Es ist eine etwas kindische Vorstellung, auch wenn sie zurzeit in der Politologie- und Kommunikations-Branche Hochkonjunktur hat: dass die Missstimmung in Sachsen vor allem das Ergebnis vernachlässigter Infrastruktur und mangelnder Gesprächsbereitschaft ist. In der Wochenend-SZ rief eine Politologin dann in diesem Zusammenhang die deutsche „Armutshauptstadt Leipzig“ ins Bewusstsein. Das klingt plausibel, ist es aber nicht, weil der viel erörterte „Rechtsruck“ in unserem Bundesland in eben jener Stadt bisher jedoch am wenigsten stattgefunden hat.

Viel wird über den Niedergang des Journalismus räsoniert, zu Unrecht unbeachtet ist die schon viel weiter fortgeschrittene substanzielle Selbstzerstörung der PR-Branche. Sie fällt bisher weniger auf, weil im Unterschied zu rasant fallenden Auflagen der Zeitungen aus Unverstand und schlechter Gewohnheit immer noch Unsummen in PR gebuttert werden. Je wirkungsloser, je mehr – plus Evaluierung der mangelnden Wirksamkeit. Eine der Blasen von Bullshit-Produktivität.

Dabei hat ja gerade die Bundestagswahl im Görlitzer Raum gezeigt, dass ein medien- und PR-mäßig Tag für Tag glänzend präsentierter Michael Kretschmer womöglich gerade deshalb gegen einen No Name den Wahlkreis verloren hat. Da sich Medien und PR-Spezis in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis bei der Erzeugung von „Aufregern“ befinden, fehlt der veröffentlichten Meinung weitgehend der kritische Blick auf die PR, im Gegenteil: der „Erfolg“ von Politikern wird von ihr vor allem daran gemessen, ob sie sich wie auf dem Laufsteg in einem Werbefilm bewegen, obwohl genau das Normalsterbliche peinlich finden.

Unlängst fragte ich einen in der Landwirtschaft tätigen Lausitzer, was er von den tollen Projekten in seiner Region und der Gesprächsoffensive des Ministerpräsidenten hält. Antwort I: Die tollen bunten Prospekte interessieren ihn nicht, solange er Probleme hat, den täglichen Kontakt zum Betrieb aufrechtzuerhalten, weil das Handy-Netz nicht funktioniert. Im Übrigen werde er mal kaum mehr Rente haben, als wenn er nie gearbeitet hätte. Das könne ja wohl nicht sein. Antwort II: „Ach, der ist doch Pumuckl.“ Also ein nettes, freundliches Kerlchen, aber nicht wirklich ernst zu nehmen.

Die Welt ist kein Videoclip, und Regieren ist nicht die Moderation einer Selbsthilfegruppe. Man fragt sich ja inzwischen, ob in Sachsen überhaupt noch jemand regiert. Der Ministerpräsident ist von frühmorgens bis nachts damit beschäftigt, seine „Politik zu erklären“, was im Umkehrschluss bedeutet, dass er gar keine Zeit hat, noch welche zu machen. Sein sozialdemokratischer Stellvertreter präsentiert sich in den „sozialen Netzen“ als Arbeits- und Verkehrsminister, der tageweise Kollege in Betrieben spielt, während uns auf den Autobahnen die anschwellende LKW-Lawine dem absoluten Kollaps näherbringt und man sich als Lausitzer jeden Morgen fragt, auf welchen stundenlangen Umwegen man wohl heute wieder seinen Arbeitsplatz in der Landeshauptstadt erreicht. Wer am Schreibtisch nichts erreicht, braucht auch nichts zu „verkaufen“. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen.

Seit Biedenkopf war die „Schau des Regierens“ nirgendwo so glamourös und in medialer Untertänigkeit mitzelebriert wie in Sachsen. Der Bedarf an Politik als Dauerwerbesendung hat sich nun erschöpft.

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