Was die Polizeiliche Kriminalstatistik Sachsen nach Lesart des Innenministers sagt: Starker Zuwachs bei „Zuwanderern“. Da finden wir dann – auch ohne Lesehilfe – neben den vermehrten Körperverletzungen und Drogendelikten eine mehr als Verdoppelung der Sexualstraftaten. Das war absehbar, wenn man regelmäßig die Nachrichtenlage und die Antworten der Staatsregierung auf Abgeordnetenfragen beobachtet hat.

Nun habe ich noch nie etwas von gutmeinenden Filterblasen der Art gehalten, den Bösmenschen entgegenzuwerfen, dass sich letztlich alle Menschen irgendwie gleich verhalten, man müsse nur genau genug hingucken. Diese Herangehensweise ist genauso daneben wie Ethnifizierung von kriminellem Handeln. Der Mensch, das unterscheidet ihn ja gerade vom Tier, ist ein Kultur-Wesen, und natürlich erhöht oder senkt subjektive kulturelle Verwurzelung die Wahrscheinlichkeit von Verhaltensweisen, unbeschadet dessen, ob diese nun wo auch immer als kriminell definiert werden und ob das Individuum sich dann tatsächlich so verhält.

Dass selbst junge Männer (weltweit die Risikogruppe Nummer eins) aus Syrien im Regelfall mutmaßlich weniger kriminell sind als Einheimische (jedenfalls ist das bisher die Quintessenz aus statistisch erhobener und gefühlter Realität), hat etwas mit der Kultur zu tun. Hemdsärmelig unwissenschaftlich betrachtet können wir sagen, das ist wie mit den DDR-Kindern und Jugendlichen zur Wendezeit, die auch noch „lieber“ und pflegeleichter waren als das durchschnittliche „Westkind“.

Da wirkt noch die Einbettung in eine relativ geschlossene Ordnung nach, in der das Soziale störende Verhalten eindeutig geächtet und verbindlich sanktioniert ist. Zugleich sind die Betroffenen schon an gewisse „westliche“ Einflüsse gewohnt gewesen, bei direkter Konfrontation damit haut es sie nicht gleich um. Vor allem aber beherrschen sie die Tugend der Geduld und des Triebaufschubs, weil ihre Erfahrung ist: Man kann nicht immer alles gleich haben. Und das muss man auch nicht, man hat schließlich eine Gemeinschaft, in der man geborgen ist.

Das kann die Familie sein, war aber schon vor der Flucht bei den jungen Erwachsenen der Kreis der festen Kumpel, mit denen man nicht unterwegs ist, um Frauen zu überfallen, sondern um zusammen Shisha zu rauchen, Fußball zu spielen und reihum bis in die Nacht in den Wohnungen der andern bei Speis (und überwiegend alkoholfreiem) Trank zu lagern. Es ist verglichen mit der hiesigen Jugend ein weniger exzessives, man könnte auch sagen, einförmigeres oder langweiligeres Leben.

Ganz abgesehen davon, dass es sinnlos ist, unter dem Einfluss von Lagerkoller in Massenunterkünften begangene Straftaten mit denen in einen Topf zu werfen, die sich im normalen Wohnumfeld ereignen, ist es offenkundig verdummend, alle „Zuwanderer“ unter einer Kriminalitätszahl zu vereinigen. Die syrische Gesellschaft war bis zum Kriegsbeginn nicht „kaputt“; wer dagegen aus einer Gesellschaft kommt, in der schon seit langem der Wurm drin ist, bzw. sich möglicherweise schon dort das kriminelle Geschäftsmodell angewöhnt hat, dass er hierzulande nur fortsetzt, sollte nicht deren Reputation beschädigen dürfen, die mit all dem nichts zu tun haben.

Die Leipziger Internet-Zeitung analysiert die aktuelle Kriminalstatistik und die Interpretation des sächsischen Innenministers:

http://www.l-iz.de/politik/sachsen/2017/03/Sachsens-Innenminister-macht-mit-Polizeistatistik-Stimmung-gegen-Zuwanderer-173062

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