Wir Pressesprecher stehen ja im Verruf, die Langeweile in die politische Berichterstattung zu bringen. Weil wir die Medien um die schärfsten Zitate bringen, die wir unseren Chefs ausgeredet haben. Die Wirklichkeit ist komplexer (weil die Beziehung Sprecher/Chef wechselseitig, wenn nicht gar symbiotisch ist), aber ein Körnchen Wahrheit liegt natürlich auch in dieser Legende.

Nun haben wir in Sachsen gleich zwei Spitzenpolitiker der stärksten Partei, denen auch die besten Pressesprecher der Welt nicht mehr helfen können. Denn die beiden haben sich für die Existenz als freies Radikal entschieden. Oder mit den Worten der Mythologie: Sie folgen den postmodernen Predigern der bedingungslosen angeblichen Authentizität. Und schreiben bzw. reden, was in ihnen ist.

Das scheint nicht falsch sein zu können, macht es nicht der vermeintlich mächtigste Mann der Welt auch so. Trump und Twitter – da passt keine Pressestelle dazwischen. Es steht ja sowieso kurz darauf in jeder Zeitung, was der Herr getweetet hat. Also macht es der neue #SachsenTrump Kreeetschmer auch. Und fakte die News, am #dd1608 seien die Einzigen, die sich „seriös“ verhalten, die Polizisten gewesen.

Damit hat er den Hype mit dem bitterbösen Hashtag #Pegizei selbst befeuert, denn wenn ein Minister(!)präsident(!!) die dreiviertelstündige Behinderung der Arbeit eines Fernsehteams bei einer Pegida-Demo vorm Landtag derart realitätsentrückt in die Tonne der Nichtbeachtung zu treten versucht, provoziert er logischerweise den polemischen Kampf um die Respektierung der Fakten. Der kann nicht mehr ausgewogen sein, nachdem Sachsens Freistaats-Chef jegliches Gleichgewicht zertrümmert hat.

Nun könnte man ja sagen: Herrgott, der arme Mann hat halt im Eifer des Gefechts mal daneben gegriffen. So wie womöglich diese gelernte Blockflöte Kupfer an der Spitze der CDU-Fraktion, die den plötzlichen schrillen Ton als Markenzeichen trägt. Dieser Kupfer sprach schon unter Tillich, als der sich zum vernachlässigten Kampf gegen Rechtsextremismus in Sachsen bekannt hatte, anschließend im Landtag lieber über Muslime und Schweinefleisch. Und jetzt, da das öffentlich-rechtliche Fernsehen über die polizeiliche Außerkraftsetzung der Pressefreiheit berichtete, stellte er bei Facebook das Gebührenzahlen in Frage. #SachsenOrbán eben, schließlich huldigte er dem Ungarn-Boss schon öffentlich.

Tatsache aber ist: Die beiden sind so. Der besagte Tweet ist typisch Kretschmer, so kommuniziert er bei jedem Bürgergespräch: Irgendwie das von sich geben, was eine gemutmaßte Mehrheit empfindet. Das ist übrigens der Kulturbruch gegenüber dem bisherigen System, dem die klassischen Pressesprecher dienen: Da geht es darum, für die eigenen Argumente eine Mehrheit zu gewinnen, also zu überzeugen.

Auch der #SachsenOrbán tickt so wie #SachsenTrump und sagte schlicht, dass die Sachsen „skeptisch vor dem Fremden“ seien. „Das ist aber auch ihr gutes Recht.“ So sprach er im Parlament, und so steht es seit Herbst 2016 auch in einer Pressemitteilung der CDU-Fraktion in anderem Zusammenhang: https://www.cdu-fraktion-sachsen.de/aktuell/pressemitteilungen/meldung/kupfer-sachsen-sind-konservativ-das-ist-ihr-gutes-recht.html.

Mal davon abgesehen, dass „skeptisch vor“ grammatikalisch gewöhnungsbedürftig und die von Kupfer beschworene riskante „Flüchtlingswelle“ in der sächsischen Provinz schwer wahrnehmbar ist, bleibt festzustellen: #SachsenTrump und #SachsenOrbán eint mit den AfD-Stammtischen die Parole: „Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen.“ Das Ergebnis ist leider ein „gefährliches Klima“ (Süddeutsche Zeitung) https://www.sueddeutsche.de/medien/pressefreiheit-kretschmers-verhalten-foerdert-ein-gefaehrliches-klima-1.4100264: „Medienvertreter werden in Sachsen überdurchschnittlich oft Opfer politisch motivierter Attacken.“

Pressesprecher in der Politik, die im Regelfall vor ihrem derzeitigen Job als Journalisten gearbeitet haben, pflegen natürlich (meistens) kein Klima, das den Berichterstattern das Leben erschwert. Schließlich sehen sie sich in einer Art symbiotischer Beziehung mit den Medien. Die freien Radikale unter den Politikern, die sich vom Pressesprecherwesen befreit haben, sprengen den Rahmen der moderierten und daher moderateren Kommunikation, in der die kalkulierte Provokation ein Stilmittel, aber kein Holzhammer ist.

Das macht das Ganze scheinbar spannender. Aber eben auch gefährlich.

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