Was die Sejm-Debatte im Sorbenland und die EU-Krise in Europa verbindet, ist die Souveränitäts-Frage: Sind die Völker integraler Teil einer Bevölkerung, oder macht jedes separatistisch seins?

Die Fortschritts-Begriffe des 21. Jahrhunderts heißen Inklusion und Partizipation. Oder deutsch: Dazugehörigkeit und Teilhabe. Auf dieser Basis einer gemeinsamen Welt kann jedes Individuum und jede Gruppe seine Autonomien und Identitäten leben.

Beispiel im Kleinen: Als CDU-Kultusminister Rößler im Jahr 2001 den Tod auf Raten der sorbischen Mittelschule Crostwitz wegen drei fehlenden Schülern in Klasse 5 dekretierte, wäre die vernünftigste Antwort die Gründung einer freien sorbischen Schule gewesen, für die keine Zahlenbeschränkung gegolten hätten (Diesen Weg gingen in der Lausitz außerhalb des Sorbischen eine Reihe von Kommunen). Solche Bestrebungen gab es auch. Doch sie scheiterten am fehlenden Willen dazu in der sorbischen Community.

Stattdessen haben wir nun auf der einen Seite diejenigen, die sich in ständigen Verhandlungen mit der Kultusbürokratie aufreiben und begleitend vom Spielfeldrand her die Rufe nach einem eigenen Parlament. Wobei letztere durch die pubertäre Schizophrenie auffallen, einerseits vom Staat mehr Handeln zu fordern und ihn andererseits zur Abgabe der Handlungskompetenz zugunsten des imaginären Sejm zu drängen: Papa, mach endlich, aber hau ab!?

Beispiel im Großen: Die EU bringt uns die längste Friedensphase in der europäischen Geschichte. Sie verkörpert den Respekt vor Sprachvielfalt und kultureller Diversität. Ihre Rechtsprechung und ihre Verteilungsmechanismen sind auf größtmögliche Gleichheit der materiellen Rahmenbedingungen ausgerichtet. Die zugleich Grundlage möglichst spannungsfreier Freizügigkeit nicht nur von Waren, sondern gerade auch von Menschen ist. Man kann viel an der von den nationalen Regierungen gemeinsam vereinbarten und gemachten EU-Politik kritisieren, aber das Grundmodell ist zutiefst vernünftig und DIE Antwort auf jahrhundertelanges Blutvergießen im Namen irgendwelcher nationalen oder regionalen Identitäten.

Nun rollt die Gegenaufklärung. Ihre reaktionären Kampfbegriffe heißen als politische Geschäftsgrundlage Identität und Grenze. Die offen verfassungsfeindlichen Identitären sind nur die Spitze des Eisberges, der das Schiff der Aufklärung zum Crash bringen will. Frau Petry beschäftigt sich kritisch mit – 1964 von Deutschland freiwillig als ein Anreiz für dringend benötigte Arbeitsmigranten vereinbarten – Krankenversicherungsleistungen für in der Türkei lebende Angehörige, obwohl das zahlenmäßig inzwischen kaum noch eine Rolle spielt. Und noch ein Pseudo-Skandal: Kindergeld für polnische Beschäftigte in Deutschland kommt doch tatsächlich auch ihren Kindern zugute, wenn sie in Polen leben.

Kulturelle und sprachliche Autonomie war nie zuvor leichter möglich als heute. Mein sorbischer Blog hat Leser von Australien bis in die USA. Die sorbische Community hat ihre lokalen Büros in der Lausitz, zugleich ist sie ein kleiner, aber feiner Global Player.

Oder nehmen wir die kurdische Community. Vierzig Millionen Menschen mit vielen Varianten ihrer Muttersprache in zahlreichen Ländern. Ja, sie kämpfen zurecht um ihr Recht auf gleichberechtigte Partizipation, das ihnen nicht zuletzt von Erdoğan verwehrt wird. Aber was brächte es der Welt, wenn sie mit dem Ruf „Kurdistan zuerst“ die Grenzen von einem halben Dutzend Staaten zerlegen und neue ziehen würden? Mit Sicherheit nur eines: Viele Menschen, die eines unnatürlichen Todes sterben würden.

Salman sagte einmal beim Anblick unserer zweisprachigen Straßenschilder: „Wir Kurden im Rojava (Syrien) wollen es so haben wie die Sorben in der Lausitz.“ Unser Modell ist nicht separatistisch, sondern modern-europäisch. Voraussetzung des Friedens war die Übertragung von Souveränitäten weg von den nationalen Parlamenten – es gibt keinen vernünftigen Grund, das Souveränitätsthema von unten wieder aufzurollen und unser friedliches Stück Welt auf den Kopf zu stellen.

Kultivieren wir unsere sprachlichen, sozialen, sexuellen etc. Identitäten, aber nicht als quasi gottesstaatliche Geschäftsgrundlage – sowas muss schrecklich schiefgehen. Es wäre mit der Rückkehr von Hohepriestern, den herrschenden Exegeten der vermeintlich kollektiven Identität, verbunden – und dem Verderben für mutmaßliche Abweichler, und dieses Schicksal kann jeden von uns treffen.

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