Landrat und Bischof ohne Sorbisch

Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) hatte zwar in seinen ausführlichen Weihnachts- und Neujahrsgrüßen Sinn für Mehrsprachigkeit, aber die sorbische Sprache fand keine publizistische Herberge im Aufmacher des amtlichen Mitteilungsblattes:
http://landkreis-bautzen.de/download/presse/Amtsblatt_Dezember2016_web.pdf
Sehr schade eigentlich.

Doch auch der neue katholische Bischof Heinrich Timmerevers des Bistums Dresden-Meißen ließ sich bei seinem Antritts-Gottesdienst im Herzen des sorbisch-katholischen Gebietes, in Crostwitz, kein sorbisches Wort entlocken. Ganz anders als sein Vorgänger Heiner Koch, inzwischen Erzbischof von Berlin, der sich von Anfang an heldenhaft durch ganze sorbische Redeabschnitte quälte.

Es geht um die Geste. Es müssen keine ganzen Sätze sein, eine sorbische Begrüßungsformel tut es auch. Jeder Sorbe hat zudem Verständnis dafür, dass sich Menschen „deutscher Zunge“, wie es so schön traditionell heißt, für ihre Symbol-Kommunikation zischlautarme Vokabeln aussuchen.

Aber es geht zugleich um eine Sprache von Verfassungsrang. Die Muttersprache der „First Nation“, das zentrale Identitätsmerkmals des Volkes, das älter ist und länger hier als die administrativen Vorläufer Sachsens. Man darf also von den obersten Repräsentanten der regionalen Verwaltung und der Kirchen erwarten, dass sie dem Sorbischen angemessene Anerkennung zuteilwerden lassen.

Wenn von der „First Nation“ schon ganz selbstverständlich erwartet wird, dass sie im öffentlichen Raum im Regelfall in einer fremden Sprache spricht, und selbst auf die ihr rechtlich zugestandenen sorbischsprachigen Schreiben an Behörden deutsch geantwortet wird, dann darf man wohl den Anspruch erheben, dass ein Landrat und ein Bischof zu bedeutenden Anlässen auch ein sorbisches Wort schreiben oder sprechen.

Warum der Wolf die Lausitz verstört

Der Wolf, den wir bei Rosenthal sahen, zeigte nicht das stets gepredigte arttypische Verhalten: Auch nachdem wir mit dem Auto angehalten hatten, sprang er in geringer Entfernung auf dem freien Feld hin und her, als wenn nichts wäre. Von wegen schüchtern und Nähe zum Menschen meidend. Mein Schwager, der auch Jäger ist, hat das schon längst prophezeit: Wenn der Wolf merkt, dass ihm und Seinesgleichen nichts passiert, wird er seine Scheu ablegen. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass er irgendwann über uns herfallen wird, aber vor allem die Schafe hat er im Visier.

Und damit neunzig Prozent der Bevölkerung gegen sich, wie mir immer wieder bestätigt und bekräftigt wird. Der Wolf polarisiert in der Lausitz extrem. Hier auf den Dörfern ist es für alle Leute ab einem gewissen Lebensalter traditionell Normalität, dass man irgendein Viehzeug hat, seien es Schafe oder schlicht Kaninchen. Und jeder weiß, wie viel Mühe in einem herangewachsenen Schaf steckt. Wird das vom Wolf gerissen, geht es den Menschen in der Nachbarschaft ans Herz.

Hinzu kommt die Verbitterung über den empfundenen latenten Vorwurf der im Staatsauftrag handelnden Wolf-Verantwortlichen, die Betroffenen hätten eben ihre Schafe nicht genug geschützt und seien im Grund selbst schuld an der Tragödie. Das sei eine Frechheit, wisse doch jeder, dass es ein schier unzumutbarer Aufwand sei, ständig Zäune zu ziehen und dann auch noch über ihnen das geforderte Flatterband anzubringen.

