Ferien fangen mit Festival an

Die kolumbianische Gruppe Grupo Folclórico Uninorte erlebten wir am späten Samstagabend im sorbischen Crostwitz auf einer Bank in der Ecke des mit Menschen aus nah und fern angefüllten Hofes stehend. Unsere unmittelbaren Nachbarn waren Leute der Tanz- und Trachtengruppe De Öwerpetters aus dem Wendland. Sie pflegen eine bis auf die vor zwei Jahrhunderten ausgestorbenen Elbslawen zurückgehende Kultur.

Das alle zwei Jahre stattfindende internationale Festival „Lausitz – Łužica“ des Sorben-Dachverbandes Domowina mit Dutzenden Ensembles aus Deutschland, Europa und der Welt, darunter allein rund 15 sorbische, ist eine logistische und kulturpolitische Meisterleistung. Erstmals habe ich am Freitag die Festival-Station Drachhausen (Hochoza) nördlich von Cottbus mitten im Wald erlebt – märchenhaft 😊. Hier wird an vier Plätzen gefeiert, in Crostwitz an sieben. Wir waren im Bus mit der sorbischen Volkstanzgruppe Schmerlitz (Smjerdźaca) mitgefahren – und um dreiviertel drei morgens wieder zuhause 😎.

Sonntag früh war es halb vier – nach Rückkehr mit dem Fahrrad aus dem wieder zauberhaften Crostwitz. Die Festival -Eröffnung am Donnerstag in Bautzen kollidierte auch diesmal mit dem Sommer-Abschluss des Parlamentsjahrs im Landtag. Da muss man als Fraktionspressesprecher am vorletzten Vorferien-Arbeitstag präsent sein. Das aufziehende Unwetter schlug an beiden Orten zu, ehe sich der Sommer wìeder von seiner fast besten Seite zeigte. Also auf Wiedersehen 2019!

Kohls Republik Europa

Kohl ist tot und Europa lebt. So heißt es nun auf Titelseiten. War die Wirksamkeit des Hochbetagten längst nahe Null, hat er mit letztem Willen und nunmehr avisiertem europäischem Bestattungsakt posthum nun doch wieder in die Geschichte eingegriffen.

Tatsächliche oder vermeintliche große Denker sind auch im hohen Alter noch gefragt. Große Macher fallen nach dem Ende des Machens in faktische Ohnmacht, weshalb sie diesen Zustand im Regelfall hinauszuzögern versuchen.

Der als Bundeskanzler im Grunde gescheiterte Helmut Schmidt schaffte die Transformation zum Denker, da ihm die nachträgliche Mystifizierung des klugen Machens gelang. Bei Kohl blieben die Eindrücke von Rache, Beleidigtsein und lästigem Familienzwist.

Doch all dies wird nun beerdigt, es bleibt der Heroe des europäischen Föderalismus. Der Pfälzer, der vom Bundesstaat Europa nicht nur träumte, sondern das Nationale beherzter nach hinten rückte als heute jeder gehobene Sozialdemokrat.

Helmut Kohl ist tot, und aus seinem Grab wächst die Republik Europa.

Schöne sorbische Sprach-Symbolik

Von der konsequenten Förderung der sorbischen Sprache und Kultur als Titel eines Koalitions-Antrags kann sich erstmal keiner was kaufen. Aber dass die Debatte gestern im Dresdner Landtag dazu genutzt wurde, dass gleich vier Redner satz- oder abschnittweise am Pult des sächsischen Parlaments sorbisch sprachen, ist ein dolles Ding. Unter ihnen drei Muttersprachler (zwei CDU, einer Linke) und mit Franziska Schubert eine Oberlausitzer Grünen-Abgeordnete, die auch ohne solche Vorprägung eine makellose sorbische Phonetik hinlegte – Übung macht die Meisterin.

Was dem Sorbischen Zukunft gibt, weiß jeder: Mit Kindern (egal welcher Herkunft) sorbisch sprechen, Erwachsene (vor allem Ehepartner von Sorben) motivieren, sorbisch zu lernen. Und die Sprache dann jeden Tag als Alltagskommunikationsmittel gebrauchen – eben nicht nur sonntags in der Kirche.

Der Staat hat mit der Schließung der sorbischen Grundschulen Crostwitz und Panschwitz-Kuckau sowie der Einführung des faktischen Deutsch-Dominanz-Modells 2plus (und damit dem Ende der A-Klassen mit hohem muttersprachlichen Niveau) flächendeckend in der Oberlausitz sorbische Sprachräume konsequent zerstört. Und in den sorbischen Familien wird die Integration nichtsorbischer neuer Familienmitglieder mal vorbildlich betrieben, mal mit Selbstassimilation ins Deutsche beantwortet.

Nun soll es die Wiederauferstehung einer sorbischen Sprachschule richten, deren Vorläuferin in der Oberlausitz nach der Wende dem Untergang preisgegeben wurde. Sie war komischerweise nicht Gegenstand der „konsequenten“ koalitionären Landtags-Drucksache.

Das macht nichts – sie kann mit einem ersten Kurs trotzdem ab 1. August starten, wenn die zeitungsöffentlichen Prognosen wahr werden. Die Zukunft des sorbischen Volkes liegt ohnehin in den Händen der jungen Leuten – auch das wurde gestern erfreulicherweise gewürdigt –, die mit größerem Selbstbewusstsein als die unmittelbaren Vorläufer-Generationen in Familie und Öffentlichkeit sorbisch kommunizieren. Deshalb gaben die sorbischsprechenden Abgeordneten das entscheidende Zeichen: Übers Sorbische sprechen ist gut, sorbisch sprechen ist besser.

