Der gemeine Ostler – das meint auch der designierte Ostbeauftragte der SPD, Sachsens Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Martin Dulig, ist staatshörig und demokratieunerfahren. Für die erste Behauptung vergleicht Dulig die Mentalität seiner Landsleute mit einem Pizzadienst: „Ich bestelle – ihr liefert, und wenn ihr das nicht macht, seid ihr Volksverräter.“ Die zweite „belegt“ er damit, dass die Leute in der DDR keine Demokratie hatten und danach die – in Sachsen dominierende – CDU zu wenig für demokratisches Bewusstsein getan habe.

Die Pointe besteht nun darin, dass oft genug die, die wie Dulig „den Osten“ vorm Unverständnis“ und den „Vorurteilen“ des Westens in Schutz nehmen wollen, damit selbst gewissermaßen als innerdeutsche Verhandlungsgrundlage Vorurteile liefern. Dass der durchschnittliche Lausitzer staatsgläubiger ist als zum Beispiel der gewöhnliche Westfale, halte ich – auch aus Erfahrung – für ein unbewiesenes Gerücht. Tatsächlich verhält es sich eher umgekehrt:

Wer die vergangene Mangelwirtschaft der DDR erlebt oder von Eltern bzw. Großeltern erzählt bekommen hat, die ja einherging mit einem umfassenden sozialökonomischen Versorgungs- und Regelanspruch des realexistierenden Sozialismus, hat schon das Bewusstsein in seinen Gesellschafts-Genen: Der Staat hält eh nicht das, was er verspricht, und man kann sich im Zweifel eher auf den Nachbarn als aufs Amt verlassen.

Nach der Wende kam ein neues System, unter dessen Zeichen erstmal durch Treuhandpolitik Massenarbeitslosigkeit produziert wird – und damit die Botschaft: Sucht Zuflucht bei der Wirtschaft selbst – der Staat lässt euch fallen (wenn man nicht gerade darauf erpicht ist, sich in Abhängigkeit der monatlichen Überweisungen vom Amt zu begeben, einschließlich der damit einhergehenden Kontrollen des Privatlebens). Daraus erklärt sich ja auch die schier unglaubliche Loyalität gegenüber teilweise spartanisch zahlenden klein- und mittelständischen Unternehmen, deren Eigenkapital-Substanz so gering ist, dass die Beschäftigten sich noch nicht mal ausgebeutet fühlen.

Und von der Demokratie haben die Lausitzer und andere im Osten in zwei Systemen so viel mitbekommen, dass am Ende die Wirtschaft über Mangel oder Überfluss entscheidet, und darüber, wo wer an was teilhat. Die Bedeutung großer Werke oder Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften war für das soziale Leben in der Umgebung genauso prägend wie heute Großbetriebe oder auch das florierende Handwerksunternehmen im Dorf. Dementsprechend unterentwickelt sich die Bereitschaft in der Bevölkerung, Lebenszeit in öffentliche Kommunikationsprozesse zu investieren, die aus ihrer Sicht mit den Grundfesten des eigenen und gemeinsamen Leben nicht übermäßig viel zu tun zu haben scheinen. Insofern ist das Verhalten, ob es einem nun gefällt oder nicht: rational.

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