Ganz grundsätzlich wird bei jeder Geburtstagsfeier irgendwann anklagend festgestellt, „der Staat“ habe den Wolf eingeschleppt und der Bevölkerung gegen ihren Willen aufgezwungen. Diese Maßnahme wird als Teil eines politischen Vergrämungsprogramms gegen die hier lebenden Menschen gesehen. Erst wurden ihnen viele Arbeitsplätze geklaut, geblieben ist überwiegend schlechter bezahlte Beschäftigung. Die Landschaft wird durch Braunkohle- oder Kaolin-Gruben sowie gigantische Mastanlagen in Anspruch genommen, nun ist die Lausitz noch als potenzielles Atommüllendlager im Gespräch.

Das Gegenargument, der Wolf sei aus Polen eingewandert und werde aus Naturschutzgründen geschützt, findet keinerlei Akzeptanz. Denn das sei nur die halbe Wahrheit, faktisch werde die immer stärkere Verbreitung des Wolfes mit großem Aufwand gefördert, sein Bestand nicht reguliert. Für die Verhätschelung wachsender Wolfsbestände würden Millionen ausgegeben, für die Schulen aber habe der Staat kein Geld gehabt. In manchen kleinen Dörfern gibt es keine Kinder mehr, aber die Waldarbeiter können beim Agieren mit ihrem geräuschvollen Großgerät nebenbei auf ihrem Smartphon Bilddokumente von Wölfen anhäufen, die in wenigen Metern Entfernung stehen bleiben und ihnen bei der Arbeit zugucken.

Ich habe keine Schafe, ein entsprechendes Projekt ist schon in der Planungsphase an der Feuchte unserer großen Wiese gescheitert. Ansonsten hätte ich den Gartenzaun zum Feld hin aufrüsten müssen, denn wir befinden uns im unmittelbaren Einzugsgebiet eines Wolfsrudels. Ich habe persönlich nichts gegen Wölfe, im Unterschied zu Hunden bellen sie nicht und beißen auch keine kleinen Kinder. Viel wird zurzeit über „Problemwölfe“ geredet, aber was Problemhunde anrichten, kann man des Öfteren in der Zeitung lesen.

Unter der Hand erzählen dir auch Leute mit Waldbesitz, eigentlich müssten sie dem Wolf dankbar sein. Der Wildverbiss, also die Schäden an den Bäumen, hätten stark abgenommen, seit die Wölfe die Wildbestände regulierten. Besser und effektiver als die Jäger selbst. Aber das könne man ja eigentlich öffentlich nicht sagen. Geredet hat der CDU-Landrat, er ruft nach Abschuss von Wölfen. Das soll der CDU ihre wolfspolitisch verbitterte Anhängerschaft retten. Dass der Herr Landrat in dieser Frage gar nichts zu entscheiden hat, interessiert kaum. Unstrittig ist, dass mit offensivem „Pro Wolf“ nur die Grünen Punkte sammeln können, die aber hier sowieso unterrepräsentiert sind. Feststeht: 2017 wird weitere Zuspitzung der Wolfsdebatte bringen – mit jeder dezimierten Schafherde.

Heimat pur habe ich nicht

„Heimat“ gibt’s für mich nur in der Kombi-Packung: Meine „Urheimat“ ist Hamburg, meine „Wahlheimat“ ist die Lausitz. Und am Meer, vor allem der Ostsee, ist meine „Seelen-Heimat“.

Werde ich in sorbischen Gremien, wo ich der Einzige mit Migrationshintergrund bin, gelegentlich gefragt, ob ich mich im Zweifel eher als Sorbe oder Deutscher fühle, bringt mich das in Verlegenheit. Denn ich habe mich noch nie als Deutscher gefühlt, sondern als Hanseat. In meiner sorbischen Kommunikation habe ich daher die Mailadresse marcel@piwarc-hamburgski.de 😊.

