Er hat es doch gemacht: Der neue Bischof Heinrich Timmerevers hat die katholischen Sorben bei der diesjährigen Pfingstmontag-Wallfahrtsmesse in Rosenthal auf Sorbisch begrüßt – nur zwei Wochen, nachdem er seinen Sprecher den sorbischen Blogger Piwarc, also mich, bescheiden ließ, warum er von solchen Sprechversuchen Abstand halte. Entgegen seiner Ankündigung, er sehe das Evangelium als Einheit mit seiner (deutschen) Predigt und wünsche es deshalb in deutscher Sprache, blieb das sorbische Evangelium unangetastet.

Stattdessen hielt er eine wirklich schöne Predigt, auch über die Bedeutung der sorbischen Sprache für den Zusammenhalt, und forderte die Gläubigen dazu auf, diese ihre Sprache zu pflegen. Die Antworten und Nicht-Antworten im Namen des Bischofs hatten heftigen Protest in allen Netzen ausgelöst, der ehemalige Direktor der sorbischen Mittelschule Ralbitz äußerte auf Facebook seine „ehrliche Meinung“, der neue Bischof werde nie ein Freund der Sorben werden.

Geradezu komisch war Bischof Heinrichs lobender Verweis auf die „äußeren Mächte“, denen die Sorben in ihrer Geschichte erfolgreich getrotzt hätten. Schließlich führt sich sein Bischöfliches Ordinariat mit den Planungen für eine Zwangsfusion der sorbisch-katholischen Kirchgemeinden gerade selbst als äußere Macht auf, von der sich die katholischen Sorben um des Überlebens willen zu emanzipieren haben.

Es ist erst am Sonnabend ein sorbischer Jungpriester in der Dresdner Hofkirche geweiht worden, der nächste steht in den Startlöchern, weitere könnten folgen. Man darf auch nicht vergessen, dass – siehe Pfarrer Dawidowski – auch künftig sorbophile Pfarrer polnischer Herkunft das Sorbenland bereichern können. Damit ist unter Berücksichtigung der derzeitigen Altersstruktur der örtlichen Geistlichkeit und des Faktums, dass es unter katholischen Priestern kein reguläres Ruhestandsalter gibt, rein personell die Eigenständigkeit aller sorbisch-katholischen Kirchengemeinden auf Jahrzehnte gesichert.

Wenn die Geistlichen nicht wie damals vor sieben Jahren Pfarrer Dawidowski vom Bischof – dem Vorvorgänger des derzeitigen – den Sorben für deutsche Gemeinden weggenommen werden, seinerzeit gegen den erbitterten Widerstand der Dorfjugend von Ostro, die Blogger Piwarc unterstützte. Dankenswerterweise durfte Dawidowski inzwischen zu uns zurückkehren. Der letztlich erfolgreiche Kampf lief übrigens komplett abseits innerkirchlicher Strukturen, schließlich ist die „katholische Kirche aus theologischen Gründen keine demokratische Organisation, da sich über himmlische Wahrheiten nicht demokratisch abstimmen lässt“.

Mit diesem Argument unterstützte ich bei der Bundesvorstandssitzung des Sorben-Dachverbandes Domowina vergangenen Freitag in Cottbus den Vorstoß von Damian Dyrlich, Vertreter der sorbischen Studierenden, im Rahmen der von ihm beantragten Aktuellen Debatte für ein Engagement der Domowina gegen die Demontage der sorbisch-katholischen Kirchgemeinden, da die geplante Fusion offensichtlich darauf angelegt sei, sorbischsprachige Geistliche von hier „abzuziehen“ (D. Dyrlich). Den Widerstand dagegen kann man eben nicht an Pfarrgemeinderäte delegieren, die auf den Pfarrer hören müssen, der wiederum vom Bischof abhängig ist.

Es ist rührend, dass sich der neue Bischof an der Pfingst-Prozession der Bautzener Gemeinde fußläufig beteiligt hat. Bewegt erzählte er auf der Wallfahrtswiese, er könne sich gar nicht mal erinnern, wann er zuletzt so etwas erlebt habe: so viele gläubige Menschen mit so vielen Kindern bei einer solchen Wallfahrt. Das stellt selbst seine niedersächsisch-westfälische katholische Volkskirchen-Provinz in den Schatten, in der er sein ganzes Leben verbracht hat.

Damit ist das aktuelle Dilemma beschrieben: Religiös-gefühlsmäßig dürfte Bischof Heinrich auch angesichts der ansonsten kirchlich ernüchternden Umstände in Sachsen vom sorbisch-katholischen Milieu geradezu trostreich ergriffen sein. Dummerweise kommt das Glück von Menschen, deren Vorfahren schon dem damaligen deutschnationalen Bischof Schreiber, der sich ihnen als „deutscher Mann“ vorstellte, schmerzhaft beibringen mussten – dass sie Slawen sind.

