Die #ZEIT , das Zentralorgan des liberalen Bürgertums, widmet sich der Ausgrenzung der AfD. In Wahrheit wurde die AfD keine Sekunde ausgegrenzt: Über ihre Schlüsselthemen wurde von Anfang an medial umfassend berichtet. Zunächst zwar mit mehr oder weniger durchgehend negativer Kommentierung. Aber das hilft.

Es ist so, als würde über die linke Idee der Bürgerversicherung ständig mit der begleitenden Warnung vor „kommunistischer Gleichschaltung“ informiert. Dann würden heute fast alle wissen, warum das eine gute Sache ist, egal ob nun irgendwelche Journalisten davon nichts halten. Das wichtigste politische Kapital unserer Zeit ist Aufmerksamkeit; Ausgrenzung heißt Nicht-zur-Kenntnis-nehmen, verschweigen.

Die PDS wurde mehr als ein Jahrzehnt lang in diesem Sinne, sagen wir mal so, deutlich hintangesetzt. Die Geschichte dieser Ausgrenzung wird nie geschrieben werden, weil sie vom neuen Establishment als Gottesgesetz wegen „SED-Nachfolge“ verkündet wurde. So findet die ZEIT noch heute nichts dabei, bei Themen aus dem Sächsischen Landtag im Regelfall die Grünen als Stimme der Opposition zu zitieren und die größere linke Oppositionsfraktion wegzulassen.

Das Gleiche ist mit der Geschichte und Gegenwart der Ausgegrenzten. Ob ein evangelischer Theologe mit AfD-Zuneigung Pfarrer sein kann oder nicht (ZEIT-Thema diese Woche), kann ich nicht beurteilen, ich bin nicht evangelisch. Aber ich weiß: Ein AfD-affiner katholischer Priester wäre ein Widerspruch in sich, denn katholisch heißt „allumfassend“. Die Millionen, die nach der Wende aus dem Arbeitsleben ausgegrenzt wurden, weil sie im öffentlichen Dienst der DDR keinen offenen Widerstand gegen ihren Dienstherrn geleistet hatten oder in einem als nunmehr uneffektiv deklarierten Betrieb arbeiteten, warfen keine Brandsätze auf die Deutsche Bank, sondern gingen häufig in die Selbstständigkeit – mit höchst bescheidenen Einkünften. Sie waren tatsächlich Ausgegrenzte, denn ihr Schicksal wurde massenmedial keineswegs skandalisiert.

Die genannte Hauptzielgruppe der #ZEIT hat zur AfD überwiegend ein schizophrenes Verhältnis: Einerseits wird sie als feindlich wahrgenommen, weil sie Werte wie „Weltoffenheit“ und „bunte Gesellschaft“ bedroht (und das sind, horribile dictu, für diese Schicht auch preiswerte Putzhilfen, Kindermädchen und Pflegekräfte mit Migrationshintergrund – und natürlich das multikulturelle Wohlfühlflair angesagter Stadtviertel). Andererseits: Die AfD stellt nicht die ökonomischen Verhältnisse in Frage, die dazu führen, dass der eine in dauerhaft gesicherter Beschäftigung mit ererbtem und stets wachsenden Vermögen in der Villa wohnt, die andere in höchst prekären Verhältnissen im sogenannten sozialen Brennpunkt.

Die Linken sind zwar auch für die bunte Gesellschaft, woraus sich Gemeinsamkeiten ergeben. Aber in Kombination mit dem Solidarprinzip als Basis. Damit die Menschen unterschiedlicher Herkunft der Unterschied nicht in einen ruinösen Konkurrenzkampf untereinander um Arbeit und Wohnen gejagt werden, muss die gehobene Mittel- und Oberschicht etwas abgeben. In dem genialen Buch „Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche! Unser neues Leben im Problemkiez“ über das Leben einer aus dem Prenzlauer Berg verdrängten (deutschen) Mittelschichts-Familie in Neukölln kann man schön anschaulich nachlesen, wie der Lebenswandel einer bestimmten gehobenen bürgerlichen einheimischen Schicht als Nebeneffekt die „Parallelgesellschaften“ produziert. Stichwort Gentrifizierung. Deshalb: Herzlichen Glückwunsch, Andrej Holm, dem wegen seiner wissenschaftlichen Kritik daran vor einem Jahrzehnt zu Unrecht als Terrorverdächtigem in Untersuchungshaft Genommenen, zu seinem neuen Job (auf Vorschlag der Berliner Linkspartei) als Staatssekretär für Wohnen in der Hauptstadt!

Ach so, ich bin ZEIT-Abonnent. Aus Überzeugung.

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