Ein Sorbe bin ich insofern, dass mich andere dafür halten. Das „Neue Deutschland“ verlieh mir mal im Rahmen der Berichterstattung über meine einschlägigen Aktivitäten den Status des „Wahl-Sorben“. Damit kann ich gut leben.

Die Öffentlichkeitsarbeit meiner Fraktion warb vor vielen Jahren mit dem Heimat-Begriff (s. Bild). Das entsprechende Faltblatt brachte Prof. Peter Porsch neulich mit, als es im „Aleksa-Café“ darum ging, wie es Linke mit der Heimat halten. Ich hatte mir die damalige Aktion nicht ausgedacht, ich hatte aber auch nichts dagegen.

Jeder Mensch braucht offenbar einen Ort, wo er zu Hause ist. Gerade auch Kosmopoliten nennen oft skurril anmutende Locations, wo sie sich in ganz besonderer Weise mit sich und der Welt einig fühlen. Ich zum Beispiel unter der Weide im Garten, wenn im heißesten Hochsommer ein leichtes Lüftchen vom Feld mit den herunterhängenden Ästen und länglichen Blättchen des Baumes spielt.

Nun bin ich kein Kosmopolit, sondern Interregionalist. Aber das ist auch egal. Man sollte es mit den selbst auferlegten Zwängen zu definierenden Bekenntnissen nicht übertreiben. Das Leben ist ein Spiel – wie die Sache mit der Heimat im besten Fall auch. Siehe die ganzen herrlich spielerischen heimatlichen Entäußerungen aus dem Erzgebirge 😊.

Bekloppt in Echtzeit

Nordafrikaner hätten es auf eine Machtprobe mit dem deutschen Staat angelegt und wurden von der Kölner Polizei Gottseidank in die Schranken gewiesen. So wurde aus prominenten Politiker-Kreisen kommentiert.

Nun sind die kontrollierten und zurückgedrängten „Nafris“ also eher Iraker, Syrer, Afghanen und Deutsche gewesen. Und auch nicht gemutmaßte Wiederholungstäter. Wieder einmal hat eine Infotainment-Spirale in „Echtzeit“ ihr vorläufiges Ende in totaler Peinlichkeit gefunden.

Wer seine Ressentiments-Eruptionen nicht im Griff hat, sollte sein Smartphone wegschmeißen und vom Netz gehen, statt die Menschheit mit unzivilisiertem Gedröhn zu verderben. Unter dem Deckmantel der „Echtzeit-Kommunikation“, die als Ausrede dafür herhalten muss, dass man auf jedem hingeworfenen Informationsfetzen ganze weltumspannende Dogmatiken aufbauen darf.

Ich erwarte nun Bußwallfahrten auf Knien – als Selbst-Abschreckung für künftige Eskalationen solchen Irrsinns. Und ein Ende dieser Fake-News-Ablenkungsdebatten. Denn für den alltäglichen Echtzeit-Wahnsinn braucht es keinen russischen Geheimdienst 😊.

Tiere sterben nicht

In den Radionachrichten des MDR „starben“ dieser Tage zusammen der Fahrer, der den Frontalzusammenstoß mit einem Tiertransporter verursacht hatte, und fünf Rinder. In einer Zeitung wird der aktuellen, hochgradig kontroversen Frage nachgegangen, ob Wölfe „erschossen“ werden dürfen.

Ich weiß nicht, ob die radikalen Tierrechtler so weit das kollektive Bewusstsein unter Kontrolle bekommen haben, dass Mensch und Tier auf eine Stufe gestellt werden. Woraus sich dann im Umkehrschluss ergäbe, dass auch der sterbende Mensch „verendet“ und das Mordopfer „geschossen“ wurde.

Im Sorbischen sterben aus dem Tierreich nur die Bienen, weil wir ihnen Wachs für die Kerzen in der Kirche verdanken. Das weiß ich von meinem Schwager, der Imker ist 😊. Ansonsten kann nur sterben, wer sich der eigenen Sterblichkeit bewusst ist.