Strukturwandel Lausitz

Herr Tillich und Herr Woidke haben den Strukturwandel entdeckt.
https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/211424Als vor fünf Jahren auf sächsischer Seite der Tagebau Nochten II planerisch bis 2067 durchgeboxt wurde, waren diejenigen, die den Beginn des Strukturwandels sofort verlangten, vermeintlich böse Feinde des Fortschritts.

Nun hat sich der skandinavische Staats-Musterkapitalist vom Acker gemacht, bevor er abgebaggert wird. Trotz hochrangiger Polit-Prozessionen nach Schweden. Gefolgt ist ein Unternehmen, das nicht nur Greenpeace als Heuschrecke bezeichnet. Es begrenzt kühl rechnend die Braunkohle-Zukunft auf die Zeit, die selbst die härtesten Strukturwandel-jetzt-Kämpfer immer für richtig hielten.

Natürlich wird niemand der Technokraten -Regenten und aus dem nachgeordneten Verwaltungsgefolge bei denen um Entschuldigung bitten; die damals faktisch als Affen auf den Bäumen verunglimpft wurden. Es sei vergeben, vergessen wird es nie. Zumal nun für Tillich und Woidke die Probe-Zeit des Nachsitzens beginnt, nachdem viele Jahre vertan worden sind. Da sie selbst ja nicht gerade zu den Kreativen gehören, sollten sie sich mal bei den „Spinnern“ Rat suchen. 😊

Nichts von dem, was die Ministerpräsidenten gestern kundtaten, ist falsch. Aber Strukturwandel ist nicht, ehemalige Gruben mit Wasser volllaufen zu lassen, wo wir nun endlose Bade -Möglichkeiten haben, oder sich chice Fabriken zu erträumen. Industriepolitik sieht anders aus, als erst die ewige Braunkohle anzubeten und nun den Begriff „Strukturwandel“ in Weihrauch zu tauchen.

Ein Bischof, der mit den Sorben fremdelt und sie zugleich liebt

Er hat es doch gemacht: Der neue Bischof Heinrich Timmerevers hat die katholischen Sorben bei der diesjährigen Pfingstmontag-Wallfahrtsmesse in Rosenthal auf Sorbisch begrüßt – nur zwei Wochen, nachdem er seinen Sprecher den sorbischen Blogger Piwarc, also mich, bescheiden ließ, warum er von solchen Sprechversuchen Abstand halte. Entgegen seiner Ankündigung, er sehe das Evangelium als Einheit mit seiner (deutschen) Predigt und wünsche es deshalb in deutscher Sprache, blieb das sorbische Evangelium unangetastet.

Stattdessen hielt er eine wirklich schöne Predigt, auch über die Bedeutung der sorbischen Sprache für den Zusammenhalt, und forderte die Gläubigen dazu auf, diese ihre Sprache zu pflegen. Die Antworten und Nicht-Antworten im Namen des Bischofs hatten heftigen Protest in allen Netzen ausgelöst, der ehemalige Direktor der sorbischen Mittelschule Ralbitz äußerte auf Facebook seine „ehrliche Meinung“, der neue Bischof werde nie ein Freund der Sorben werden.

Geradezu komisch war Bischof Heinrichs lobender Verweis auf die „äußeren Mächte“, denen die Sorben in ihrer Geschichte erfolgreich getrotzt hätten. Schließlich führt sich sein Bischöfliches Ordinariat mit den Planungen für eine Zwangsfusion der sorbisch-katholischen Kirchgemeinden gerade selbst als äußere Macht auf, von der sich die katholischen Sorben um des Überlebens willen zu emanzipieren haben.

Es ist erst am Sonnabend ein sorbischer Jungpriester in der Dresdner Hofkirche geweiht worden, der nächste steht in den Startlöchern, weitere könnten folgen. Man darf auch nicht vergessen, dass – siehe Pfarrer Dawidowski – auch künftig sorbophile Pfarrer polnischer Herkunft das Sorbenland bereichern können. Damit ist unter Berücksichtigung der derzeitigen Altersstruktur der örtlichen Geistlichkeit und des Faktums, dass es unter katholischen Priestern kein reguläres Ruhestandsalter gibt, rein personell die Eigenständigkeit aller sorbisch-katholischen Kirchengemeinden auf Jahrzehnte gesichert.

Wenn die Geistlichen nicht wie damals vor sieben Jahren Pfarrer Dawidowski vom Bischof – dem Vorvorgänger des derzeitigen – den Sorben für deutsche Gemeinden weggenommen werden, seinerzeit gegen den erbitterten Widerstand der Dorfjugend von Ostro, die Blogger Piwarc unterstützte. Dankenswerterweise durfte Dawidowski inzwischen zu uns zurückkehren. Der letztlich erfolgreiche Kampf lief übrigens komplett abseits innerkirchlicher Strukturen, schließlich ist die „katholische Kirche aus theologischen Gründen keine demokratische Organisation, da sich über himmlische Wahrheiten nicht demokratisch abstimmen lässt“.

Mit diesem Argument unterstützte ich bei der Bundesvorstandssitzung des Sorben-Dachverbandes Domowina vergangenen Freitag in Cottbus den Vorstoß von Damian Dyrlich, Vertreter der sorbischen Studierenden, im Rahmen der von ihm beantragten Aktuellen Debatte für ein Engagement der Domowina gegen die Demontage der sorbisch-katholischen Kirchgemeinden, da die geplante Fusion offensichtlich darauf angelegt sei, sorbischsprachige Geistliche von hier „abzuziehen“ (D. Dyrlich). Den Widerstand dagegen kann man eben nicht an Pfarrgemeinderäte delegieren, die auf den Pfarrer hören müssen, der wiederum vom Bischof abhängig ist.

