Lieber Měrćin Krawc!

Sie fragten: „Was ist Ihr konstruktiver Beitrag? Ich unterstelle Ihnen, dass Sie mehr antreibt, als Ihr intellektuelles Plaisir, das Sie sich hin und wieder leisten.“

Gerne antworte ich Ihnen, naheliegenderweise dort, wo die Frage gestellt wurde – also in diesem deutschen Zwillingsblog des sorbischen Piwarc. Ein Modell, das Ihnen, Martin Schneider / Měrćin Krawc, „Sprecher der deutschsprachigen Sorben“ der Initiativgruppe „Serbski sejm“, eigentlich gefallen dürfte.

Ich lese, schreibe, spreche sorbisch, wo immer irgend möglich, und möchte am Ende dazu beigetragen haben, dass es zum Zeitpunkt meines irdischen Ablebens mehr Menschen gibt, die sorbisch sprechen, schreiben, lesen – und dies auf einem durchschnittlich höheren sprachlichen Entwicklungsstand als in jenem Jahr, als ich gewissermaßen Sorbe wurde und autodidaktisch in diese Sprache eintauchte, also vor nunmehr 17 Jahren mit seinerzeit 37.

Deshalb sind für mich Sprachpflege (durch Blog etc.) und Sprachpolitik (in Domowina-Gremien etc.) das Wichtigste. In diesem Sinne begrüße ich auch, dass das Sprachprofil der Sejmik-Bewegung im Laufe der Zeit deutlich geschärft worden ist. Ich habe ohnehin den Eindruck – auch durch die Auswertung der jüngsten Reise der sorbischen Delegation nach Wales in Domowina-Präsidium und Bundesvorstand, aber auch in den Medien –, dass die Sprachförderung nun überall angemessen in den Mittelpunkt gerückt wird.

Ich habe mich geradezu krank geärgert, wie zum Beispiel mit dem Wunsch von Eltern nach einem ordentlichen sorbischen Unterrichtsangebot an der Schule in Göda umgegangen worden ist. Und ich bekämpfe seit Jahren dieses Assimilationsmodell 2plus, mit dem staatlich gefördert muttersprachliche Kompetenz beschädigt wird. Wir brauchen „A-Klassen“, in die jede(r) aufgenommen wird, die/der willens ist, Sorbisch auf einem Niveau zu erlernen und täglich zu praktizieren, wie es dem (Wortschatz u.a. des) Deutschen in der Umgebung entspricht. Denn genau dieses Schulbildungs-Ziel ist seit 2013 Beschlusslage des Domowina-Bundesvorstandes, für das ich damals heftig gekämpft habe.

Die Selbstbestimmung der Völker steht und fällt mit dem sozialen Leben in der eigenen, sich entwickelnden Sprache. Meine syrisch-kurdischen „Ziehsöhne“, die an der Schule „arabisiert“ wurden und als stolze Kurden Analphabeten geblieben sind, finden den sorbischen Zweisprachigkeits-Status vergleichsweise vorbildlich. Die strukturellen Fragen – ob der sorbischen Institutionen oder der Interessen-Vertretung insgesamt – halte ich für diese Schlüsselfrage mit Verlaub für zweitrangig. Da ich als Sorbe ja erst 17 und damit im Unterschied zu meinem biologischen Status erst in der ersten Pubertät bin , finde ich all die alten Konflikte, die vor meiner Zeit entstanden sind, langweilig.

Ich hatte mich in der Tat über die Abwehrreflexe gegenüber Dialog mit dem „Sejmik“ geärgert, weil dadurch die wichtigen – nicht nur bildungspolitischen –Konfliktlinien durch repräsentationsfolkloristische Spiegelfechtereien überdeckt werden. Deshalb finde ich es klasse, dass Domowina-Vorsitzender und sein Vorgänger bei Eurem „Bildungsgipfel“ dabei waren. David Statnik hatte ja sowieso noch nie Berührungsängste. Es wäre nur nett, wenn Ihr jetzt mal aufhörtet, mit öffentlichem Bekübeln in offenen Briefen („Medienkontrolle durch Domowina“ und so) die Hardliner von der anderen Seite darin zu bestärken, dass man mit Euch nicht vernünftig reden kann.

