Praxis-Beweis 😊: Gender im Kommen

„Gender“ ist ja das Haupt-Hassobjekt der Rechten, also die Lehre von der kulturellen Konstruiertheit des Geschlechtlichen. In Programmatik und Publizistik der A-Partei, die ich mir bisher zu lesen angetan habe, wurde #Gender noch mehr Schärfe und Härte zuteil als dem #Refugees -Thema. Doch unbeschadet scheinbarer Deutungshoheit über den Stammtischen drängt der Alltag die A-Partei-Agitation ins Abseits. Hier der ultimative Praxisbeweis 😉:

Als Mann im Prostata-Alter, womit man sich schon im Zentrum des Zielgruppen-Visiers dieser Organisation befindet, zählt man ja das öffentliche Pissoir zu den systemrelevanten Faktoren der sozialen Infrastruktur. Also nimmt man dort auch Trends wahr, die von wesentlichen Wandlungen des Menschengeschlechts künden, sich aber wie immer in solchen Fällen zunächst abseits des öffentlichen Bewusstseins abspielen. Jedenfalls sind zu dem, was sich dort vollzieht, keine medialen Abhandlungen zu vernehmen.

Urinierten die Herren noch vor einigen Jahrzehnten in Reih und Glied in eine gemeinsame Rinne (kann man in einer Gaststätte in Cottbus-Gallinchen noch als aktives Denkmal benutzen), hielten dann die separaten Urinale Einzug. In alten Kulturhäusern noch dicht aneinandergereiht, was von den Gästen mittlerweile als unangenehm bzw. kritikwürdig empfunden wird, stehen sie inzwischen zumeist in gebührendem Abstand. Der bereits erwähnte, nicht mehr ganz neue Trend besteht nun darin, halbhohe Zwischenwände einzuziehen.

Von Marktkauf bis Kornmarktcenter in Bautzen ist das schon Standard, und auch in einem bedeutenden öffentlichen Gebäude am Postplatz wurde ein entsprechender Umbau ins Werk gesetzt. Die A-Partei nimmt all dies protest- und widerstandslos hin, obwohl das soeben Beschriebene für nichts weniger steht als das Aussterben des monosexuellen traditionellen Nomal-Mannes 😉.

Also des Typs, der das Attribut „schön“ prinzipiell ausschließlich Frauen zuordnete und zum eigenen sowie dem Körper der Mit-Männer ein ästhetisches Nicht-Verhältnis pflegte. Für ihn war der männliche Körper rein instrumentell definiert, durch Befähigung zu Stärke etwa, weshalb bisweilen Muskeln mit gleichsam autoerotischer Zuneigung bedacht wurden, aber sonst nichts. Mit der Waschbrettbauch- und Sixpack-Bewegung nahm das selbstverliebte Selbstverschönern seinen Lauf, und seit wir mit massenhaften Selfies unseren Instagram-Narzissmus kultivieren, gibt es kein Halten mehr.

Man(n) findet sich selbst und damit auch andere Menschen gleichen Geschlechts schön. Er stellt auch an den männlichen Körper die Frage nach seinem Reiz. Damit sind auch die primären Geschlechtsmerkmale nicht mehr ohne weiteres nur etwas , was man unter Männern heterosexueller Präferenz allenfalls mit beiläufiger Neutralität zur Kenntnis nimmt. Oder doch, denn es gibt auch hier und da auf Restaurant-Aborten neue chice „Rinnen“ im alten Stil. 😊

Nichts Genaues weiß man also doch nicht. Aber dass der Alltag der Geschlechter auch in elementaren Dingen nicht rein biologisch determiniert ist, sondern dem kulturellen Wandel unterliegt, ist offensichtlich. Oder dem Kulturkampf: Vor einem halben Jahrhundert wurden im Verantwortungsbereich des seinerzeitigen Hamburger Innensenators Helmut Schmidt pinkelnde Männer an einschlägigem Örtchen überwacht, um herauszufinden, ob sie sich nicht nur zum Wasserlassen zusammengefunden haben…

Kontakt durch Muße und Kalender

Egal, ob in Gießen, Gelsenkirchen oder bei uns – fragt man #refugees , die schon seit Jahr und Tag im Lande sind, mit wie vielen Deutschen sie schon persönlichen Kontakt haben, ist die Standardantwort im Regelfall: Mit keinem.

