Mode macht Sinn

Man kauft eine Jeans, weil das die weibliche bessere Hälfte für unumgänglich hält und als Ansporn ein Geschenk-Gutschein vorliegt. Man ist froh, im kleinstädtischen Einkaufszentrum kurz vor Ladenschluss die passende Größe (32/36) bekommen zu haben und trägt das gute Teil zufrieden heim aufs Dorf.

Beim Auspacken fällt einem dann ein Heft in die Hand, das über die Markenwerte der Hose informiert: urban, weltoffen, wandelbar, mutig, innovativ, selbstbewußt, authentisch, männlich. So wird Mode nicht nur zum Lebensgefühl, sondern zur Lebensphilosophie 😉.

Politik und Religion tun sich da derzeit vergleichsweise schwerer mit der Vermittlung von Markenwerten. Nun gut, der zeitgenössische Mega-Wert ist, es müsse sexy sein, und da ist die Mode nun mal näher am Gegenstand dran als die „Inhalte“ der anderen. Von der Klarheit und Komposition der Begriffe können wir aber lernen.

Ich erliege Marken eigentlich eher nicht. Abgesehen von diesen Jawbone-Fitness-Armband, zu dem mich ein Hinweis im Medienmagazin FUNKTURM verführte. Aber das war funktionalistisch gedacht (man spart sich Chceck beim Arzt und hat mehr Autonomie bei der Selbstverwaltung des Körpers, und das preiswert).

Die Hose der authentischen, weltoffenen Wandelbarkeit ist aber ein neuer Meilenstein von Sinnstiftungsindustrie. Ich werde in meinem sorbischen Zwillings-Blog Piwarc beizeiten darüber nachdenken, wie das kleine sorbische Volk durch markenbegriffsbildende Maßnahmen trotz Lehrermangel mehr Sorbischsprechende generieren kann 😎.

Da ist sogar die Verwendung der alten Rechtschreibung (selbstbewußt statt selbstbewusst) fortschrittsfühlend. Wenn die nächste Sinnkrise droht, werde ich also mit meiner Frau wieder shoppen gehen – die Rabattangebote sind schon per Mail eingetroffen, und die überzeugungsstarke Verkäuferin hat es auch verdient 😊.

Mit dem Rad durch Europa

Mit dem Fahrrad von der Ostsee nach Gibraltar – den Weg gibt’s, den Wegweiser dazu erblickten wir in Český Krumlov.

Nun hat unser häusliches gemischtes Doppel schon den Oder-Neiße -Radweg und den Elbe-Radweg von Magdeburg zur tschechischen Grenze zurückgelegt. Also erscheint diese Route quer durch Europa als schöne Versuchung.

Gerade heute, da endlich wieder ein Hauch Frühling überm Land liegt nach den spätsommerlichen Winden der vergangenen Wochen. Ein bewegungsfreundliches Klima, bitte in die europafreundliche Richtung, siehe Frankreich-Präsidentschaftswahl.

Vielleicht ausgewählte Etappen? Den Jakobsweg läuft ja auch niemand von Anfang bis Ende an einem Stück 😊. Wo treffen wir Herrn Macron und seine Frau?

Unser Täve und mein Trotz

Dass es mich im Juni 1991 beruflich nach Magdeburg verschlug, lag an der Vakanz einer Redakteursstelle, die der bisherige Inhaber wegen Stasi-Belastung räumen musste. Dafür kann ich nichts, ich kenne den Mann nicht, und auch das westdeutsche Verlagshaus handelte offenbar nicht aus Eigenantrieb, sondern dem Druck vor Ort gehorchend. Ich wollte zwar aus Würzburg weg, wohin es mich Hanseaten verschlagen hatte, aber eigentlich nicht in den Osten.

Dann war ich da und integrierte mich zügig. Sprachlich sowieso kein Problem, da man meine Herkunft auf Rostock oder Schwerin taxierte. Witzigerweise ging ich in meinen ersten ostdeutschen Berufsjahren überall als Ossi durch, erst Jahrzehnte später spielen die Hamburger Wurzeln nun doch manchmal eine Rolle. Was nun noch komischer ist, da ich mehr als zwei Drittel meines bewussten Lebens durchgehend im Osten verbracht habe.

