Wozu hat man eine Sprache gelernt, in der man sich mit vielleicht 20.000 Menschen unterhalten kann? Obersorbisch zum Beispiel, eine der sogenannten Regional- und Minderheitensprachen.
Diese Bezeichnung ist zwar etwas irreführend, weil es Orte in der sächsischen Lausitz gibt – wie Crostwitz (Chrósćicy) oder Ralbitz (Ralbicy) -, wo die Mehrheit der Menschen im Alltag in dieser Sprache miteinander kommuniziert. Dort kann man auch, ohne Unverständnis auszulösen, jeden Menschen, der einem auf der Straße zu Fuß oder mit dem Fahrrad entgegenkommt, mit „Budź chwaleny Jězus Chrystus“ (Gelobt sei Jesus Christus) grüßen, wie es in dieser sorbisch-katholischen Gegend Brauch ist, und im Regelfall wird die Antwort „na wěki, amen“ (in Ewigkeit, Amen) lauten.
Aber schon im Landkreis Bautzen sind es eben mal kaum mehr als fünf Prozent der Bevölkerung, mit denen man auf diese Art und Weise ins Gespräch kommt. Anders sieht es hinter den Landesgrenzen nach Osten aus. Es gibt rund 300 Millionen slawische Muttersprachler auf der Welt, schätzungsweise 400 Millionen Menschen insgesamt beherrschen mindestens eine slawische Sprache. Da ist man mit dem westslawischen Sorbisch Bestandteil einer faktischen Weltsprache.
Das konnte ich gerade beim Urlaub in Polen, in Kraków, genießen, wobei das Niedersorbisch als die dem Polnischen nähere Sprache eine noch bessere Ausgangsbasis gewesen wäre. Aber es geht. Man sagt an der Hotelrezeption „štyrista štyri“, die freundliche Dame an der Rezeption überlegt kurz und gibt einem den Schlüssel „404“. Meine nickende Bestätigung, dass sie mich richtig verstanden hat, löst einen triumphierenden Gesichtsausdruck aus. Wir haben ein gemeinsames Erfolgserlebnis. So was passiert jeden Tag ein paar Dutzend Male – im Restaurant, im Geschäft, auf der Straße.
Manchmal muss man die Worte ein bisschen umstellen; es schadet natürlich nichts, gelegentlich ein richtiges polnisches Wort einzuflechten. Es klappt jedenfalls und macht Spaß. Mit Warenbezeichnungen und Wegweisern sowieso, aber auch mündlich kommt man mit gutem Willen beiderseits sehr weit. Und dieser gute Wille ist im Regelfall vorhanden.
Wobei der besondere Clou in der Dialektik besteht, mit Sorbisch einerseits bei Bedarf von jedem verstanden zu werden, während umgekehrt niemand versteht, was wir untereinander erzählen. Geschweige denn, ohne Nachhilfe zu erahnen, woher wir kommen. Auf Deutschland kam jedenfalls spontan niemand. Und die, die genau dies aufgrund anderer Äußerlichkeiten vermuteten, gerieten beim Vernehmen der Sprache wieder in Zweifel.
Während Muttersprachler mit einer zumindest kontinental bedeutsamen Sprache wie Deutsch oder gar Träger der Weltsprache Englisch latent davon ausgehen, dass sie doch bitteschön überall damit durchkommen mögen, und dann immer wieder erstaunt feststellen, dass es doch tatsächlich in Italien Leute gibt, die mit Deutsch nichts anfangen können, oder in Deutschland Menschen, die bei Englisch nur Bahnhof verstehen, ist man in der slawischen Community kommunikativ sehr kompromissbereit. Man weiß um eine gemeinsame Basis, aber auch gewachsene große Unterschiede und mokiert sich nicht über „ausländischen Akzent“ oder merkwürdig anmutende Formulierungen, sondern sucht die Verständigung.
Natürlich gibt es Fettnäpfchen. „Kał“ heißt sorbisch Kohl, „tajki kał“ ist ein Ausruf wie „so ein Mist!“ Polnisch bezeichnet das Wort Kot. Das möchte man also vorsichtshalber auseinanderhalten. Wer wiederum in einer tschechischen Gaststätte der Kellnerin mitteilt, er wolle etwas „k piću“ (zu trinken) bestellen, riskiert im günstigsten Fall einen verstörten Gesichtsausdruck. Denn das Wort ist auf Tschechisch ein Vulgärausdruck für ein primäres weibliches Geschlechtsmerkmal. Sprache kann eben gefährlich sein, wie das Leben überhaupt.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sorbischsprechen ist ein kultureller Wert an sich. Selbst wenn es nur zweihundert Menschen gäbe, mit denen man in dieser wunderbaren Sprache sprechen könnte, die wie jede Sprache eine eigene Sicht auf die Welt und eine eigene Gesellschaftlichkeit vermittelt. Aber dass sie einen zugleich in die ganz große Welt führt, ist doch ein hübscher Mehrwert.