Übrigens völlig unabhängig davon, ob sie in #RefugeesWelcome -Umgebung oder eher xenophoben Verhältnissen, in migrantisch geprägten Vierteln oder in ländlicher Gegend mit wenig Ausländern leben. Da fragt es sich dann gern: Wer ist daran schuld?Hauptsächlich das inkompatible Zeitverständnis.

Der Durchschnittsdeutsche hat nie Zeit, deshalb führt er einen stundengenauen Terminkalender für die Kommunikationen, für die er sich „Zeit nimmt“. Man verabredet sich mit Freunden, hat feste Termine (Geburtstage, Weihnachten) im Familienkreis. Mit anderen Menschen trifft man sich projektbezogen; Jugendliche kommen zu bestimmten Zeiten in ihren Klub, um etwas Konkretes zusammen zu machen.

Der Durchschnittsmigrant hat Zeit, auch wenn er einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht. Er lässt sich auf dem Platz in der Stadt oder vor dem Haus nieder oder setzt sich ins Kaffeehaus oder in die Shisha-Bar und harrt der Gespräche, die sich ergeben. Wenn er durchs Stadtzentrum spaziert, ist das nicht nur Shopping mit Zufalls-Smalltalk am Rande, sondern die bewegte Bereitschaft zur Kontaktaufnahme.

Nun könnte sich ja Gruppe A mit Gruppe B zwanglos zum gemeinsamen Stammtisch verabreden. Das geschieht aber nach meiner Erfahrung selbst dort nicht, wo man in derselben Fußballmannschaft spielt. Nicht, weil der eine eher Bier und der andere eher Tee trinkt. Sondern weil das Gespräch auf Jahre hinaus mit gewisser Anstrengung verbunden ist: Der eine muss sich selbst zum reinen Hochdeutsch in bewusst leichter Sprache dressieren, der andere sich einen Begriffsschatz mühsam aneignen, der ihm vom Herkunftsalltag fremd ist. Das ist dann nicht die völlig entspannte Unterhaltung, die man in seiner Freizeit haben will.

Selbstverständlich ist das skizzierte Szenario eine Aneinanderreihung von Klischees, aber wir sind eben oft mehr Klischee, als wir wahrhaben wollen 😉. Insofern ist das Wort Herausforderung hier keine Phrase: Es dürfen sich gerne alle ein bisschen bewegen, um mehr von einander zu haben. Erst dann entsteht ein produktiver Melting Pot, ein kommunikativer Schmelztiegel, der die Gesellschaft beflügelt.

Also leb mal einfach in den Abend hinein – und schenk dem #refugee -Kumpel einen Kalender. 😊

Spiele um die Schamgrenze

Den Kulturkampf um die Ent- und Verhüllung führt jede Generation neu. Zwängte sich die Jugend des späten 20. Jahrhunderts in engstmögliche Hosen, lässt der Nachwuchs des frühen 21. seine stoffliche Hinterteilbedeckung in den Kniekehlen schlabbern. Informationen über die Gestaltung der körperlichen Vorder- und Rückseite unterhalb der Gürtellinie werden also der Öffentlichkeit vorenthalten, dafür aber wird ihr schon bei geringer Körperbewegung die Marke der Unterhose vor Augen geführt. Früher ein schwerer Tabubruch.

Die gleiche Akzentverschiebung ist bei der Vermeidung richtig kurzer Hosen bei jungen Männern auch in der Hochsommer-Freizeit festzustellen, denn zum Ausgleich werden ganzjährig und auch bei zwanzig Grad unter Null mit kostspieligen Löchern tiefe Einblicke in Haut und Haar gegeben. Und so weiter: FKK ist bei jungen Paaren am Strand out, aber der ausgiebige Aufenthalt in der gemischten Sauna (-landschaft) ein Wellness-Trend. Und die Älteren machen beides.