Die politische Pointe meines Lebens besteht darin, dass mich der Osten in die PDS trieb, die ich bei den Bundestagswahlen 1990 im Westen noch gemieden hatte. Weil da einfach in Würzburg die Leute mit zu tun hatten, die vorher auf meiner Linkssektierer-Liste standen. Ich war Realo-Grüner, frühzeitiger Joschka-Fischer-Fan. Mit meiner Übersiedlung verließ ich aber die Grünen, weil mir ihr damaliger Hauptrepräsentant im Osten, Bündnis 90, fremd war. Ja, wir hatten die Leute in den Wendewirren in unserer Partnerstadt natürlich unterstützt, als Beihilfe zum Demokratie-Aufbau, aber sonst war das nicht meins.

Ich machte, in einer Baracke arbeitend und in der Platte wohnend, übrigens noch ohne Auto und Führerschein, wöchentlich Lokaljournalismus und hatte schwerpunktmäßig eine Seite mit Lokalgeschehen zu füllen und Titelgeschichten zuzuliefern. Das tat ich auch zur allgemeinen Zufriedenheit in angenehmer Betriebsatmosphäre, ich beging nur zwei ziemlich schwere Sünden: Ich druckte auch die Veranstaltungshinweise der PDS (Senioren-Nachmittage etc.) ab, die vorher im Papierkorb gelandet waren (was ich nicht wusste). Und ich schrieb eine Glosse über eine „CDU-Blockflöte“, die zu DDR-Zeiten Verantwortung in der Wohnungswirtschaft trug und nun den PDS-Leuten den Zustand der Häuser vorhielt. Das führte zu Drohungen von Anzeigenkunden.

Zwei Berufsetappen weiter war ich beim „Neuen Deutschland“. Wo ich 1999 als Chef vom Dienst die kritische Berichterstattung zum Kosovo-Krieg koordinierte – und damit die tägliche Abrechnung mit Bundesaußenminister Joschka Fischer. Man kann sagen: Mich ließ bewusster Trotz PDSler werden – und der bin ich bis heute im Herzen geblieben. Wenn nun 2017 (!) der inzwischen 86-jährige Täve Schur nunmehr endgültig nicht in die Hall of Fame des deutschen Sports darf, ziehe ich aktuell kopfschüttelnd, aber ansonsten tiefenentspannt eine Zwischenbilanz meiner politischen Vita: Trotz kann Weisheit bedeuten.

Die Langfassung zu diesem Thema habe ich vor Jahren in meinem sorbischen Blog dokumentiert – nach sorbischer Einführung deutscher Text, den ich 2006 auf Bestellung von Bernd Rump geschrieben habe. Für ein Projekt, aus dem nichts wurde. Im Oktober 2015 wurde er dann in der Festschrift „Opposition im Wandel – 25 Jahre Linksfraktion im Sächsischen Landtag“ nahezu unverändert veröffentlicht:
https://piwarc.wordpress.com/kak-sym-na-wuchodze-domiznu-namakal-dotal-njewozjewjeny-nemski-tekst/

Macron – gefällt mir

Macron – ein Jesuitenschüler, der sich in seine Französischlehrerin verliebte und dann später mit ihr „durchbrannte“. Nun wird sie – 24 Jahre älter als er – wohl bald First Lady in Frankreich. Er wiederum, mit 39 an der Schwelle zum Präsidentenamt, kultiviert sich fast so etwas wie ein Business-Punk: keine Wohnung, kein Auto, aber irgendwie doch wohl vermögend.

Michel Houellebecq hat schon längst Gefallen an ihm gefunden, auch wenn er ihn wohl nicht gewählt hat und diesen Typen nicht zum Gegenstand eines Präsidentschaftswahlromans gemacht hat. Bei Houellebecqs „Unterwerfung“ verhindert ein liberaler Muslim die nationalistische Präsidentschaft, im realen Frankreich ist es jemand, der immer wieder als vermeintlich schwul oder zumindest androgyn taxiert wird.

Mal davon abgesehen, dass das in den genannten Zusammenhängen belanglos ist, verkörpert der flüchtlingsfreundliche und privat wie politisch nonkonformistische Macron, der eine Idee sozialer Gleichgewichte hat (und daher den extremen deutschen Exportüberschuss problematisiert), die Option des wahren Fortschritts jenseits der langweiligen Klischees verschiedener politischer Milieus.

Der Marken-Zwischenraum

Die Werbefinanzierung der kostenlos zugänglichen journalistischen Angebote im Internet wird ja gern im Namen vermeintlich wertvollerer klassischer gedruckter Publikationsangebote problematisiert. Kann man machen. Kann man aber auch sein lassen.