Es ist rührend, dass sich der neue Bischof an der Pfingst-Prozession der Bautzener Gemeinde fußläufig beteiligt hat. Bewegt erzählte er auf der Wallfahrtswiese, er könne sich gar nicht mal erinnern, wann er zuletzt so etwas erlebt habe: so viele gläubige Menschen mit so vielen Kindern bei einer solchen Wallfahrt. Das stellt selbst seine niedersächsisch-westfälische katholische Volkskirchen-Provinz in den Schatten, in der er sein ganzes Leben verbracht hat.

Damit ist das aktuelle Dilemma beschrieben: Religiös-gefühlsmäßig dürfte Bischof Heinrich auch angesichts der ansonsten kirchlich ernüchternden Umstände in Sachsen vom sorbisch-katholischen Milieu geradezu trostreich ergriffen sein. Dummerweise kommt das Glück von Menschen, deren Vorfahren schon dem damaligen deutschnationalen Bischof Schreiber, der sich ihnen als „deutscher Mann“ vorstellte, schmerzhaft beibringen mussten – dass sie Slawen sind.

(Weshalb es in einer Weltkirche mit Zentrum in Rom, wo das Nationale Gottseidank nur eine nachgeordnete Rolle spielt, auch kein Tabu sein sollte, weiter darüber nachzudenken, ob die sorbisch-katholischen Gemeinden nicht organisatorisch besser in einem polnischen Bistum aufgehoben wären oder ein eigenes sorbisches Ordinariat bilden sollten, was kirchenrechtlich selbstverständlich möglich wäre. Sollten also die Diözesen Dresden-Meißen und Görlitz, in denen in der Vergangenheit im Zweifel das Schlesische gegenüber dem Slawischen überwog, ihr tief verwurzeltes Fremdeln mit den sorbischen Brüdern und Schwestern nicht gänzlich überwinden, Ausnahmen bestätigen die Regel, dann wäre es ein ehrenhafter Ausweg, sie freizugeben. )

Will ungeschützt heißen, dass die Brücke zwischen der plattdeutschen Provinz und den sorbischen Brückenbauern in die slawische Welt noch zu bauen ist. Wobei es ja Anknüpfungspunkte gäbe, schließlich ist Timmerevers‘ Anhänglichkeit an die Regionalsprache Platt eigentlich ein idealer Verständnisbeschleuniger für die Regionalsprache Sorbisch.

Seine Predigt hatte übrigens nach Meinung vieler Gläubigen einen markanten Schönheitsfehler: Mit keinem Wort ging er auf seine Fusionspläne ein. Deshalb muss der Lernprozess des Bischofs in punkto Sorben durch spürbaren Protest weiter aktiv gefördert werden. Wenn sich schon die sorbische Bundestagsabgeordnete der CDU, Maria Michalk, bei der Domowina-Bundesvorstandssitzung wünschte, dass der Bischof Wäschekörbe voll Protestbriefe von Gläubigen erhalte, dann wollen wir auch hier für alle, die mit dem Anliegen solidarisch sind, die Adresse verraten:

Bischof Heinrich Timmerevers

Bischofssekretariat

Schloßstraße 27, 01067 Dresden

bischof@bistum-dresden-meissen.de

Last but not least kann dem Bischöflichen Ordinariat nur empfohlen werden, irgendwann doch noch auch die zwei der sechs Fragen von Piwarc zu beantworten, auf die es bisher die Antwort schuldig bleibt – gemäß dem Grundsatz: Ohne Vergangenheit keine Zukunft bzw. ohne Aufarbeitung der ersten keine Gestaltung der zweiten:

5. Wäre es mit Blick auf fatale deutsch-nationale Traditionsstränge in der jüngeren Vergangenheit der katholischen Kirche auch unserer Region (siehe u.a. Martin Walde, „Wie man seine Sprache hassen lernt“, über Bischof Schreiber, der sich in Crostwitz ausdrücklich als „deutscher Mann“ vorstellte) und den Umstand, dass die sorbischen Gläubigen z.B. Kirchen wie in Storcha komplett selbst finanzieren mussten, nicht an der Zeit, auch als historische Wiedergutmachung, die Verwendung des Sorbischen zu verstärken, etwa durch eine sorbischsprachige Firmung und eine Empfehlung an deutsche Gläubige in sorbischen Gemeinden, sich stärker sprachlich zu integrieren?

6. Im Zusammenhang mit der damaligen Auseinandersetzung um die Versetzung des Pfarrers Dawidowski aus Ostro (der inzwischen erfreulicherweise in unsere Mitte zurückgekehrt ist) gab es in meinem Blog auch Diskussionsbeiträge zu kirchenrechtlich möglichen Modellen organisatorischer Unabhängigkeit der sorbischen Gemeinden von deutschen Diözesen bzw. zu einer ggf. wünschenswerten Verbindung der sorbisch-katholischen Gemeinden mit einem polnischen Bistum. Haben Sie angesichts der o.g. Erfahrungen für solche Überlegungen Verständnis?

Findlingspark ist park błudźenkow

Sonntagsnachmittag im Findlingspark Nochten ist immer wieder ein erhabenes Erlebnis in neuer Landschaft inmitten von Tagebauen. Besonders wenn man als Lausitzer Sorbe den tschechischen Touristen etwas sprachlich an der Essens- und Getränkeausgabe des Imbiss beistehen kann 😊.

Es würde sich allerdings gehören und wäre auch im Sinne der slawischen Kundschaft, die gestern die Besucherschaft dominierte, wenn diese Einrichtung auf uraltem sorbischen Besiedlungsboden auch sorbisch ausgeschildert wäre. Oder wolltet ihr den sorbischen Geist mit abbaggern? Von Sorbisch keine Spur – auch im Lausitzer Seenland fast nicht.

Der entwickelte Mann heute 😎

Mal was ungeordnet Feministisches zum Herrentag: Das Niveau des gesellschaftlichen Entwicklungsstandes zeigt sich an ihrem Abstand zur Männerbündelei.