Man sollte bei aller Tierliebe das „Es“ im Tier gegenüber dem „Ich“ im Menschen nicht überhöhen. Auch wenn ich Katzen „essen“ lasse, weil sie zu vornehm fürs Fressen sind 😉.

Sorbisch: Kleinsprache als Weltsprache

Wozu hat man eine Sprache gelernt, in der man sich mit vielleicht 20.000 Menschen unterhalten kann? Obersorbisch zum Beispiel, eine der sogenannten Regional- und Minderheitensprachen.

Diese Bezeichnung ist zwar etwas irreführend, weil es Orte in der sächsischen Lausitz gibt – wie Crostwitz (Chrósćicy) oder Ralbitz (Ralbicy) -, wo die Mehrheit der Menschen im Alltag in dieser Sprache miteinander kommuniziert. Dort kann man auch, ohne Unverständnis auszulösen, jeden Menschen, der einem auf der Straße zu Fuß oder mit dem Fahrrad entgegenkommt, mit „Budź chwaleny Jězus Chrystus“ (Gelobt sei Jesus Christus) grüßen, wie es in dieser sorbisch-katholischen Gegend Brauch ist, und im Regelfall wird die Antwort „na wěki, amen“ (in Ewigkeit, Amen) lauten.

Aber schon im Landkreis Bautzen sind es eben mal kaum mehr als fünf Prozent der Bevölkerung, mit denen man auf diese Art und Weise ins Gespräch kommt. Anders sieht es hinter den Landesgrenzen nach Osten aus. Es gibt rund 300 Millionen slawische Muttersprachler auf der Welt, schätzungsweise 400 Millionen Menschen insgesamt beherrschen mindestens eine slawische Sprache. Da ist man mit dem westslawischen Sorbisch Bestandteil einer faktischen Weltsprache.

Das konnte ich gerade beim Urlaub in Polen, in Kraków, genießen, wobei das Niedersorbisch als die dem Polnischen nähere Sprache eine noch bessere Ausgangsbasis gewesen wäre. Aber es geht. Man sagt an der Hotelrezeption „štyrista štyri“, die freundliche Dame an der Rezeption überlegt kurz und gibt einem den Schlüssel „404“. Meine nickende Bestätigung, dass sie mich richtig verstanden hat, löst einen triumphierenden Gesichtsausdruck aus. Wir haben ein gemeinsames Erfolgserlebnis. So was passiert jeden Tag ein paar Dutzend Male – im Restaurant, im Geschäft, auf der Straße.

Manchmal muss man die Worte ein bisschen umstellen; es schadet natürlich nichts, gelegentlich ein richtiges polnisches Wort einzuflechten. Es klappt jedenfalls und macht Spaß. Mit Warenbezeichnungen und Wegweisern sowieso, aber auch mündlich kommt man mit gutem Willen beiderseits sehr weit. Und dieser gute Wille ist im Regelfall vorhanden.

Wobei der besondere Clou in der Dialektik besteht, mit Sorbisch einerseits bei Bedarf von jedem verstanden zu werden, während umgekehrt niemand versteht, was wir untereinander erzählen. Geschweige denn, ohne Nachhilfe zu erahnen, woher wir kommen. Auf Deutschland kam jedenfalls spontan niemand. Und die, die genau dies aufgrund anderer Äußerlichkeiten vermuteten, gerieten beim Vernehmen der Sprache wieder in Zweifel.

Während Muttersprachler mit einer zumindest kontinental bedeutsamen Sprache wie Deutsch oder gar Träger der Weltsprache Englisch latent davon ausgehen, dass sie doch bitteschön überall damit durchkommen mögen, und dann immer wieder erstaunt feststellen, dass es doch tatsächlich in Italien Leute gibt, die mit Deutsch nichts anfangen können, oder in Deutschland Menschen, die bei Englisch nur Bahnhof verstehen, ist man in der slawischen Community kommunikativ sehr kompromissbereit. Man weiß um eine gemeinsame Basis, aber auch gewachsene große Unterschiede und mokiert sich nicht über „ausländischen Akzent“ oder merkwürdig anmutende Formulierungen, sondern sucht die Verständigung.