Wutrobnje strowi
Marcel
marcel(at)piwarc-hamburgski.de

Liebe Freunde des „Serbski sejm!“

Das Privatleben, das laut Definition „abgesondert“ bzw. „getrennt“ von allen öffentlichen sozialen Netzen besteht, ist mir heilig. Daher kann ich auch nicht jedes Wochenende von morgens bis abends im Buch der Gesichter den hochgeschätzten Kämpfern (nein, hier wäre eine gegenderte Form unpassend, es waren ausschließlich Herren) für ein sorbisches Parlament Rede und Antwort stehen.

Infolgedessen nun im Blog im Block das Update der innersorbischen Missverständnis-Aufklärung – aus Rücksicht auf die Sorbophilen deutscher Zunge, wie es so schön altertümlich heißt, in dieser Sprache, zumal ja die in Rede stehende Pressemitteilung der Sejmik-Leute zu ihrem Austausch mit brandenburgischen Landtagsfraktionen auch auf die deutsche Öffentlichkeit ausgerichtet war. Dazu liegt inzwischen auch eine Erklärung der dortigen Linksfraktion vor.

Nichts für ungut, aber ich hasse Wiederholungen, und daher nur im Schnelldurchlauf. Egal ob das seinerzeitige Kamingespräch mit eurer Spitze, dem Domowina-Chef und mir oder meine wiederholte Anwesenheit als Domowina-Ausschuss-Vorsitzender bei euch in Nebelschütz oder der Besuch der Lausitzer Allianz (in Personalunion mit der Sejmik-Initiative) und eines Europaabgeordneten bei der Domowina zur Braunkohle-Problematik – jedes Mal gab es hinterher Verstimmungen wegen Veröffentlichungen, in denen zwar eure Sehnsüchte zum Ausdruck kamen, aber nicht das, was eure Gesprächspartner real gemacht haben.

Ich archiviere nicht systematisch, sonst würde ich gefühlt noch ein paar mehr Beispiele aus dem Ärmel schütteln. Und nun erzählt ihr der Welt, dass alle Fraktionen des Brandenburger Landtags ein sorbisches Parlament unterstützen, und jeder, der sich ein bisschen mit der Landespolitik befasst, weiß natürlich, dass das Unsinn ist. Dass das freundliche Wohlwollen gegenüber neuen Ideen der Partizipation nicht automatisch bedeutet, dass man sie „bejaht“ und ihnen offenbar nun den Weg ebnen will, unbeschadet einiger „Rückfragen“ zu Nebensächlichkeiten. Denn „das Geschaffene darf nicht leichtfertig zur Disposition gestellt werden“, wie es in der Erklärung der Linksfraktion heißt.

Ihr wollt aber ja die bestehenden Entscheidungsstrukturen ändern, was auch legitim ist. Dann sollte man aber nicht alle Leute zu vereinnahmen suchen. Als Euch neulich der frühere Domowina-Vorsitzende Jan Nuck in der „Serbske Nowiny“ empfahl, euch an der Interessenvertretungsarbeit in den Domowina-Gremien zu beteiligen, habt ihr ihm gleich das Wort im Munde rumgedreht und daraus die Bereitschaft zu einer Diskussionsveranstaltung gemacht, die nun stattfinden solle.

Abgestimmte Erklärungen gehören zu meinem Job. Als vor drei Jahren der damalige katholische Bischof Heiner Koch die Linksfraktion besuchte, gab’s hinterher eine gemeinsame Erklärung, die zeit- und praktisch inhaltsgleich auf den Homepages des Bischöflichen Ordinariats und der Linksfraktion erschien. Voller Respekt vor Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Nach mehr als hundert Jahren Kulturkampf zwischen vielen Kirchenvertretern und Anhängern sozialistischer Ideen ist das was.

Im Vergleich zu diesem gigantischen historischen Brocken ist der aktuelle Grundkonflikt im Sorbenland eher harmlos. Beide Seiten wollen Kultur- und Bildungsautonomie, halten allerdings unterschiedliche Wege dahin für richtig. Und beide Seiten glauben, dass es so etwas wie ein sorbisches „Volk“ gibt; nur dass eure Sicht eines kollektiven rechtlichen „Souveräns“ von den Verfassungspatrioten abgelehnt wird, die auf die individuelle Freiheit des Bekenntnisses zum Sorbischen verweisen.