Mit dem Ende der Pubertät verliert sich das Auftreten der Jungen in Rudeln. Man hat im günstigsten Fall Freundin oder Freund und im Regelfall beste Freunde und Freundinnen.

Der Männertag ist da für manche das Ventil, ritualusiert die Sau der archaischen Kumpanen-Verhältnisse rauszulassen, wo die Rudelbildung im Erwachsenenalter fortgesetzt wurde.

Der verlorene „Krieg gegen den Terror“

Der Krieg gegen den Terror ist verloren. Nun werden schon Teenager Tausende Kilometer von den eigentlichen Kriegsschauplätzen entfernt in die Luft gesprengt.

Damit ist der „Krieg gegen den Terror“, den die USA nach 9-11 vor 16 Jahren ausriefen, gescheitert. Nicht erst in #Manchester . Dieser Krieg kostete schon vielfach mehr Menschen das Leben als das 9-11-Inferno. Und die „Antwort“ darauf findet immer mehr Kämpfer und Opfer. Übrigens letztere vor allem in der Bevölkerung des Nahen Ostens.

Herr Trump verkauft den Saudis Kriegsgerät für hundert Milliarden, das wird im Rahmen der „asymmetrischen Kriegsführung“ der „Gegenseite“, ob sie sich nun IS, Al Qaida oder wie auch immer nennt, zu noch mehr sich in Gegenwart bis dato völlig Unbeteiligter in die Luft Sprengenden führen.

Das Bekenntnis, wir ließen uns durch Terror nicht einschüchtern, hielten zusammen, seien stark, hilft den Getöteten und fürs Leben Gezeichneten wenig. Als Erstes wäre ein allgemeines Bekenntnis gegen den Krieg als Mittel der Terrorbekämpfung gefragt, deren „Kollateralschaden“ immer wieder Menschen in Nah und Fern werden.

Das ist das lebenswichtige Thema – mehr als die Frage, ob es Einzeltäter oder Vernetzte sind. Im Krieg ist es auch gleichgültig, ob dein Erdenleben durch die Drohne oder geschlossene Kampfverbände ausgelöscht wird.

Trauerrede für Dr. Dietmar Pellmann

Dr. Volker Külow

Trauerrede für Dr. Dietmar Pellmann, Südfriedhof Leipzig, 19. Mai 2017

Liebe Marlitt, liebe Sören und Jana, liebe Kaja und Frank, liebe Anja, liebe Schwester Elke und lieber Schwager Steffen, Liebe Anverwandte, liebe Freunde und Mitstreiter von Dietmar Pellmann,

die schmerzliche Nachricht vom unerwarteten Tod Dietmars am 2. Mai hat uns alle wie ein Blitz getroffen, sie hat uns zutiefst erschreckt und auch zeitweise gelähmt im Rhythmus unserer Tage. Es war und ist immer noch sehr schwierig, die Absolutheit dieser Tatsache wirklich zu begreifen. Es wird seine Zeit brauchen.

Wir nehmen heute Abschied von dem liebevollen Ehemann, dem fürsorglichen Familienvater, dem geliebten Bruder, dem treuen Freund, dem langjährigen Weggefährten, dem leidenschaftlichen Sozialpolitiker, dem geachteten Genossen, dem aufrechten Sozialisten und dem streitbaren Parlamentarier der LINKEN.

Ich danke allen, die heute an diesen Ort der Trauer gekommen sind, um Dietmar die letzte Ehre zu erweisen und seiner Familie in dieser schweren Stunde beizustehen.

Wir nehmen Abschied von einem Mann mit starkem Willen und aufrichtigem Charakter, der sein ganzes Leben für eine Gesellschaft eintrat, die individuelle Freiheit mit sozialer Gerechtigkeit verbindet und der an dieser Vision nach dem Epochenumbruch 1989/90 nicht nur festhielt, sondern fast drei Jahrzehnte unter den neuen Rahmenbedingungen unermüdlich für deren Umsetzung wirkte.

An den Anfang des heutigen Lebewohls möchte ich ein bislang unveröffentlichtes Gedicht stellen. Es stammt aus dem Nachlass von Edgar Külow, der sich mit Dietmar prächtig verstand.

Das Gedicht heißt „Der letzte Weg“:

Der letzte Weg

Führt dich zum großen Strom

Am anderen Ufer

Stehen still die Freunde

Sie grüßen Dich

Du winkst zurück

Sie werden kleiner und verblassen

Der Strom biegt ab

Und fließt zum Horizont

Die letzten Schritte

durch das schwarze Tor

Musst du alleine tun…

Dietmar Pellmann wurde am 19. Dezember 1950 als Sohn des Waldarbeiters Horst Pellmann und der Agrotechnikerin Charlotte Pellmann in Pretzschendorf geboren. Der Ort liegt am Fuße des Osterzgebirges, in seiner Nähe befindet sich der geografische Mittelpunkt Sachsens. Zwei bedeutende Persönlichkeiten führt das Onlinelexikon Wikipedia für Pretzschendorf auf: den Theologen, Schriftsteller, Sprachforscher und Pfarrer Johann Samuel Adami (1638−1713) und den 312 Jahre später geborenen Politiker der LINKEN Dietmar Pellmann. Das hätte Dietmar, der getauft und konfirmiert war, mit 18 Jahren aber aus der Kirche austrat, bestimmt gefallen. Sicher, er war – wir alle wissen das – mit Leib und Seele Grünauer. Seine familiären Wurzeln in Pretzschendorf erachtete er aber immer als genauso wichtig. Gern und regelmäßig besuchte er die Familie seiner Schwester im gemeinsamen Elternhaus, in dem er auch geboren war.

