Wäre der Tag eine Stunde länger, läse ich die „Neue Zürcher Zeitung“. So freue ich mich, dass dies Papa für mich mit tut und mir die wichtigsten und interessantesten Beiträge zuschickt.

Die NZZ, eine der ältesten Zeitungen der Welt, verkörpert noch den Urknall des Journalismus, der ja nicht als edle „vierte Gewalt“ vom Himmel gefallen ist, sondern das sich internationalisierende, Handel treibende Bürgertum mit Berichterstattung über die Rahmenbedingungen fürs Gewerbe versorgte und im Gegenzug mit Abos und Anzeigen finanziert wurde. Dem ist die NZZ mit Dezenz und Seriosität treu geblieben, politisch dem Freisinn verpflichtet und immer liberal im guten Sinne: Man hält es auch bei extremen Gegenpositionen für denkbar, dass sie ein bisschen recht haben könnten. Eben die klassische Weltoffenheit.

Natürlich hatte sich die Arbeiterklasse später noch eigene Zeitungen für die eigene Interessenlage gehalten, doch sie gingen mit dem Ende der Weimarer Republik dahin. Übriggeblieben ist in den meisten Regionen der Typ „Generalanzeiger“, dessen Kommentierung so läuft, wie es für die „Main-Post“ in Würzburg schon in meinen Sturm- und Drangjahren als alternativer Stadtillustrierten-Redakteur gegolten hat: Man kommentiere so, dass die Meinung als eine mögliche erscheine, aber auch die Gegenpositionen Respekt erführen. Kurzum: So richtig ernst gemeint darf keine Position sein.

Auch die Funkmedien, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, funktionieren mit Ausnahme von K-TV und Bibel-Fernsehen im Generalanzeiger-Modus, also irgendwie für allen und jeden. Obwohl für Medien der „Tendenzschutz“ rechtlich verbindlich hochgehalten wird, gilt „tendenziös“ als etwas Böses, die Chefredakteurs-Erwiderungen in der „Sächsischen Zeitung“ auf Leservorwürfe der Einseitigkeit klammern sich an vermeintlich objektivistischer Neutralität fest.

Die Pressefeindlichkeit von Trump über PiS bis Erdoğan surft auf den Wogen wachsender Presseskepsis. Wir Linke, Altmeister der Medienkritik – „Entlarvung“ der Interessen, die sich hinter scheinbar neutralen Nachrichtenfaktoren tarnen – verwahren uns gegen das Anti-Medien-Gepöbel. Und suchen zugleich selbst ebenso die direkten Kanäle abseits der klassischen Medien. Große Freude, wenn wieder ein Tweet die Reichweite von Zeitungsartikeln erreicht.

Die alte Tante NZZ hat gerade deshalb das ewige Leben, weil sie sich ihrer Tendenz nicht schämt und zugleich in weltläufiger Bescheidenheit übt. Man hat – zeitgenössisches Beispiel – den wohlmeinenden, aber verheerenden, weil Enttäuschung vorprogrammierenden Idealisierungs-Hype rund um die Refugee-Integration nicht mitgemacht, verweigert sich aber nun ebenso konsequent den jetzt grassierenden Assimilierungsforderungen. Deshalb wird diese, eine der ersten Zeitungen überhaupt auch eine der letzten sein.

Sollte ich so alt werden wie mein Papa jetzt ist, werde ich sie zum Frühstück lesen – müssen. Denn sie wird ziemlich alternativlos sein.

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