Das sich dem Ende zuneigende Jahr brachte uns die Debatte um den Burkini, der in Berlin-Neukölln zur Badebekleidungskultur mit dazugehört, in einer Brandenburger Kuridylle dagegen Verstörung auslöste. Seien wir den Verhüllerinnen dankbar, denn der Reiz der Enthüllung lebt von der sichtbaren Existenz des schamhaften Verhüllens.

Was waren das für Heldentaten, als im Film mit Sekundenbruchteilen Nacktheit die Welt der Kultur bewegt werden konnte. Heute laufen Hardcore-SM-Szenen im normalen Kino, und leider ist selbst der letzte konservativste Dorfpfarrer unwillig, zum bedeutungssteigernden Protest aufzurufen. Die simulierte Sex-Szene auf der Bühne eines sächsischen Theaters, der ich ungewollt beiwohnen musste, war einfach nur eine ästhetische Zumutung. Was man wahrscheinlich nicht schreiben sollte, weil man dadurch in den Ruf verkappter Verklemmtheit gerät.

Das Ver- und Enthüllen wandelt sich natürlich auch ständig in der Sprache. Bei uns ist heute die vollständige Freizügigkeit des privaten und öffentlichen Redens über Intimitäten mehr oder weniger hergestellt. Wer davon mehr haben will als seine unmittelbaren Mitmenschen ihm zubilligen, befriedigt das Bedürfnis im Netz.

Während das Abendland für Enthüllung und Erfüllung steht, wird zurzeit das Morgenland mit Verhüllung und Versagung assoziiert. Tatsächlich stimmt das traditionell überhaupt nicht, wie „Spiegel Online“ in punkto Sprache und Körper überzeugend nachgewiesen hat („Ich küsste ihn unaufhörlich auf seinen schneeweißen Mund“):
http://m.spiegel.de/politik/ausland/a-1097850.html

Womöglich ist in manchem Hamam mehr los als in hiesiger Sauna. Es ist auch nicht gesagt, dass Menschen in Kulturen, in denen das Gefühlsleben weniger ausufernd verbalisiert wird, automatisch weniger vom Spiel der Erotik verstehen. Die Qualität erwächst ja nicht aus einer bestimmten Schamgrenze, die, wie oben gezeigt, auch bei uns fließend ist. Sondern aus dem raffinierten Spiel mit ihr, egal wo sie der regionale Zeitgeist gerade gezogen hat.

Von Mit- und Beischläfern

„Wer’s glaubt, wird selig“ meint offenkundig das Gegenteil des Gesagten. Der Glaube, egal ob an Gott, einen anderen Menschen oder eine Idee, bedarf im Deutschen latent der Rechtfertigung, dass er nicht in törichte Naivität führe.

Im Sorbischen ist das ganz anders. „Wěra“ ist der Glaube, „dowěra“ das Vertrauen. Mit der Vorsilbe „do“ wird die Vollendung zum Ausdruck gebracht. Wer klug genug ist, glauben zu können, findet auch zu berechtigtem Vertrauen. Dieser Begriff steht im Unterschied zu „selig“ für etwas unzweifelhaft Positives.

Deutsche und Sorben sind verschieden. Nicht weil die einen ein germanisches und die anderen ein slawisches Gen hätten, sondern weil ihre Sprachen sie anders denken und fühlen lassen. Die ethnische Differenz ist immer eine linguistische und sonst nichts – jedenfalls vom Standpunkt der Aufklärung aus.

Elisabeth Wehling hat in ihrem vielbeachteten Buch über den Bedeutungsrahmen von Begriffen („Politisches Framing“, was wir jetzt alle lesen, um verständlicher Politik zu machen und die nächsten Wahlen zu gewinnen 😊) an einem banalen Beispiel erklärt, wie die Verschiedenheit der Muttersprache eine Vielfalt der Weltwahrnehmung erzeugt.

