Sommerfest der Dresdner Neuesten Nachrichten auf Schloss Albrechtsberg: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) darf nach dem Chefredakteur auch noch was sagen. Und so erfahren wir, dass die Staatsregierung ein 1,7 Milliarden Euro teures Bildungspaket geschnürt habe, damit die Menschen auch morgen noch Zeitung lesen können. Der Zusammenhang ist selbstverständlich völlig sinnfrei, denn die Krise des gedruckten Wortes hat mit vielem zu tun, aber definitiv nichts mit dem Problem der sächsischen CDU, durch ein aberwitzig teures Verbeamtungsprogramm den Personalnotstand zu lindern, der unmittelbare Folge der amtlichen Vertreibung junger Lehrkräfte aus Sachsen ist, die man nicht zu brauchen meinte.

Lesen und schreiben konnte meine Oma perfekt, die acht Jahre in eine Dorf-Volksschule ging, in der alle Jahrgänge unter Obhut eines Lehrers in einem Raum hockten. Zeitung gelesen hat sie bis ans Lebensende mit 93. Ihre handgeschriebenen Briefe hatten Hand und Fuß. Das unterscheidet sie von den Sommerfest-Reden und „Sachsen-Gesprächen“ von Herrn Kretschmer, die ihren Ausgang in ein paar Notizen auf einem zusammengefalteten Zettel nehmen und dann gesellig-nett dorthin fliegen, wo der Ministerpräsident als Redner und Gesprächspartner die Herzen der Leute um sich herum vermutet.

Da sich der mediale Mainstream mit der Staatskanzlei darin einig ist, dass Reden alles und Fakten nichts sind, kann Herr Kretschmer dann auf die Frage der „Sächsischen Zeitung“, ob er, der Seehofer-Unterstützer, wieder Schlagbäume wolle, etwas davon dahinreden, die Bundespolizisten wollten endlich wieder eingreifen. Dass sie das ständig tun und seit Jahresbeginn tausend Grenzübertritte unterbunden haben, wie in der „Leipziger Volkszeitung“ nachzulesen war, spielt im Interview ebenso keine Rolle wie der Umstand, dass das Grenzendichtmachen ja beantwortet würde (Tschechien hat das schon angekündigt, und Polen führte erst unlängst Grenzkontrollen mit nachhaltigem Stau-Effekt durch) und dann die LKW von Görlitz bis Bautzen stünden.

Deshalb verlangte Linksfraktionschef Rico Gebhardt – in der Grenzen-Frage einig mit dem nordrhein-westfälischen CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet – eine Erklärung Kretschmers vor dem Landtag über die Folgen seiner Position im „Grenzen-Streit“ für das ehemalige Grenzland Sachsen. Ob das Zeitungsleute wie den oben genannten Chefredakteur interessiert, der in seiner Vorrede vor dem Ministerpräsidenten als Folge der jüngsten Umfrage nach der nächsten Landtagswahl eine Alternative von AfD-tolerierter CDU und einem CDU-Bündnis mit SPD, FDP und GRÜNEN sah, aber die gerade demoskopisch bestärkte Oppositionsführerin DIE LINKE nicht zu erwähnen vermochte, sei dahingestellt. Und wird infolge gesunkener Auflagen immer weniger relevant.

Das größte orakelpolitische Kunststück vollbrachte aber DIE ZEIT in ihrer Sachsen-Filiale: Zunächst jubelte sie die ostdeutsche Sozialdemokratie nebst dem sächsischen Vize-Ministerpräsidenten Martin Dulig als etwas unglaublich Innovatives hoch. Dann huldigte sie Kretschmer und verdrosch DIE LINKE, ohne mit deren Spitzenpersonal hier je die Kommunikation gesucht zu haben, weil sie Kretschmer (der auf einer CDU-Funktionärs-Konferenz im letzten Herbst bekanntlich das „Original der AfD“ zu sein wünschte) des Rechtskurses bezichtigte. Und nun, diese Woche, ist laut ZEIT, die SPD bei uns nur eine „Randpartei“ und das Vernünftigste wäre eine Koalition von CDU und LINKE. Was sich umso leichter schreibt, wenn man vorherige Nachfragen dazu bei den Verantwortlichen dieser Parteien vermeidet.

Noch Fragen? Eine Woche zuvor verkündete ein anderer ZEIT-Autor auf einer Doppelseite die Implosion der politischen „Mitte“, weil ihre opportunistischen Antworten von der Radikalität der Probleme – von der sozialen Spaltung bis zum Insektensterben – verschlungen würden. – Dafür steht beispielhaft Kretschmer. Das Spezielle der vermeintlichen „Mitte“ in Sachsen aber ist, dass sie sich danach sehnt, wenn sie denn schon untergehen muss, bitteschön von rechts beerbt zu werden, aber auf keinen Fall von links.

Am Ende aber siegt im Regelfall das Paradoxe. Der erste Außenminister einer ursprünglich pazifistischen Partei führte Deutschland vor knapp zwei Jahrzehnten auf dem Balkan in die erste Kriegsbeteiligung nach Ende des zweiten Weltkriegs – und am Ende werden es die laut aktueller ZEIT-Schreibtisch-Diagnose „politisch krawalliger denn je“ ausgerichteten Sachsen ganz anders kommen lassen, als sich das die rechts blinkenden Mittigen gerade fantasieren.

Das Beste ist und bleibt souveräne (Selbst-)Ironie: Als ein Wolkenbruch die Gäste des Sommerfestes vom Garten ins Schloss trieb, ließ Chefredakteur Dirk Birgel launig das Wetter von der „Sächsischen Zeitung“ präsentieren, während er den Sonnenschein am Ende des offiziellen Teils den „DNN“ zurechnete. Danke für den Abend! Ich traf gute Kollegen anderer Parteien und „unsere“ Katja Kipping. Und mein Schüler-Praktikant aus der sorbischen Lausitz hatte so eine schöne Abschiedsfete zum Abschluss seines zweiwöchigen Praktikums. Ihm gebührt die letzte Frage hier, die er beim Verlassen des Schlosses mit Blick auf Limousinen und Chauffeure stellte: „Und die armen Fahrer, müssen die immer stundenlang rum sitzen und warten?“

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