Natürlich gibt es Fettnäpfchen. „Kał“ heißt sorbisch Kohl, „tajki kał“ ist ein Ausruf wie „so ein Mist!“ Polnisch bezeichnet das Wort Kot. Das möchte man also vorsichtshalber auseinanderhalten. Wer wiederum in einer tschechischen Gaststätte der Kellnerin mitteilt, er wolle etwas „k piću“ (zu trinken) bestellen, riskiert im günstigsten Fall einen verstörten Gesichtsausdruck. Denn das Wort ist auf Tschechisch ein Vulgärausdruck für ein primäres weibliches Geschlechtsmerkmal. Sprache kann eben gefährlich sein, wie das Leben überhaupt.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sorbischsprechen ist ein kultureller Wert an sich. Selbst wenn es nur zweihundert Menschen gäbe, mit denen man in dieser wunderbaren Sprache sprechen könnte, die wie jede Sprache eine eigene Sicht auf die Welt und eine eigene Gesellschaftlichkeit vermittelt. Aber dass sie einen zugleich in die ganz große Welt führt, ist doch ein hübscher Mehrwert.

Werdende Wahrheit

Im Buchladen des Jüdischen Museums in Kraków stieß ich auf das schlicht anmutende Büchlein eines der größten jüdischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Hans Jonas, über den Gottesbegriff nach Auschwitz. Man könne Gott nicht mehr als „Herrn der Geschichte“ verstehen, wenn der Holocaust geschehen konnte.

In der christlichen Theologie machen wir es uns da scheinbar einfacher: Gott ist die Liebe und der Allmächtige; wenn er den Holocaust zulasse, sei das Ausdruck seiner Unerforschlichkeit. Abgrund des göttlichen Geheimnisses. Das gehe aus jüdischer Sicht nicht, sagt Jonas. Denn Gott habe sich ja durch die Geschichte der Offenbarung den Menschen verstehbar gemacht.

Jonas löst das existenzielle Problem ebenso radikal wie kühn: Gott habe mit der Schöpfung seine Allmacht für die Zeit des Werdens aus der Hand gegeben. Nur so habe alles Geschaffene Entwicklungsspielraum und der Mensch Raum für Freiheit und Verantwortung. Ziel des Menschen, um das Gott stumm werbe, sei es, ein Gerechter zu werden. Wie Oskar Schindler einer gewesen ist, an den ein eigenes Museum in Kraków erinnert, in dem auch die Zeit der deutschen Okkupation in der Nazi-Zeit auf erschütternde Weise veranschaulicht wird.

Das Sein bestimme das Bewusstsein – das ist auch so eine scheinbar unverrückbare Ur-Wahrheit, wenngleich aus moderner Denker-Tradition. Sie gibt ein Erklärmuster für jede Katastrophe ab – und für mögliche Auswege aus jedwedem Desaster. Aber stimmt das wirklich immer – kann nicht auch das Bewusstsein das Sein umwälzen, wenn der Gedanke wirklich ein zündender ist, nicht im gewaltsamen, sondern wahrhaft kreativen, also schöpferischen Sinn?

Die Fragwürdigkeit der Gültigkeit des bisher unerschütterlich Geglaubten und Gedachten durch wahrgenommene Realitätsbrüche ist kein Problem allein von Religion. Wenn selbst Gott, so Hans Jonas überzeugend, in der Zeit ein Werdender geworden ist, gilt das für jede diesseitige Lehre erst recht. Jede Wahrheit oder Weisheit befindet sich im Werden.