Spanier und Deutsche haben beim Hören der Wörter „Brücke“ und „Schlüssel“ gänzlich verschiedene Assoziationen im Kopf – und das nur deshalb, weil das grammatikalische Geschlecht ein anderes ist; die Brücke ist im Spanischen männlich, der Schlüssel weiblich. Entsprechend denken die Sprecher/Hörer/Leser eher an „männliche“ bzw. weibliche Eigenschaften.

Kein noch so perfektes simultanes Übersetzungssystem kann diese Bedeutungsdifferenzen mitübersetzen. Jedenfalls noch nicht. Gute Übersetzer von Literatur machen natürlich genau dies, weshalb sie den Text nicht Wort für Wort übertragen, sondern nach gemeinten Sinnzusammenhängen.

Nun reicht unsere Lebenszeit nicht, um uns alle Sprachen der Menschen um uns herum bis hin zu muttersprachlicher Qualität anzueignen (würde ich das analog zum Sorbischen jetzt mit Kurdisch und Arabisch machen, wäre ich bestenfalls mit 80 fertig, zumal man schon mit 53 die Vokabeln aufwändiger einprägen muss als mit 37). Also bleibt nur die unvollkommene Verständigung in einer gemeinsamen Sprache – mit dem Nachteil, dass anders als im deutsch-sorbischen Ausnahmefall ansonsten nicht beide Seiten die angewandte Verständigungssprache gleich gut beherrschen.

„Deutsch für alle“ ist gut gemeint. Wenn man sich bewusst bleibt, dass man mit B1 nach Integrationskurs mit Deutsch im Alltag überleben kann, aber noch längst nicht in das Denken dieser Sprache integriert ist. Ich für meinen Teil konzentriere mich auf die Vermittlung strategischer Metaphern. 😊 Zum Schluss hier daher der Klassiker:

„Ich übernachte heute in Bautzen, ich schlafe mit einem Freund.“ „Na dann viel Spaß mit ihm im Bett; ich hoffe, er ist schön.“ „???!!!“ Dann folgt eine lustige Unterhaltung darüber, dass er vermutlich eher bei seinem Kumpel schläft, was wiederum nicht Beischlaf heißt, weil damit gemeint wäre, mit ihm zu schlafen, also Sex miteinander zu haben. Was auch in Ordnung wäre und gesagt werden darf, wenn man’s denn tatsächlich macht.

„Im Anfang war das Wort „, heißt es bei Johannes im Neuen Testament. An Ende ist das Missverständnis – und die Erlösung davon: durch ständiges Reden, wechselseitige Aufklärung und das Recht eines jeden, sich immer wieder entspannt in den eigenen Sprachraum zurückziehen zu dürfen, wo es nun mal am gemütlichsten ist.

Doppelte Weihnachtsgeschichte: Koran/Bibel

Premiere Heiligabend 2016: Erstmals habe ich die Weihnachtsgeschichte auch aus dem Koran verlesen. Ich war gerade bei meinen Eltern in Görlitz mit dem gewohnten Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium durch, in der Textfassung der 37. Auflage des katholischen Meßbuchs von 1957, Vorwort von 1934. Die erste Zahl ist das Jahr, in dem meine Eltern geheiratet haben, die zweite ist das Geburtsjahr meines Vaters.

Da kam per WhatsApp vom syrischen Freund Khaled Dhamen die Weihnachtsgeschichte aus dem Koran. Die wurde dann nach der Bescherung auch noch verlesen. Was macht Khaled, der Ende 2014 nach Deutschland kam und jetzt als Assistenzarzt im – evangelischen – Krankenhaus in Niesky (Oberlausitz) arbeitet, zu Weihnachten? Das Gleiche wie wir – Familientreffen.

Hier in umgekehrter Reihenfolge die doppelte Weihnachtsgeschichte aus Koran und Bibel.