Dass das Wohlwollen gegenüber Euren Ideen-Angeboten innerhalb der sorbischen Community oft weniger ausgeprägt war als von Externen, ist zwar nicht schön, aber normal. Wo sich alle kennen, herrschen nun mal strengere Maßstäbe und weniger Diplomatie. Das gilt für alle Seiten und wurde von mir in diesem Blog schon mal kritisch erörtert. Ich denke, die Zeit ist reif für abgestimmte Erklärungen.

Bewusst verschieden ist besser als unbewusst ähnlich

„Mögen die Frauen machen, was sie wollen – wenn die Männer ihre Tage haben“, dekretiert diese kecke Werbung für ein hochprozentiges Getränk. Auf der Herrentoilette eines Restaurants mit tschechisch-italienischer Küche im Schluckenauer Zipfel. Das Spiel mit bohemischer Lebensart passt gut ins Böhmische, weshalb ich mich da immer zu Hause fühle. Die Leichtigkeit des Seins wird auch durch die nur mäßig verplante Landschaft mit vielen Freiflächen ausgestrahlt, die man auf deutscher Seite Brachland nennen würde.

Das interkulturelle Spiel lebt von zwei Fähigkeiten. Sich neben sich selbst stellen und sich aus gewisser Distanz zugucken können. Und aus dieser Beobachtung heraus immer wieder einen kleinen neuen Anfang machen können. So bleibt der Mensch zugleich authentisch und dialogbereit. Denn wer neben sich stehen kann, ist näher an anderen dran. Das Neue, was man macht, ist dann einerseits das Eigene, nimmt aber auch Impulse der anderen mit auf.

Lange erlag auch ich dem landläufigen Irrtum, es gebe leichter und schwerer integrierbare Kulturen. Die eher säkularisierten, rationaleren und die konservativen, in Tubus befangenen. Doch das ist Quatsch, wie mich zweieinhalb Jahre Umgang mit Flüchtlingen gelehrt haben. Zum besseren Verständnis ein kurzer Exkurs ins Innerdeutsche.

Ossis und Wessis sind sich, verglichen mit Sachsen und Syrern, sehr ähnlich. Dennoch werden die im Grunde geringen Unterschiede seit einem Vierteljahrhundert hingebungsvoll kultiviert. In Wissenschaft; Literatur, Medien, an Stammtischen. Auch dass Brandenburger und Sachsen verschieden sind, gilt als unstrittig. Kein Brandenburger käme auf die Idee, sich aus sächsischer Perspektive zu betrachten. Die kleinen regionalen Unterschiede haben Bestandsgarantie, und so will es unsere föderale Philosophie auch.

Zurück zu meinen Migranten-Gefährten. Der eine ist konservativ in dem Sinne, dass sein ganzes Leben und Denken von religiös begründeten Dingen geprägt ist. Er vermag sich jedoch aufgrund seiner Belesenheit aus dem Blickwinkel anderer zu betrachten und eigenes Verhalten so zu relativieren. Und er ist neugierig auf neue, ungewohnte Erlebnisse, die er genussvoll mit Ironie auszuwerten vermag. Er stellt damit, egal wo er ist, freundliche Nähe her und überbrückt den vergleichsweise großen kulturellen Unterschied. Nebenbei lernt nicht nur er täglich viel hinzu, sondern auch die, denen er begegnet, über das Leben in seiner früheren Heimat.

Andere machten scheinbar sehr schnell fast alles mit, weil sie es gewohnt sind, sich ohne große Reflexion an jedwede Umgebung geräuschlos anzupassen. Das fällt ihnen leicht, weil sie kein Buch und keine wissentliche Bindung kennen. Doch Nähe im Sinne eines echten Austausches über Verschiedenheit entsteht selten und verliert sich schließlich. Und Schritt für Schritt zieht sie die Macht der stärkeren, weil in der Vergangenheit eingeübten, Gewohnheit in das Kumpel-Milieu, das vermutlich in der Shisha-Bar der sächsischen Kleinstadt so funktioniert wie einst in der Freizeit in der syrischen Großstadt 😊.