Meine persönliche Wein-Leitkultur 😉

Rechtzeitig zum Jahreswechsel kam wieder Wein aus Würzburg – von einem meiner ehemaligen Mitbrüder aus der gemeinsamen Zeit in der Kongregation der Missionare von Mariannhill. Guter Wein ist für mich das Herzstück der christlich-abendländischen Kultur, so wie ich sie erlernt habe 😊. Dazu gehört die Konzentration auf Höhepunkte, das heißt ich trinke ihn fast ausschließlich abends am Wochenende sowie an Sonn- und Feiertagen.

Den ersten Alkohol meines Lebens trank ich als 20-jähriger Novize im Missionshaus St. Josef in Reimlingen am Rande des im schwäbischen Teil Bayerns gelegenen Nördlinger Rieses. Nach dem Abendessen in einem Rekreation genannten Raum, wo man noch beisammensaß und redete. Und des öfteren dazu etwas trank, bevorzugt eben den Wein.

Manchmal wurden mir hinterher auf dem Weg ins Zimmer die Beine schwer – und der Kopf sowieso. Schlecht war mir nie, und im klassischen Sinne betrunken war auch nie jemand. Gute Stimmung war immer, und – im Wein liegt die Wahrheit, weil er die verklemmte Zunge löst – es kam praktisch jeder mit jedem irgendwann mal ins Gespräch, egal wie groß der Alters- und Mentalitätsunterschied war. Der Wein beflügelt kommunikative Grenzüberschreitungen und macht damit das zwischenmenschliche Leben spannender 😊.

Meinen – ganz oder überwiegend alkoholabstinenten – muslimischen Freunden sage ich es bei einer gemeinsamen Tasse Tee gerne so: Im Mittelpunkt unserer Religion steht der kultivierte Rausch, die gesellige Ekstase. Beim letzten Abendmahl, gewissermaßen dem biblischen Gründungsakt des Christentums, wurde Wein getrunken. Und der Wein steht bis heute als Zeichen für das Blut des Mensch gewordenen Gottessohnes im Mittelpunkt der Liturgie. Das hat die ganze Gesellschaft geprägt, auch die ohne bewussten religiösen Bezug.

Ich trinke gerne zusammen mit anderen Leuten Tee. Aber wenn ein solches Ereignis gelentlich unter der Bezeichnung „Fest“ läuft, dann stelle ich trocken fest: Ein Fest ist für mich was anderes. 😉 Natürlich kann man ohne Wein / Alkohol viel Spaß haben, und mir wurde schon öfter nachgesagt, ich gehörte zu denen, die schön „nüchtern betrunken“ sein könnten. Dennoch möchte ich den Wein nicht missen.

Persönlich bin ich Purist. Sehr selten trinke ich Bier, weil ich davon einen dumpfen Kopf kriege. Wodka, Obstler und so meide ich weitgehend, weil ich einen empfindlichen Magen habe. Von Schnaps halte ich sowieso nichts: Er führt in größerer Menge nach meinen Erfahrungen mit Schnaps Konsumierenden ins Vergessen – sie wissen dann hinterher nicht mehr, was eigentlich los war. Sowas ist für mich vertane Lebenszeit.

Shisha-Rauchen macht zwar etwas high (allerdings nicht genug, um Lust auf ein kleines „Spiel mit den Feuer“ zu kriegen 😉), aber um den Preis eines infernalischen Nebels (weshalb es bei mir zu Hause nur unter freiem Himmel stattfindet), der viele interessante potenzielle Mitfeiernde vertreibt. Im übrigen verkürzt es das Leben und untergräbt die Gesundheit, während der Wein schon im Mittelalter in Würzburger Altersheimen als tägliches Therapeutikum in der Satzung verankert war.

Es kann sich jeder berauschen, wie er will. Ich fand allerdings meine bisherigen Begegnungen mit Bekifften mit großen Pupillen nicht so an- und aufregend. Wahrscheinlich liegt es daran, dass mein jugendlicher Kiff-Versuch in Würzburg an Wirkungslosigkeit scheiterte und ich in diese Sphäre einfach bewusstseinsmäßig nicht reinkomme. Das aber ist ihr Nachteil gegenüber Wein: Da tut es der Kommunikation keinen Abbruch, wenn nur einer trinkt und der andere nicht.

