Sie fragten: „Was ist Ihr konstruktiver Beitrag? Ich unterstelle Ihnen, dass Sie mehr antreibt, als Ihr intellektuelles Plaisir, das Sie sich hin und wieder leisten.“

Gerne antworte ich Ihnen, naheliegenderweise dort, wo die Frage gestellt wurde – also in diesem deutschen Zwillingsblog des sorbischen Piwarc. Ein Modell, das Ihnen, Martin Schneider / Měrćin Krawc, „Sprecher der deutschsprachigen Sorben“ der Initiativgruppe „Serbski sejm“, eigentlich gefallen dürfte.

Ich lese, schreibe, spreche sorbisch, wo immer irgend möglich, und möchte am Ende dazu beigetragen haben, dass es zum Zeitpunkt meines irdischen Ablebens mehr Menschen gibt, die sorbisch sprechen, schreiben, lesen – und dies auf einem durchschnittlich höheren sprachlichen Entwicklungsstand als in jenem Jahr, als ich gewissermaßen Sorbe wurde und autodidaktisch in diese Sprache eintauchte, also vor nunmehr 17 Jahren mit seinerzeit 37.

Deshalb sind für mich Sprachpflege (durch Blog etc.) und Sprachpolitik (in Domowina-Gremien etc.) das Wichtigste. In diesem Sinne begrüße ich auch, dass das Sprachprofil der Sejmik-Bewegung im Laufe der Zeit deutlich geschärft worden ist. Ich habe ohnehin den Eindruck – auch durch die Auswertung der jüngsten Reise der sorbischen Delegation nach Wales in Domowina-Präsidium und Bundesvorstand, aber auch in den Medien –, dass die Sprachförderung nun überall angemessen in den Mittelpunkt gerückt wird.

Ich habe mich geradezu krank geärgert, wie zum Beispiel mit dem Wunsch von Eltern nach einem ordentlichen sorbischen Unterrichtsangebot an der Schule in Göda umgegangen worden ist. Und ich bekämpfe seit Jahren dieses Assimilationsmodell 2plus, mit dem staatlich gefördert muttersprachliche Kompetenz beschädigt wird. Wir brauchen „A-Klassen“, in die jede(r) aufgenommen wird, die/der willens ist, Sorbisch auf einem Niveau zu erlernen und täglich zu praktizieren, wie es dem (Wortschatz u.a. des) Deutschen in der Umgebung entspricht. Denn genau dieses Schulbildungs-Ziel ist seit 2013 Beschlusslage des Domowina-Bundesvorstandes, für das ich damals heftig gekämpft habe.

Die Selbstbestimmung der Völker steht und fällt mit dem sozialen Leben in der eigenen, sich entwickelnden Sprache. Meine syrisch-kurdischen „Ziehsöhne“, die an der Schule „arabisiert“ wurden und als stolze Kurden Analphabeten geblieben sind, finden den sorbischen Zweisprachigkeits-Status vergleichsweise vorbildlich. Die strukturellen Fragen – ob der sorbischen Institutionen oder der Interessen-Vertretung insgesamt – halte ich für diese Schlüsselfrage mit Verlaub für zweitrangig. Da ich als Sorbe ja erst 17 und damit im Unterschied zu meinem biologischen Status erst in der ersten Pubertät bin , finde ich all die alten Konflikte, die vor meiner Zeit entstanden sind, langweilig.

Ich hatte mich in der Tat über die Abwehrreflexe gegenüber Dialog mit dem „Sejmik“ geärgert, weil dadurch die wichtigen – nicht nur bildungspolitischen –Konfliktlinien durch repräsentationsfolkloristische Spiegelfechtereien überdeckt werden. Deshalb finde ich es klasse, dass Domowina-Vorsitzender und sein Vorgänger bei Eurem „Bildungsgipfel“ dabei waren. David Statnik hatte ja sowieso noch nie Berührungsängste. Es wäre nur nett, wenn Ihr jetzt mal aufhörtet, mit öffentlichem Bekübeln in offenen Briefen („Medienkontrolle durch Domowina“ und so) die Hardliner von der anderen Seite darin zu bestärken, dass man mit Euch nicht vernünftig reden kann.

Wutrobnje strowi
Marcel
marcel(at)piwarc-hamburgski.de

Ein Gedanke zu “Lieber Měrćin Krawc!

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