Die lebenslange Verbundenheit mit seiner dörflichen Heimat trug wesentlich

zur Bodenständigkeit seiner Persönlichkeit bei, die durch eine fast symbiotische Verbindung von Stadt und Land, von Platte und Bauernhof,

geprägt war.

Dietmars Kindheit war zunächst von seinem schweren Augenleiden überschattet. Nahezu blind geboren, rettete ihm die Kunst der Ärzte ein Restaugenlicht, er blieb aber Zeit seines Lebens zu 100 Prozent schwerbehindert. Trotz dieses Handicaps scheute er sich schon in jungen Jahren nicht vor den Herausforderungen des bäuerlichen Lebens. Noch 60 Jahre später erinnere er sich daran – Originalton Dietmar – „dass ich schon als Vierjähriger mit meinen Fingern im Boden wühlte, wenn ich auf dem Feld meiner Eltern bei der Kartoffelernte half“.

Dietmars Bildungsweg war zum Glück nicht vom schmalen Geldbeutel der Eltern abhängig. Er besuchte zunächst die Blindenschule Karl-Marx-Stadt, dann die Sehschwachenschule Weimar. Sein Abitur legte er 1969 an der EOS für Blinde und Sehgeschädigte in Königs Wusterhausen ab. Hier erwarb Dietmar nicht nur die Studienvoraussetzung, sondern entfaltete auch andere Talente. Dietmar war damals eine echte Sportskanone: bei den Zentralen Sportspielen der Sehgeschädigten errang er in den Disziplinen Keulenwurf, Diskus und Speerwurf sowie Kugelstoßen mehrmals Medaillenränge. Mit gleicher Leidenschaft spielte er Fußball; hier verschaffte er sich vor allem mit seinen gefürchteten Blutgrätschen Respekt beim Gegner.

Neben der sportlichen verfügte Dietmar auch über eine enorme musische Begabung. An der EOS war der bekennende Beatles-Fan Mitbegründer eines FDJ-Singeclubs, der nicht nur Arbeiterkampflieder, sondern auch viele Titel der damals von der politischen Obrigkeit verpönten „Je-Je-Je und wie das alles heißt“-Musik im Repertoire hatte. Noch Jahrzehnte später besaß Dietmar die Textsicherheit einer Jukebox und das bezog sich keinesfalls nur auf die von ihm gern gesungenen Lieder von Hartwig Runge alias Ingo Graf.

Ab 1969 studierte Dietmar an der Sektion Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig. 1972 wurde er Mitglied der Partei. Den Abschluss als Diplomhistoriker erwarb er ein Jahr später mit dem Prädikat „sehr gut“. In dieser Zeit und den folgenden fünf Assistenzjahren am Franz-Mehring-Institut eignete sich Dietmar das intellektuelle und methodische Rüstzeug an, das ihm bei seiner späteren Laufbahn als Politiker noch sehr nützlich werden sollte. Thematisch blieb er entsprechend seiner Herkunft der Landwirtschaft treu. 1978 promovierte er über die Geschichte des Landmaschinen- und Traktorenbaus der DDR.

In jene Jahre fallen nicht nur die berufliche Qualifizierung, sondern auch glückliche Wendungen in seinem Privatleben. 1975 lernte er seine Frau Marlitt kennen und lieben. Im Oktober 1976 heiratete das junge Paar, dem eine über vierzigjährige glückliche Verbindung beschieden war. Im Februar 1977 wurde Sören geboren; 1983 folgte Kaja und 1987 Anja. Die größer gewordene Familie verbesserte kontinuierlich ihre Wohnsituation; 1980 gelang der Sprung von der Südvorstand in die Straße der Jugend nach Grünau; hier erfolgte dann 1988 der Umzug in die Spartakusstraße 16 (heute Heidelberger Straße), wo die Familie seitdem lebt.

Wer ihn dort besuchte, traf Dietmar zumeist in seinem Lieblingsort an, dem Arbeitszimmer. Es war quadratisch und nicht sehr groß, hatte DDR-Neubauhöhe; bis unter die Decke stapelten sich hier die Ordner, Bücher, Papiere und Zeitungen. In seinem Arbeitszimmer war Dietmar ganz bei sich: oft etwas dickköpfig, aber nur selten dickfellig; auf wunderbare Weise zuweilen auch knurrig. Für sein Leben gern aß er zu Hause Bockwurst; dazu ging er allerdings in die gute Stube. Früh kochte er den Kaffee für sich und die ganze Familie; die Entsorgung des Hausmülls – ökologisch korrekt getrennt – war ihm ebenfalls in der innerfamiliären Arbeitsteilung zugefallen. In seinen Arbeitszimmer erzählte er auch gern über das von ihm erfundene Hobby „Autowandern“: das war die Fahrt zu einem Ausflugsziel, dort kurz aussteigen, noch kürzer gucken und dann möglichst schnell weiter fahren.

Ende der 70er Jahre wandelte sich Dietmars Forschungsfeld; nunmehr rückten Fragen der Entwicklung der wissenschaftlich-technischen Intelligenz in der DDR in sein Blickfeld. Ab 1981 absolvierte er dazu eine Aspirantur an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Berlin; im Mai 1984 habilitierte er sich in der Hauptstadt und kehrte anschließend nach Leipzig zurück, um eine eigene Forschungsgruppe zu Fragen der Agrarpolitik der DDR aufzubauen.

Dietmar war in jenen Jahren aber keinesfalls ein Stubengelehrter im universitären Elfenbeinturm. Fast jede Woche war er unterwegs, hielt Vorträge zu den verschiedensten Themen und wusste sich vor Ort auf ganz unterschiedliche Zielgruppen einzustellen. Die Geduld des Publikums wurde allerdings manchmal arg strapaziert, denn nicht selten sprach er bis zu vier Stunden. Die strikte Begrenzung der Redezeit später im Parlament traf ihn deshalb besonders hart.

