Ein scheinbar unauflösbarer Teufelskreis: Gerade hat sich die neue Generation mit dem Markenzeichen „Jugend“ in Organisation XY wundervoll eingearbeitet, da verschwindet sie wieder – Richtung Großstadt. Rückkehr ungewiss. Das war allerdings schon immer so. Neschwitz hat keine Universität. Es gibt eine Jugend, die bleibt, das sind die Handwerker und Händler: Sie machen sich ihre Jobs im kleinsten Dorf.

Nur in der Zeit des großen Gesellschaftsumbruchs in den neunziger Jahren war es ausnahmsweise vorübergehend anders, als jeder zweite keine Lehre fand und gen Westen zog. Doch selbst von denen kommen nicht wenige in Zeiten des Fachkräftemangels gerade wieder zurück in die Lausitz. Da sie ihren Partner/ihre Partnerin in der Regel früher kennenlernen als die akademische Jugend, sind oft beide Lausitzer Herkunft und von gleichem Heimweh getrieben.

Für diese Jugend sind Wanderjahre oder Montage ein mögliches Abenteuer auf Zeit, aber nicht der erstrebte Dauerzustand. Man möchte gerne die Welt bereisen, aber die gewöhnliche Freizeit gehört der örtlichen Fußballmannschaft, Freiwilligen Feuerwehr, dem Dorfklub oder schlicht dem Bier mit den Kumpels in der Abendsonne vor der Garage. Es wird ja gerade auch von den Hippen, Urbanen in den anonymen, vereinzelten Sphären der Metropolen die Notwendigkeit der Solidarität beschworen – für ihre „provinziellen“ Altersgenossen ist Zusammenhalt Geschäftsgrundlage des Alltags.

Abseits der Lokalseiten der Zeitungen, wo auch mal die Macher der Dorffeste und die Arbeiter auf der aktuellen Straßenbaustelle vorgestellt werden, kommt diese Jugend nicht vor. Weil sie nicht das ganz abgefahrene Projekt oder die ultimative neue Theorie vorzuweisen hat. Sie ist die große Leerstelle. Demographisch sowieso durch den Geburtenknick, der vor knapp 25 Jahren sein absolutes Tief erreichte. Aber auch politisch, gilt doch die Oberschule (Mittelschule) in vielen wissenschaftlichen Bildungs-Diskursen fast nur noch als Problemzone, obwohl sie doch das Rückgrat der regionalen Wirtschaft rekrutieren soll.

Das hat auch was mit einem verkorksten Begriff von „Elite“ zu tun, der uns auch im Sorbischen längst kontaminiert hat. Bei aller Wertschätzung der Wissenschaft: Die Fortentwicklung der sorbischen Sprache und Kultur wie überhaupt der sozialen Werte in der Lausitz hängt nicht in erster Linie davon ab, ob die Sorabistik in Leipzig oder die Slawistik in Dresden funktioniert, sondern ob die Verkäuferin im Dorfkonsum sorbisch spricht, der Tischler im Ort ist und mal eben vorbeikommen kann, und Land- und Fortwirtschaft von Leuten betrieben wird, die sich als tragender Bestandteil der lokalen Community verstehen.

Wer diese Jugend für sich gewinnt, dem gehört das (sogenannte flache oder ländliche oder scheinbar provinzielle) Land, wo die (schweigende) Mehrheit der Einwohnerschaft Sachsens wohnt. Ihr Selbstbewusstsein wächst, denn sie ist heiß begehrt. Wenn sie nicht mitspielen, steht uns mittelalterlichen „Babyboomern“ ein prekäres Alter bevor. Denn sie haben es in der Hand, wie die Gesellschaft in zwanzig Jahren aussehen wird. Es ist höchste Zeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die zurzeit inflationären Foren werden von dieser Jugend aus gutem Grund gemieden. Weil sie sehr praktisch, ja pragmatisch orientiert ist.

(Natürlich sind die Übergänge im Zeitalter der Fachhochschulen, Berufsakademien usw. fließend, es gibt auch die Friseurin mit Abitur. Aber umso unerbittlicher ist die unausgesprochene Grenzziehung zwischen „Praktikern“ und „Theoretikern“. Ihre Aufhebung wäre die wahre Bildungsrevolution, siehe Gregor Gysi: Facharbeiter für Rinderzucht und Diplom-Jurist.)

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