2017 #WEAREALLMIGRANTS

Vor 162 Jahren begaben sich 600 Sorben nach Texas. Heute spricht noch ein Nachkomme der damaligen Migranten sorbisch. Bald werden es wieder mehr sein – Pflege #heritage hat Konjunktur. Man lernt die Sprache der Vorfahren, mit Hilfe eines amerikanisch-sorbischen Lehrbuchs des letzten Sprachträgers in den USA.

1854 verließen sie die Lausitz, um ohne Not und Verfolgung in den USA als Sorben leben zu können. Njech je žiwy serbski lud. In Deutschland 2016 leben eine halbe Million Kurden. Nach zwei Jahren Überlebenstrainings-Begleitung in einer hochkomplex gewordenen Gesellschaft überlasse ich meine zeitweiligen Schützlinge ihrer Community. Möge sie in den kommenden Generationen sehen, was aus ihr im „Exil“ wird.

Vor 1500 Jahren kamen die Sorben in die Lausitz. Vorher waren schon ein paar Germanen da gewesen, hatten aber nicht dauerhaft Fuß fassen können. #WeAreAllMigrants . Die Sorben sind immer noch da und bleiben es auch: Běchmy, smy, budźemy!

Meine Großeltern mütterlicherseits waren Polen, meine Mutter wurde dann eher Deutsche, und ich mache nun in der Lausitz den Sorben mit Hamburger Migrationshintergrund. Mit einem zeittypischen Selfie aus meiner Instagram-Produktion (Narzissmus ist schließlich die Geschäftsgrundlage dieses sogenannten sozialen Netzes 😉) verabschiede ich mich hier aus dem alten Jahr.

Na zasowidźenje w lěće 2017 – přeju wam wšo dobre a wosebje krutu strowotu, kotruž sym w lětušim nalěću parował a potom přez nowe žiwjenske wašnje zaso namakał.

Macht euch ein schönes 2017 – in welchen Völkchen, Clans, Kumpel-Kreisen, Wohlfühl-Zirkeln auch immer 😊. Alles wird gut. Und bleibt immer offen. Ebenso wie die Frage, ob Deutschland am Ende des Jahres eine rot-rot-grüne Bundesregierung haben wird. Nur eines ist sicher: Das mit den Selfies überlasse ich ab jetzt wieder anderen. 😉

Wir sind nicht der Staat

„Wir sind der Staat“? Was Elisabeth Wehling wie schon viele andere vor ihr als Motto gegen die Entfremdung vom Gemeinwesen vorschlägt, kommt für mich nicht in Frage. Wir sind Gesellschaft, wir sind nicht die Eigentümer der Behörden. Das wäre ähnlich vermessen wie das „Volkseigentum“ in der DDR, was nie den Weg ins praktische Arbeiter-Bewusstsein fand. Jedenfalls nicht ohne ironisierende Verfremdung.

Der Staat hat das Gewaltmonopol. Er darf also auch unfreundlich zu mir sein, wenn ich mich daneben benehme. Die Macht geht zwar in einem demokratischen Rechtsstaat vom Volk aus, aber wo geht sie hin? In eine Verwaltung, die von den Volksvertretern im Parlament beschlossene und von der durch die Abgeordneten bestimmten Regierung in Ausführungsbestimmungen gegossene Gesetze an mir anwendet – in sogenannten Bescheiden. Vom Abwasserabgaben- bis zum Baugenehmigungsbescheid.