Dietmar war nicht nur ein geübter Redner, er schrieb auch fleißig. Sein Publikationsverzeichnis bis 1990 weist über 60 Veröffentlichungen auf. 1988 publizierte er zusammen mit Hans-Uwe Feige eine Geschichte des Franz-Mehring-Instituts. Auf der Rückseite dieser Broschüre ist ein Zitat von Franz Mehring abgedruckt, das für Dietmars Politikverständnis sowohl vor als auch nach 1989 prägend war: „Eine Unterschätzung der Theorie kann auch durch die größten praktischen Erfolge nicht ausgeglichen werden.“

Der Epochenwechsel traf Dietmar hart. 1991 wurde er als Hochschullehrer abberufen und musste zunächst zum Arbeitsamt gehen. Diese Zäsur in seinem Leben vergaß er nie. Sie sensibilisierte ihn frühzeitig für diejenigen, die von den anwachsenden sozialen Problemen in der Nachwendezeit besonders betroffen waren. Ab Ende 1991 verbesserte sich die finanzielle Situation der Familie, als er für knapp drei Jahre eine ABM-Stelle als Pressesprecher für Öffentlichkeitsarbeit im Behindertenverband Leipzig e.V. erhielt.

Hier kam es allerdings frühzeitig zu politischen Spannungen, denn Dietmar machte aus seiner linken Weltanschauung kein Hehl. Bereits 1990 hatte er für den sächsischen Landtag kandidiert. Im Februar 1992 rückte er als Grünauer für die Fraktion PDS/Demokratischer Frauenbund in den Leipziger Stadtrat nach. Zunächst war er im Ausschuss für Ordnung und Sicherheit aktiv. Die Geburtsstunde des Sozialpolitikers Dietmar Pellmann schlug am 13. Mai 1992: in einer Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung stritt Dietmar dafür, dass Menschen mit Behinderungen künftig besser am ÖPNV teilnehmen können. Nahezu zeitgleich begann sein erfolgreicher Rettungseinsatz für die von der Schließung bedrohte „Völkerfreundschaft“ in Grünau. In den folgenden 17 Jahren setzte sich Dietmar wie kaum ein zweiter im Stadtrat sowohl für Grünau als auch für die Verbesserung der Situation von sozial benachteiligten Menschen ein. Vieles, was wir heute als selbstverständlich ansehen, wie z.B. den Behindertenbeirat oder den Lebenslagenreport, hat Dietmar in jenen Jahren parlamentarisch angestoßen. Auch der inzwischen allgemein akzeptierte Begriff von der „Armutshauptstadt Leipzig“ wurde von ihm seinerzeit geprägt.

Und noch ein Aspekt seines Wirkens als Kommunalpolitiker soll heute hervorgehoben werden. Wenn in der Partei Not am Mann war, scheute Dietmar die Verantwortung nicht und ließ sich wie ein disziplinierter Ackergaul ins Geschirr einspannen. Am 5. Februar 2006 trat Dietmar bei den Oberbürgermeisterwahlen als gemeinsamer Kandidat von WASG und Linkspartei an. Die von ihm erzielten 15,5 Prozent klingen bei oberflächlicher Betrachtung wenig berauschend; es war aber genau die Stimmenzahl, mit der wir im zweiten Wahlgang das Zünglein an der Waage wurden. Leipzig bekam einen Oberbürgermeister, in dessen Amtszeit unsere Partei zunächst einen und später einen zweiten Bürgermeister bzw. Bürgermeisterin erfolgreich durchzusetzen konnte.

Dietmars kommunalpolitisches Wirken umfasste wesentlich mehr als die ohnehin weit gefächerte Sozialpolitik. Es reichte von A wie Arbeitsmarkt bis Z wie Zwangsräumung. Alle Kommunalwahlprogramme des Leipziger Stadtverbandes von 1994 bis 2014 tragen wesentlich seine Handschrift. Besonders leidenschaftlich stritt der Historiker für den Erhalt der Straßennamen von Antifaschistinnen und Antifaschisten. Mit Herzblut kämpfte er gegen die Umbenennung des Dimitroff-Platzes. Mehr Erfolg hatte er, als mit seiner Unter­stützung im Jahr 1999 auf dem Südfriedhof ein Gedenkstein für Marinus van der Lubbe aufgestellt werden konnte.

Zu diesem Zeitpunkt war Dietmar bereits mehrere Jahre Vorsitzender der Leipziger PDS. Er hatte die Führung des Stadtverbandes im Herbst 1994 übernommen, als dieser sich im schweren Fahrwasser befand. Dietmar machte den Kahn rasch wieder flott. Leipzig wurde nunmehr auch eine gewichtige Stimme im Landesverband, was keinesfalls jedem in Dresden gefiel. Er war ein strenger und offenherziger Kritiker im eigenen Laden. Das wussten und wissen nicht alle zu schätzen, aber solche Stimmen sind in jeder Organisation unverzichtbar.

Zu den größten Erfolgen als Leipziger Stadtvorsitzender zählte der Kampf um das Liebknecht-Haus, das Anfang 1998 von der Partei bezogen werden konnte. Der Umzug in die Braustraße 15 war für Dietmar kein Selbstzweck. Der Geist des traditionsreichen Ortes sollte die künftige Parteiarbeit beflügeln. Gedenktage waren für ihn stets Vergewisserung der Traditionen der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung, die er pflegte und hoch hielt. Das jährliche Erinnern an Karl und Rosa vor dem Liebknecht-Haus war ihm bis zuletzt eine Herzensangelegenheit.

