„Ethnic Revival“ sei ein Trend, der in den sechziger Jahren seinen Ausgang genommen habe, las ich neulich in der wissenschaftlichen Arbeit einer jungen Sorbin, die sich wiederum auf einen tschechischen Professor beruft. Freund Google offenbart daraufhin sofort acht Millionen Fundstellen und viele – höchst ambivalente – Beispiele. Von neuem indigenem Selbstbewusstsein bis hin zu kriegerischem Separatismus.

Während wir in den siebziger und achtziger Jahren unsere Melting-Pot-Strategien (17 Millionen Treffer) für multikulturelle Metropolen entwickelten und mit Daniel Cohn-Bendit den ersten Dezernenten für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt am Main installierten, nahmen wir diese zweite große Strömung nicht zur Kenntnis. Sie verschaffte sich dann zeitversetzt verstörend dadurch Geltung, dass nicht wenige Leute in den Multikulti-Vierteln kein Bock auf „Melting Pot“ hatten und stattdessen die „Parallelgesellschaften“ ausprägten.

Als Gegenpol dazu wiederum formierte sich aus den Reihen der Autochthonen etwas Rechtes, was inzwischen so erfolgreich ist, dass es als populistisch kategorisiert wird. Nebst außerparlamentarischen Arm, der populär agiert und identitär heißt, weil es ja um Identität geht: Also werden die drei verschrotteten bayerischen, kopfstehenden Busse vor der Frauenkirche, die an Aleppo erinnern sollen, in einer Nacht- und Nebelaktion mit dem Banner „Eure Politik ist Schrott. Keine Interventionskriege, keine Waffenlieferungen = keine Migration“ versehen.

Wer die Vernunft jenseits von Gut und Böse pflegt und keine Lust auf Wiederkehr der Schwarz-Weiß-Muster im gesellschaftlichen Leben hat, weil die historisch über kurz oder lang immer zu Blutvergießen geführt haben, stellt nüchtern bis ernüchtert fest: Der Melting Pot ist in der Smartphone-Society des globalen Dorfes Realität, alles verschmilzt zu einem Strom bewegter Bilder, in dem nichts fehlt, von öffentlichem Sex bis zur Vollverschleierung. Das Ethnic Revival wiederum ist die natürliche Antwort auf den Siegeszug von McDonalds‘ und Hollywood: Wo die ganze Welt einheitlich frisst und fernsieht, wächst das Bedürfnis nach dem regionalen Eigenen.

Man kann das im Kleinen, am Sorbischen, in Langzeitbeobachtung sehen: Der Einzug der Moderne brachte mit der Industrie den Niedergang des Sorbischen: Das Deutsche bescherte den Fortschritt, also übernahmen viele seine Sprache. Nun aber, da das Deutsche unter die Räder des Englischen zu geraten scheint, chinesische Investoren hiesige Betriebe retten und die Deutsche Bank von britischen Managern unterschiedlicher Herkunft geführt wird, ist das Sorbische unter jungen Leuten wieder en vogue.

Wir werden alle Kosmopoliten und wollen zugleich ein klar bestimmbares Zuhause haben. Das muss kein Widerspruch sein. Insofern sind Melting Pot und Parallelgesellschaft Geschwister. Wer mit dieser Dialektik locker umgeht, weist auch den Einfluss der Verrückten in die Schranken. Und kann dann wie ich das Glas erheben – auf die sorbische Parallelgesellschaft.

Ein Gedanke zu “Melting Pot und Ethnic Revival

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