Das ist wie mit den Locations in Magdeburg wie Leipzig oder anderswo, wo noch Jahre nach der Einheit die „Wessis“ geballt verkehrten. Der „Sachsensumpf“, der 2007 das Land erschütterte, war im Kern eine Geschichte über das tatsächliche und mutmaßliche Fädenspinnen westdeutscher Arbeitsmigrantenmilieus, die beim Bier gerne unter sich blieben. Das Problem – siehe Nachwuchs-Rekrutierung an den Unis zum Nachteil junger Ostdeutscher – ist immer noch nicht ganz gelöst 😉.

Die Geschichte interkultureller Nähe und Distanz wird weitergeschrieben. In weiteren zweieinhalb bzw. 25 Jahren wird wieder vieles anders aussehen.

Regression: Rückkehr der Wehrhaftigkeit

Wenn Herr Trump sagt, man müsse wieder Kriege gewinnen können, diskutiert die Welt. Natürlich ist der beste Krieg der, der gar nicht geführt wird. Der schlimmste aber ist der, der geführt wird und den keine der Seiten gewinnen kann. So war es im Dreißigjährigen Krieg mit dem Ergebnis der qualvollen Ausrottung von zwei Drittel der Bevölkerung. Mit Blick auf Syrien warnen Experten vor einem Dreißigjährigen Krieg im Nahen Osten – die Folgen sind schon furchtbar und werden es noch mehr.

Viel beunruhigender finde ich die beiläufige Meldung, dass die rot-grüne Minderheitsregierung in Schweden wieder die Wehrpflicht einführt. Mit Zustimmung der großen Mehrheit der Bevölkerung. Wenn selbst im zutiefst friedliebenden Skandinavien die Rückkehr in alte Muster kollektiver Wehrhaftigkeit angesagt ist, lässt das tief blicken – in den Zustand der Welt.

Gar nicht mal in dem Sinne, dass nun überall wieder Kriege ausbrechen werden. Das glaube ich nicht, weil ich an die Erkenntnisse der Kriegs-Demographie glaube. Die Gesellschaften mit den relativ wenigen Söhnen (und Töchtern) haben zahlenmäßig global inzwischen die Oberhand und sind traditionell kaum kriegsgeneigt. Dort wo genug potenzielle junge Krieger zur Verfügung stehen, proben sie seit Jahren die Massenflucht.

Womit sich dann allerdings der Kreis schließt. Denn zu dieser Friedenslösung sind die westlichen Gesellschaften offenbar nicht mehr bereit. Rekordwerte für Geert Wilders in den Niederlanden und Marine Le Pen in Frankreich künden von der Entschlossenheit zur Abwehr. Und irgendwie auch diese unscheinbare Wiedereinführung der Wehrpflicht in Schweden – denn welcher Gefahr sollen sich denn die jungen Schweden eigentlich erwehren?

Deutsche Gerichte entscheiden gerade, dass die Flucht vor Zwangsrekrutierung durch einen kriegerischen Diktator, selbst wenn sie mit Folterinstrumenten betrieben wird, keinen richtigen Asylgrund darstellt, weshalb der syrische Geflohene hier vorübergehend – jahrweise – aufzunehmen ist, aber nicht mit Frau und Kindern zusammengeführt werden darf. Man dekretiert also diesen Fluchtgrund als minderwertig gegenüber denen, die sich durch politischen Widerstand in Lebensgefahr gebracht haben.

Dabei gibt es nichts Schöneres als einen Mann, der gewissermaßen seine Manneskraft dem Krieg und der Barbarei entzieht und ins Zivile und Zivilisierte investiert. Doch ihm begegnet der Argwohn einer Gesellschaft, die bei bestimmter regionaler Herkunft künftige Unzivilisiertheit fürchtet, auch wenn in jenen Weltgegenden schon Zivilisation war, als hier noch Barbarei herrschte. Damaskus ist die älteste Stadt der Welt.

Die Starken setzen auf „Verführung“ durch Attraktivität, die Schwachen wünschen sich Abschirmung vor allen imaginierten Bedrohungen der Erde. Wollen wir nicht lieber gemeinsam stark sein?