Das Liebknecht-Haus wurde unmittelbar mit dem Einzug funktional auf die neuen politischen Herausforderungen eingestellt. Von hier aus wurde im Winter 1998 sowohl der OBM-Wahlkampf für unseren Kandidaten Lothar Tippach als auch einige Monate später der Bundestagswahlkampf gesteuert, der einen bemerkenswerten Erfolg für Leipzig bereit hielt: im Herbst zogen insgesamt drei Kandidierende aus unserer Stadt (Barbara Höll, Heidemarie Lüth und Täve Schur) in den Bundestag ein; bei einer Fraktionsstärke von insgesamt 36 Abgeordneten stammte damals jeder 12. Bundestagsabgeordnete der PDS-Fraktion aus der Messestadt. Tempi passati.

Innerparteilich hatte sich Dietmar als Stadtvorsitzender und Kommunalpolitiker in Leipzig und in Sachsen in den 90er Jahren viel Respekt und Anerkennung erworben. 1999 erhielt er einen aussichtsreichen Listenplatz und zog in den sächsischen Landtag ein. Jetzt begann auf der Landesebene eine bemerkenswerte, 15 Jahre währende parlamentarische Laufbahn als Sozialpolitiker. Der promovierte Historiker hatte sein Ohr und sein Herz stets nah bei den Menschen. Er stritt glaubwürdig vor allem für die Interessen derjenigen, die es in dieser Gesellschaft schwer haben. Auf diese Weise gelang es ihm, 2004 und 2009 das Direktmandat für den Sächsischen Landtag zu erringen. Dietmar Pellmann war über fünfzehn Jahre das sozialpolitische Gesicht unserer Landtagsfraktion und hat deren Kurs entscheidend mitgeprägt. Er hat seine Überzeugungen stets offenherzig und geradlinig vertreten und die Fraktion mit seinem Sachverstand bereichert. Als streitbarer Intellektueller kämpfte er unermüdlich gegen soziale Ungerechtigkeit.

Hier können unmöglich alle Facetten seiner vielfältigen Leistungen als Sozialpolitiker dargestellt werden. Rasch erwarb er sich auf Grund seiner Fachkompetenz den für einen Linken ungewöhnlichen Ruf des „Sozialpabstes“. Diesen Nimbus verschaffte er sich nicht zuletzt durch seine aussagekräftigen Studien zu sozialen Lebenslagen in Sachsen, die ihren Weg als eigenständige Drucksachen sogar in große deutsche Bibliotheken gefunden haben.

Viel wurde über das Erfolgsgeheimnis von Dietmar gerätselt. Das wichtigste Element war neben seinem streng wissenschaftlichen Arbeitsstil ein enormer Fleiß. Dietmar war ein sehr disziplinierter Arbeiter. Sein Werktag begann zuverlässig früh um vier. Zunächst las er fast ein halbes dutzend von ihm abonnierter Tageszeitungen, parallel dazu verfolgte er aufmerksam die Radionachrichten. Es dürfte in Sachsen früh um sechs kaum einen Menschen gegeben haben, der umfassender politisch informiert war als Dietmar. Dieses Wissen teilte er ab 7 Uhr telefonisch gern mit politischen Weggefährten. Um 8 Uhr hatte dann Marcel Braumann als Pressesprecher der Landtagsfraktion bei Dienstantritt mindestens schon eine druckreife Pressemitteilung im Mailfach.

Dietmars Wirkung im Landtag war in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Er genoss über Parteigrenzen hinweg Respekt, auf der Regierungsbank wurde er darüber hinaus fast gefürchtet. Er vertrat seine Themen systematisch, mit wissenschaftlichem Anspruch und schlagfertig. Bei all dem verfügte er stets über einen klaren politischen Kompass: Die Lage derjenigen zu verbessern, die es in der kapitalistischen Gesellschaft besonders schwer haben.

Auf dieser Grundlage entwickelte sich auch ein ganz spezielles Verhältnis zwischen Dietmar und den Medien, das nicht unerwähnt bleiben darf. Von der „Journaille“ wie er die Pressevertreter gern bezeichnete, wurde er geradezu geliebt; nicht selten führte er individuelle Sozialberatungen für einzelne Journalisten durch. Seine bereits erwähnten Broschüren wurden als willkommene Abwechslung im oft drögen medialen Alltagsgeschäft stets begrüßt und entsprechend gewürdigt.

Dietmars Beliebtheit im Landtag erstreckte sich nicht nur auf die Landesmedien. Auch sein Standing bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Landtagsverwaltung war legendär. Das beruhte vor allem darauf, dass er ein begnadeter Kommunikationsraucher war. Seine Pausengespräche waren nie Pose, sondern bildeten für ihn eine wichtige Möglichkeit, das Ohr an der Masse zu behalten. Wäre der Landtag ein separater Wahlkreis gewesen, hätte Dietmar gewiss dort jeweils das Direktmandat gewonnen.

Dietmars Wirkmächtigkeit als Parlamentarier, als linker Volkstribun, beruhte auf seiner enormen Präsenz – körperlich, gestisch und stimmlich. Seine Ausstrahlung als Redner war beeindruckend. Wie schon so oft vorher im Leben verwandelte er auch im Plenarsaal seine Benachteiligung in eine Stärke. Stets nur mit wenigen Karteikarten ausgestattet, beherrschte er die freie Rede wie wenige; oft las er bloß ein Stichwort ab und extemporierte dann mit seiner Stentorstimme völlig losgelöst vom Papier. Zwischenrufer aus den Regierungsfraktionen, die er ja nicht sehen, sondern nur hören konnte, wurden gekonnt abgebügelt. Charmante Souveränität paarte sich dann mit Sprachwitz, insbesondre wenn es galt, vorlaute CDU-Abgeordnete gekonnt zu disziplinieren.

