Beim Infoabend der Initiative für ein sorbisches Parlament am Montagabend in der heimlichen Hauptstadt des Obersorbischen, in Crostwitz, konnte man laut Aussage im sorbischen Rundfunk des MDR die Interessenten aus der ortsansässigen Bevölkerung an fünf Fingern abzählen.

In der Region, wo alle Generationen im Alltag sorbisch miteinander reden und über 90 Prozent aller in Sachsen sorbisch sprechenden Menschen zu Hause sind, hat man mit Befremden zur Kenntnis genommen, dass an vorderster Front Leute mit dem „serbski sejm“ das Sorbische retten wollen, die mit ihren Kindern lieber deutsch gesprochen haben. So berichtet es auch die Sorbische Zeitung über besagte Veranstaltung.

Sieben Jahre hat die Initiativgruppe vergeblich versucht, das sorbische Volk zu einem eigenen Parlament zu überreden. Nachdem sie damit gescheitert ist, sucht sie sich nun ein anderes Volk aus denen, die sich irgendwo auf der Welt irgendwie mit den Sorben verbunden fühlen, egal ob sie sorbisch können oder verstehen. Diese Menschen sollen künftig das politische Schicksal des sorbischen Volkes bestimmen, egal ob es will oder nicht.

Denn das eigentliche sorbische Volk sei leider nicht auf der Höhe der Zeit. Stimmt 😉, es hat nur halb so oft AfD gewählt wie die deutschen Nachbarn, hat doppelt so viele Kinder – und spricht mit denen auch noch ohne staatliche Anleitung in der Muttersprache. Und auf der Straße grüßt man nicht „Hallo“, sondern „Budź chwaleny Jězus Chryst“ (Gelobt sei Jesus Christus).

Die sorbische Zivilgesellschaft, deren freiwillig und basisdemokratisch gebildeter, überparteilicher und überkonfessioneller Dachverband seit 106 Jahren die Domowina ist, hat schon zahlreiche politische Systeme überlebt. Das sorbische Volk gibt es seit anderthalbtausend Jahren. Deshalb muss auch die Domowina nicht das letzte Wort in der Geschichte sorbischer Selbstorganisation und Selbstvertretung sein.

Aber dieser „sejm“, der ohne jede Rechts- und Finanzgrundlage als Phantasiegebilde in die Welt gesetzt werden soll, kann nur einen Effekt haben: bestehende Vertretung sorbischer Interessen schwächen, ohne etwas funktionierendes Neues zu schaffen. Deshalb ist jede Stimme für den Sejm eine Stimme gegen die souveräne Selbstbestimmung der großen Mehrheit der Menschen, die zurzeit das Sorbische tragen.

Natürlich steht es jedem frei, vom großen Knall der Revolution durch einen „Sejm“ zu träumen, der schlagartig alle Fragen beantworten wird, auf die die Initiative keine Antwort zu geben vermag. Und das sind fast alle Fragen. Zudem beweist dies nur, dass es ein Parlament ohne Volk ist – denn in den sorbischen Dörfern pflegt man Prozessionen, aber nicht Revolutionen 😎.

Auch aus tiefer historischer Weisheit: Alle slawischen Völker auf dem Gebiet des heutigen Ost- und Norddeutschland, die sich den Nachbarn entwinden wollten, sind leider schon vor tausend Jahren untergegangen. Die aktuellen Sejm-Anknüfungspunkte sind ebenso völlig unpassend für die Lausitz: Die Samen definieren sich genealogisch, deshalb kann man wissen, wie viele es sind, und haben die Rentiere als Identitätsstütze. Das Sorbische reproduziert sich durch Sprache und Kultur, die „sorbische Erde“ spielt nur eine mittelbare Rolle.

Als Vorsitzender des Bildungsausschusses und Mitglied des Präsidiums der Domowina habe ich auch meine strukturellen Unzufriedenheiten. Ich habe allerdings gelernt, dass die Stärkung der Einzelnen im Bauen sorbischer Sprachräume, gerade auch an den Schulen, uns weiter bringt als die x-te Strukturdebatte.

Der Sinn und Zweck der sorbischen Community ist ja nicht, dass wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen. Sondern das gemeinsame bessere Leben. Selbstverständlich bin ich bereit, weitere sieben mal sieben Jahre über den Sejm zu diskutieren. Ich habe mich dabei in der Vergangenheit auch persönlich eingebracht. Gleichwohl halte ich Vergeudung von Lebenszeit nicht für eine prickelnde Vision 😊.

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