16. Und gedenke auch im Buche der Maria. Da sie sich von ihren Angehörigen an einen östlichen Ort zurückzog.

17. Wir zogen einen Schleier zwischen ihr und ihnen. Und Wir sandten Gabriel zu ihr. Der stellte sich ihr dar als ein wohlgestalteter Mensch.

18. Sie sprach: „Siehe, ich suche Schutz vor dir beim Barmherzigen, rühr mich nicht an, so du ihn fürchtest.“

19. Er sprach: „Ich bin nur ein Gesandter von deinem Herrn, um dir einen reinen Sohn zu bescheren.“

20. Sie sprach: „Wie sollte ich einen Jungen bekommen, wo mich kein Mann berührt hat und ich tugendhaft bin?“

21. Gabriel sagte: „Also sei’s. Gott lässt dich wissen: ‚Das ist mir ein Leichtes; und wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen und einer Barmherzigkeit von Uns. Und es ist eine beschlossene Sache.‘ “

22. Da war sie nun schwanger mit ihm. Und sie zog sich mit ihm an einen entlegenen Ort zurück.

23. Und die Wehen veranlassten sie, zum Stamm der Palme zu gehen. Sie sagte: ‚Wäre ich doch vorher gestorben und ganz in Vergessenheit geraten!‘

24. Da rief eine Stimme ihr von unten her zu: ‚Sei nicht traurig! Dein Herr hat unter dir ein Bächlein fließen lassen.

25. Und schüttle den Stamm der Palme indem du ihn an dich ziehst! Dann lässt sie saftige, frische Datteln auf dich herunterfallen.

26. Und iss und trink und sei frohen Mutes! Und wenn du einen von den Menschen siehst, dann sag: Ich habe dem Barmherzigen ein Fasten gelobt. Darum werde ich heute mit keinem menschlichen Wesen sprechen.‘

27. Dann kam sie mit ihm zu ihren Leuten, indem sie ihn auf dem Arm trug. Sie sagten: ‚Maria! Da hast du etwas Unerhörtes begangen.

28. Schwester Aarons! Dein Vater war doch kein schlechter Mann und deine Mutter gehörte auch zu den Tugendhaften.‘

29. Da wies sie auf ihn. Sie sprachen: „Wie sollen wir mit ihm, einem Kind in der Wiege, reden?“

30. Er (Jesus) sagte: ‚Ich bin der Diener Gottes. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Gottesgesandten gemacht.

31. Und Er hat gemacht, dass mir, wo immer ich bin, Segen verliehen ist, und trug mir das Gebet und die Vermögensabgabe auf, solange ich lebe

32. und pietätvoll zu meiner Mutter zu sein und nicht machte Er mich zu einem Unhold.

33. Und Segen sei über mir am Tag, da ich geboren wurde, und am Tag, da ich sterbe, und am Tag, da ich wieder zum Leben erweckt werde.‘

34. Das ist Jesus, der Sohn der Maria – das Wort der Wahrheit, das sie bezweifeln.

WhatsApp: Oberlausitz-Nordsyrien

Vor zwei Monaten kam ich auf die verrückte Idee, zum Vater in Nordsyrien per WhatsApp Kontakt aufzunehmen. Denn hinter jedem allein gekommenen #refugee steht eine Familie irgendwo. In diesem Fall 3400 Kilometer entfernt, 37 Autostunden (in Friedenszeiten), 29 Tage Fußmarsch, weiß Google-Maps.

Der Glaube an den Google-Translater verbindet Herrn M. in Qamischli und mich im Dorf zwischen Bautzen und Hoyerswerda. Während ich gemütlich per WLAN versende, muss Herr M. aufs Dach seines Hauses steigen, wo er mit etwas Glück einmal die Woche übers türkische Netz Verbindung ins Internet herstellen kann.

