Ist ein Volkstribun-Politiker, der in keinem der sogenannten sozialen Netze präsent ist, also weder bei Facebook oder Twitter noch Instagram, dem Volk zu fern, wie das sächsische Medien-Magazin „Funkturm“ meint? Nein, denn wir wissen nicht, wo das „Volk“ ist, weshalb man ja auch inzwischen üblicherweise überwiegend von „Bevölkerung“ spricht.

Das Volk ist weg. Es bestellt massenhaft die Regionalzeitungen ab, die überregionalen hat es auch früher kaum gelesen. Dem Fernsehen entschwindet es – je jünger, desto mehr – in die Spartenangebote jenseits aller Sendezeiten. Beim Hörfunk regiert außer in Nischen-Nachrichtenkanälen die Durchhörbarkeit per Ohrwürmer und Minimierung von Texten, die das Volk nicht zu binden scheinen.

Bleiben die sozialen Netze. Bei Facebook haben wir es mit Gleichgesinnten und Nachbarn (aus den verschiedenen Lebensbereichen wie Verein oder Beruf) und natürlich ein paar Trollen zu tun, die den Unterhaltungswert der eigenen Beiträge erhöhen. Twitter erspart manche Pressemitteilung, weil hier vor allem Medien-Multiplikatoren mitlesen, und Instagram dient ideal der Befriedigung des eigenen Narzissmus – mal versonnen nach schräg oben schauen, mal cool bei einer x-beliebigen Sitzung in die Kamera blicken.

Das Volk ist auf der Flucht. Es will nicht mehr erfasst werden. Die, derer die Demoskopen bei Befragungen zufällig habhaft werden können, tricksen die Wissenschaftler aus und wählen anders als scheinbar angekündigt. Bei Facebook hoffen Silver Surfers mit der Jugend gewissermaßen Face to Face in einen politischen Diskurs treten zu können, aber die Jungen haben sich längst zu Snapchat verkrümelt, wo sie unter sich ihre Ruhe haben, weil sich die Verstehbarkeit dieses Dienstes jedem geringfügig Älteren entzieht.

Plötzlich schafft es der massenhafte Einsatz des Uralt-Instruments Plakat, einen großen Saal mit den Interessenten an einer politischen Veranstaltung zu überfüllen. Doch das ist nicht die geringste Garantie fürs nächste Mal. Ich empfehle jedem Hardcore-Verweigerer des zeitgenössischen Hypes um die angeblich angesagten Kommunikationswege, ob „soziale Netze“ oder was auch immer, Standfestigkeit. Denn ohne die Ausnahmen und Abweichler hätten wir keine Vergleichsgrößen mehr. Doch ohne Vergleich gibt es keinen Erkenntnisfortschritt.

Deshalb darf auch die scheinbar klügste Lösung nie von allen gewählt werden. Sonst würde es nie zu einer irgendwann noch klügeren kommen. Die Antwort, wo das „Volk“ gerade ist, wird uns keine sozialwissenschaftliche Erhebung bescheren, denn die personalisierten Such-und-Find-Algorithmen von Google & Co., von dem sich die Bevölkerungs-Individuen durchs weltweite Netz der Angebote leiten lassen, sind auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen. Nur ein Beispiel: Wer Schulden macht, freut sich über Niedrigzinsen; wer sparen will, verflucht sie.

Am Ende ist der intuitiv handelnde „Volkstribun“ vermutlich am jeweiligen fiktiven Ort des irreal gewordenen „Volkes“ am nächstes dran: durch gelegentliche Gespräche mit sehr verschiedenen Menschen. Denn nichts anderes versuchen ja auch die Marktforscher mit sogenannten Fokusgruppen-Diskussionen mit viel Aufwand zu simulieren.

Das Verschwinden des „Volkes“ ist die logische Konsequenz des Zerfalls traditioneller sozialer Strukturen vor Ort und des Niedergangs der Bedeutung gesellschaftlicher Großorganisationen. Wenn sich alles Bisherige auflöst, kann auch das „Volk“ nicht weiter bestehen. Das beweist schon die allwöchentliche Pegida-Karikatur desselben. Vergleicht man die „Wir sind das Volk“-Rufe auf dem Leipziger Ring von 1989 mit entsprechenden verbalen Eruptionen der Gruppen an diversen sächsischen Plätzen ein gutes Vierteljahrhundert später, merkt man, dass vom „Volk“ nicht viel übrig geblieben ist. Wir sind „Bevölkerung“.

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