Der Schritt in den Abgrund ist Ausgangspunkt allen Denkens jenseits des banalen Austausches darüber, was so gerade oder früher geschehen oder für die nahe oder ferne Zukunft angekündigt ist. Die Frage „Was soll das?“, also die Erörterung der Bedeutung, gründet bewusst oder unbewusst in der Furcht, das Weitergehen könnte uns in die Tiefe stürzen lassen.

Das Typische unserer zum Menschen gehörenden Abgründe ist, dass man sie wie auf dem Foto vom gestrigen Nachmittagsspaziergang im Spreetal zwischen Bautzen und Grubschütz erst auf den zweiten Blick sieht. Der gesellschaftliche Gesprächsbedarf über die Gefahr des individuellen bzw. kollektiven Untergangs ergibt sich gerade aus seiner Verhülltheit. Das Leben ist ja eigentlich eine ständige Gratwanderung zwischen verschiedenen Varianten, gewissermaßen vorzeitig zugrunde zu gehen. Wobei es gefühlt fast immer vorzeitig wäre.

Die ganz großen politischen Bewegungen entstehen als Abwehrbewegung gegen den tatsächlich oder vermeintlich drohenden Weg in den Abgrund. Sie gewinnen ihre Unerbittlichkeit durch den Bekehrungsbedarf der Zeitgenossen, die die Gefahr nicht wahrhaben wollen. Dieses Grundmuster finden wir bei Antiatom- und Friedensbewegung, aber auch bei den migrationskritischen Spaziergängen dieser Tage.

Nun sind ja die meisten Anhänger der großen Bewegungen der Neuzeit letztlich eines friedlichen natürlichen Todes gestorben. Und die massenmörderischen Geschehnisse auch des 20. Jahrhunderts wurden nicht durch massenhafte Furchtkultivierung angekündigt, sondern durch fehlgeleiteten, besinnungslosen Mut vermeintlichen gemeinsamen Heldentums ermöglicht. Insofern ist man versucht zu sagen: Solange die Öffentlichkeit ihre diversen existenziellen Befürchtungen oder gar Ängste medial inszeniert, wird schon nichts zu Schlimmes passieren 😊.

Die Pointe besteht ohnehin darin, dass der Abgrund selbst dort, wo er sich wirklich auftut, oftmals gar nicht so absolut ist. Man fällt – und fängt sich wieder. Man kommt noch mal davon. In den alten abendländischen Gesellschaften, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung schon mehr als die Hälfte des Lebens hinter sich hat, überwiegt sowieso objektiv die Bedrohung durch Krankheit das Gefahrenpotenzial von Kriminalität und Chaos.

Da die Gefährdung durch die eigenen Blutzuckerwerte für das Augenwesen Mensch kaum anschaulich zu machen ist, ängstigt man sich lieber ersatzweise vor Übergriffen des Bösen, selbst wenn dessen Eintrittswahrscheinlichkeit statistisch irrelevant ist. Allein schon deshalb, weil die Mobilität im Alter eher zu ruhigeren Plätzen führt, wo in jeder Hinsicht weniger los.

Und dann suchen wir sogar als Höhepunkte unserer Freizeitgestaltung als Best Ager oder jenseits davon den Aufenthalt an bunten quirligen, ungebändigte Vitalität verströmenden Orten. Da wo die Gefahr des Angetanztwerdens als Nebeneffekt um ein Vielfaches höher ist und wo man tatsächlich auf seine Handtasche aufpassen sollte. Haben wir das dann genussvoll überlebt, fühlen wir uns gestärkt für den ruhigeren Gang des Alltags.

Wir brauchen also den Abgrund in der Nähe. Ob materiell oder im Kopf.Ohne ihn herrschte sinnfreie Langeweile. Er ist Urbedingung unserer Lebendigkeit. Wir dürfen uns nur nicht von ihm verrückt machen lassen.

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