Einen Tag vor Weihnachten schrieb er jetzt dies, wobei die Kinder zwei junge Männer von 24 und knapp 21 Jahren sind. Ich habe Hochachtung vor diesem kurdischen Trucker-Fahrer, der sich beruflich immer wieder etwas Neues ausdenkt, wenn der Krieg wieder ein Arbeits- bzw. Geschäftsmodell kaputtgemacht hat.

Weihnachten mit Muslimen – warum?

Vor Weihnachten gibt es ja stets viele Aufforderungen zum bzw. Ankündigungen des gemeinsamen Verbringens des Heiligabends oder eines weihnachtsbezogenen Abends davor mit #refugees . Warum auch nicht, aber mir gefällt dieses „Gerade zu Weihnachten“-Pathos nicht.

Es ist uns nicht gelungen, mit unseren Jung-Muslimen im Hause ihre islamischen Feste groß zu begehen, über deren Eintreten sie per Smartphone rechtzeitig informiert worden waren. Dann haben sie mit ein paar Angehörigen mehr telefoniert und vielleicht auch zusätzlich Freunde besucht. Einmal haben wir ein besonderes Abendessen eingelegt. Also das, worauf sich die säkularisierte Welt auch Weihnachten konzentriert.

Was zeitgleich zu jenem etwas festlichen Abendessen in Mekka passierte, habe ich zwar nicht ganz begriffen. Es war aber auch egal, zumal ihre theologischen Kenntnisse ebenfalls überschaubar zu sein schienen.

Weihnachten ist für die Jungs wie Christi Himmelfahrt für den Normalbürger: ein arbeitsfreier Tag extra. Und mehr kommt bei der diesjährigen Platzierung der Weihnachtsfeiertage im Kalender auch nicht heraus.

Und die Religion? Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes in Gestalt eines armen Kindes. Weltlich gesprochen: ein Hochfest des Humanismus. Das kann auch freie Zeit für Freunde bedeuten, man muss den Tag ja nicht so kleinfamilienfixiert verstehen, wie es den hiesigen Gepflogenheiten entspricht.

Natürlich wird es irgendwann in den nächsten Tagen Geschenke geben. Aber unter Weihnachtslieder-Beschallung vor Baum und Krippe sitzen – dabei brauchen wir sie nun wirklich nicht 😉. Es war anstrengend genug, die österliche Auferstehung (im Zusammenhang mit unseren sorbischen Osterreitern) zu erläutern – Resultat ist höfliche Verwunderung gewesen.

Um die detaillierte Erklärung der Weihnachtsgeschichte kam ich letztes Jahr herum, da sie zehn Tage im Westen waren. 😊

Weihnachtskarten – handgeschrieben

Mein erstes Weihnachtsritual sind die handgeschriebenen Weihnachtswünsche an Journalisten, im Wesentlichen die Mitglieder der Landespressekonferenz Sachsen. Wenn ich damit fertig bin, neigt sich mein Dienstjahr dem Ende zu, dank Kevin, der zwischen den Jahren in Bereitschaft die Stellung hält.

Das Schreiben der Karten ist eine schöne Gelegenheit, das Arbeitsjahr Revue passieren zu lassen und sich jedes Einzelnen von denen, die „auf der anderen Seite“ ihren Job machen, bewusst zu werden. Als Pressesprecher befindet man sich ja in der Doppelfunktion, schlicht Dienstleister fürs Informationsgewerbe und alle anderen Interessierten zu sein und zugleich das eigene Unternehmen, in diesem Fall eine Landtagsfraktion, mit seinen Produkten, also hier den politischen Inhalten, Personen und ihren Projekten, der Öffentlichkeit darzustellen. Das sieht aus wie ein Widerspruch und ist doch mein Leben im Landtag.

Der politische Journalismus befindet sich übrigens in einem ähnlichen scheinbaren Dilemma. Er ist organisierter Bestandteil des politischen Betriebes – zum Beispiel durch den Verein Landespressekonferenz – und hat so geregelten Zugang zum landespolitischen Getriebe. Zugleich haben seine Akteure den Anspruch, nicht im Interesse der Politiker zu schreiben und zu senden, sondern der Leser, Zuschauer und Zuhörer.