(Weshalb es in einer Weltkirche mit Zentrum in Rom, wo das Nationale Gottseidank nur eine nachgeordnete Rolle spielt, auch kein Tabu sein sollte, weiter darüber nachzudenken, ob die sorbisch-katholischen Gemeinden nicht organisatorisch besser in einem polnischen Bistum aufgehoben wären oder ein eigenes sorbisches Ordinariat bilden sollten, was kirchenrechtlich selbstverständlich möglich wäre. Sollten also die Diözesen Dresden-Meißen und Görlitz, in denen in der Vergangenheit im Zweifel das Schlesische gegenüber dem Slawischen überwog, ihr tief verwurzeltes Fremdeln mit den sorbischen Brüdern und Schwestern nicht gänzlich überwinden, Ausnahmen bestätigen die Regel, dann wäre es ein ehrenhafter Ausweg, sie freizugeben. )

Will ungeschützt heißen, dass die Brücke zwischen der plattdeutschen Provinz und den sorbischen Brückenbauern in die slawische Welt noch zu bauen ist. Wobei es ja Anknüpfungspunkte gäbe, schließlich ist Timmerevers‘ Anhänglichkeit an die Regionalsprache Platt eigentlich ein idealer Verständnisbeschleuniger für die Regionalsprache Sorbisch.

Seine Predigt hatte übrigens nach Meinung vieler Gläubigen einen markanten Schönheitsfehler: Mit keinem Wort ging er auf seine Fusionspläne ein. Deshalb muss der Lernprozess des Bischofs in punkto Sorben durch spürbaren Protest weiter aktiv gefördert werden. Wenn sich schon die sorbische Bundestagsabgeordnete der CDU, Maria Michalk, bei der Domowina-Bundesvorstandssitzung wünschte, dass der Bischof Wäschekörbe voll Protestbriefe von Gläubigen erhalte, dann wollen wir auch hier für alle, die mit dem Anliegen solidarisch sind, die Adresse verraten:

Bischof Heinrich Timmerevers

Bischofssekretariat

Schloßstraße 27, 01067 Dresden

bischof@bistum-dresden-meissen.de

Last but not least kann dem Bischöflichen Ordinariat nur empfohlen werden, irgendwann doch noch auch die zwei der sechs Fragen von Piwarc zu beantworten, auf die es bisher die Antwort schuldig bleibt – gemäß dem Grundsatz: Ohne Vergangenheit keine Zukunft bzw. ohne Aufarbeitung der ersten keine Gestaltung der zweiten:

5. Wäre es mit Blick auf fatale deutsch-nationale Traditionsstränge in der jüngeren Vergangenheit der katholischen Kirche auch unserer Region (siehe u.a. Martin Walde, „Wie man seine Sprache hassen lernt“, über Bischof Schreiber, der sich in Crostwitz ausdrücklich als „deutscher Mann“ vorstellte) und den Umstand, dass die sorbischen Gläubigen z.B. Kirchen wie in Storcha komplett selbst finanzieren mussten, nicht an der Zeit, auch als historische Wiedergutmachung, die Verwendung des Sorbischen zu verstärken, etwa durch eine sorbischsprachige Firmung und eine Empfehlung an deutsche Gläubige in sorbischen Gemeinden, sich stärker sprachlich zu integrieren?

6. Im Zusammenhang mit der damaligen Auseinandersetzung um die Versetzung des Pfarrers Dawidowski aus Ostro (der inzwischen erfreulicherweise in unsere Mitte zurückgekehrt ist) gab es in meinem Blog auch Diskussionsbeiträge zu kirchenrechtlich möglichen Modellen organisatorischer Unabhängigkeit der sorbischen Gemeinden von deutschen Diözesen bzw. zu einer ggf. wünschenswerten Verbindung der sorbisch-katholischen Gemeinden mit einem polnischen Bistum. Haben Sie angesichts der o.g. Erfahrungen für solche Überlegungen Verständnis?

2 Gedanken zu “Ein Bischof, der mit den Sorben fremdelt und sie zugleich liebt

  1. Ein Anschluss der Sorben an ein polnisches Bistum wäre fatal. Das Sorbische als Sprache, hat nur durch seine Isolation vom Tschechen und Polnischen überlebt. Sonst wäre es genauso assimiliert worden wie die übrigen slawischen Sprachen in Polen.
    Außerdem ist man doch heute Sorbe und Deutscher. Für mich ist das kein Widerspruch. Wenn ich Sätze wie die oben lese, fürchte ich viel eher um die Abkapselung von uns wenigen Sorben von den anderen Deutschen. Das wäre gefährlich.

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  2. Na ja, die katholischen Sorben würden ja unabhängig von der Zugehörigkeit zu welchem Bistum auch immer weiter in Deutschland leben, wo um sie herum nicht polnisch, sondern deutsch gesprochen wird. Wie viele sorbisch sprechende Sorben sich unbeschadet der deutschen Staatsangehörigkeit „auch als Deutsche“ fühlen, weiß ich nicht, das müsste erst erforscht werden. Ich kenne viele, die sich als Sorben ohne weiteren Zusatz definieren. Die meisten Deutschen um uns herum sind weder katholisch noch anders religiös, von denen kann man sich durch Bistumswechsel gar nicht abkapseln. By the way: Zu große Abhängigkeit ist immer ungesund, sollen doch die Bistümer was dafür tun müssen, dass die Sorben ihnen treu bleiben :-). – Besten Dank für den interessanten Kommentar!

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