Wenn ich mir meine Donnerstags-Droge ZEIT zum Beispiel vergleichend anschaue, die nun schon trickreich aufklappbare Titelseiten produziert, um auch da noch Werbung zu platzieren, bin ich manchmal versucht zu fragen, ob nicht hier zuerst die Annoncen für die Utensilien eines bestimmten Lifestyles sind und dann der dazu passende, standesgemäß kritische, aber immer elegant abgewogene Inhalt?

Besonders auffällig wurde dies, als der Verlag zusätzlich ein Männermagazin auf den Markt warf, in dem die Markenprodukte von Duft bis Kleidung von Werbegesichtern präsentiert wurden, die offenbar irgendwie die gemutmaßte Entschlossenheit der anvisierten Entscheider-Zielgruppe mittelalterlicher Herren in mehr oder weniger leitenden Funktionen simulieren sollten. Warum ich für das wenig aufregende journalistische Füllmaterial zwischen diesen Gestalten auch noch Geld bezahlen soll, erschloss sich mir nicht.

Da lobe ich mir dieses andere, schon länger existierende, maskuline Fitness-Fördermagazin mit dem englischen Zungenbrecher-Namen, das programmatisch klar auf die Mitte des Körpers ausgerichtet ist. Mal etwas oberhalb, mal etwas unterhalb der Gürtellinie. Und gemäß dem altrömischen Sprichwort mens sana in corpore sano die positiven mentalen Folgen der Pflege dieser zentralen Region fürs zentrale Nervensystem kultiviert. Das ist ein ehrliches Konzept. Man muss so was nicht ständig lesen, weil es sich natürlich irgendwie ziemlich ähnlich wiederholt, aber es muss einem auch nicht peinlich sein, so was bisweilen zu konsumieren.

Kurzum: „Niveau“ ist manchmal eher eine Frage des Gefühls als der Fakten. Es gibt infolgedessen mehr Auskunft darüber, wo sich eine selbstverordnete „Mitte“ der „bürgerlichen“ Gesellschaft zu befinden meint. Einschließlich der Insignien ihres Lebenswandels. Das ändert nichts daran, dass ein gewisses Reflexionsniveau seinen Unterhaltungswert hat, weshalb ich treuer Leser bleibe.

Abschiebung von Dresden nach Syrien?

Auf die Idee, dass jemand, der vor der Rekrutierung für die Armee des syrischen Machthabers Assad geflohen ist, bei dessen Außenstelle in Berlin einen Reisepass beantragen könnte (den er als Kurde zuvor in Syrien nie besessen hat), muss man erstmal kommen. Dass er den syrischen Reisepass braucht, um eine Aufenthalts-Verlängerung in Deutschland zu erlangen – auf diese Idee kam die Ausländerbehörde in Dresden. Und drohte schon mal gleich schriftlich mit der Abschiebung nach – Syrien. (Wohlgemerkt: Die Identität ist unstrittig, denn er kam mit einem syrischen Ausweis nach Deutschland.)

Das ist dann dem "Sachsenspiegel" einen Besuch bei uns im Dorf wert. Zwei syrische Kurden haben zwei Jahre bei uns gewohnt, der dritte – jüngerer Bruder des einen – ist seit fünf Monaten bei uns und inzwischen mit der Einrichtung seiner Wohnung in Dresden beschäftigt. Im Unterschied zu seinem älteren Bruder erhielt er nur "subsidiären Schutz", wofor es eigentlich keinen sachlichen, sondern nur innenpolitische Gründe in Deutschland gibt. Nun schauen wir mal, was der Bürokratie nun einfällt. Nur eines ist klar: Zur syrischen Botschaft geht Nihad nicht, da das, wie der Flüchtlingsrat im "Sachsenspiegel" erklärte, der denkbar dümmste Weg wäre…

http://www.mdr.de/mediathek/mdr-videos/a/video-100008.html

Die Spiegel-Religions-Simulation

„Der Spiegel“ ist ja bekannt für seine Skepsis gegenüber den himmlischen Verheißungen des Christentums. Nun beglückt er seine Leserschaft mit einem prophetischen Titel, der nur den Schönheitsfehler hat, dass er das ewige mit dem vermeintlich unendlichen Leben verwechselt.

Die Bibel schrieb von 70, wenn es hoch kommt, 80 Jahren. Das ist heute dank moderner Medizin in weiten Teilen der Welt die durchschnittliche Lebenserwartung. In den USA sinkt sie allerdings gerade wieder, und während in unseren Breiten bürgerliche Büromenschen mit ausgiebigen Fitness-Programmen um die Perspektive 90 kämpfen, ist man in anderen Bevölkerungsschichten froh, wenn’s bis 75 läuft.

