Dass es mich im Juni 1991 beruflich nach Magdeburg verschlug, lag an der Vakanz einer Redakteursstelle, die der bisherige Inhaber wegen Stasi-Belastung räumen musste. Dafür kann ich nichts, ich kenne den Mann nicht, und auch das westdeutsche Verlagshaus handelte offenbar nicht aus Eigenantrieb, sondern dem Druck vor Ort gehorchend. Ich wollte zwar aus Würzburg weg, wohin es mich Hanseaten verschlagen hatte, aber eigentlich nicht in den Osten.

Dann war ich da und integrierte mich zügig. Sprachlich sowieso kein Problem, da man meine Herkunft auf Rostock oder Schwerin taxierte. Witzigerweise ging ich in meinen ersten ostdeutschen Berufsjahren überall als Ossi durch, erst Jahrzehnte später spielen die Hamburger Wurzeln nun doch manchmal eine Rolle. Was nun noch komischer ist, da ich mehr als zwei Drittel meines bewussten Lebens durchgehend im Osten verbracht habe.

Die politische Pointe meines Lebens besteht darin, dass mich der Osten in die PDS trieb, die ich bei den Bundestagswahlen 1990 im Westen noch gemieden hatte. Weil da einfach in Würzburg die Leute mit zu tun hatten, die vorher auf meiner Linkssektierer-Liste standen. Ich war Realo-Grüner, frühzeitiger Joschka-Fischer-Fan. Mit meiner Übersiedlung verließ ich aber die Grünen, weil mir ihr damaliger Hauptrepräsentant im Osten, Bündnis 90, fremd war. Ja, wir hatten die Leute in den Wendewirren in unserer Partnerstadt natürlich unterstützt, als Beihilfe zum Demokratie-Aufbau, aber sonst war das nicht meins.

Ich machte, in einer Baracke arbeitend und in der Platte wohnend, übrigens noch ohne Auto und Führerschein, wöchentlich Lokaljournalismus und hatte schwerpunktmäßig eine Seite mit Lokalgeschehen zu füllen und Titelgeschichten zuzuliefern. Das tat ich auch zur allgemeinen Zufriedenheit in angenehmer Betriebsatmosphäre, ich beging nur zwei ziemlich schwere Sünden: Ich druckte auch die Veranstaltungshinweise der PDS (Senioren-Nachmittage etc.) ab, die vorher im Papierkorb gelandet waren (was ich nicht wusste). Und ich schrieb eine Glosse über eine „CDU-Blockflöte“, die zu DDR-Zeiten Verantwortung in der Wohnungswirtschaft trug und nun den PDS-Leuten den Zustand der Häuser vorhielt. Das führte zu Drohungen von Anzeigenkunden.

Zwei Berufsetappen weiter war ich beim „Neuen Deutschland“. Wo ich 1999 als Chef vom Dienst die kritische Berichterstattung zum Kosovo-Krieg koordinierte – und damit die tägliche Abrechnung mit Bundesaußenminister Joschka Fischer. Man kann sagen: Mich ließ bewusster Trotz PDSler werden – und der bin ich bis heute im Herzen geblieben. Wenn nun 2017 (!) der inzwischen 86-jährige Täve Schur nunmehr endgültig nicht in die Hall of Fame des deutschen Sports darf, ziehe ich aktuell kopfschüttelnd, aber ansonsten tiefenentspannt eine Zwischenbilanz meiner politischen Vita: Trotz kann Weisheit bedeuten.

Die Langfassung zu diesem Thema habe ich vor Jahren in meinem sorbischen Blog dokumentiert – nach sorbischer Einführung deutscher Text, den ich 2006 auf Bestellung von Bernd Rump geschrieben habe. Für ein Projekt, aus dem nichts wurde. Im Oktober 2015 wurde er dann in der Festschrift „Opposition im Wandel – 25 Jahre Linksfraktion im Sächsischen Landtag“ nahezu unverändert veröffentlicht:
https://piwarc.wordpress.com/kak-sym-na-wuchodze-domiznu-namakal-dotal-njewozjewjeny-nemski-tekst/

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