Das politische Erdbeben bei der Bundestagswahl hat in der Oberlausitz ein Macht-Vakuum hinterlassen. Das seit einem Vierteljahrhundert scheinbar unverrückbar verwurzelte Establishment wurde hinweggefegt. Zwei gesellschaftspolitische Nobodys besiegen den Präsidenten des Sächsischen Handwerkstags im einen und einen medial omnipräsenten Bundestagsvizefraktionschef im anderen Wahlkreis. Ostsachsen wird im Bundestag nicht mehr von der CDU vertreten, sondern von der AfD, die nunmehr mit (übrigens bei den Zweitstimmen noch viel größerem) Vorsprung stärkste Partei geworden ist.

Dieser Zusammenbruch des bisherigen ostsächsischen Repräsentanz-Systems – die CDU vertritt auf allen Ebenen, von stabiler großer Mehrheit legitimiert, die „Interessen der Region“ – hat unabsehbare Folgen. Gerade weil sich alle Experten einig sind, dass das signifikante Abweichen des sächsischen (in keinem anderen Bundesland wurde die AfD stärkste Partei) und erst recht des ostsächsischen Ergebnisses (mehrere Direktmandate der AfD, womit allein schon wegen der Größe der Wahlkreise kaum jemand gerechnet hat) vom Bundesdurchschnitt klare landespolitische Ursachen hat, glaubt niemand, dass der „blaue“ Spuk gewissermaßen bei den Landtagswahlen in knapp zwei Jahren automatisch vorbei sein wird.

Im Gegenteil: Kein einziger CDU-Landtagsabgeordneter aus der Lausitz ist mehr Favorit bei den kommenden Wahlen. Im Übrigen kennen die Demoskopen ja das Spiel: Was aus der Mode gerät, wird von einer Schweigespirale in die Bedeutungslosigkeit geschwiegen, was im Kommen ist, wird durchs Dauergespräch hochgepuscht. Damit könnte die Repräsentanz-Erosion bei der Landtagswahl mit Volldampf weitergehen. Diese Erwartung hat natürlich tiefgreifende Folgen für die gesamte öffentliche Verwaltung: Niemand kann sich mehr sicher sein, wer morgen sein Dienstherr ist bzw. welchen Einflüssen dieser und damit auch die Ausführenden ausgesetzt sein werden.

Die besondere Pointe besteht nun darin, dass die Macht aber auch nicht bei denen liegt, die die „sächsische Union“ vom Thron gestürzt haben. Denn das Gros der Zivilgesellschaft, also der Menschen, die durch ihr soziales und kulturelles Handeln das zivilisierte Zusammenleben tragen, will mit den neuen Repräsentanten, die zudem im Bundestag in Opposition sein werden, nichts zu tun haben. Weil sie außerhalb des bisherigen Grundkonsenses über handlungsleitende Grundwerte stehen. Der Bautzener AfD-Bundestagsabgeordnete Hilse hat ja mit seiner Polemik auf Facebook gegen eine Aufführung des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters auch gleich gezeigt, woher jetzt der Wind wehen soll.

Die Macht ist erst mal weg. Das heißt nicht Anarchie, es gibt geltende Gesetze und funktionierende Gerichte, und wer seinen Gebührenbescheid einfach nicht bezahlt, wird weiterhin Schwierigkeiten bekommen. Es ist Gott sei Dank nicht die Stunde der „Reichsbürger“. Aber es gibt zurzeit ein Vakuum. Sein Entstehungsmechanismus ist Jahrtausende alt und seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte erprobt. Menschen verhalten sich immer so, dass ihnen aus ihrem Verhalten nicht später ein Strick gedreht werden kann. Früher real, heute noch im Iran und derartigen Failed States üblich, ansonsten im übertragenen und noch wirkungsvolleren Sinne: Die nachhaltig effektivsten Mittel sind nämlich Anerkennung und Wohlstand.

In jedem administrativen Getriebe gibt es eine Leitkultur der Vermutungen, was die eigene Karriere befördert oder beschädigt. Sie lebt von Rahmenbedingungen. Mein Firmpate in Hamburg, so wurde mir erzählt, wählte CDU, trat aber in die SPD ein, weil ihm das bei einer großen Hamburger Wohnungsgesellschaft das berufliche Leben erleichterte. Die Illustrierte „stern“ erschien in jenen Jahren mit einem Titelaufmacher „Parteibuchstaat“ Hamburg. Man übersetze das in die bisherigen sächsischen Verhältnisse und ziehe seine Schlussfolgerungen.

Die Karten werden neu gemischt. Das betrifft alle. Die Parteien sowieso, die neue Wirklichkeit stellt ihnen Fragen, deren Beantwortung über ihr Überleben entscheidet, zum Beispiel: Muss nicht die klassische Polarität zwischen CDU und LINKE anders als bisher gelebt werden, wenn gerade eine Rechtsaußen-Partei an beiden vorbeigezogen sind? Entscheidet womöglich das Gelingen oder Nichtgelingen neuer demokratischer Kultur darüber, ob dem „blauen“ Spuk bis 2019 der Wind aus den Segeln genommen wird oder eben nicht?

Für das autochthone Volk in Ostsachsen, die Sorben, sind damit die bisherigen sprach- und bildungspolitischen Rahmenbedingungen außer Kraft gesetzt. Es bleiben Landesverfassung, Sorbengesetz und teilweise das Schulgesetz als Grundlagen, die vieles ermöglichen – viel mehr, als zurzeit praktisch möglich gemacht ist. Natürlich will das die AfD nicht. Es hindert uns aber nicht daran, nun die Ironie der Geschichte zu realisieren und das von den Rechten (indirekt) herbeigeführte Vakuum zu nutzen, um Klein und Groß, Jung und Alt die öffentlichen Sprachräume wiederherzustellen und zu erweitern, die einer selbstbewussten regionalen Kultur als Teil europäischer Vielfalt entsprechen.

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