Wer kennt das nicht: Man hat gerade mit seiner Autoversicherung die Zusage über den Schutz des neuen Gebrauchten vereinbart und bekommt freundlicherweise umgehend per Mail den Vertrag zugesandt. Ein Klick auf die Anlagedatei und dann auf die Druckfunktion. Fünf Minuten später hält man nach Abschluss des Druckvorgangs ein Buch in der Hand, verbunden mit der schriftlichen Aufforderung, das bitte gut aufzubewahren.

Habe Nihad bei der Abwicklung der Formalien seiner künftigen Bleibe in der sächsischen Landeshauptstadt geholfen. Ein-Raum-Wohnung, 26 Quadratmeter, der Mietvertrag ist gefühlt ein Pfund. Hinzu kommt ein Leitfaden für Mieter, damit man ja auch ja keine An-, Ummeldung und was weiß ich vergisst. Mit dem nun vom Wohnungsunternehmen unterschriebenen zurückgeschickten Mietvertrag traf noch ein mehrseitiges Faltblatt übers richtige Lüften ein. Nebst einer Liste von Zahlenkombinationen Zimmertemperatur / relative Luftfeuchtigkeit.

Wieder einmal verspüre ich tiefe Dankbarkeit, dass ich noch nie in meinem Leben selbst mit Arbeitsamt oder Jobcenter zu tun hatte. Allerdings fehlen mir daher Erfahrungen, die ich nunmehr zum dritten Mal beim Support für andere sammeln durfte. Da lernt man dann, dass die Bewilligung der Kosten der Unterkunft das eine, die Angemessenheitsbescheinigung das andere ist, und die Kostenübernahme für Umzug und Kaution erfolgt unabhängig von der Übernahme der Mietkosten. Und dass man bei jeder KdU-Sache (Kosten der Unterkunft) die Bescheide des Jobcenters in Kopie beizulegen hat, weil es – wahrscheinlich wegen des Datenschutzes, zu dem es ein extra Hinweisblatt gibt – offenbar nicht möglich ist, dass der Kollege, der für den Antrag wegen der Kaution zuständig ist, in seinem Computer Zugriff auf die erteilte Angemessenheitsbescheinigung hat.

Meiner besseren Hälfte wiederum bin ich zutiefst dankbar, dass sie all diese bei Berührung Migräne auslösenden Dokumente an einem sicheren Akten-Ort aufbewahrt. Meine Erfahrung ist übrigens, dass man das Kleingedruckte grundsätzlich nie braucht. Entweder zahlt die Versicherung, oder sie zahlt nicht. Im zweiten Fall kann man sich in einen endlosen Rechtsstreit verstricken oder die Beeinträchtigung der öffentlichen Reputation in Aussicht stellen (negative Mundpropaganda). Wer über solche uferlosen Schriftstücke den Streit vom Zaun bricht, verliert vor allem eines: Lebenszeit in Hülle und Fülle.

Dank Smartphone und Google Now, dieses smarten outgesourcten Alltagsbewältigungs-Gehirns, wird ja im mobilen Teil des Daseins schon ein Gutteil komplexer Entscheidungssituationen sortiert und vereinfacht – und der staufreie Weg zum günstigsten und angenehmsten Restaurant in Nähe des besten Kinoprogramms anempfohlen. Wahrscheinlich werden wir in Bälde die Verwaltung der Versicherungsverträge und die Festlegung der Intervalle des Öffnens des Wohnzimmerfensters auch in diese treuen Hände legen. Und uns allein aufs Philosophieren konzentrieren. Wie es die Vision von Marx und Engels wollte. Und nicht nur die.

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