Die Ewigkeit der Religion ist der zeitlose Augenblick. Unendlichkeit wäre unerträglich. Irdisch sowieso abwegig, denn selbst der unvorstellbare Wegfall des natürlichen Todes beseitigte ja nicht die unnatürlichen Todesursachen. Ob der ewige Augenblick das Höchste der Gefühle oder Langeweile pur ist, wird in dieser Welt argumentativ nicht entscheidbar sein, das ist Ansichts-, also Glaubenssache.

Was das Leben ausmacht, ist aber nicht sein reines Funktionieren, also Intaktheit im gesundheitlichen Sinne. Damit ist nur der wünschenswerte Rahmen beschrieben, dessen Zustand mehr oder weniger unvollkommen ist. Sondern die Intensität des Erlebens.

Nicht zuletzt das Ausmaß der Leidenschaft, die – das liegt schon in dem Wort drin – nicht in störungsfreier Kontinuität zu haben ist. Insofern läuft der Drang nach möglichst langem, möglichst gesundem Leben bisweilen Gefahr, das Funktionale zu vergöttern. Auf Kosten des Lebens.

Alle eins

„Die erste Maßnahme einer Philosophie muss also darin bestehen, die Gegenstände aus dem Bewusstsein herauszunehmen und seinen wahren Bezug zur Welt wiederherzustellen; nämlich, dass das Bewusstsein ein DIE Welt setzendes Bewusstsein ist.“

Dieser Satz verbindet den Autor des philosophischen Monumentalwerkes „Das Sein und das Nichts“, Jean-Paul Sartre, angeblich ein radikaler Atheist, mit dem religiösen Mystiker, der durch Distanzierung von den Dingen die direkte Anschauung Gottes sucht.

Alle großen Religionen formulieren als Lebensziel die Gemeinschaft mit dem görtlichen Geheimnis. Es kann zwar in Ewigkeit nicht begriffen werden, so der moderne Kirchenlehrer Karl Rahner. Aber sein unvermittelter Anblick sei beglückend und beseligend.

Nietzsche wollte ein für alle mal vieles nicht wissen. Sokrates wusste, dass er nichts weiß. Der Himmel ist kein Fest der Dogmen, sondern das wirklich Jenseitige. Jenseits der diesseitigen Wegmarken.

Insofern ist das die normalste Sache der Welt, wenn unserer frommer Muslim Nihad Kreuzweg und Osternacht mitmacht und ihm auch nach drei Stunden Stehen, Sitzen, Knien nicht langweilig wird. Wer die innere Versenkung fünf Mal am Tag geübt ist, findet sich nun über einen anderen Zugang da wieder, wo er ist.

Das Körperliche braucht Diversifizierung, der Geist strebt nach Einheit der ganzen Welt. Dieser Sinn stellt sich sinnlich her, denn schon Hermann Hesse wusste mit Werken wie Narziss und Goldmund bzw. Siddhartha: Keine Lehre hat die Macht der Erfahrung.

Deshalb steht die sexuelle Verschmelzung seit jeher ambivalent für Verführung und Vereinigung. Ohne das Fleisch läuft nichts, weshalb die katholische Kirche auf der Notwendigkeit seiner Auferstehung beharrt. Lassen wir uns überraschen. Bei Gott ist alles möglich.

Auch dass sich Sartre, Rahner, Hesse, Nietzsche, Jesus und Mohammad in die Arme fallen und die Bibel neben dem Koran liegt. Und die Juden auch ihre Ziele erreichen. Und Marx auf heimtückische Weise mit dem das Bewusstsein bestimmenden Sein Recht behält. Wir wissen es nicht, weil seine Gedanken nicht unsere sind. Und ganz werden wir es wohl nie begreifen, was „Gott“ und „Welt“ ganz ausmacht.

Osterreiten ist ganztägige Andacht

Sagte der Pfarrer von Radibor in der Osternacht. Das Foto zeigt die Osterreiter auf dem Friedhof des sorbischen Dorfes beim Beten des „Gegrüßet seist du, Maria“. Während des Zwischenstopps mit den gesprochenen Gebeten wird der Zylinder abgenommen. Bekannter in aller Welt sind die Kirchenlieder singenden Osterreiter – mit Zylinder auf dem Kopf auf dem Weg durch Dörfer und Felder.