Seit der „vielbeachteten Rede“, die Sachsens Gleichstellungs- und Integrationsministerin Petra Köpping laut ihrer Pressestelle vor zwei Jahren in Leipzig gehalten hat, frage ich mich: Was will sie eigentlich? In der Hoffnung auf Antwort las ich jetzt ihr Buch „Integriert doch erst mal uns!“. Der Titel zitiert die Aussage eines „asylkritischen“ Ostdeutschen, der sich im Vergleich zu Geflüchteten vom Staat vernachlässigt sieht.

Ihr roter Faden ist der Kampf gegen „Kränkungen“, zum Beispiel durch Benachteiligung gegenüber vergleichbaren Berufsgruppen bei der Rente. Materiell ist der Effekt ihrer zweijährigen Kampagne gleich null, denn die Kann-Regelung der „Großen“ Koalition heißt eventuell Härtefallregelung für Menschen, die in Altersgrundsicherung gelandet sind – doch hier geht es nicht um absolute Armut, sondern relative Ungerechtigkeit. Das erstere wird erst zukünftig in Massen kommen, wenn das Drittel ostdeutscher Beschäftigter in Rente geht, das so wenig bekommen wird, als hätten sie nie gearbeitet.

Die Basis des Buches ist der Mythos, „niemand“ habe denen zugehört, die durch Treuhand-Entscheidungen Anfang der neunziger Jahre ihrer Arbeitsexistenz beraubt wurden bzw. gemessen an ihrer Qualifikation degradiert worden sind. Dass die PDS allein in Sachsen zwischen 1990 und 2004 von zehn auf 24 Prozent stieg, während die SPD chronisch niederging, legt auch Zeugnis von Zuhörerqualitäten ab. Ich selbst habe als Reporter des „Neuen Deutschland“ vor allem zwischen 1992 und 1994 ständig Menschen zugehört, deren Betrieb ins Aus geschickt wurde, ob Frauen in der Textilproduktion oder in der Weißenfelser Schuhfabrik „Banner des Friedens“. Oder den trotz wissenschaftlicher Reputation abgewickelten Professoren oder dem als „Satan in Weiß“ öffentlich beschimpften und später rehabilitiertem früheren Arzt des damaligen sächsischen Innenministers. Das ND hatte noch eine Viertelmillion Leser, Erwähnung bescherte Anteilnahme.

Frau Köpping, die beschreibt, warum sie im Frühsommer 1989 aus der SED ausgetreten ist (weil die nicht auf ihre Frage geantwortet habe, was jetzt in der Kita ihres Kindes passiert, nachdem einige Erzieherinnen gen Westen geflüchtet waren), ohne uns zu verraten, warum sie mal eingetreten war, zollt der Linkspartei zwar Respekt für ihr Eintreten gegen Unrecht im Osten. Aber zu politisch möchte sie es nicht haben – keine Enquete-Kommission Treuhand-Unrecht, das würde nur polarisieren. Keine Schuldzuweisungen, aber „Wahrheitskommissionen“. Die funktionierten in Südafrika, weil sie als Alternative zu gerichtlicher Aufarbeitung das öffentliche Bekenntnis anboten. Warum sollten dazu Ex-Manager bereit sein, die ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben und nicht belangt werden können?

Die Menschen, denen ich jahrelang zuhörte, waren im Durchschnitt Mitte vierzig. Sie sind jetzt die Generation 70+. Ihr Leben lässt sich nicht mehr rückwirkend integrieren. Im Übrigen muss Frau Köpping mal klären, ob die Differenzierung in Ost und West nun schlecht oder ob es gut ist, wenn jemand bewusst Ossi sein will. Denn beide Sichtweisen bedient sie in ihrem Buch, in dem ohnehin offenbar recht großzügig mit Textbausteinen und dabei auch mal mit widersprüchlichen Jahreszahlen gearbeitet wird. Man merkt, es musste schnell gehen. Das hat zumindest den Vorteil, dass sich das Buch schnell liest …

Das ganze garniert mit fast zweihundert Fußnoten, wobei zwei, drei passende Wissenschaftler so häufig zitiert werden, als seien sie fast schon Koautoren. Mit geradezu kindlicher Freude berichtet die Autorin, wie nun dank ihrer Vortragstätigkeit auch eine Gruppe bayerischer Rentner Kenntnis von vergangenen Vorgängen im fernen Osten genommen haben, die sich bisher – was kaum verwundert – außerhalb ihres Wahrnehmungsradius befunden haben.

Der „Tagesspiegel“ kürt die Ministerin in der Buchrezension zur „Seelsorgerin“. Gemessen an der Politik-Definition eines früheren sächsischen Spitzenpolitikers – Gesetze machen und Geld verteilen – handelt es sich um eher therapeutische Aufgaben. Will sie das? Sie will, dass die Leute mehr Geschichts-Werkstätten gründen. Sie zitiert wiederholt Martin Dulig, weil der gerade SPD-Ostbeauftragter ist. Sie könnte auch Rico Gebhardt zitieren, der schon ein paar Jahre zuvor im Erzgebirge feststellte, dass Menschen, die sich selbst in ihrer Heimat entwurzelt sehen, damit schwerer tun, andere mit offenen Armen aufzunehmen.

Das Buch soll, dazu bekennt sich die Autorin unverhohlen, ein Rezept anbieten, damit künftig nicht mehr 42 Prozent der Menschen in einem Ort AfD wählen, weil dort vor einem Vierteljahrhundert ein Großbetrieb unter dubiosen Umständen zerlegt wurde und viele Menschen um ihr berufliches Lebenswerk gebracht wurden. In meinem Wohnumfeld sind es 49 Prozent – ohne einen vergleichbaren „Grund“. Was ist, wenn diese Form des „Verstehens“ den vermeintlichen Grund zur Legitimation verfestigt?

Die praktische Beseitigung einiger Unrechtstatbestände wäre unabhängig von solch therapeutischen Bemühungen möglich – wenn auch die SPD im Bundestag aufhören würde, entsprechende Anträge der LINKEN abzulehnen, siehe Rente der Bergleute in der Braunkohleveredelung.

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