Im Buchladen des J├╝dischen Museums in Krak├│w stie├č ich auf das schlicht anmutende B├╝chlein eines der gr├Â├čten j├╝dischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Hans Jonas, ├╝ber den Gottesbegriff nach Auschwitz. Man k├Ânne Gott nicht mehr als „Herrn der Geschichte“ verstehen, wenn der Holocaust geschehen konnte.

In der christlichen Theologie machen wir es uns da scheinbar einfacher: Gott ist die Liebe und der Allm├Ąchtige; wenn er den Holocaust zulasse, sei das Ausdruck seiner Unerforschlichkeit. Abgrund des g├Âttlichen Geheimnisses. Das gehe aus j├╝discher Sicht nicht, sagt Jonas. Denn Gott habe sich ja durch die Geschichte der Offenbarung den Menschen verstehbar gemacht.

Jonas l├Âst das existenzielle Problem ebenso radikal wie k├╝hn: Gott habe mit der Sch├Âpfung seine Allmacht f├╝r die Zeit des Werdens aus der Hand gegeben. Nur so habe alles Geschaffene Entwicklungsspielraum und der Mensch Raum f├╝r Freiheit und Verantwortung. Ziel des Menschen, um das Gott stumm werbe, sei es, ein Gerechter zu werden. Wie Oskar Schindler einer gewesen ist, an den ein eigenes Museum in Krak├│w erinnert, in dem auch die Zeit der deutschen Okkupation in der Nazi-Zeit auf ersch├╝tternde Weise veranschaulicht wird.

Das Sein bestimme das Bewusstsein – das ist auch so eine scheinbar unverr├╝ckbare Ur-Wahrheit, wenngleich aus moderner Denker-Tradition. Sie gibt ein Erkl├Ąrmuster f├╝r jede Katastrophe ab – und f├╝r m├Âgliche Auswege aus jedwedem Desaster. Aber stimmt das wirklich immer – kann nicht auch das Bewusstsein das Sein umw├Ąlzen, wenn der Gedanke wirklich ein z├╝ndender ist, nicht im gewaltsamen, sondern wahrhaft kreativen, also sch├Âpferischen Sinn?

Die Fragw├╝rdigkeit der G├╝ltigkeit des bisher unersch├╝tterlich Geglaubten und Gedachten durch wahrgenommene Realit├Ątsbr├╝che ist kein Problem allein von Religion. Wenn selbst Gott, so Hans Jonas ├╝berzeugend, in der Zeit ein Werdender geworden ist, gilt das f├╝r jede diesseitige Lehre erst recht. Jede Wahrheit oder Weisheit befindet sich im Werden.

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