In Zeiten wie diesen gelten wir nicht wenigen Menschen als zwei Seiten desselben Establishments. Dieser Eindruck wird scheinbar noch verstärkt durch all die Wechsel der letzten Jahre, wo Journalisten Ministeriums- oder Fraktions-Sprecher wurden bzw. Pressesprecher wieder zu den Medien zurückgingen. Ich kenne allerdings keinen einzigen Fall auch bei Kollegen, die weltanschaulich völlig anders ticken als ich, wo man hinterher sagen musste: Man merkt, dass der vorher auf der „anderen Seite“ stand.

Dieses Professionelle ist gegenwärtig in Verruf gekommen. Leute, die beruflich eine Rolle spielen. (Mit Überzeugung, aber ohne die Mission, der Mittelpunkt der Welt zu sein.) Das dürfen nur Schauspieler am Theater oder im Film, und auch da wird erwartet, dass sie „authentisch“ sind, also eigentlich der private Schauspieler zum offiziellen auf der Bühne passt. Tatsächlich aber lebt das friedliche Funktionieren einer hoch komplexen, vielfältig vernetzten und beschleunigten dynamischen Gesellschaft von einer Selbstlosigkeit im Teilen – jenseits einer reinen narzisstischen Ich-Akkumulation.

Der politisch-publizistische Komplex, und sei es sein Ableger rund um Landtag und Staatsregierung in Dresden, ist ja gesellschaftlicher Bestandteil der postmodernen „Share Economy“. Das klassische Sender-Empfänger-Schema ist passé, wir teilen gemeinsam Kommunikationsobjekte und bespielen die Öffentlichkeit, ob on- oder offline, mit unseren korrespondierenden Beiträgen. Wohl wissend, dass wir Wichtigkeit verstärken, wenn wir jeweils alle über dasselbe reden. Dabei haben wir die Widersprüche, die in der Gesellschaft stecken, in zivilisierter Weise auszudrücken, ohne Rücksicht auf gemeinsames Wohlfühlen beim Sommerfest der Landespressekonferenz oder irgendeinem Empfang.

Die Korruptionsgefahr, der wir ausgesetzt sind, heißt weniger materielle Vergünstigung als der Status des gefühlsmäßigen Dazugehörens. Da ist es hilfreich, eine eigene Welt weit ab vom Berufs-Biotop zu haben. Deshalb habe ich gerne einen längeren Arbeitsweg. Denn die Wurzeln der eigenen Existenz sollten immer außerhalb der eigenen Rollen liegen, sonst verzehrt man sich im Schein Meine Ehrerbietung gegenüber dem Sein äußert sich zum Beispiel in meinen handgeschriebenen Weihnachtswünschen, die für jeden und jede etwas anders aussehen.

Schließlich ist Weihnachten das Fest der Menschwerdung. Und zum Menschen gehört seine Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit.

Weihnachtsmarkt Breitscheidplatz

Er war am Sonnabend noch dort, wo gut 48 Stunden später ein Lkw absichtlich in die Menschenmenge gesteuert wurde und all die in den Tod riss oder verletzte, die zufällig in diesem Moment an dieser Stelle an diesem Platz waren. Salman hatte das Glück, dass sein Chef den vorweihnachtlichen Betriebsausflug nach Berlin auf einen anderen Termin als den des Anschlags gelegt hatte. Auch Zufall.

Hat man beruflich mit politischer Kommunikation zu tun, darf man sich schon glücklich schätzen, wenn man sich aus dem Wettlauf um das schnellste Statement nach einem solchen Ereignis, das eigentlich zum Schweigen aufruft, eine Nacht und einen halben Tag heraushalten kann. Wortreiche Fassungslosigkeit ist nämlich ein Widerspruch an sich. Und innehalten lässt sich nur im Zustand der Ruhe, also der Unterbrechung des eigenen Zugangs zum globalen Dauergespräch.