Dietmar entwickelte einen ganz eigenen Rednerstil, ja fast einen Pellmann-Sound. Wer ihn gehört hat, behält ihn im Ohr. Er liebe klare, einfache Kernaussagen, oft verpackt in „Hammersätzen“, wie er das selbst nannte. Rhetorischer Glitzer oder Dampfplauderei waren ihm ein Gräuel. Sein Hautziel bestand darin, Oppositionspolitik mit sprachlicher Durchschlagskraft zu versehen. Sein Credo „Das darf man denen nicht durchgehen lassen“ richtete er zunächst immer an sich selbst. Mit diesem Grundsatz wusste er sich an der Seite des bereits zitierten ostdeutschen Kabarettisten, dessen Motto lautete: „Ein Tag, an dem Du nicht auf die Regierung geschimpft hast, ist ein verlorener Tag.“

Dietmar legte als Redner zugleich Wert darauf, dass Politik auch unterhalten soll. Manche seiner Aussagen wurden legendär und gern in der fraktionseigenen Postille „Parlament von links“ nachgedruckt. Beim Blättern in alten Ausgaben wird man hier schnell fündig. Einer meiner Lieblingssätze fiel in der Debatte vom 6. April 2006: „Ich habe mein Wahl­kreisbüro in einem Ärztehaus in Leipzig und die Menschen kommen auch deshalb gern zu mir, weil ich der einzige Doktor im Hause bin, der keine Praxisgebühr kassiert.“

Das Ausscheiden aus dem Landtag 2014 traf Dietmar stärker, als er sich selbst und anderen gegenüber eingestehen wollte. Gern hätte er das dritte Mal hintereinander das Direktmandat in seinem Wahlkreis gewonnen, der durch die Ränkespiele der CDU bekanntlich nicht nur aus der linken Hochburg Grünau bestand. Dietmar holte zwar das beste Zweitstimmenergebnis aller linken Kandidaten, am Ende fehlten aber rund 500 Stimmen. Er brauchte lange, um sich von diesem Ergebnis zu erholen, zumal gesundheitliche Probleme begannen, sein Wohlbefinden zu beeinträchtigen. Diesen Herausforderungen stellte er sich zunächst mit dem von ihm gewohnten Kampfgeist; eine Herz-Kathederuntersuchung ertrug er vor zwei Jahren tapfer. Nachdem diesbezüglich Entwarnung kam, nahmen seine politischen Aktivitäten wieder deutlich zu.

Es war daher kein Zufall, dass Dietmar im Frühjahr 2015 mit dabei war, als der Liebknecht-Kreis Sachsen aus der Taufe gehoben wurde. Er wollte unbedingt sein Scherflein dazu beitragen, den weiteren Niedergang der sächsischen LINKEN zu stoppen. Fünf Beiträge von ihm in den bisher erschienenen sieben Heften des Liebknecht-Kreises zeugen davon und bilden jetzt gewissermaßen sein politisches Vermächtnis. Im März 2016 wurde er auch noch einmal in den Leipziger Stadtvorstand gewählt; hier setzte er vor allem mit seiner rentenpolitischen Kampagne inhaltliche Akzente.

Auf Landesebene blieb er nicht nur als Parteitagsdelegierter fast bis zum letzten Lebenstag präsent. Für seine Nachfolgerin im Landtag war er seit Herbst 2014 ein unverzichtbarer Rat- und Ideengeber gewesen. In der im Oktober 2015 erschienen Festschrift „25 Jahre Linksfraktion im Sächsischen Landtag“ gab Dietmar mit Blick auf Susanne Schaper zu Protokoll: „Der CDU in Dresden wird die Freude schon vergehen, dass der Pellmann endlich weg ist… Ich muss nur aufpassen, dass die gelernte Krankenschwester Susi mich nicht allzu oft auf meine Gesundheitswehwehchen anspricht.“ Leider scheiterte nicht nur Susi mit ihren Bemühungen, Dietmar für mehr Achtsamkeit gegenüber sich selbst zu gewinnen.

Der unerwartete Tod von Dietmar Pellmann ist ein großer persönlicher Verlust für seine Familie und für all diejenigen, die sich mit ihm im Kampf für eine bessere Welt verbunden fühlten. Der Verstorbene hinterlässt uns jedoch ein politisches Erbe mit gewichtigen Erkenntnissen und mannigfachen Anregungen. Seine Familie und wir, seine Freunde und Weggefährten, werden das Andenken an Dietmar bewahren und wach halten, indem wir in seinem Sinne weiterarbeiten.

Lieber Dietmar, wir verneigen uns in Achtung und Trauer vor Dir. Du wirst uns sehr fehlen.

Autonomie braucht Antiquiertheit

Autonomie, also das Leben für selbst gewählte Projekte, die mehr sind als eine Kopie des zurzeit Angesagten, bedarf der Antiquiertheit als Reservoir. Ob jemand seiner Zeit voraus ist, können erst die Nachfahren beurteilen, die wissen, ob sich die seinerzeitige Marotte als Mode verbreitet hat.

Der Jugendliche, der um seiner Art zu leben willen die sogenannten sozialen Medien meidet, sich aber bewusst regelmäßig mit den besten Freunden zum Stammtisch beim Bier trifft, verwirklicht das eigene Leben ebenso wie jemand, der für sein privates Biotop aufs Dorf zieht, obwohl das urbane Leben die zeitgenössische Normalität zu sein scheint wie das zeitaufwendige tagtägliche Verweilen in Facebook und Co.

Man bedarf des Rückgriffs aufs (scheinbar) Frühere, um im Hier und Jetzt sein Ding machen zu können. Nebenbei bemerkt waren gerade Persönlichkeiten, die rückwirkend betrachtet ihrer Zeit in gewisser Hinsicht voraus waren, andererseits von antiquierter Schrulligkeit.