Es ist immer eigenartig, wenn ich gegenüber Behörden Sonderbarkeiten ihrer Vorgehensweise kritisch anmerke und dann mit Blick auf meinen Arbeitsplatz – natürlich nur mündlich – beschieden werde: Sie arbeiten doch selbst da, wo die Gesetze gemacht werden. Selbstverständlich verweise ich dann auf meine Unschuld: Gesetzentwürfe der Opposition werden nicht beschlossen. Allerdings sind auch Anhänger der Regierungsparteien oft genug mit „ihren“ Gesetzen nicht zufrieden. Selbst wenn ihnen das Ziel des Gesetzes gefällt.

Aber dessen „rechtssichere“ Umsetzung unter Berücksichtigung aller möglichen Eventualitäten und zu befürchtender Klagen von Leuten, die wollen, dass sich ihre Rechtsschutzversicherung amortisiert, führt oft zu als überkompliziert empfundenen Regelungen, die nicht selten das eigentliche Anliegen wieder konterkarieren. Also sind wir nicht der Staat. Im Gegenteil: Die bürgerschaftliche Unzufriedenheit mit behördlichem Handeln ist ein wichtiges Korrektiv. Gewissermaßen Bestandteil der Gewaltenteilung. Unser Anspruch auf plausibles Handeln, den wir erheben müssen, um kafkaeske Unsinnigkeiten in die Schranken zu weisen, denn diese dürfen nie das Resultat rechtskonformer Auslegung in einem Rechtsstaat sein, der ja laut Verfassungsgeboten den Einzelnen vor Willkür zu bewahren hat.

Mein jüngstes Anwendungs-Beispiel: Salmans jüngerer Bruder hatte sein Asylheim in Nordsachsen zu verlassen, weil er seit zwei Monaten die Anerkennung durch das BAMF in Händen hat. Also kam er nach Ostsachsen, wo eine Anmeldung aber daran scheiterte, dass die Ausländerbehörde des bisherigen Aufenthaltslandkreises ihm immer noch kein Ausweisdokument produziert hatte. Das BAMF wiederum hatte ihm die schriftliche Berechtigung zum Besuch eines Integrationskurses zugeschickt, aber mit Befristung 31.12. für die Anmeldung, für die laut Migrationsberatungsstelle eine Aufforderung der Ausländerbehörde erforderlich sein, die ebenfalls noch nicht vorliegt.

Der Versuch, mit nordsächsischen Ämtern per Mail und telefonisch zu einer Lösung zu kommen, scheiterte abwechselnd an Nichtantwort, Nichterreichbarkeit und schließlich der Unwilligkeit zu klären, wieso eine eingereichte Vollmacht nicht eingearbeitet worden sei, weshalb nun keine Antwort möglich sei. Unter Protest versandte Bürger Braumann seine Mail erneut und bekam nun – ein nachgereichtes Weihnachtswunder 😊 – eine abgestimmte Antwort gleich zweier Behörden, des abgefragten Jobcenters und der von diesem offenbar selbsttätig miteinbezogenen Ausländerbehörde.

Unter Verweis auf ein „9. Änderungsgesetz“ wurde darin mitgeteilt, dass die von mir „unterstützte Person“ ohne Zustimmung innerhalb Sachsens umziehen kann, wohin sie will. Plus praktische Hinweise, mit welchen Dokumenten man vor Ort erscheinen müsse. Die Ausländerbehörde, die einen solchen Umzug schriftlich bis auf weiteres ausgeschlossen hatte, wird nun mit der gnädigen Einwilligung zitiert, „da der gewöhnliche Aufenthalt ohnehin nicht mehr im Landkreis Nordsachsen ist (siehe Ihre Information)“.

Dass der 20-jährige syrische Kurde schon vor Weihnachten rechtzeitig an einer Schule angemeldet wurde, obwohl das nach einmütiger Auskunft verschiedener Stellen gar nicht möglich war, versteht sich von selbst 😉. Diese Freiheit nehme ich mir – nicht zum ersten Mal 😊. Denn ich bin nicht der Staat. Aber auch kein Staatsfeind. Ich suche die friedliche Koexistenz.