Alte Tante NZZ – Zeitung für die Ewigkeit

Wäre der Tag eine Stunde länger, läse ich die „Neue Zürcher Zeitung“. So freue ich mich, dass dies Papa für mich mit tut und mir die wichtigsten und interessantesten Beiträge zuschickt.

Die NZZ, eine der ältesten Zeitungen der Welt, verkörpert noch den Urknall des Journalismus, der ja nicht als edle „vierte Gewalt“ vom Himmel gefallen ist, sondern das sich internationalisierende, Handel treibende Bürgertum mit Berichterstattung über die Rahmenbedingungen fürs Gewerbe versorgte und im Gegenzug mit Abos und Anzeigen finanziert wurde. Dem ist die NZZ mit Dezenz und Seriosität treu geblieben, politisch dem Freisinn verpflichtet und immer liberal im guten Sinne: Man hält es auch bei extremen Gegenpositionen für denkbar, dass sie ein bisschen recht haben könnten. Eben die klassische Weltoffenheit.

Natürlich hatte sich die Arbeiterklasse später noch eigene Zeitungen für die eigene Interessenlage gehalten, doch sie gingen mit dem Ende der Weimarer Republik dahin. Übriggeblieben ist in den meisten Regionen der Typ „Generalanzeiger“, dessen Kommentierung so läuft, wie es für die „Main-Post“ in Würzburg schon in meinen Sturm- und Drangjahren als alternativer Stadtillustrierten-Redakteur gegolten hat: Man kommentiere so, dass die Meinung als eine mögliche erscheine, aber auch die Gegenpositionen Respekt erführen. Kurzum: So richtig ernst gemeint darf keine Position sein.

Auch die Funkmedien, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, funktionieren mit Ausnahme von K-TV und Bibel-Fernsehen im Generalanzeiger-Modus, also irgendwie für allen und jeden. Obwohl für Medien der „Tendenzschutz“ rechtlich verbindlich hochgehalten wird, gilt „tendenziös“ als etwas Böses, die Chefredakteurs-Erwiderungen in der „Sächsischen Zeitung“ auf Leservorwürfe der Einseitigkeit klammern sich an vermeintlich objektivistischer Neutralität fest.

Die Pressefeindlichkeit von Trump über PiS bis Erdoğan surft auf den Wogen wachsender Presseskepsis. Wir Linke, Altmeister der Medienkritik – „Entlarvung“ der Interessen, die sich hinter scheinbar neutralen Nachrichtenfaktoren tarnen – verwahren uns gegen das Anti-Medien-Gepöbel. Und suchen zugleich selbst ebenso die direkten Kanäle abseits der klassischen Medien. Große Freude, wenn wieder ein Tweet die Reichweite von Zeitungsartikeln erreicht.

Die alte Tante NZZ hat gerade deshalb das ewige Leben, weil sie sich ihrer Tendenz nicht schämt und zugleich in weltläufiger Bescheidenheit übt. Man hat – zeitgenössisches Beispiel – den wohlmeinenden, aber verheerenden, weil Enttäuschung vorprogrammierenden Idealisierungs-Hype rund um die Refugee-Integration nicht mitgemacht, verweigert sich aber nun ebenso konsequent den jetzt grassierenden Assimilierungsforderungen. Deshalb wird diese, eine der ersten Zeitungen überhaupt auch eine der letzten sein.

Sollte ich so alt werden wie mein Papa jetzt ist, werde ich sie zum Frühstück lesen – müssen. Denn sie wird ziemlich alternativlos sein.

Der Abgrund als Lebenselixier

Der Schritt in den Abgrund ist Ausgangspunkt allen Denkens jenseits des banalen Austausches darüber, was so gerade oder früher geschehen oder für die nahe oder ferne Zukunft angekündigt ist. Die Frage „Was soll das?“, also die Erörterung der Bedeutung, gründet bewusst oder unbewusst in der Furcht, das Weitergehen könnte uns in die Tiefe stürzen lassen.

