„Dialog“ ist das Größte, was zwischen Menschen möglich ist. Was heute unter dieser Marke durch die Öffentlichkeit segelt, ist im Allgemeinen wohltemperiertes, Empathie suggerierendes Miteinander-über-irgendwie-alles-Sprechen. Da wir immer mehr tatsächliche und vermeintliche „Kommunikationsexperten“ haben, übersteigt das potenzielle Angebot sowieso die Nachfrage. Also muss auf alle Teile der Bevölkerung beständig mit Werbemitteln eingewirkt werden, dass sie sich doch bitte bei jeder Gelegenheit in den Dialog begeben möchte.

Das klappt nicht, also gibt es unendlich viele kluge Beiträge dieser Experten darüber, warum es nicht klappt und wie man es irgendwie anders machen müsste, wofür sie natürlich gleich ein paar tolle grundsätzliche Tipps haben. Der Witz ist aber, dass das Scheitern nicht in den unzulänglichen Kommunikationsmitteln begründet liegt, sondern darin, dass der „Dialog“ im Regelfall nur vorgetäuscht ist.

Deklinieren wir das mal kurz zwecks Anschauung beim gefühlten Thema Nummer 1 durch, was den Auslöser für derzeitige tektonische Verschiebungen im politischen Spektrum angeht, also der sogenannten Flüchtlingsfrage.

Es hat sich so gefügt, dass ich innerhalb des politischen Repräsentationsgeflechts der Lausitzer Sorben neben einigen anderen Rollen auch die des (inoffiziellen) Refugees-welcome-Beauftragten bekommen habe. Einfach weil ich privat inzwischen ein paar Jahre praktische Integrationserfahrung mit Menschen aus Syrien in der Oberlausitz gesammelt habe und öffentlich das Thema immer angesprochen habe, wenn es notwendig erschien. Ich habe auch auf der diesjährigen Hauptversammlung der Domowina unmittelbar vor dem Wahlgang für den Bundesvorstand ein Referat über die Sorben und die Geflüchteten gehalten.

Meine „Kein Mensch ist illegal“ – Position und deren praktische Umsetzung ist in unseren Breiten alles andere als Mainstream, wahrscheinlich ist es eine absolute Minderheitsposition. Sie zu vertreten schadet mir aber nicht, sie hat weder das Verhältnis zu Nachbarn belastet noch mich daran gehindert, ein solides Stimmenergebnis bei der Vorstandswahl zu erzielen. Das liegt nicht daran, weil ich etwa so toll oder eben von Berufs wegen sowieso Kommunikationsprofi wäre. Sondern weil ich nicht in die Falle des „Alternativlosen“ gehe.

Derzeit stehen sich argumentativ hoch bewaffnet zwei Lager gegenüber: Diejenigen, die sagen: Grenzen zu, keine mehr rein, sonst geht unsere Kultur zugrunde. Und auf der anderen Seite diejenigen, die sagen: Europa lässt sich nicht abriegeln, Migration ist eine Realität, und das ist gut so. Auch wenn ich den Ansatz der zweiten Position sympathisch finde, hat ihre Logik das Handicap, mit der Gegenposition den Fatalismus zu teilen: Die Welt ist, wie sie ist, also müssen wir das so machen bzw. hinnehmen. Eine Alternative gibt es nicht.

In einer Demokratie wollen die Leute aber Alternativen sehen. Sie wollen das Gefühl haben, dass die Wettbewerber um Zustimmung aus innerer Überzeugung zu ihrer Position gekommen sind, nicht als gottergebene Einsicht in die Notwendigkeit. Wenn es nur darum ginge, braucht man keinen Parteienwettbewerb, dann lassen wir das Wählen sein und ein paar Experten mit feudalen Rechten unser Geschick lenken.

Meine Überzeugung ist, dass die Geflüchteten der Lausitz und dem sorbischen Volk gut tun. Wir haben die gemeinsame Chance, unsere Region mit neuen – auch menschlichen – Impulsen weiterzuentwickeln. Mit dem Ergebnis, dass es uns allen besser geht. (Man kann ja nun wirklich nicht behaupten, dass die allgemeine gesellschaftliche Stimmung in der Lausitz vor der letzten großen Fluchtbewegung aus Nahost, als man hier also noch „unter sich“ war, so toll gewesen ist).

Dieses großartige Gesellschafts-Projekt funktioniert aber nur unter Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung. Ich kann es nicht allein auf einer „Gutmenschen-Insel“ verwirklichen. Ohne die Masse derer, die sich in keine Richtung exponieren, sondern einfach nur ihr Leben leben wollen, geht es nicht. Deshalb brauche ich den Dialog mit ihnen. Das aber bedeutet, dass ich meine Position nicht als Bekehrungsoption anbiete, sondern als Perspektive des besseren Lebens.

Und so haben auch „meine“ Geflüchteten, die zwei Jahre bei uns gewohnt haben, schon viele tolle Impulse für ihr Leben bekommen – von Nachbarn und Kollegen. Das Beeinflussungsspiel funktioniert nur wechselseitig. Das ist dann tatsächlich – Dialog.

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