ich bin gegen Vertröstung, aber ohne Trost kommt niemand aus. Das griechische Wort für Trost bedeutet auch Ermutigung; die aber bezieht sich zwingend auf eine Zukunft, in der das Leben weitergeht. Wo es keine Vorstellung von Zukunft mehr gibt, herrscht gefährliche Trostlosigkeit.

Engel haben heute Hochkonjunktur. Kitsch ist schwer im Kommen. Manchmal ist das auch Kunst. Himmlische. Frieden auf Erden gibt es aber nur dann und dort, wenn und wo der Blick in eine mögliche gemeinsame Zukunft wieder eine Chance hat.