Das Typische unserer zum Menschen gehörenden Abgründe ist, dass man sie wie auf dem Foto vom gestrigen Nachmittagsspaziergang im Spreetal zwischen Bautzen und Grubschütz erst auf den zweiten Blick sieht. Der gesellschaftliche Gesprächsbedarf über die Gefahr des individuellen bzw. kollektiven Untergangs ergibt sich gerade aus seiner Verhülltheit. Das Leben ist ja eigentlich eine ständige Gratwanderung zwischen verschiedenen Varianten, gewissermaßen vorzeitig zugrunde zu gehen. Wobei es gefühlt fast immer vorzeitig wäre.

Die ganz großen politischen Bewegungen entstehen als Abwehrbewegung gegen den tatsächlich oder vermeintlich drohenden Weg in den Abgrund. Sie gewinnen ihre Unerbittlichkeit durch den Bekehrungsbedarf der Zeitgenossen, die die Gefahr nicht wahrhaben wollen. Dieses Grundmuster finden wir bei Antiatom- und Friedensbewegung, aber auch bei den migrationskritischen Spaziergängen dieser Tage.

Nun sind ja die meisten Anhänger der großen Bewegungen der Neuzeit letztlich eines friedlichen natürlichen Todes gestorben. Und die massenmörderischen Geschehnisse auch des 20. Jahrhunderts wurden nicht durch massenhafte Furchtkultivierung angekündigt, sondern durch fehlgeleiteten, besinnungslosen Mut vermeintlichen gemeinsamen Heldentums ermöglicht. Insofern ist man versucht zu sagen: Solange die Öffentlichkeit ihre diversen existenziellen Befürchtungen oder gar Ängste medial inszeniert, wird schon nichts zu Schlimmes passieren 😊.

Die Pointe besteht ohnehin darin, dass der Abgrund selbst dort, wo er sich wirklich auftut, oftmals gar nicht so absolut ist. Man fällt – und fängt sich wieder. Man kommt noch mal davon. In den alten abendländischen Gesellschaften, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung schon mehr als die Hälfte des Lebens hinter sich hat, überwiegt sowieso objektiv die Bedrohung durch Krankheit das Gefahrenpotenzial von Kriminalität und Chaos.

Da die Gefährdung durch die eigenen Blutzuckerwerte für das Augenwesen Mensch kaum anschaulich zu machen ist, ängstigt man sich lieber ersatzweise vor Übergriffen des Bösen, selbst wenn dessen Eintrittswahrscheinlichkeit statistisch irrelevant ist. Allein schon deshalb, weil die Mobilität im Alter eher zu ruhigeren Plätzen führt, wo in jeder Hinsicht weniger los.

Und dann suchen wir sogar als Höhepunkte unserer Freizeitgestaltung als Best Ager oder jenseits davon den Aufenthalt an bunten quirligen, ungebändigte Vitalität verströmenden Orten. Da wo die Gefahr des Angetanztwerdens als Nebeneffekt um ein Vielfaches höher ist und wo man tatsächlich auf seine Handtasche aufpassen sollte. Haben wir das dann genussvoll überlebt, fühlen wir uns gestärkt für den ruhigeren Gang des Alltags.

Wir brauchen also den Abgrund in der Nähe. Ob materiell oder im Kopf.Ohne ihn herrschte sinnfreie Langeweile. Er ist Urbedingung unserer Lebendigkeit. Wir dürfen uns nur nicht von ihm verrückt machen lassen.

Schicksal – Moment auf der Autobahn

Bei jungen männlichen Fahranfängern hat man als Ziehvater so seine Horrorvisionen, was sie mit ihrem Testosteron-Überschuss auf den Straßen anrichten könnten. Bei Salman ist alles anders. Er fährt nach Einschätzung aller bisher unmittelbar Betroffenen im Regelfall besonnen. Und wurde nun heute vor Sonnenaufgang selbst Opfer des Straßenverkehrs.

Auf der Autobahn bei Bautzen, auf die er mit Ziel Dresden gefahren war, verstreute plötzlich ein LKW Metallteile hinter sich. Der dahinter fahrende Landrover büßte ein Rad ein, und bei Salmans Uralt-BMW ist nun die Stoßstange weg und das Auto unterhalb des Motors arg in Mitleidenschaft gezogen.