Es heißt viel zu schnell nach solchen Katastrophen: Das Leben geht weiter. Natürlich tut es das. Aber erstens nicht für die, die um ihr Leben gebracht wurden, und zweitens auch nicht unverändert für alle anderen. Denn natürlich ist ein von schützenden Betonklötzen umgebener Weihnachtsmarkt ebenso optisch wie atmosphärisch ein anderer.

Und natürlich soll man sich von Terror nicht seinen Lebensablauf vorschreiben lassen. Dass ich Sonntagabend ausnahmsweise mal auf einem Weihnachtsmarkt war, dem Bautzener, lag an der Einladung zum Glühwein durch den oben Genannten, rechtzeitig aus Berlin Zurückgekehrten. Ich gehe sonst nicht auf solche Weihnachtsmärkte, jeder hat eben ein anderes Risikoprofil.

Man sollte allerdings wirklich nicht der Versuchung erliegen, eine solche Untat bruchlos als Baustein für das eigene Bild von der Welt zu verwenden. Es ist ja eben eine Un-Tat, also etwa, das außerhalb der kultivierten und zivilisierten Handlungsmuster liegt. Sie lässt sich nicht ohne innere Selbstbeschädigung integrieren. Nur wer im Schweigen Abstand gewinnt, findet eine angemessene Antwort.

Im Mittelpunkt steht: der Computer

Die Ablösung des Menschen von der durch ihn geschaffenen künstlichen Intelligenz an der Spitze der Schöpfung mutete vor Jahrzehnten noch wie eine bizarre Science-Fiction-Phantasie an. Wenn nun 2016 der renommierte Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky, Chef des entsprechenden Forschungsinstituts „2b AHEAD Think Tank“, diesen Evolutionssprung für die Zeit in ca. 30 Jahren erwartet, erscheint dies dagegen völlig plausibel.

Sollte ich meine statistische Lebenserwartung erreichen, werde ich das also noch erleben. Schon heute entscheiden Computerprogramme über Kreditvergaben, liegt das Leben der Fluggäste zeitweilig in den Händen des Autopiloten. Fürs nächste Jahr schon prognostiziert Janszky den beginnenden schrittweisen Ersatz der Apps durch intelligente Assistenten auf den Smartphones.

Hinzu kommt verstärkter Einsatz von Vorhersagetechnik, deren Algorithmen uns bei der Planung weiterhelfen. Es ist wie ein Update der biblischen Geschichte: Gott gab dem Menschen die Erde, und nun beherrscht der Mensch die Welt, man spricht gar inzwischen von einer menschgemachten erdgeschichtlichen Epoche (Anthropozän). Wann der Gehilfe oder Assistent selbst die Macht übernimmt, wäre dann nur eine Frage der Zeit: Je mehr Verantwortung ihm übertragen wird, desto mehr Freiheit und Autonomie gewinnt er.

Ob sich die künstliche Intelligenz von ihrem Schöpfer emanzipiert wie der Mensch von seinem, wird sich zeigen. Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, gibt sie der Mensch auch seinem Computer-Abbild? Letzteres ist anders als der Mensch auch in seiner stofflichen Form praktisch unsterblich; die Informationen, die das künstliche „Leben“ ausmachen, müssen nur immer wieder auf neue Speichermedien transferiert werden.

Als die Erde aufhörte, im Mittelpunkt des Universums zu stehen, und die Sonne sich nicht mehr vermeintlich um die Erde drehte, ging das Leben der Menschen weiter. Das wird es auch tun, wenn wir dem Computer untertan sind. Denn eigentlich sind wir das schon heute, nur noch nicht in allen Lebensbereichen.

Gott gab den Menschen Gebote für den Weg in der Freiheit. Nach Janszkys Meinung geht es jetzt darum, Einfluss auf die Zukunft der übermenschlich intelligenten Computer zu nehmen. Jetzt müssen die entsprechenden Fragen und Regulierungen besprochen werden. Denn irgendwann werde es dafür zu spät sein.