Jetzt hoffen wir, dass die Polizei, die kurz darauf die Verfolgung des Lkw aufgenommen hat, ihn wirklich erwischte. Denn als Besitzer eines betagten „Bastlerautos“, wie der erzgebirgische Autohändler in den Vertrag schrieben ließ, hat man natürlich nur eine Haftpflichtversicherung. Im Vertrauen darauf, dass bei fremdverschuldetem Schaden die gegnerische Versicherung zahlt.

Unser Leben wird von äußeren Eingriffen bestimmt, die wir nicht selbst in der Hand haben. Das merkt man in so einer scheinbaren Ausnahmesituation. Tatsächlich ist aber der Alltag auch da, wo er vermeintlich ungestört vor sich hin fließt wie ein langer ruhiger Fluss, von früheren Schicksalseinflüssen geprägt, die wir ebenfalls nicht allein autonom bestimmt haben.

So bleibt nach dem Erschrecken heute die Erleichterung, dass ihm selbst kein Haar gekrümmt wurde. Es ist also „nichts passiert“, wie er selbst so schön sagt. Denn das, was geschehen ist, wird sich irgendwie regeln lassen. Seinen Termin in Dresden hat er jedenfalls durch Umdisponieren in der Familie erstmals erreicht.

Dann gnade uns Gott

Christoph Leonhardt gehört einer Organisation an, der ich in meinem vorvorvorletzten Lebensabschnitt auch mal zugehörig war, der Schüler-Union. Das war im Hamburg jener Jahre unter der Staatspartei SPD Ausdruck von Nonkonformismus 😉.

Wir hatten auch einige dieser glattgegelten Popper-Typen, wie sie damals genannt wurden. Aber dass jemand, und dann noch einer in führender Position, sich öffentlich für die Abschiebung eines Mitschülers eingesetzt hätte – also da fehlt mir die schmutzige Phantasie, mir einen der damaligen Mitstreiter in dieser Rolle vorzustellen.

Nun ist der Leipziger Leader der heutigen Schülerunionisten scheinbar auch ein Nonkonformist. Sich für einen netten Klassenkameraden einzusetzen, dass er bleiben kann, egal was sich der Gesetzgeber für den Regelfall des Umgangs mit Leuten aus dem Kosovo gedacht hat, ist das menschlich Normale.

Aber der abgebrühte Christoph, der dem mitfühlenden Benjamin und seiner Petition mit einer Pressemitteilung in die Parade fährt, hat ein untrügliches Gespür für den mutmaßlichen Mainstream von morgen: die neue Härte. Ihre Verfechter ticken so: Wenn wir der Neigung zur Güte nachgeben, werden wir perspektivisch überrollt.

Die Güte lebt vom (Gott-)Vertrauen, dass es schon gutgehen werde. Wir haben es doch jahrzehntelang geschafft – Hamburg ist immer noch eine tolle Stadt. Nun haben wir eine Wendezeit des Vormarsches von Misstrauen. Da vertraut selbst ein Schüler eher der beruhigenden Bürokratie als einem gefährlichen Gefühl.

Ich bin Antinostalgiker, die Vergangenheit ist nie Blaupause für die Gegenwart. Und Moralist bin ich schon gleich gar nicht. Einen solchen Mitschüler wünsche ich aber niemandem, und wenn diese Gnadenlosigkeit zur Leitkultur würde, dann gnade uns Gott.

Gefragt: Linke Manager aus Sachsen

Stolz ist keine hanseatische Eigenschaft, ebensowenig wie Demut. Aber als ich heute MDR Info, pardon Aktuell seit Namens-Gleichschaltung des Nachrichtenradios mit der abendlichen Nachrichten-TV-Sendung, hörte und später nachlas, empfand ich so etwas wie Zufriedenheit über die Zugehörigkeit zu meinem Unternehmen, der Fraktion der sächsischen Linkspartei.

Natürlich finde ich das Urteil des zitierten Experten zutreffend. Wir sind weder auf Krawall gebürstet noch handzahm. Dass aus unserer sächsischen Landtagsfraktion eine Ministerin in Thüringen und nun ein Staatssekretär in Berlin hervorgegangen sind (neben zahlreichen anderen linken Exporten aus Sachsen), spricht für uns.